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StartseiteInterview"Diese politische Leiche macht jetzt alles, um die Macht zu bewahren"13.07.2011

"Diese politische Leiche macht jetzt alles, um die Macht zu bewahren"

Die Weißrussin Marina Naprushkina über die Proteste gegen Präsident Lukaschenko

In Weißrussland versammeln sich Bürger nach Aufrufen über das Internet regelmäßig zu Protesten gegen Europas letzten Autokraten - der mit Gewalt darauf reagiert. Doch solange nur junge Leute und nicht die Arbeiter protestierten, sei das keine ernsthafte Bedrohung für das Regime, sagt die Künstlerin Marina Naprushkina.

Marina Naprushkina im Gespräch mit Anne Raith

Proteste in Minsk gegen das Regime Lukaschenko (AP)
Proteste in Minsk gegen das Regime Lukaschenko (AP)

Anne Raith: Sich gegen ein Regime aufzulehnen, das muss nicht unbedingt bedeuten, sich organisiert in Sprechchören gegen die Mächtigen zu organisieren und anzubrüllen, oder mit Bannern durch die Straßen zu marschieren mit klaren Forderungen und Straßen und Plätze zu blockieren. Protest kann auch subtiler sein, indem man sich im Internet zum Beispiel zum Spazierengehen verabredet, oder indem man plötzlich etwas Unerwartetes tut. In Weißrussland, der sogenannten letzten Diktatur Europas, demonstrieren sie mit Applaus und sie werden, wie wir hören können, dafür brutal verfolgt und verhaftet. Auch für heute Abend haben sich die Protestierenden wieder verabredet via Internet. Wer und mit welcher Motivation, darüber habe ich vor der Sendung mit Marina Naprushkina gesprochen, die ich Ihnen jetzt kurz vorher gerne vorstellen möchte. Die Künstlerin und Aktivistin stammt aus Minsk und arbeitet in Berlin. Nach den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr und den brutalen Angriffen damals auf friedlich Protestierende und Oppositionskandidaten hat sie in einer sogenannten Graphic Novel, eine Art Comic in Zeitungsform, die Ereignisse aufgearbeitet. Sie hat sie dargestellt, so wie sie das Regime interpretiert hat, und so, wie sie Oppositionelle geschildert haben. Anfang Juni wurde jetzt die zweite Ausgabe der Zeitung gedruckt. Was sie dazu bewegt hat, das habe ich sie zuerst gefragt.

Marina Naprushkina: Die Hauptgeschichte, glaube ich, war, oder der Auslöser, wo ich gesagt habe, jetzt muss die zweite Zeitung auch entstehen, es muss jetzt die zweite Ausgabe gemacht werden, das war das Statement von Aleksey Michalevic, dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten, der vom KGB freigelassen wurde, und er hat dann erzählt, welche Folter da gemacht wird, was ihm und den anderen politischen Gefangenen dort in diesem KGB-Gefängnis passierte. Die Zeitung ist wieder gleich aufgebaut, in zwei Geschichten quasi aufgeteilt. Eine Geschichte ist eine staatliche Propaganda, das, was die Belarussen jeden Tag im Fernseher erzählt bekommen und in staatlichen Medien. Und die zweite Seite kommt von den Zeugenberichterstattungen, von den unabhängigen Medien. Meistens sind das natürlich Internetquellen, so wie zum Beispiel verschiedene Blogs oder Nachrichtenparts.

Raith: Haben Sie denn seit Ihrem ersten Band das Gefühl, dass sich die Situation gerade für Oppositionelle, für Regimekritiker, für Kritiker von Lukaschenko zugespitzt hat?

Naprushkina: Ja, ich glaube, die hat sich zugespitzt nach dem 19. Dezember, und das ist dieser Prozess, der immer weiterläuft. Die politischen Repressionen werden immer härter und zurzeit haben wir seit einem Monat diese stillen Märsche, also die Schweigemärsche organisiert durch die Netzwerke, durchs Internet, wo Tausende von Leuten teilnehmen, nicht nur in der Hauptstadt Minsk, sondern überall in Belarus. Und jetzt richten sich diese Repressionen nicht nur gegen Oppositionelle, sondern auch gegen die Zivilbevölkerung.

Raith: Sie sprechen es an: In welchem Zusammenhang stehen denn nun diese aktuellen Proteste, also diese Revolution durch soziale Netzwerke?

Naprushkina: Die Aktionen haben angefangen vor einem Monat und das ist organisiert worden von ganz jungen Leuten, die eigentlich auch im Exil sich befinden und durch das Internet eben diese Protestaktionen immer ankündigen und sozusagen eine Regie geben für die Ereignisse dort. Es findet jede Woche statt, meistens am Mittwoch. Wir haben zum Beispiel am 3. Juli den Tag der Unabhängigkeit gefeiert in Belarus und dann Abends nach der Parade, nach dieser offiziellen Militärparade, fanden auch diese Protestaktionen statt, wo wieder brutal Leute niedergeschlagen wurden, und das Brutalste daran ist, die Polizisten sind zivil gekleidet und man kann sie kaum unterscheiden von den anderen Leuten, und die verhaften Leute auf der Straße.

