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"Die Zivilgesellschaft muss viel Druck aufbauen"

"U2"-Sänger Bono bezeichnet sich als Fan Angela Merkels

Moderation: Silvia Engels

Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßt Bono, Sänger der irischen Rockband U2, bei seinem Besuch im Bundeskanzleramt in Berlin.
Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßt Bono, Sänger der irischen Rockband U2, bei seinem Besuch im Bundeskanzleramt in Berlin. (AP)

Bono, Sänger der Gruppe "U2" und Afrika-Aktivist, hat das Engagement der deutschen Regierung und seiner Bevölkerung für die Milleniumsziele gelobt und gefordert, die Entwicklungshilfe weiter anzuheben. Bono stellte zudem ein 2007 beschlossenes Hilfsprogramm im Kampf gegen Aids, Malaria und Tuberkulose als beispielhaft heraus. In den kommenden drei Jahren könnten so drei bis vier Millionen Leben gerettet werden.

Engels: Paul David Hewson ist 47 Jahre alt und engagiert sich seit Jahren dafür, die finanzielle Hilfe für die Armutsbekämpfung in Afrika zu erhöhen. Dies würde die Regierungschefs der Welt wahrscheinlich einigermaßen kalt lassen, wäre Paul David Hewson nicht seit Jahrzehnten unter dem Namen Bono der Sänger der Rockband "U2" und damit einer der bekanntesten Musiker der Welt. Im vergangenen Jahr der deutschen G8-Präsidentschaft traf er Bundeskanzlerin Merkel. Gestern war er wieder in Deutschland, um im Bundestag für die Ziele seiner Hilfsorganisation Data zu werben. Vor der Sendung fragte ich ihn, ob sein früherer Enthusiasmus über das Afrika-Engagement von Bundeskanzlerin Merkel nach wie vor anhält?

Bono: Ja, sehr. Ich bin ein echter Fan. Sie hat Ihren eigenen Stil. Sie hat in ihrer lautlosen Art einen echten Sturm entfacht. Sie bekommt ihre Dinge geregelt. Sie verspricht nicht mehr als sie halten kann, auch wenn uns das manchmal frustriert. Aber sie hat ihr Wort immer gehalten. Ich denke die deutsche Bevölkerung ist gefragt, wenn es darum geht, die Millenium-Entwicklungsziele umzusetzen. Sie sind im Jahr 2000 beschlossen worden mit dem Ziel, die extreme Armut in der Welt bis 2015 zu halbieren. Wir sind auf diesem schwierigen Weg nun bei der Hälfte angekommen und es sieht nicht gut aus für diese Ziele. Deshalb versuchen wir die Staaten zu überzeugen, dass sie begreifen müssen, dass dies ein Notfall ist, dass sie in einer Glaubwürdigkeitskrise stecken. Wir sind zuversichtlich, dass die deutsche Bevölkerung bereit ist, Druck zu machen. Ich habe eine Umfrage gesehen, wonach 82 Prozent der Deutschen glauben, ihr Land sollte im Kampf gegen Armut eine führende Rolle spielen. Das finde ich großartig! Deshalb bin ich Fan und deshalb komme ich immer wieder hierher.

Engels: So weit Ihre Meinung über die Deutschen. Aber wie steht es mit der Regierung? Bundeskanzlerin Merkel hat versprochen, die deutsche Entwicklungshilfe für die ärmsten Staaten bis 2015 auf 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts anzuheben. Derzeit liegen wir bei rund 0,35 Prozent. Sind Sie sicher, dass sie dieses Versprechen halten kann?

Bono: Ich bin sicher, dass sie das will. Es wird schwierig werden. Die Zivilgesellschaft muss da viel Druck aufbauen. Ich glaube darin besteht der große Wert von Projekten wie "Deine Stimme gegen Armut". Dadurch wissen die Menschen sehr viel mehr über die Probleme als noch vor einigen Jahren. Deutschland ist nicht durch eine koloniale Vergangenheit belastet wie Großbritannien oder Frankreich. Aber die Entwicklungshilfe auf einen Anteil von 0,51 Prozent bis 2010 anzuheben, wird sehr, sehr schwierig werden. Ich habe mit Minister Steinbrück, der SPD-Fraktion und mit Fraktionschef Kauder von der CDU gesprochen, um Unterstützung zusammenzutrommeln. Ich werbe um diese Unterstützung, indem ich den Menschen erkläre, dass diese Hilfe etwas nützt, und indem ich auch der deutschen Bevölkerung zeige, was sie bereits erreicht hat.

