Donnerstag, 14.12.2017
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Die Zeitschriftenkritik: 'Merkur', Heft 11/2002

Aus dem posthum veröffentlichten "Geheimreport" des Dramatikers Carl Zuckmayer war kürzlich zu erfahren, welche zwiespältigen künstlerischen Charaktere dereinst das "Dritte Reich" bevölkerten: Neben dem Gros der "Indifferenten" und "Hilflosen" und den "aktiven Nazis" waren es vor allem die "gutgläubigen Mitläufer", die sich den ästhetischen Inszenierungen des Faschismus nicht entziehen konnten. "Die meisten Schauspieler", so urteilt Zuckmayer in diesem Zusammenhang, "neigen zu einer Art von Infantilismus, die ihnen auch die Vorgänge des realen Lebens...zur rasch wandelbaren Szene ...werden lässt."

Michael Braun

Eine ungute Reinkarnation dieses "Infantilismus" hat nun der streitbare Merkur-Herausgeber Karlheinz Bohrer bei einem prominenten Theatermann unserer Tage entdeckt. Ausgangspunkt von Bohrers bitterböser Polemik sind die larmoyanten Proteste deutscher Intellektueller gegen die Kriegsrhetorik des amerikanischen Präsidenten Bush. In diesen Friedens-Appellen erkennt Bohrer Anzeichen dafür, dass der "gute autistische Deutsche" aus den Tagen des Nationalsozialismus wiederkehrt.

Die Charaktereigenhaften dieses "guten Deutschen", seine Einfältigkeit und Unbedarftheit, seien - so Bohrer im aktuellen Novemberheft des "Merkur"- vor allem im Friedens-Gefuchtel des Regisseurs Claus Peymann wieder auferstanden. In seinen gläubig-moralisierenden Phrasen erinnere Peymann an eine legendäre Filmgestalt der NS-Zeit: der naive Regisseur sei der "Phänotyp des wiedererstandenen guten Deutschen, ein wenig der alt gewordene Hitlerjunge Quex". Das ist nun die schärfste Attacke, die sich denken lässt. Ausgerechnet Peymann, der wilde Regisseur, soll der Wiedergänger einer Gestalt sein, die als "Hitlerjunge Quex" zur Identifikationsfigur der faschistischen Bewegung reifte? Mit pathetischer Musik orchestriert, wird in diesem 1933 produzierten Propaganda-Film die heilsgläubige Bekehrung eines Jungen gezeigt, sein Hinübergleiten aus den Schrecken der alten Welt in die strahlende neue Ordnung des Nationalsozialismus.

Wenn Bohrer nun gegen Peymann als Quex-Reinkarnation eifert, dann will er wieder einmal den ihm so verhassten Pazifismus blamieren und das "Ethos" der Kriegs-Entschlossenheit rühmen. Aber die Assoziations-Brücke von Peymann zum Hitlerjungen Quex ist doch mehr als wacklig - in analytischem Kurzschlusse wird jedes Aufbegehren gegen Kriegs-Apologetik gleich unter Faschismus-Verdacht gestellt.

Im gleichen "Merkur"-Heft taucht der "gute Deutsche" noch einmal auf, diesmal aber in positiver Konnotation. Der liberale amerikanische Philosoph Richard Rorty preist hier Joschka Fischer als einen Helden der neuen Zeit, nämlich als den "großen charismatischen Internationalisten", der an der Spitze einer künftigen "Weltregierung" den Feldzug gegen globale Ungerechtigkeit anführen solle. Nicht der als "chauvinistisch" abgekanzelte George W. Bush, sondern ausgerechnet Fischer, der einstmals bekennende Pazifist, soll als "Führer des Westens" den reichen Demokratien die schreckliche Notwendigkeit vermitteln, dass sie "möglicherweise das Leben von Tausenden ihrer jungen Männer und Frauen ...opfern (müssen), um in gescheiterten Staaten irgendeine Art von Ordnung wiederherzustellen". Eine groteske Überschätzung des Politikers Fischer - und ein unfreiwilliger Beweis diagnostischer Schwäche. Denn kaum ein Land hat sich in dem derzeitigen Wettbewerb um die weltpolitische Definitionsmacht auffälliger weggeduckt als Fischers rotgrünes Deutschland.

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