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StartseiteComputer und KommunikationDigitale Freihandelszone28.05.2005

Digitale Freihandelszone

Internettauschbörsen als Chancen für die Wissensgesellschaft

<strong>Während sich die Medienindustrie bislang im Kampf gegen Peer-to-Peer-Tauschnetze aufreibt, wurde eine wichtige Eigenschaft der neuen Tauschnetze bisher kaum beachtet: Entstehen hier möglicherweise die Bibliotheken des 21. Jahrhunderts?</strong>

Von Tarik Ahmia

Sind Internettauschbörsen die zukünftigen Archive der Welt? (Bittorrent.com)
Sind Internettauschbörsen die zukünftigen Archive der Welt? (Bittorrent.com)

Während unter dem Druck leerer Kassen immer mehr öffentliche Bibliotheken ihr Angebot einschränken oder geschlossen werden, hat sich im Internet ein kostenloses Verteilungssystem für den Bezug von Büchern, Musik und Filmen etabliert: Über Tauschnetze verbreiten Millionen von Internet Nutzern Medieninhalte jeder Art. Ähnlich wie bei einem Bibliotheks-Katalog reicht die Eingabe des gewünschten Titels, um nach einem Medium zu suchen. Das Suchergebnis der Tauschbörse unterscheidet sich von der Bibliothek jedoch in einem wichtigen Punkt: Tauschbörsen zeigen nicht nur die Signatur eines Titels an, sondern sie liefern einen direkten Link auf das vollständige gesuchte Medium. Ein Mausklick genügt, um eine digitale Kopie des Werkes auf die Festplatte des heimischen Computers herunter zu laden.

Wie in einer echten Bibliothek steht im Tauschnetz ein riesiger Bestand an – in diesem Fall digitalisierten - Werken auf Abruf zur Verfügung. Die Kernaufgaben klassischer Bibliotheken werden die virtuellen Ableger jedoch nicht gefährden, glaubt Dr. Gabriele Beger. Sie beschäftigt sich im Dachverband der deutschen Bibliotheken mit Zukunftsfragen.

"Umso mehr Content Anbieter alles ins Netz stellen, umso weniger wird man finden. Nichts ist so flüchtig wie Netzpublikationen. Wenn Sie die Aufgaben der Bibliotheken sehen, dann ist es, Wissen dauerhaft zu behalten. Eine Bibliothek hat mehr Aufgaben als die weltweite Informationsvermittlung - sie ist auch Kulturzentrum, sie ist Kommunikationszentrum, sie hat Archivierungspflichten."

Wenn Internet-Tauschnetze die klassische Bibliothek schon nicht ersetzen, so können sie den Bibliotheken in Zukunft als wirkungsvolles Instrument für die Verbreitung von Informationen dienen. Mit Tauschnetzen lassen sich digitale Medien ohne Qualitätsverlust unbegrenzt reproduzieren und weltweit kostengünstig verteilen. Das Konzept erfreut sich regen Zuspruchs. In den Stoßzeiten verursachen Tauschnetze schon jetzt bis zu 80 Prozent des gesamten Datenverkehrs im Internet. Um die Rechte der Urheber scheren sich viele dabei kaum.

Dieses Problem bereitet der Medienindustrie seit Jahren Kopfzerbrechen. Mit Sammelklagen und immer ausgefeilteren Kopierschutztechniken versuchen die Medienkonzerne, Internet Nutzer davon abzuhalten, Musik und Kinofilme über Tauschnetze zu verbreiten. Ein Kampf gegen Windmühlen, findet Dr. Volker Grassmuck, Forscher an der Humboldt Universität in Berlin und Sprecher der Initiative "privatkopie.net":

"Es wird deutlich, dass wir es mit einer hochgradig paranoiden Angelegenheit zu tun haben. Wenn man mit solchen Sicherungssystemen erstmal anfängt, dann ist deutlich, dass es hier keine Lücken geben darf, sonst ist die gesamte Infrastruktur hinfällig, dann kann man sich den ganzen Aufwand und die Kosten eigentlich gleich sparen."

Damit die Internet-Tauschbörsen ihren Nutzen als globaler, virtueller Wissensspeicher entfalten, ist es wichtig, einen gesetzlichen Rahmen für die Tauschnetze zu finden. In dem Ringen darum vertreten Verbraucher und Medienindustrie bislang kaum miteinander vereinbare Standpunkte. Die Medienindustrie setzt auf komplexe Kopierschutzverfahren, dem so genannten "Digital Rights Management", und drängt den Gesetzgeber, das Recht auf Privatkopie abzuschaffen. Einen Teilsieg konnte sie mit der Urheberrechtsnovelle verbuchen, die das Umgehen des Kopierschutzes unter Strafe stellt. Verbrauchervertreter halten dagegen, dass der Bundesgerichtshof seit 40 Jahren immer wieder das Recht auf die Privatkopie betont. Für die beste Lösung halten die Verbraucherschützer, die Medienindustrie mit einer pauschalen Abgabe für ihre Urheberrechte zu entschädigen. Volker Grassmuck hält das Modell einer "Kultur-Flatrate" für überzeugend, das der Harvard Professor William Fisher entwickelt hat:

"William Fisher hat ausgerechnet, wie viel es kosten würde, wenn man die von der Filmindustrie behaupteten Verluste wettmachen wollte und er ist bei einer Umlage auf Breitbandzugänge auf einen Betrag von etwa fünf US-Dollar pro Monat gekommen."

Die Musik-, Film- und Computerindustrie lehnt jedoch die Kultur-Flatrate ab. Volker Grassmuck erwartet, dass die Medienindustrie auf immer restriktivere, in der Computerhardware verankerte Kopierschutztechniken setzt, mit denen sie das Internet in ein kontrolliertes Warenvertriebssystem verwandeln will.

"Man kann die DRM-Vision zum Äußersten treiben. Dann haben wir einen anderen PC und ein anderes Internet. Das werden geschlossene Systeme sein. Das ganze Potenzial, was aus der Verknüpfung von Millionen denkenden Menschen, die Interessen haben, die miteinander kooperieren, die Dinge schaffen - dieses Potenzial würde zunichte gemacht. Und ich glaube: wir müssen nur verhindern, dass es kaputt gemacht wird."

Der Ausgang dieses Ringens zwischen Medienindustrie und Nutzern ist noch offen. Die technischen und ökonomischen Vorteile von Internet-Tauschnetzen führen auch bei den Medienproduzenten zu einem Umdenken. Die britische BBC kündigte an, ihre Fernsehprogramme über Tauschnetzwerke zu verbreiten. Auch T-Online wird ein legales Tauschnetzwerk für Musik einführen. Chancen als virtuelle Bibliothek für die Welt haben Internet-Tauschnetze aber nur, wenn die rigiden Kontroll-Pläne der Medienindustrie verhindert werden und ein solider rechtlicher Rahmen für legale Internet-Tauschbörsen gefunden wird.

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