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StartseiteKultur heute"Dieser Roman ist ganz klar eine Satire auf den Faschismus"13.02.2012

"Dieser Roman ist ganz klar eine Satire auf den Faschismus"

"Spiegel" sieht rechtes Gedankengut in Krachts Roman "Imperium"

Der Roman "Imperium" sei eine Satire auf das deutsche Großmannsstreben, sagt Literaturkritiker Denis Scheck. Christian Kracht daraus einen "politischen Strick zu drehen", ginge nur, wenn man komplett von allen guten Geistern verlassen sei.

Denis Scheck im Gespräch mit Karin Fischer

Der Literaturkritiker Denis Scheck (picture alliance / dpa)
Der Literaturkritiker Denis Scheck (picture alliance / dpa)

Karin Fischer: Der Autor Christian Kracht soll eine Stellvertreter- und Aussteigersaga über Hitler geschrieben, ein arisches Arkadien in der Südsee erdacht haben. Das Urteil von Georg Diez im "Spiegel" gipfelt in dem Satz: "Wenn man genau hinschaut, ist "Imperium" von Anfang an durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht." Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat heute in einer Pressemitteilung dagegen protestiert, ein neuer Literaturstreit steht also ins Haus, und für uns hat genau hingeschaut Denis Scheck, Literaturredakteur des Deutschlandfunks. Herr Scheck, was lesen Sie aus diesem Roman heraus?

Denis Scheck: Ja, Frau Fischer, ich habe etwas sehr Gutes und etwas sehr Dummes und Albernes gelesen. Das sehr Gute ist der Roman von Christian Kracht "Imperium". Das ist ein großer Literaturspaß, ein Literaturjux, unter anderem eine Wiederbegegnung mit einigen Figuren aus Hugo Pratts Comicserie "Corto Maltese", eine Satire auf das Pickelhauben-Deutschland, auf Kokovoren - die gab es wirklich -, ein Aussteiger, der sich ausschließlich von Kokosnüssen ernähren wollte, überhaupt eine Satire auf den ja grassierenden Ernährungswahn - denken wir an Safran Foer, denken wir an Karen Duve - den Trend zum Vegetarismus, die Gottsucher mit Messer und Gabel in der Hand. Das ist das eine und das andere ist eben die Reaktion, eine ja auf Vernichtung angelegte, angebliche Literaturkritik von - das ist die Pointe - einem anderen Kiepenheuer & Witsch-Autor, nämlich Georg Diez, man kennt ihn von "Der Tod meiner Mutter" - Georg Diez, der abrechnet mit der Methode Christian Kracht und diesem Autor das Totschlagargument, den Prügel um den Knüppel haut, mit dem man in Deutschland eben andere Autoren fertigzumachen beliebt, indem man ihn einen Rassisten nennt, indem man ihm eine Nähe zum Faschismus unterstellt. Wohl gemerkt: Der Roman "Imperium" ist durchdrungen von einer satirischen Grundhaltung. Es ist die Frage, ob man noch einmal heute im 21. Jahrhundert so erzählen kann wie Robert Louis Stevenson, wie Jack London, wie Hermann Hesse, die übrigens alle auch im Roman vorkommen, oder ob das nicht mehr geht. Es ist durchdrungen von Ironie, aber die Abrechnung heute im "Spiegel", die hat im Grunde ja auch kaum etwas mit diesem Roman zu tun, sondern muss sich auf entlegene E-Mail-Korrespondenzen des Autors beziehen ...

Fischer: ... die es tatsächlich gibt mit David Woodard, der hier angeführt wird. Kracht und er haben ja 2007 schon ein gemeinsames Interview gegeben und lustigerweise darauf eben solche Reaktionen bekommen, nämlich eine Annäherung an Positionen der Neuen Rechten. Ganz neu ist das Thema also nicht mit Christian Kracht.

Scheck: Nein. Da Christian Kracht aus vermögendem Hause kommt und man das in Deutschland auch sehr gerne sehr übel nimmt, hat man immer versucht, ihm eine Nähe zum rechten Denken zu konstruieren. Ich habe überhaupt keine Ahnung, ob Christian Kracht persönlich nun eher links oder rechts sein Wahlkreuz macht oder überhaupt wählen geht. Das ist mir auch schnurzpiepegal. Für mich zählt zunächst mal einfach das Ästhetische, die Hervorbringung des Romans "Imperium", und dieser Roman ist ganz klar eine Satire auf Faschismus, auf Antisemitismus, auf imperiale Weltreichgehabe, auf das heraufziehende amerikanische Imperium - das ist der Schluss des Romans: Der Held wird mit einem Hotdog und mit Ketchup traktiert, das ist sein Fall vom Kokovoren-Glauben, wenn man das so nennen kann - und es ist eine Satire auf das deutsche Großmannsstreben. Daraus dem Autor einen politischen Strick zu drehen, das geht nun wirklich nur, wenn man komplett von allen guten Geistern verlassen ist und beim "Spiegel" arbeitet.

Fischer: Thema verfehlt. - Vielen Dank ,Denis Scheck, für die Aufklärung über Christian Krachts Roman "Imperium".

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