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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin ungeheuerlicher Verdacht 21.07.2017

Diesel-SkandalEin ungeheuerlicher Verdacht

Dreist getrickst und ungeschoren davon gekommen: Zwei Jahre nach Bekanntwerden des Dieselskandals habe sich in Deutschland nichts verändert, kommentiert Gerhard Schröder. Sollten die Autobauer den Betrug tatsächlich gemeinsam geplant haben, zerstöre dies den Rest an Glaubwürdigkeit der einst strahlenden Branche.

Von Gerhard Schröder, Deutschlandradio Berlin

Das Wort Diesel steht an der Innenseite des Tankdeckels eines Dieselautos. (dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
Manipulierte Diesel-Werte: Haben die Autokonzerne den Betrug gemeinsam umgesetzt? (dpa / Karl-Josef Hildenbrand)
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Halleluja, ich geb einen aus. Dieser Stoßseufzer der Erleichterung entfuhr einem VW-Manager vor einigen Monaten, in einer Email an einen Kollegen. Das Kraftfahrtbundesamt hatte gerade das Softwareupdate für die zweieinhalb Millionen manipulierten VW-Dieselfahrzeuge genehmigt. Der VW-Mann konnte sein Glück kaum fassen, denn es war klar, dass die Fahrzeuge auch künftig nicht viel sauberer sein würden. VW selbst gab als Zielwert eine Überschreitung des zulässigen Stickoxid-Grenzwerts um das drei bis fünffache an. Die Flensburger Behörde fand das in Ordnung. Kein Wunder, dass in Wolfsburg die Sektkorken knallten.

Blamable Bilanz: Konsequenzen gab es keine

Was für eine blamable Bilanz: Zwei Jahre nach Bekanntwerden des Dieselskandals hat sich fast nichts verändert in Deutschland. Während VW in den USA über 20 Milliarden Euro an Strafen und Entschädigungen für den Abgasbetrug bezahlen musste und die manipulierten Fahrzeuge stillgelegt wurden, sind die Dieselfahrzeuge in Deutschland nach wie vor nur im Prüflabor sauber, nicht aber auf der Straße. Konsequenzen: Keine, wenn man von dem weitgehend wirkungslosen Softwareupdate absieht, das Verkehrsminister Alexander Dobrindt dem VW-Konzern abnötigte. Und die anderen Konzerne, die nicht weniger dreist getrickst und betrogen haben wie VW: Die kommen gänzlich ungeschoren davon.

Kein Wunder also, dass der EU-Kommission jetzt mal wieder der Kragen geplatzt ist. Und die 28 Mitgliedsstaaten in einem Brandbrief zur Ordnung gerufen werden. Bis Ende des Jahres muss nachgerüstet werden, sonst müssen dreckige Dieselautos stillgelegt werden. Das klingt gut, wird aber vermutlich trotzdem ziemlich folgenlos bleiben. Genauso wie die Vertragsverletzungsverfahren, die die EU-Kommission nicht nur gegen Deutschland angestrengt hat. Thema: Die lasche Haltung Deutschlands und seiner Nachbarn im Dieselskandal.

Seit über 20 Jahren geheime Absprachen?

Dabei geht es nicht um Bagatelldelikte. Nach Berechnungen der Europäischen Umweltbehörde sterben jedes Jahr über 10.000 Menschen in Deutschland an den Folgen überhöhter Stickoxidemissionen. Verantwortlich dafür sind die Autokonzerne, die seit Jahren Autos auf den Markt bringen, die nur im Prüflabor sauber sind, nicht aber auf den Straßen.

Das gilt für alle Hersteller, nicht nur VW. Alle haben viel Energie in die Entwicklung von Softwareprogrammen gesteckt, mit denen die Abgasreinigung manipuliert werden kann. VW hat das in den USA zugeben müssen, inzwischen ermitteln Staatsanwälte aber auch gegen andere Hersteller, Audi und Porsche, Mercedes und Fiat, Renault und Peugeot. Alle haben getrickst. Möglicherweise sogar seit über 20 Jahren in enger Absprache, in einem geheimen Kartell. Das will das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erfahren haben. Der massenhafte Abgasbetrug als konzertierte Aktion, gemeinsam geplant, gemeinsam umgesetzt. Ein ungeheuerlicher Verdacht, der die Dieselabgasaffäre auf eine neue Stufe hebt. Und das Zeug hat, den Rest an Glaubwürdigkeit einer einst strahlenden Branche zu zerstören.

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