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StartseiteInterview"Diese Katastrophe kommt jetzt erst zu ihrer vollen Entfaltung"19.08.2010

"Diese Katastrophe kommt jetzt erst zu ihrer vollen Entfaltung"

Der Cap-Anamur-Gründer zur zurückhaltenden Spendenbereitschaft

Angesichts der Not hat die Bundesregierung ihre Hilfen für Pakistan noch einmal auf 45 Millionen Euro aufgestockt. Die Spendenbereitschaft der Deutschen steigt nur langsam - Ursachenforschung mit Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck.

Rupert Neudeck im Gespräch mit Friedbert Meurer

Der Grünhelm-Geschäftsführer Rupert Neudeck. (AP)
Der Grünhelm-Geschäftsführer Rupert Neudeck. (AP)

Rupert Neudeck leitet die Hilfsorganisation "Grünhelme", früher das Komitee Cap Anamur.

Friedbert Meurer: Guten Tag, Herr Neudeck!

Rupert Neudeck: Guten Tag, Herr Meurer!

Meurer: Spenden die Deutschen so wenig, weil ihnen der Islam in Pakistan etwas unheimlich ist?

Neudeck: Erst mal glaube ich das nicht, weil wir hatten damals beim Tsunami, wo ja nun die größte Nachkriegs-Spendenwelle gerollt ist, ein muslimisches Land par excellence, nämlich Indonesien und dann noch Sumatra und dann noch Aceh, die Provinz, wo nur Muslime leben, und das hat meine Mitbürger überhaupt nicht gehindert, da ganz kräftig in die Tasche zu greifen. Ich glaube, man muss es erst mal ganz vernünftig so sehen: Wenn zum Beispiel morgen in Äthiopien etwas Ähnliches ausbrechen würde, was wir in Pakistan haben, dann können die Menschen auch nicht mehr so viel spenden, weil sie haben ja ein bestimmtes Budget im Jahr. Das muss man einfach sehen. Wir hatten letztes Jahr schon Haiti, da kam ganz viel zusammen.

Meurer: Aber seit Haiti ist doch nichts Größeres mehr passiert, sodass doch eigentlich die Zeit gekommen wäre, dass die Deutschen wieder ihren Geldbeutel aufmachen.

Neudeck: Deshalb kommt ein zweiter Grund dazu. Diese Katastrophe hat sich langsam angekündigt. Sie kommt ja jetzt erst zu ihrer vollen Entfaltung. Auch die Medien haben das ja nicht am Anfang richtig mitbekommen. Wir hatten erst mal eine Überschwemmung und daraus ist eine Sintflut geworden und jetzt sind Arche-Noah-Zustände für Millionen von Menschen da entstanden, und die Hilfsorganisationen sagen ja unisono, dass es jetzt auch kommt, das heißt, dass die Menschen jetzt ja auch bereit sind, mehr zu spenden. Es gibt aber einen zweiten Grund, der vielleicht nicht dem entspricht, was Sie jetzt Muslime genannt haben. Fast wie ein tonus rectus ergibt sich in der Berichterstattung ja immer wieder die Frage, sind die Taliban nicht dabei in Pakistan, nicht nur Afghanistan zu destabilisieren, sondern dass vielleicht auch das Geld, was da unvorbereitet und aus der Luft abgeworfen wird, dass das denen in die Tasche kommt.

Meurer: Das befürchten manche, ja.

Meurer: Das ist ein Grund, der für Menschen vielleicht in Deutschland, in der Bundesrepublik, in meiner Heimat hier ein Grund ist, zögerlich zu sein. Deshalb muss man erklären, dass das natürlich nicht so ist. Wir machen ja den Ruf der Taliban und die Bedeutung dieser Taliban immer größer, als sie eigentlich sind. Wir sind vielleicht manchmal sogar die PR-Berater dieser Leute, weil wir ...

Meurer: Sie haben die Erfahrung von Afghanistan! Ist das so, dass wir die Gefahr der Taliban übertreiben?

Neudeck: Ja. Ich sehe das sowohl für Afghanistan wie für Pakistan so. Das sind nachweislich ganz wenige, die diese fundamentalistisch-extremistische und tödliche Einstellung haben. Die Mehrzahl, die überwiegende Mehrzahl – ich habe das in Kaschmir bei dem Erdbeben da erlebt, das ist ja auch schon Pakistan – dieser Menschen haben in der Tat ein sehr großes religiöses Bedürfnis. Religion spielt für diese Menschen eine viel, viel größere Rolle, als wir in Europa uns das noch vorstellen können. Aber es sind in aller Regel eben nicht Taliban oder Extremisten, sondern es sind fromme, religiöse Menschen.
Zum Beispiel eine Organisation, die noch gar nicht genannt wurde, die wahrscheinlich für Pakistan die wichtigste ist, die zudem noch von einer Deutschen gegründet wurde vor 40 Jahren, das ist die Lepra-Organisation von der deutschen Ärztin Dr. Ruth Pfau. Die lebt seit Anfang an in Pakistan, total anerkannt in 160 Orten und hat es geschafft, in 30 Jahren die Lepra dort auszurotten. Das ist die LEPCO, also die Lepra-Organisation. Die besteht aber von vornherein aus Muslimen, aus Christen und aus Hindus, denn dieses Land ist eben nicht ein rein muslimisches Land, sondern es hat eine gewaltige Hindu-Minorität, es hat auch eine große stolze christliche Minorität. Und wenn man das vernünftig versteht, diese Menschen zusammenzubinden, dann entstehen da ganz gewaltige hilfreiche Assoziationen.

Meurer: Rupert Neudeck von der Hilfsorganisation "Grünhelme" zur Spendenbereitschaft der Deutschen gegenüber der Not in Pakistan. Danke schön, Herr Neudeck.

Weitere Informationen:
Spendenkonten für Pakistan
Die Ruth-Pfau-Stiftung
Grünhelme e.V.

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