Raith: Bei der Feier zum Unabhängigkeitstag ist diese besondere Art der Proteste ja das erste Mal aufgefallen. In der Folge gab es dann auch friedliche Spaziergänge, zu denen man sich verabredet hat, oder eben spontaner Applaus, spontanes Klatschen. Warum wählen die Aktivisten diese Art von Protest?

Naprushkina: ... , weil natürlich alles andere verboten ist und das spricht ganz andere Leute an. Das spricht natürlich die Leute an, die nicht unbedingt irgendwie das Politische wollen oder keine Forderung stellen. Man muss sich dazu kein Plakat malen, man muss sich nicht überlegen, mit welchen Gedanken gehe ich jetzt auf die Straße, was verlange ich von der Regierung, zu was will ich aufrufen, sondern die Leute gehen einfach raus, um einfach ihre Unzufriedenheit und ihren Protest zu zeigen.

Raith: Aber was treibt denn die Leute an, oder vielleicht auch die Macher? Sind das keine politischen Forderungen, ist das einfach der Wille, seine Unzufriedenheit zu zeigen?

Naprushkina: Natürlich kommt das zusammen jetzt sehr gut mit der Wirtschaftskrise, dass die Löhne runtergehen, dass die Leute nicht alles einkaufen können, was die eigentlich gewöhnt sind einzukaufen, dass die Preise steigen. Deswegen kommt das alles ganz gut zusammen. Und wir sehen ja, bis jetzt ist es in Belarus noch nicht so gewesen, dass die Region, dass die anderen Städte sich bei den Protestaktionen beteiligt haben, und jetzt sind es ungefähr 20 Großstädte, wo die Leute auf die Straßen gehen, und bei der letzten Protestaktion am 6. Juli waren es mehr Leute in der Region als in Minsk und es wurden wieder schon über 400 Leute verhaftet.

Raith: Sie sprechen es an: Die wirtschaftliche Situation treibt die Leute auf die Straße. Wie prekär ist denn die Lage in Weißrussland?

Naprushkina: Na ja, unser Präsident Lukaschenko verspricht, dass in drei Monaten die Leute vergessen werden, dass die Preise irgendwann mal hoch waren, oder dass die Krise vorbei sein wird, aber das sieht natürlich nicht so aus. Die Preise steigen, die Euros und Dollars sind nicht zu kaufen, es ist schwierig, das Geld von dem Bankkonto abzuheben, und alle erwarten eigentlich mit Angst, was im Herbst passiert, weil im Herbst, wenn die Preise steigen und noch mal geheizt wird in den Wohnungen, sieht es natürlich noch mal sehr schlecht aus.

Raith: Eine Moskauer Zeitung sprach kürzlich sogar vom sich nähernden Ende des Regimes. Glauben Sie auch daran, jetzt wo es immer mehr Menschen auf die Straßen zieht zum friedlichen Protest?

Naprushkina: Viele nennen natürlich Lukaschenko eine politische Leiche, und diese politische Leiche macht jetzt alles, um die Macht zu bewahren. Ja, jetzt gehen natürlich sehr viele Leute auf die Straße, das ist was Neues, es gehen die Leute in der Region auf die Straße, aber das ist immer noch eine bestimmte, sagen wir, soziale Schicht, das sind mehr junge Leute. Und solange die Arbeiter nicht protestieren, glaube ich, kann man noch nicht so von einer ernsthaften Bedrohung für das Regime sprechen.

Raith: Das Regime geht ja bei diesen Protesten auch hart gegen Journalisten vor, die eben über diese Proteste berichten wollen. Sie haben Ihre graphischen Novellen ja auch in Weißrussland veröffentlicht. Auf welchem Weg?

Naprushkina: Die erste und zweite Ausgabe wurde in russischer Sprache auch gedruckt und wurde dort verteilt durch verschiedene Aktivisten. Es wurde ins Land geschmuggelt und dort verteilt.

Raith: Im Geheimen aber?

Naprushkina: Ja.

Raith: Und mit welcher Reaktion? Haben Sie Reaktionen über Blogs oder über Internet bekommen?

Naprushkina: Ja natürlich. Also ich kriege sehr viele Reaktionen, deswegen hat es mir sehr viel Mut gegeben, und die zweite Ausgabe kam auch erst danach, nachdem die Leute gefragt haben. Die erste Ausgabe haben wir verteilt, wo ist die Zeitung für März? Und dann habe ich verstanden, okay, also es muss jetzt noch eine zweite her.

Raith: Haben Sie denn schon Pläne? Werden Sie jetzt auch diese stillen oder diese applaudierenden Proteste künstlerisch in irgendeiner Weise begleiten?

Naprushkina: Ich begleite das jetzt schon. Es wird auch im Internet ständig öffentlich auch auf den Oppositionsseiten angekündigt und gedruckt wird es auch zum Beispiel in Polen, in polnischer Sprache. Ob jetzt eine dritte Ausgabe der Zeitung kommt, das ist noch nicht klar, aber vielleicht.

Raith: Die Künstlerin und Aktivistin Marina Naprushkina über die anhaltenden Proteste in Weißrussland. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Naprushkina: Danke schön.

Die Äußerungen unserer Gesprächspartner geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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