Zum Beispiel haben die Deutschen unter Kanzler Schröder 1999 einen Schuldenerlass für die ärmsten Staaten zum Abschluss gebracht. Acht Jahre später gehen in Afrika 29 Millionen Kinder zur Schule, die das ohne diesen Schuldenerlass nie gekonnt hätten. Die Hilfe kommt an.

Oder ein aktuelles Beispiel: Als Kanzlerin Merkel und Minister Steinbrück beschlossen haben, die Entwicklungshilfe im Jahr 2008 um 750 Millionen Euro anzuheben, ging es nicht nur um die direkte Hilfe. Es war zusätzlich eine Art Hebel, um die Beteiligung der anderen G8-Staaten von insgesamt 10 Milliarden Dollar auf einer Folgekonferenz hier in Berlin zu erhalten. Diese 10 Milliarden Dollar können zahllose Leben retten - zwei bis drei Millionen Menschenleben.

Es gibt also zwei große Initiativen, die Deutschland angestoßen hat: Zum einen den globalen Fonds, um Tuberkulose, Aids und Malaria zu bekämpfen. Zum anderen den Schuldenerlass. Aber ich denke auch, dass diese guten Nachrichten die schlechten noch schwerer wiegen lassen. Die gute Nachricht, dass die Hilfe ankommt, macht es noch trauriger, dass es nicht genügend Hilfe gibt.

Engels: Sie haben mit führenden deutschen Politikern gesprochen. Haben sie verlässliche Zusagen bekommen, dass Deutschland 2009 seinen Entwicklungshilfeetat weiter aufstocken wird? Denn derzeit sieht es ja nicht so aus, als ob Deutschland den versprochenen Kurs einhalten kann.

Bono: Ja! Es wird schwer für Deutschland werden, auf Kurs zu bleiben. Ich wäre dennoch sehr überrascht und geschockt, wenn im Haushalt 2009 die Entwicklungshilfe nicht erhöht werden würde. Es gab schließlich einen erfolgreichen Afrika-Besuch der Kanzlerin und wir sehen die Erfolge der bisherigen Projekte. Da wäre ich schon sehr verärgert. Heute habe ich keine festen Zusagen erhalten. Das heißt, dass wir wachsam bleiben müssen. Die Menschen hier müssen ihren Politikern immer wieder sagen, wie wichtig ihnen dieses Thema ist. Es stimmt schon: Politiker stellen gerne Schecks aus, aber lösen sie ungern ein.

Engels: Werfen wir einen Blick auf ihre spezielle Rolle: Im vergangenen Jahr während der G8-Präsidentschaft schien Bundeskanzlerin Merkel Pressekonferenzen mit Ihnen zu genießen. Sie profitierte offenbar gerne von Ihrer Popularität, um damit ihr Engagement für Afrika herauszustellen. Doch diesmal scheint sie keine Zeit für Sie zu haben. Fühlen Sie sich von ihr benutzt?

Bono: Nein, nein, überhaupt nicht. Heute Abend treffe ich Ihre rechte Hand, ihren Berater Christoph Heusgen. Ich gehe ja nicht davon aus, dass ich jedes Mal die Kanzlerin treffen kann, wenn ich herkomme. Dafür komme ich zu oft. Wir haben jetzt ein Büro hier mit sechs Angestellten. Ich treffe ziemlich gerne die Leute, die nicht in der vorderen, sondern in der hinteren Reihe stehen: Die Berater, die die schwierigen Entscheidungen treffen müssen. Es ist ja bekannt, dass ich sehr enttäuscht über die Afrika-Beschlüsse des G8-Gipfels von Heiligendamm war. Aber ich war sicherlich nicht enttäuscht vom deutschen Engagement und auch nicht von der Führung der Kanzlerin.

