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Dieter Gerten über WasserKnapp und kostbar

Ohne Wasser wäre die Erde tot. Trotzdem wird diese Ressource weltweit verschwendet und verschmutzt. Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung plädiert in seinem Buch für ein neues Wasserethos.

Von Dagmar Röhrlich

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Hochspringender Tropfen (imago)
Dieter Gerten schlägt vor, dass wir unsere persönliche Einstellung zum Wasser überdenken und diese lebensnotwendige Ressource nicht mehr für selbstverständlich nehmen. (imago)
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2005 entdeckten Archäologen bei Ausgrabungen in der jordanischen Wüste eine Zisterne und einen kleinen Damm. Nomaden hatten beides errichtet, wohl um in diesem Wadi Getreide anzubauen, wenn sie ihre Tierherden dort hüteten. Und zwar vor 9.500 Jahren.

Dazu schreibt Dieter Gerten: "Dies markiert den Beginn eines bis heute fortlebenden überwältigenden Erfindungsreichtums des Menschen, sich von seiner direkten Abhängigkeit von lokalen Quellen zu emanzipieren, vorhandene Wasserressourcen immer konstruktiver zu bewirtschaften und sie aus immer ferneren Gegend heranzuziehen."

Ein Erfindungsreichtum, der seit dem 20. Jahrhundert in gigantischen Bewässerungs- und Staudammprojekten ungeahnte Dimensionen angenommen hat. Mittlerweile wird rund ein Viertel des in Flüssen transportierten Wassers zeitweise aufgestaut, schreibt Autor Dieter Gerten, Professor für Klimasystem und Wasserhaushalt.

Wasser lässt sich nicht vermehren

Ein Ende dieses Trends ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: "Unterdessen schreitet vor allem in Asien die Planung für weitreichende Umleitungen von Flüssen voran. Diese Megaprojekte stellen selbst die größten historischen Konstruktionen dieser Art in den Schatten."

Das Ingenieurs- und Machbarkeitsdenken ist ungebrochen. Statt sparsam und effizient mit der Ressource Wasser umzugehen, wird einfach mehr herangeschafft.

Der Mensch mache sich nicht klar, dass es auch in Zukunft keinen einzigen zusätzlichen Wassertropfen auf der Erde geben werde, beschreibt Dieter Gerten: "Es fällt halt auf, dass so eine Art Entkopplung zwischen Menschen und Wasserhaushalt stattzufinden scheint, also man gar nicht mehr sich bewusst ist, wie elementar Wasser ist und wie man es eigentlich nachhaltig nutzen müsste."

Globale Wasserkrise

Dabei sind die Probleme längst offensichtlich. So leben heute zwei Milliarden Menschen in Gebieten, in denen Wassermangel herrscht. Dieses Problem wird sich durch den Klimawandel verschärfen. Dann sind da noch die Gewässerökosysteme selbst: Sie sind vielerorts stark geschädigt und verschmutzt - auch in Deutschland.

Gerten schreibt: "In vielen Gebieten ist der "ökologische Peak" schon überschritten, also der Punkt, an dem (es) (...) zu einer schwerwiegenden und gegebenenfalls unumkehrbaren Schädigung der Ökosysteme in und an den betroffenen Gewässern (gekommen ist). Dieses Phänomen manifestiert sich beispielsweise darin, dass seit 1900 die Hälfte aller Feuchtgebiete der Erde verschwunden sind und dass die Biodiversität in Binnengewässern seit 1970 um die Hälfte zurückgegangen ist."

Die Menschheit steuert auf eine globale Wasserkrise zu. Eine Krise, die durch einen Paradigmenwechsel vermeidbar wäre: Unter anderem, so schlägt Dieter Gerten vor, indem Politiker und Planer nicht immer größer denken, sondern kleinräumige, an die lokalen Gegebenheiten und die Traditionen der jeweiligen Gesellschaft angepasste Verfahren fördern. Ideen, wie das vorhandene Wasser effizient genutzt werden kann, ohne Landschaft und Ökosysteme zu zerstören:

"Also das ist was, was ja in früheren Kulturen oft ohnehin getan wurde und jetzt teilweise auch wieder entdeckt wird. Also quasi das Denken umkehren: nicht schauen, ich brauche so und so viel Wasser, wo bekomme ich es her? Sondern wie viel Wasser ist da und was kann ich damit letztlich erreichen."

Nachhaltiger Wasserhandel

Damit dieser Paradigmenwechsel gelingt, braucht es Bewusstsein. Unter anderem um den globalen Wasserhandel - etwa in Form der berühmten Erdbeeren, die in Trockengebieten produziert und in wasserreiche exportiert werden. Die Frage ist:

"Lässt sich der virtuelle Wasserhandel optimieren, so dass wasserarme Regionen in Zukunft vermehrt wasserintensive Produkte importieren können und das Wasser global (...) sparsamer genutzt wird?"

Denn in einem Kilogramm Weizen aus den Niederlanden stecken 619 Liter Wasser - kommt das Getreide aus Italien, sind es 2421 Liter.

Wird die Lebensmittelproduktion mit Blick auf den Wasserverbrauch optimiert, ließe sich der Wasserfußabdruck der Menschheit verringern und mehr mit dem produzieren, was da ist. Dieter Gerten: "Es gibt sehr viele Dinge, die man letztlich tun kann, die teilweise in der Schublade liegen oder am politischen Willen letztendlich scheitern, das konsequent umzusetzen."

Das lesenswerte Buch von Dieter Gerten gibt Denkanstöße und eröffnet dem Leser neue Perspektiven. Dabei beschreibt der Autor nicht nur die naturwissenschaftlich-technische Sichtweise des Wasserproblems, sondern er widmet sich auch der gesellschaftlichen, die nicht minder wichtig ist.

Und so schlägt Gerten ein neues Wasserethos vor: dass wir unsere persönliche Einstellung zum Wasser überdenken und diese lebensnotwendige Ressource nicht mehr für selbstverständlich nehmen.

Dieter Gerten: Wasser. Knappheit, Klimawandel, Welternährung
C.H. Beck, 207 Seiten, 14,95 Euro

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