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StartseiteKommentare und Themen der WocheDicke Luft und zähe Gipfel23.12.2017

Diesel-Hysterie 2017Dicke Luft und zähe Gipfel

Der Dieselmotor böse, die deutsche Wirtschaft dämlich und der Elektroboom wurde verschlafen: Auf dem Höhepunkt der Dieselkrise 2017 habe Hysterie geherrscht, kommentiert Burkhard Ewert von der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Frappierend sei vor allem, wie gleichgültig dabei Fakten waren.

Von Burkhard Ewert, Neue Ostnabrücker Zeitung

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Die Silhouetten von zwei Männern auf einer Brücke zeichnen sich am 10.05.2016 vor dem großen Volkswagen-Logo am Kraftwerk am VW-Werk in Wolfsburg (Niedersachsen) ab. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Ein Fahrradfahrer erzeuge beim Bremsen mehr Feinstaub als ein aktueller Diesel bei der Verbrennung, meint Burkhard Ewert (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
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Stickoxid, CO2, Feinstaub: Auf dem Höhepunkt der Dieselkrise in diesem Jahr herrschte Hysterie. Um welchen Stoff es gerade wirklich ging, war vielen egal. Hauptsache, der Dieselmotor ist böse, die deutsche Wirtschaft dämlich und der Elektroboom wurde verschlafen, so lautete das gängige Narrativ. Bashing, nennt sich das neudeutsch. Wer mitmachte, konnte sicher sein, ohne großes Nachdenken Beifall zu erhalten. 

Es trifft ja zu: Zahlreiche Hersteller haben ihre Motoren so manipuliert, dass diese nur im Test, nie aber auf der Straße die vereinbarten Grenzwerte erreichen. Ja, sie haben dabei Mittel eingesetzt, die sich im günstigsten Fall in einer Grauzone bewegten. Und ebenfalls ja, sie haben in beträchtlicher Borniertheit viel Vertrauen des Verbrauchers in ihre Unternehmen und der Welt in deutsche Technik beschädigt. 

Frappierend war allerdings, wie gleichgültig dabei Fakten waren. Lag das nur daran, dass die Wirtschaft ihren Kredit verspielt hatte? Oder schwang ein ideologisches Ziel mit? Eines, das den Kampf gegen das Großkapital und gegen individuelle motorisierte Mobilität mit der Aversion gegen einen konservativen Verkehrsminister zu einer unwiderstehlichen Mischung verband? So wäre jedenfalls manch sachfremder Einwurf erklärbar und etwa auch, wieso sich die Dieselgegner mit Leidenschaft an VW, BMW und Daimler abarbeiteten, nicht aber an den Franzosen mit ihren ebenfalls schlechten  Werten.

Ein Fahrradfahrer erzeugt beim Bremsen mehr Feinstaub als ein aktueller Diesel bei der Verbrennung. Das Problem ist gelöst. Eine Weltsensation eigentlich in Anbetracht der Jahre währenden Dramatik, sollte man meinen. Allein, es interessierte wenig.

Kaum jemand nahm den Durchbruch beim Ruß zur Kenntnis, beziehungsweise nur indirekt, indem im Mittelpunkt der Debatte plötzlich nicht mehr der Staub stand, sondern eine bis dahin wenig beachtete Stickstoffverbindung.

Ein unzutreffender Vorwurf

Auch dieses Problem lässt sich lösen, wie unabhängige Tests beweisen. Glauben wollte es zunächst kaum jemand. Stattdessen: Hohn. Unzutreffend auch der Vorwurf, die deutschen Hersteller hätten keine Strategie für die Elektromobilität. Sie haben Plattformen, mit denen in maximal skalierbarer Weise binnen weniger Jahre Elektroantriebe ausgerollt werden können. Sie haben Modelle vom kleinen Flitzer über das SUV bis zum Bulli in der Pipeline. 

Sie haben das alles, aber sie waren eben auch stolz auf ihren Diesel, mit dessen jüngster Generation sie ihr Meisterstück geliefert hatten: sparsam, sauber, stark, schnell. Nur eben inzwischen derart kompliziert, dass ihn kaum einer außer ihnen noch halbwegs wirtschaftlich bauen kann – und auch keiner mehr muss.

Volvo stieg nicht deshalb aus, weil der Diesel schlecht wäre. Sondern weil Elektro über das bessere Image bei deutlich weniger Aufwand verfügt – und weil die chinesische Mutter die Kompetenz hier bei sich sehen kann und nicht länger auf europäisches Know-how angewiesen ist. 

Auch die Amerikaner können sich plötzlich wieder als Autonation mit Zukunft fühlen, seit zahlungskräftige Influencer die rasante, ansatzlose Beschleunigung ihres Tesla preisen, auch wenn nach 100 Kilometern Reichweite Schluss sein kann mit dem Vergnügen. 

Eine gewisse Art der Ironie

Es birgt daher eine gewisse Ironie, dass ein moderner Diesel die Technologie auch als Krönung der Motorenkunst kaum retten wird. Zwar wird sein Ende bei Weitem langsamer kommen als manche behaupten. Dafür ist die Elektromobilität nicht weit genug. Dafür ist sie auch nicht gut genug.

Wer mit Stromkonzernen spricht, weiß außerdem, dass sie passen müssten, falls eine halbe Siedlung nach Feierabend ihre Autos ans Netz stöpseln würde. Eine Übergangszeit von 20, 30, vielleicht 40 Jahren mit verschiedenen Antrieben nebeneinander erscheint daher sinnvoll, ohne einen künstlichen Hype für Elektro, ohne ein irrationales Bashing des Diesel. 

Vielleicht gilt das Nebeneinander ja sogar dauerhaft. Zu denken wäre an eine Kombination mit Flüssiggas und Brennstoffzelle und einem bewussteren Konsum, denn auch die Unsitte, sich jede Ausstechform für die Weihnachtskekse per Paketbote nach Hause liefern zu lassen, hat ihren Anteil an der Komplexität eines Mobilitäts- und Schadstoffkonzepts für die Zukunft. Je weiter ein Solches voranschreitet, umso weniger Bedeutung kommt übrigens der verbleibenden und automatisch sauberer werdenden Dieselflotte zu. Wer weiß, vielleicht rettet sie das am Ende sogar. Denn ihre Motoren sind besser als ihr Ruf.

Burkhard Ewert, Stellv. Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (Michael Gründel)Burkhard Ewert, Stellv. Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung (Michael Gründel)Burkhard Ewert, geboren 1974 in Hamburg, ist der Stellvertretende Chefredakteur der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Für diesen und weitere NOZ-Medien-Titel verantwortet er neben der Arbeit am Newsdesk die politische und wirtschaftliche Berichterstattung und Kommentierung. Zuvor arbeitete er in verschiedenen Funktionen für das "Handelsblatt" in Düsseldorf und die "Ostsee-Zeitung" in Rostock. In Bielefeld studierte er Geschichte mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

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