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StartseiteThemen der WocheDiese WM sollte nicht an den sportfernen Ansprüchen scheitern25.06.2011

Diese WM sollte nicht an den sportfernen Ansprüchen scheitern

Der Kick der Frauen

Es liegt in der Natur der Fortsetzung: Einzigartigkeit, Elan und Überraschungsmomente fehlen beim nächsten Aufguss. Von daher erweisen all diejenigen, die jetzt von der Frauen-Fußball-WM "ein zweites Sommermärchen" erwarten, der DFB-Elf um Bundestrainerin Silvia Neid einen großen Bärendienst.

Von Astrid Rawohl, Deutschlandfunk

Neu Isenburg, Trainingslager der Nationalmannschaft: Inka Grings (v.l.), Simone Laudehr und Bianca Schmidt beim Passtraining. (AP - Axel Heimken)
Neu Isenburg, Trainingslager der Nationalmannschaft: Inka Grings (v.l.), Simone Laudehr und Bianca Schmidt beim Passtraining. (AP - Axel Heimken)

Wenn die Politprominenz angeführt von Bundespräsident Christian Wulff nämlich hofft, diese WM könne eine ähnliche Erfolgsgeschichte werden, wie die Premiere mit der Herrenbesetzung vor fünf Jahren, dann kann diese Fortsetzung mit Frauen nur floppen.

"WM 2006", das steht für Fanfeste, Public Viewing, Fahne schwenken. Für ein gesellschaftliches, fröhliches Event, das der Nation ein neues Wir-Gefühl schenkte und Deutschland auch im Ausland ein besseres, unverkrampfteres Image verschaffte. Durch den ansehnlichen Fußball, den die Klinsmann -Jungs spielten, aber auch durch
Freundschaft und Feierlaune der Gastgeber.

Natürlich, auch jetzt werden die Gäste in Bochum, Dresden und Sinsheim gebührend empfangen. Aber Fahnen? Wurden bislang nur vereinzelt gesichtet. Und Fanmeilen? Nur wenige Städte richten überhaupt Zonen oder Plätze ein, wo die WM-Spiele auf Großbildleinwänden verfolgt werden können. Zu teuer, sagen die einen, lohnt nicht, meinen die anderen. Was angesichts der überschaubaren Zuschauerzahlen bei Bundesligaspielen auch nicht wirklich verwundert.

Eine Stimmung, einen Erfolg kann man nicht inszenieren. Nicht mit einem Werbebudget von fast 20 Millionen Euro, nicht mit WM-Botschafterinnen in Schulen und Städten und auch nicht mit Facebook und Twitter-Postings.

"Das wollen wir nicht vergleichen" (taz, 17.06.11) wehrt Nationalspielerin Inka Grings entsprechend alle Versuche ab, Parallelen zum Sommermärchen 2006 zu ziehen. Und im Raum steht die Frage, ob diese WM nicht generell zu überladen, zu überfrachtet ist mit Erwartungen. "Der Druck ist da", sagt Deutschlands erfolgreichste Torschützin und zwar in so vielen Bereichen, dass der dritte Titelgewinn in Folge noch die leichteste Aufgabe für die deutschen Spielerinnen zu sein scheint.

Ansehnlich kicken, taktisch brillieren und kombinieren, das können die Fußballerinnen ja unbestritten. Anders als bei den Herren reicht aber offenbar das fußballerische Geschick allein nicht zum DFB-Glück.

Attraktiv sollen sie sein, die Frauen, wenn sie den Titel holen. Hübsch geschminkt, nett frisiert, ansehnlich, damit diesmal "die Frauen ihre Männer mitschleppen zu den Spielen". Ex-Eisprinzessin Kati Witt, derzeit in deutscher Olympia-2018-Mission unterwegs, hat das Geschäft längst verstanden. Imagekampagnen, Tatort - Auftritte, Playboy-Aufnahmen, die Nationalspielerinnen sind die Keilriemen für die Motoren der Vermarktungs-Maschinerie.

Und es greifen noch mehr Zahnräder:
Frauen-Fußball fördert Integration: Leuchtendes Vorzeigebeispiel im deutschen Nationaltrikot: Lira Bajramaj. Bildhübsch, im Kosovo geboren und ja, Fußball spielen kann sie auch. Frauen-Fußball fördert Toleranz: Siehe Nadine Angerer. Die Torfrau steht offen zu ihrer Bisexualität. Dass sie bei der WM 2007 kein einziges Gegentor kassierte - kaum der Rede wert.

Und dann öffnet Frauenfußball ja auch noch Türen: Dachte jedenfalls Theo Zwanziger, als er zusammen mit Grünen-Parteichefin und Fußball-Freundin Claudia Roth die Nordkoreanerinnen zur WM einlud. Seit mehreren Tagen bereiten sich die Spielerinnen aus dem kommunistischen Regime auch auf DFB-Kosten in Leipzig vor - und enttäuschen die Gastgeber. Kasernierung statt Kulturprogramm, Geheimtraining, Abschottung, Interviewverbot - von der erhofften Annäherung und Offenheit keine Spur.

Was also kann diese WM überhaupt leisten? Sie kann Frauenfußball ein Stück weit mehr im Bewusstsein der Deutschen verankern. Sie kann den Blick dahin lenken, dass auch jenseits der hysterischen Männer-Glitzerwelt mittlerweile richtig gut Fußball gespielt wird. Und zwar nicht nur während einer großen FIFA-Inszenierung, wenn die Männer gerade Spielpause haben, sondern Woche für Woche in der Frauen-Bundesliga.
Diese WM sollte nicht an den sportfernen Ansprüchen scheitern, die am allerwenigsten die Fußballerinnen selbst an sie stellen. Sie sollte ein Ereignis für das ganz spezielle Sonntags-Publikum des Frauenfußballs werden: Für Familien mit Kindern und für Frauen mit Spaß am Spiel. Nur dann kann auch der Ligabetrieb davon profitieren.

Berichterstattung während der Frauenfußball-WM

In Deutschland werden die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten ARD und ZDF 28 der 32 Turnierspiele live übertragen. Die restlichen vier Spiele werden bei Einsfestival und ZDFinfokanal zu sehen sein. Die Spiele des deutschen Teams und das Finale werden auch in unserem Live-Stream über den Kanal Dokumente und Debatten übertragen. Aus lizenzrechtlichen Gründen wird er jedoch bei Fußballübetragungen nur in Deutschland abzurufen sein. Einen Überblick über die Sendungen zur Frauenfußball-WM finden Sie hier. Im FIFA Frauen-WM 2011 Sammelportal finden Sie alle dradio.de-Beiträge vor, während und nach der WM.

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