Das kam manchmal falsch rüber in den Medien und ich weiß, dass einige Leute sehr verärgert über sie waren. Aber ich nicht! Ich war sehr dankbar, dass sie nach Afrika gereist ist. Es ist immer sehr schwierig für Politiker, sich für Afrika einzusetzen. Ein neues Krankenhaus im eigenen Land bringt mehr Wählerstimmen als ein Hospital in Kariba, einem furchtbaren Slum in Nairobi in Kenia. Man muss immer Mut haben, so etwas zu tun. Aber es braucht auch die Leute, die sich engagieren: nicht die Rockstars, nicht die Prominenten, sondern die einfachen Leute, die auf die Straße gehen. Deshalb bin ich auch stolz auf Köln, wo vor einigen Jahren 30- bis 40.000 Menschen auf die Straße gingen, um für den Schuldenerlass der armen Länder zu demonstrieren. Und sie setzten den Schuldenerlass durch, der das Leben von so vielen Menschen veränderte. Dafür möchte ich Danke sagen.

Es gibt hier in Deutschland eine besondere Stimmung. Das habe ich auch immer bei meinen "U2"-Konzerten gespürt. Und das sehe ich auch, wenn ich die Umfragen sehe, wonach 82 Prozent der Leute gegen extreme Armut vorgehen möchten und wollen, dass Deutschland bei diesem Kampf eine führende Rolle einnimmt. Also gibt es ein neues Deutschland, das sich traut, seine Rolle in der Welt einzunehmen. Die Menschen hier wollen der Welt zeigen, wer sie sind - ihre Technologie, die Innovation - indem sie diese Themen nach vorne bringen.

Engels: Sie scheinen immer noch optimistisch zu sein: nicht nur was die Menschen in Deutschland angeht, sondern auch in Bezug auf die Regierung. Werden Sie immer bei ihrer Strategie ewiger Freundlichkeit bleiben, oder wird der Ton auch irgendwann schärfer und kritischer werden?

Bono: Es gibt viele Kritiker, die sich laut äußern, und die brauchen wir auch. Auch ich kann kritisch sein, wie Sie beim Gipfel in Heiligendamm sehen konnten. Aber im Moment sind diese Dinge Thema in Deutschland und die Unterstützung der Bevölkerung ist am Ende das wichtigste. Nehmen Sie zum Beispiel Großbritannien: Das Thema extreme Armut nahm Platz fünf oder sechs ein bei den Wählern und das gab Tony Blair und gibt Gordon Brown die Unterstützung, um die Milleniums-Ziele weiter zu verfolgen. In Deutschland haben sie glücklicherweise nicht die gleiche historische Belastung gegenüber Afrika. Unsere Politiker brauchen die Unterstützung der Bevölkerung, um Steuergelder für Afrika auszugeben. Dass wir auf die Straße gehen und unsere Stimme erheben, brauchen die Politiker, um weiter machen zu können.

Engels: Es gibt ja Kritiker, die behaupten, Stars wie Sie, Bob Geldof oder Sting würden ihr Engagement für die Afrika-Hilfe dazu benutzen, um die eigene Karriere damit zu beflügeln. Was sagen Sie dazu?

Bono: Ich wünschte, diese Kritiker würden mal mit meiner Band sprechen. Denn meine Band ist ganz anderer Ansicht, die sind langsam sauer auf mein Engagement für diese Sache. Sie sind zwar auch stolz darauf, was wir erreicht haben. Aber in all den Jahren, in denen ich zur Stimme für diese Sache wurde, haben sie mir immer wieder gesagt, dass ich alles kaputt machen würde. Die Leute würden aufhören, zu den "U2"-Konzerten zu kommen und unsere Alben zu kaufen, weil ich mich dauernd mit irgendwelchen total uncoolen Politikern treffen würde. Ich solle damit aufhören. Aber das stimmte nicht! Unser Publikum fühlte sich sogar bestärkt, weil sie ihre eigene Stimme beachtet fanden. Ich habe eine Stimme laut wie ein Megaphon und benutze sie. Solange ich die Wahrheit sage über das, was wir erreicht und was wir nicht erreicht haben, haben die Leute auch nicht das Gefühl, dass ich sie veralbere.

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