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StartseiteCampus & KarriereDie Zukunft der Weiterbildung21.02.2006

Die Zukunft der Weiterbildung

Neue Bundesregierung, neue Perspektiven?

Eine Milliarde Euro hat die Bundesagentur für Arbeit in diesem Jahr weniger in der Tasche für die berufliche Weiterbildung. Das erschreckt nicht nur Arbeitslose, für deren Qualifizierung das Geld bislang ausgegeben wurde, sondern auch die Träger der Bildungseinrichtungen. Heute tagen sie in München und haben auch Heinrich Alt, den Vorstand der Bundesagentur eingeladen.

Von Susanne Lettenbauer

Lebenslanges Lernen ist angesagt (Stock.XCHNG / John Julian Hansen)
Lebenslanges Lernen ist angesagt (Stock.XCHNG / John Julian Hansen)

Mehr Geld wird es künftig nicht für die Weiterbildung in Deutschland geben. Zumindest nicht von der Bundesagentur für Arbeit. So lautete das Credo von Heinrich Alt, dem Nürnberger Anstaltschef heute Vormittag in München und bremste damit gleich zu Beginn jene der angereisten über 100 Vertreter von Bildungsträgern, sprich Weiterbildungsfirmen, aus, die auf einen Aufstieg aus der gegenwärtigen Talsohle gewartet hatten.

Gut 50.000 Angestellte hat Deutschlands "Weiterbildungsindustrie", so sie nicht gleich pleite gingen, in den vergangenen drei Jahren entlassen müssen, ein angereister Firmenvertreter sprach von seiner Mitarbeiterzahl - ehemals 2000, 50 blieben übrig. Die ehemals hochgeförderte Branche von zeitverschwendenden Trainingskurse, am Markt vorbei geplanten Weiterbildungswochenenden und teilweise fragwürdigen Umschulungen heult, was nicht weiter schlimm wäre, ginge es nicht um eine tatsächliche Krise für Arbeitslose, Jugendliche ohne Schulabschluss und ältere Arbeitnehmer, für die Weiterbildung die einzige Chance auf Arbeit ist.

Doch woran es liegt, dass trotz Milliarden von Euro aus Steuer und Arbeitslosenversicherungsgeldern, genau 150 Milliarden seit 1998, Weiterbildung scheinbar sinnlos geworden ist, obwohl mit einem geplanten Renteneintrittsalter von 67 lebenslanges Lernen Grundvoraussetzung sein sollte, wusste heute keiner.

Die einstmals hoffnungsvoll eingeführten Bildungsgutscheine zum Beispiel, mit denen eigenverantwortlich Kurse belegt werden konnten, verschwinden mehr und mehr, so Veranstalter Richard Merk von der Münchner Fachhochschule des Mittelstandes Bielefeld...

"...weil die Agenturen immer noch meinen, sie würden die Arbeitsmarktpolitik machen und sie bestimmen letztendlich, welche Kurse angeboten werden oder nicht, also hier muss es einen Umschwung geben."

Merk kritisierte ebenso, dass die Hochschulen und Fachhochschulen bislang keine Möglichkeit hätten, Akademiker, seien sie arbeitslos oder nicht, mit einer angemessen hochqualifizierten Zertifizierung weiterzubilden:

"Wenn wir als Hochschule einen Wirtschaftsjuristen oder einen Sozialwirt ausbilden dürften wir ihm im Rahmen der beruflichen Bildung kein akademisches Zertifikat geben, weil wissenschaftliche Weiterbildung nicht berufliche Weiterbildung ist und in dem Moment, wo es als wissenschaftliche Weiterbildung anerkannt würde, wäre es keine berufliche Weiterbildung und würde nicht mehr gefördert. "

Dabei wäre im Rahmen des Bologna-Prozesses diese wissenschaftliche Weiterbildung sogar anrechenbar, ist sich Merk sicher, nur dann wäre die Länderhoheit im Rahmen der Föderalismusdebatte betroffen. Überhaupt besteht das Problem der Weiterbildung in Deutschland darin, so die einhellige Meinung, dass die Kompetenzen auf regionaler und Bundesebene absolut unklar seien. Muss die Nürnberger Bundesanstalt eigentlich die Umschulung auf Altenpfleger bezahlen, wenn es doch die Pflegeversicherung gibt? Muss die BA eigentlich LKW-Fahrer ausbilden, wenn dies das Verkehrsgewerbe tun sollte?

Die Bundesagentur für Arbeit würde, ginge es nach ihrem Vorstand Heinrich Alt, künftig nur noch in einer Art Dachorganisation über die regionalen Arbeitsgemeinschaften eine Kontrollfunktion ausüben. Themen wie die Finanzierung der Kurse durch die angedachten Weiterbildungskonten der Firmen oder ein so genanntes privates Bildungssparen müsste jedoch noch immer der Bund festlegen. Und natürlich auch die Qualitätskontrolle stellte Norbert
Köngeter von der Bundesanstalt eindeutig klar:

"Wir verstärken ganz klar das Thema Qualität und Bildungsmaßnahmen, legen großen Wert zum Beispiel auf zwei Bereiche. Das eine ist die Vernetzung der Bildungsträger vor Ort, um die Menschen gut zu integrieren. Und der zweite Bereich, die Integration der Menschen in Ausbildung und Arbeit ist uns auch sehr wichtig."

Selbstkritik war also angesagt heute in München. Die Betroffenen Arbeitslosen, Jugendlichen ohne Schulabschluss oder älteren Arbeitnehmer dürfen nicht mehr nur in Alibikursen verwaltet werden, sondern Bildungsträger müssen sich kompetent zeigen, gerade die Jugendlichen erstmal wieder für Bildung zu begeistern, denn Köngeter weiß...

"... insbesondere bei Jugendlichen ist die soziale Kompetenz und die Entwicklung der Schlüsselqualifikationen ganz wichtig. Wenn die nicht vorliegen ist es ganz schwer, in Ausbildung und Arbeit zu kommen. Die fachlichen Qualifikationen kann man dann ganz gut dazu vermitteln, wenn die anderen dann vorliegen. "

Von den Vertretern der politischen Parteien kam unerwartet geschlossen die Zielvorgabe, Weiterbildung als 4. Säule des Bildungssystems zu etablieren, im Ernstfall sogar gesetzlich einen Anspruch auf Wieterbildungszeit, ähnlich der Elternzeit festzulegen. Selbst eine tarifvertragliche Festlegung von Weiterbildung der Angestellten wollte der CSU-Vertreter nicht ausschließen, schließlich sind qualifizierte Mitarbeiter auch ein ökonomischer Faktor, der bei dem globalen Wettbewerb eine immer größere Rolle spielen wird.

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