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Diffuse Abgrenzung

Wissenschaftler schlägt Neudefinition des schwankenden Artbegriffs vor

Von Kristin Raabe

Auch unter Affen gerät der Artbegriff ins Schwimmen.
Auch unter Affen gerät der Artbegriff ins Schwimmen. (AP)

Biologie. - Die Systematik, die Einteilung der belebten Welt in Arten, Gattungen, Klassen oder Reiche hat unbestritten ihre Verdienste bei der Erfassung von Tier und Pflanze. Doch in dem auf den schwedischen Naturforscher Carl von Linné zurückgehenden System gibt es einige Widersprüche, etwa die Definition des Artbegriffs. Je genauer die Biologen die Organismen untersuchen können, desto schwammiger wird er. Ein australischer Wissenschaftler schlägt jetzt eine alternative Definition vor, die der Aufweichung des Artbegriffes begegnen könnte.

Das Maultier ist die berühmte Ausnahme. So haben die meisten von uns das jedenfalls noch in der Schule gelernt. Pferd und Esel gehören zu zwei verschiedenen Arten, und zwischen zwei Arten kommt es nicht zur Paarung, eine Mischung der Arten ist biologisch gesehen nicht möglich. Das Maultier ist eben die Ausnahme, die wie so oft in der Biologie die Regel bestätigt, aber es ist immerhin selbst nicht fortpflanzungsfähig. Mischlinge zweier Arten können selbst keine Nachkommen zeugen. Echte Biologen lächeln nur, über diese Definition des biologischen Artbegriffs. Sie können in der Regel noch etliche weitere Ausnahmen aufzählen. Und nicht immer ist der Nachwuchs so steril wie das Maultier. Erst kürzlich wurde ein besonders spannender Fall in Zentralafrika bekannt. Colin Groves von der Australischen National Universität von Canberra.

"Es gibt da ein sehr dramatisches Beispiel für eine Vermischung zwischen zwei Arten von Affen aus der Gattung der Meerkatzen. Bei der Weißnasenmeerkatze und der Diademmeerkatze sind die Verbreitungsgebiete über weite Teile Zentralafrikas praktisch identisch. Beinah überall pflanzen diese beiden Affenarten sich völlig getrennt voneinander fort. Lediglich in einem östlich gelegenen Zipfel ihres Verbreitungsgebietes finden wir Mischlinge, Hybride beider Arten. Auffällig ist, dass dort jeweils eine Art dominiert und die andere extrem selten ist. Affen der seltenen Art versuchen vermutlich zunächst einen Paarungspartner aus der eigenen Art zu finden, wenn das nicht gelingt, entscheiden sie sich eben für die andere Art. Für sie ist das die zweitbeste Wahl."

Es gibt sogar Gebiete, in denen die hybriden Affen inzwischen überwiegen. Denkbar ist, dass sie innerhalb der nächsten Jahrtausende eine neue Art bilden werden. Das hat im übrigen keinen Einfluss auf den Fortbestand der beiden Ursprungsarten. Die leben in dem größten Teil ihres gemeinsamen Verbreitungsgebietes weiterhin friedlich nebeneinander her und machen dort keinerlei Anstalten zu einer zwischenartlichen Paarung. Und trotzdem belegen die vielen hybriden Affen, dass der gängige biologische Artbegriff nicht mehr funktioniert. Den Unterschied zwischen zwei Arten suchten Wissenschaftler in den letzten Jahrzehnten vor allem in den Genen. Aber auch das ist keine Lösung für das Dilemma der Biologen. Groves:

"Wenn man aber versucht, die Menge der genetischen Unterschiede zwischen zwei Arten festzulegen, bekommt man ein Problem. Es gibt nämlich einige Beispiele von Arten, und es handelt sich unbestreitbar um getrennte Arten, bei denen kaum genetische Unterschiede nachweisbar sind. Drei Arten von Buntbarschen beispielsweise, die in Afrika im Tanganjika See, im Victoria See und im Malawi-See vorkommen beispielsweise. Diese Arten sind durch geographische Isolation erst in den letzten 100 Jahren entstanden. Es gibt eine Reihe von morphologischen Merkmalen, zum Beispiel die Zeichnung ihrer Schuppen, durch die man sie unterscheiden kann. Bei den üblichen genetischen Analysen finden sich aber so gut wie keine Unterschiede."

Anscheinend macht das Tierreich, den Forschern doch immer wieder einen Strich durch die Rechnung, indem es mit Beispielen antritt, auf die ihr Konzept vom Artbegriff nicht passt. Zum Glück hat Colin Groves eine Alternative, die bislang noch jedem findigen Schachzug der Evolution gewachsen war. Beim sogenannten phylogenetischen Artkonzept können Forscher Merkmale aus der Molekularbiologe, der klassischen Morphologie oder auch der Physiologie nutzen, um zwei verschiedene Arten voneinander zu unterscheiden. Groves:

"Man kann einfach jedes Merkmal verwenden, das auch erblich ist. Es muss lediglich zu 100 Prozent sicher vererbt werden. Das kann eine bekannte DNS-Sequenz sein, genauso wie die Fellfarbe, die Form des Schädels oder ein Bluteiweiß. Das Merkmal muss lediglich bei allen Individuen, der zu unterscheidenden Art vorhanden sein. Aber einfach jedes erbliche Merkmal ist geeignet."

Bis das phylogenetische Artkonzept Eingang in den Biologieunterricht nimmt, wird es allerdings noch einige Jahre dauern. Und bis dahin, muss das berühmte Maultier als Ausnahme von der Regel herhalten.

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