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StartseiteThemen der WocheDie zertrümmerte Revolution17.08.2013

Die zertrümmerte Revolution

Ägypten am Abgrund

Nach dem Blutbad an den Anhängern des gestürzten Präsidenten Mursi steuert Ägypten auf eine neue Militärdiktatur zu. Die Ereignisse von Kairo werden sich auch auf die anderen arabischen Staaten auswirken, kommentiert Jan Kuhlmann.

Von Jan Kuhlmann, freier Publizist

Ägypten versinkt in Gewalt. (picture alliance / dpa / Mosa'ab Al Shamy)
Ägypten versinkt in Gewalt. (picture alliance / dpa / Mosa'ab Al Shamy)

Als im Frühjahr 2011 Tunesier und Ägypter mit Massenprotesten ihre Diktatoren stürzten, jubelten die Menschen: Es sah es so aus, als könnten sich jetzt Freiheit und Demokratie in der arabischen Welt ihren Weg bahnen. Doch schon damals zeichnete sich ab, dass der Wandel nicht von heute auf morgen erfolgen wird – sondern dass er sehr lange dauert. Jahrzehnte der Diktatur und Unterdrückung lassen sich nicht einfach wie Staub auf der Jacke abschütteln. Sie haben tiefe Spuren in den arabischen Gesellschaften hinterlassen.

Wie tief diese sind, hat Ägypten in dieser Woche leidvoll erfahren müssen. In alter autoritärer Tradition hat das herrschende Militär die Sicherheitskräfte auf die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi losgelassen. Nach dem Blutbad steuert Ägypten auf eine neue Militärdiktatur zu. Es zeigt sich allzu deutlich, dass der Aufstand gegen Hosni Mubarak vor zweieinhalb Jahren nur die vordersten Führungsreihen gestürzt hat. In den größten Teilen der Staatsinstitutionen herrschen noch immer die alten politischen Eliten.

So ernüchternd es klingt: Die jungen Ägypter, die erst gegen Mubarak und dann gegen Mursi auf die Straße gingen, haben dem Militär dafür den Weg geebnet. Politisch spielen sie seit dem Putsch Anfang Juli keine Rolle mehr. Im Kampf zwischen Armee und Islamisten bleibt ihnen nur die Rolle als machtloser Zuschauer. Eine einst respektierte Persönlichkeit wie der Friedensnobelpreisträger Mohammad El-Baradei entpuppt sich immer mehr als tragische Figur.

Die Ereignisse von Kairo werden sich auch auf die anderen arabischen Staaten auswirken. Die konservativen Monarchen in Saudi-Arabien dürften die Bilder aus Ägypten mit Genugtuung verfolgen. Die Muslimbrüder in der ägyptischen Regierung stellten für ihre Herrschaft eine Herausforderung dar – weil sie ein alternatives islamisches Staatsmodell anboten, das auch am Golf Anhänger hatte. Nun aber können sich die Regierenden in Riad wieder beruhigter in ihren Thron zurücklehnen. Auch ein Grund, warum sie die Militärs in Kairo mit Milliarden US-Dollar unterstützen.

Gestärkt wird sich auch der syrische Diktator Baschar al-Assad fühlen. Zu seiner Rhetorik gehört es sei jeher, vor den Gefahren einer islamistischen Regierung zu warnen. Seine Anhänger dürften sich durch die Ereignisse in Kairo bestätigt sehen. Für die syrische Opposition wird die Situation zugleich ungemein schwieriger. Ihr ist es über mehr als zwei Jahre nicht gelungen, in Syrien selbst, aber auch international vollständige Anerkennung zu finden. Das liegt vor allem daran, dass die syrischen Muslimbrüder als dominierende Kraft in den Reihen der Assad-Gegner gelten.

Auch an Tunesien wird die Entwicklung am Nil nicht spurlos vorbeigehen. Nach dem Vorbild Ägyptens ziehen auch dort immer wieder Zehntausende auf die Straße und fordern den Sturz der von Islamisten geführten Regierung. Der Druck auf die islamistische Ennahda-Partei wird zunehmen. Doch die Unterschiede zwischen beiden Ländern sind groß.

Ägyptens erster Demokratieversuch ist vor allem daran gescheitert, dass in allen politischen Lagern die Kompromisskultur schwach ausgeprägt ist. So war es unmöglich, einen gesamtgesellschaftlichen Konsens über die Zukunft des Landes zu finden. In Tunesien dagegen regiert eine Art großer Koalition aus Islamisten und linken, säkularen Parteien. Auch dort beäugen sich die großen politischen Lager misstrauisch – doch die Kluft ist nicht so groß wie am Nil. Zudem ist die Armee in Tunesien längst nicht so machtvoll wie in Ägypten. Nicht zuletzt arbeitet in Tunis noch immer eine frei gewählte verfassungsgebende Versammlung – in Ägypten war das Parlament schon vor Monaten aufgelöst worden. So spricht vieles dafür, dass Tunesien einen anderen Weg geht als Ägypten.

Könnten die Ereignisse in Kairo den Umbruch in der Region stoppen? Gibt es ein völliges Zurück zur alten Ordnung vor 2011? Die Antwort lautet: Nein. Hinter dem Aufstand vor zwei Jahren steckten tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft. Vor allem die jungen Menschen fühlten sich wirtschaftlich an den Rand gedrängt. Über das Internet vernetzt mit dem Rest der Welt entwickelten sie ein neues politisches Selbstbewusstsein – und forderten die alten Diktaturen heraus. Die Probleme von damals sind bis heute noch nicht einmal im Ansatz behoben. Im Gegenteil: Die wirtschaftliche Lage Ägyptens ist heute dramatischer denn je. Das neue politische Bewusstsein der jungen Generation aber bleibt. Kurzfristig könnte in Kairo wieder eine Militärdiktatur entstehen. Langfristig aber wird der Wandel weitergehen. Die jungen Menschen in Ländern wie Ägypten oder Tunesien werden sich von niemandem mehr dauerhaft den Mund verbieten lassen.

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