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"Diese Verurteilung ist eine politische Verurteilung"

Urteil gegen iranischen Filmemacher Jafar Panahi

Nasrin Bassiri im Gespräch Stefan Koldehoff

Jafar Panahi hatte an einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Oppositionsbewegung teilgenommen. (AP)
Jafar Panahi hatte an einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Oppositionsbewegung teilgenommen. (AP)

Gegen den iranischen Regisseur Jafar Panahi liege gar keine konkrete Anklage vor, sagt die iranische Journalistin Nasrin Bassiri. Panahi habe sich nach der iranischen Präsidentschaftswahl "auf die Seite der grünen Bewegung gestellt". Deshalb sei er festgenommen worden.

Stefan Koldehoff: Im Februar 2010 hätte man schon etwas ahnen können. Da wurde dem bekannten iranischen Regisseur Jafar Panahi die Ausreise aus seiner Heimat zur Berlinale in Deutschland verweigert. Am 1. März dann verhaftete die Polizei Panahi in seinem Haus in Teheran, zusammen mit 16 weiteren Personen, die ebenfalls die Oppositionsbewegung gegen den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad unterstützt hatten. Die meisten von ihnen kamen bald wieder frei, Panahi nicht. Er musste drei Monate warten, während derer er aus Protest in einen Hungerstreit trat, und er musste umgerechnet 164.000 Euro Kaution hinterlegen. Nun hat ein Gericht Panahi, der 2000 in Venedig mit dem Goldenen Löwen und 1995 in Cannes ebenfalls ausgezeichnet worden war, zu sechs Jahren Haft verurteilt wegen angeblicher Propaganda gegen das System. Aus dem gleichen Grund ist übrigens seit zehn Tagen auch sein Kollege Mohammad Nourizad in einem iranischen Gefängnis im Hungerstreik. – Meine Frage geht nach Berlin, an die Politologin und Journalistin Nasrin Bassiri. Haben Sie eine Vorstellung, was das überhaupt sein soll, Propaganda gegen das System?

Nasrin Bassiri: Ja, kann ich mir gut vorstellen, weil die meisten politischen Gefangenen, also alle Menschen, die die Linie von Ahmadinedschad nicht mittragen, die üben gleich dann Kritik an der Regierung aus, oder sie kämpfen gegen diese Regierung.

Koldehoff: Hat man eine Möglichkeit, dagegen zu argumentieren, beispielsweise mit der Freiheit der Kunst?

Bassiri: Man kann natürlich dagegen argumentieren, aber diese Argumente werden von denselben Gerichten wieder aufgenommen und werden wahrscheinlich zu nichts führen, weil ich denke, diese Verurteilung ist eine politische Verurteilung. Also es ist keine ganz konkrete Verurteilung gegen Jafar Panahi und was er jetzt tut, sondern das Problem für die Regierung ist, dass Jafar Panahi nach der iranischen Präsidentschaftswahl sich auf die Seite der grünen Bewegung gestellt hat. Er hat zum Beispiel im Sommer 2009 an der Gedenkfeier teilgenommen, wo die Protestierenden auf der Straße ermordet wurden, hingerichtet oder mit Kopfschüssen umgebracht wurden. Jafar Panahi hat an deren Gedenkveranstaltung zum Beispiel teilgenommen. Deshalb wurde er zum ersten Mal festgenommen.

Koldehoff: Verurteilt worden ist auch Mohammad Rasoulof. Beide hatten zusammen 2008 eine Dokumentation über Zensur im Iran gedreht. Nun sind die Filme von Jafar Panahi im Iran durch die Zensur so gut wie überhaupt nicht bekannt gewesen, man konnte sie überhaupt nicht sehen. Ist er denn eine öffentliche Figur?

Bassiri: Natürlich! Jafar Panahi ist eine öffentliche Figur, weil die meisten Menschen im Iran, die gucken nicht iranisches Fernsehen, sondern die gucken Satelliten-Filme, die informieren sich durch ausländische Medien, und natürlich gibt es auch eine Menge erlaubter und nicht erlaubter DVDs, die im Umlauf sind, und alle Filme von Panahi werden von intellektuellen Studenten, kritischen Menschen gesehen. Er ist eine öffentliche Person. Vor allem er war ja mal Mitarbeiter, ein Assistent von Kiarostami. Übrigens er hat sich auch für seine Freilassung damals eingesetzt.

Koldehoff: Das haben eine Reihe von prominenten Kollegen gemacht: Steven Spielberg, Martin Scorsese, Oliver Stone. Hilft das? Nützt das irgendwas?

Bassiri: Ich denke schon. Jafar Panahi ist nach den Cannes-Filmfestspielen freigelassen worden, nachdem ein Stuhl für ihn freigelassen wurde und nachdem so eine weltberühmte Schauspielerin wie Juliette Binoche öffentlich geweint hat seinetwegen und eine Erklärung abgegeben hat. Das alles hat schon gewirkt. Also ich denke schon, dass wenn diese Proteste, internationalen Proteste massiv werden, wird die iranische Regierung sich bedrängt fühlen, aber umso mehr versucht sie auch, das zu verhindern, dass überhaupt so eine Verhaftung ein Gewicht gewinnt.

Koldehoff: Wenn diese Verurteilung zurückgenommen würde, würde er im Iran weiter arbeiten können?

Bassiri: Seine Verurteilung gilt nicht nur diese sechs Jahre Haftstrafe, sondern wie das Urteil spricht, darf er 20 Jahre lang nicht Filme machen. Er soll auch in der Filmbranche nicht arbeiten und er darf keine Drehbücher schreiben, er darf auch nicht sonst irgendwie im Filmbereich mitarbeiten und er darf auch nicht den ausländischen und inländischen Medien Interviews geben. Er darf das Land nicht verlassen, weil er war zum Beispiel 2009 in Montreal. Er wurde dort mit ganz offenen Armen empfangen und er war dort Vorsitzender der Jury und hat ein Bild von der ermordeten iranischen Frau Neda, die bei Demonstrationen ums Leben kam, in der Hand gehalten und einen grünen Schal umgeworfen. Das hat er von Demonstranten, die da standen, bekommen und er hat es einfach gehalten, und damit wurde er fotografiert und gefilmt. Das alles beinhaltet diese Strafe.

Koldehoff: Was kann man tun?

Bassiri: Man soll hier im Ausland dem Iran zeigen, dass heute in dieser Weltgemeinschaft keine Willkür in diesem Sinne erlaubt ist. Iran ist auch kein unbekanntes Land und iranische Künstler sind auch nicht irgendwer, sondern die sind auf internationalem Parkett immer zu sehen und zu bewundern, und Iran soll es auch mitbekommen, zur Kenntnis nehmen, dass so ein Verhalten 2010 und bald 2011 nicht geht.

Koldehoff: Die Journalistin Nasrin Bassiri zur Verurteilung des iranischen Regisseurs Jafar Panahi. Vielen Dank.

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