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StartseiteKommentare und Themen der WocheModerner Ablasshandel 13.08.2017

Diesel-Abwrackprämie Moderner Ablasshandel

Die "Umweltprämie" für alte Diesel-Autos nutze der Umwelt herzlich wenig, kommentiert Silke Hahne. Profitieren würden davon nur diejenigen, die das Geld für einen Neuwagen haben. Statt an ihrer Überzeugung der technologischen Überlegenheit festzuhalten, müsse die Autoindustrie nun radikal auf neue Antriebe setzen.

Von Silke Hahne

Eine Frau betankt in Wicklesgreuth (Mittelfranken) an einer freien Tankstelle ihren Diesel-Pkw. (dpa / Daniel Karmann)
Auch wer den "Umweltbonus" für seinen alten PKW bekommt, kann in Zukunft weiter Diesel tanken: Die Höchstsumme von 10.000 Euro gibt es bei VW für einen Diesel-SUV. (dpa / Daniel Karmann)
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Umweltbonus, Umtauschprämie - oder doch alles nur ein großer Ablasshandel? Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten die Autohersteller Wort gehalten: Sie hatten beim Dieselgipfel zugesagt, Kunden älterer Diesel-Autos Vorteile zu gewähren, wenn diese ihre vermeintlichen Stinker gegen moderne Wagen austauschen. Und 10.000 Euro, wie sie VW und Audi für einige Modelle versprechen - das weckt Begehrlichkeiten!

"Umweltbonus" für Diesel-SUV

Doch anstatt schnell zuzugreifen lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Das beginnt bei den Namen der Geldgeschenke: So hat etwa die Marke Volkswagen ihre Aktion mit den Zusätzen "Umwelt-" und "Zukunft-" versehen. Das Prädikat "Umwelt" bekommt, wer ein Auto der Schadstoffklasse Euro 6 kauft. Also einen Verbrenner. Die "Zukunft" gehört bei VW dagegen den Erdgas-, Hybrid- und Elektroautos.

Auffällig ist hier die Prioritätensetzung: Der Umweltbonus ist potenziell vier Mal so hoch wie die Zukunftsprämie. Die Höchstsumme von 10.000 Euro kann außerdem nur kassieren, wer einen Touareg kauft - ein SUV-Modell von Volkswagen, das es nur als Diesel gibt. Was ein luxuriöser Geländewagen mit Umweltschutz zu tun hat, erklärt der Konzern - der noch dazu der Ausgangspunkt des Abgasskandals ist - nicht.

Die Abwrackprämie 2.0 hilft der Umwelt nicht

Bei Volkswagen hat alles angefangen vor rund zwei Jahren, aber die Wolfsburger haben, so scheint es, aus der haugemachten Krise bisher am wenigsten gelernt. Sogar die VW-Schwester Audi knüpft die Höhe der Prämie an die Antriebsart. BMW gewährt immerhin nur Rabatt auf Autos, deren CO2-Ausstoß auf eine bestimmte Höhe begrenzt ist.

Mit dieser Abwrackprämie 2.0 ist der Umwelt aber nicht geholfen. Unisono ziehen Umweltverbände, der Städte- und Gemeindebund und Verbraucherschützer infrage, dass die Luft der Städte wesentlich besser wird. Denn so mancher Euro-6-Diesel reißt im realen Betrieb immer noch die gesetzlichen Grenzwerte für Stickoxide. Wer wirklich sicher gehen will, dass sein Auto auf der Straße nicht mehr ausstößt als erlaubt, muss bis Herbst warten - wenn der Schadstoffausstoß von neu zugelassenen Autos nicht mehr im Labor gemessen wird, sondern auf der Fahrbahn.

Der Umwelt nutzt die Aktion also herzlich wenig - ist es dann wenigstens eine Prämie? Auch hinter diesen Wortteil gehört ein Fragezeichen.

Die "Prämie" ist eher eine "Entschädigung"

Prämie klingt nach Vorteil, nach einer Nettigkeit, nach Geschenk. Die korrekte Bezeichnung wäre wohl "Entschädigung" - denn die alten Diesel, um die es jetzt geht, stehen vor einem massiven Wertverlust. Mit den Ergebnissen des Dieselgipfels sind Fahrverbote schließlich mitnichten vom Tisch. Profitieren von dieser Entschädigung können indes nur diejenigen, die das Geld für einen Neuwagen haben. Auch für sie ist der mit dem Kaufprozess verbundene Aufwand aber ein Ärgernis.

Autobauer und Staat sind zur Ehrenrettung des Diesels angetreten, aber was sie geliefert haben, wird unter dem Strich nicht reichen, um die Luftqualität flächendeckend zu verbessern. Warum also der ganze Aufwand? Er liegt in der ökonomischen Abhängigkeit einer der wichtigsten Branchen des Landes von der Diesel-Technologie begründet.

Der Selbstzünder ist leistungsstark - und wird deswegen weniger im Kleinwagen der Krankenschwester als in der Limousine des Managers stecken. Und wer verkauft die dicken Karren? VW, Daimler, Audi, BMW. Die großen deutschen Hersteller verkaufen in Summe weit mehr Diesel als Benziner. Und je größer die Autos, desto höher die Marge.

Falsche Überzeugung der technologischen Überlegenheit

Die Gewinne wurden über die Jahre aber nicht ausreichend in die Forschung an emissionsarmen oder -freien Autos gesteckt. Und so haben sich die sogenannten "Premium"-Hersteller in eine Sackgasse manövriert. Aus der, so glauben sie, kommen sie nur im Rückwärtsgang raus - also mit dem Diesel. Damit wollen sie weiter Geld verdienen - was sie bitter nötig haben, um den Wandel zur neuen Mobilität gestalten zu können.

Die Gefahr drohender Fahrverbote und des massiven Imageschadens blenden sie bei dieser Rechnung gezielt aus. Denn an einem wollen sie nicht rütteln - ihrem Status. In der Vorstellung von Matthias Müller, Dieter Zetsche und Harald Krüger ist die deutsche Autoindustrie das Beste, was der Welt je widerfahren ist. Von der Überzeugung der technologischen Überlegenheit sind sie nicht mehr abzubringen. Dabei signalisiert die jetzige Krise doch eindeutig, dass es nicht weiter gehen kann, wie bisher.

Ja, es ist an der Zeit, vom hohen Ross abzusteigen: Sich vom Diesel zu verabschieden und radikal auf neue Antriebe zu setzen. Das würde auf die Gewinne gehen. Damit auf die Dividende und den Börsenwert. Die Höhe der Managergehälter müsste überdacht werden. Und vermutlich würde sich auch die Belegschaft verkleinern. Noch mehr Arbeitsplätze aber würde der Untergang eines Industriezweiges kosten, der nicht zukunftsfest ist.

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