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StartseiteKultur heuteUniformisierung statt individueller Freiheit11.07.2015

Digitale MedienUniformisierung statt individueller Freiheit

Die digitalen Medien haben nicht nur unsere Kommunikation stark verändert. Auch unser Wertesystem sei beeinflusst, sagte Ulrike Ackermann vom John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung in Heidelberg im DLF. Partizipation und Transparenz seien heute vielen Menschen wichtiger als die individuelle Freiheit.

Ulrike Ackermann im Gespräch mit Katja Lückert

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Katja Lückert: Gestern wurde Angela Merkel von einem jungen Mann interviewt, der unter dem Namen Lefloid firmiert und der einen eigenen Kanal auf YouTube betreibt und dort viele Menschen erreicht. Eine ganz neue Form des traditionellen Sommerinterviews, das LeFloid übermorgen seinen Zuschauern zur Verfügung stellen wird und über das in den herkömmlichen Medien schon viele gemunkelt wurde: Ist die Kanzlerin da geschickt beraten worden, sich auch einmal in der digitalen Welt bekannt zu machen?

Das John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung in Heidelberg erforscht seit einigen Jahren die Möglichkeiten und Folgen der digitalen Revolution und hat die Ergebnisse dieser Forschungen nun veröffentlicht. Das Vorwort zu diesem daraus entstandenen Buch stammt von der Leiterin des Instituts, Ulrike Ackermann, und sie beschreibt darin sehr anschaulich, wie sich der öffentliche Raum verändert hat, nicht zuletzt durch die permanent nach unten schauenden Passanten, die sich mit ihrem Smartphone gleichzeitig in einer realen, aber auch in einer virtuellen Welt befinden.

Auf die Frage, wie sie heute den Weg ins Studio gefunden habe, per Smartphone und Wayfinding, sagte Frau Ackermann:

Ulrike Ackermann: Nein, ich schaue mir Straßenschilder an, ich schaue auf die Straße und bin mit dem Fahrrad zum Studio gefahren.

Lückert: Es gibt ja viele Aspekte des Internets, die alle ganz eigenen Gesetzen folgen und auch andere Öffentlichkeiten ansprechen. Wie beantworten Sie eine Ihrer selbstgestellten Fragen heute? Bringt nun die digitale Revolution einen Zugewinn an Freiheit, oder werden Handlungsoptionen durch sie weniger?

Ackermann: Das ist eine sehr komplexe Frage, die das Problem auch sehr komplex gleichfasst.
Natürlich haben wir einen Zugewinn an Freiräumen, aber wir müssen Obacht geben, dass die Freiheiten, die wir in der analogen Zeit gewonnen haben, uns nicht verlustig gehen. Mit dem Internet sind neue Werte stärker geworden, nämlich der Wert der Partizipation, der Wert der Transparenz, und das wiederum hat Folgen, wie man sich darstellt, wie man kommuniziert und so weiter und so fort, und man kann die Neigung ganz stark jetzt inzwischen ausmachen, dass dieses Moment der Partizipation und alles allen zeigen zu wollen auch zu Uniformisierungstendenzen, zu neuen Vergemeinschaftungsprozessen führt und damit auch der Konformitätsdruck steigt und wächst.

"Eine Art Babyfone für Erwachsene"

Lückert: Es ist ja schwierig, diesen Wandel der Kommunikationsgewohnheiten erst mal zu beschreiben, denke ich, weil es ja auch so viele verschiedene Bereiche umfasst. Von welchen ist in Ihrem Buch die Rede?

Ackermann: Ganz unterschiedlich. Wie gehen die Leute durch die Stadt? Beispielsweise der personalisierte Stadtplan ist eine neue Form, wie man sich durch eine fremde Stadt lenken lässt. Früher hat man durchaus dieses Fremde, Unbekannte geschätzt, aber mit den personalisierten Stadtplänen orientiert man sich an Vertrautem, an Orten, die Freunde schon besucht haben, und ist permanent auch dabei, allen immer mitzuteilen, wo man sich gerade befindet, eine Art Babyfone für Erwachsene, wenn man es etwas bösartig ausdrücken möchte. Die Menschen bewegen sich im öffentlichen Raum anders als früher und kommunizieren ...

Lückert: Ich will Ihnen fast widersprechen. Stimmt das, denn im Grunde hat man doch immer auch Tipps von anderen gekriegt und die haben gesagt, da an der Ecke findest Du das und so und da ist das Restaurant. Ist das wirklich so? Manchmal ist es doch eigentlich vielleicht nur so, dass sich das ins Digitale gewandelt hat, aber eigentlich nur ein Abbild von dem Realen auch bildet.

Ackermann: Aber wenn das die erste Stadterfahrung überhaupt ist, die Fremde zu erfahren durch vertraute Rahmungen, ist das eine andere Stadterfahrung, als in die Anonymität hineinzugehen, nach allen Seiten offen zu sein und völlig neue Wege zu gehen.

Aufheizen des öffentlichen Raumes

Lückert: Ein anderes Thema wäre Facebook, Xing, LinkedIn, unzählige soziale Netzwerke. Ein Beitrag widmet sich der Veränderung des Kommunikationsstils und stellt fest, dass die private Kommunikation abkühle und die öffentliche sich erhitze. Wie ist das zu verstehen?

Ackermann: Diese Aufteilung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und diesen Kommunikationssphären ist dabei, sich völlig zu durchdringen gegenseitig. Das ist das eine.

Das andere ist, dass die private Kommunikation früher eher die emotionale Kommunikation war, die vertraute, die vertrauensvolle, Nähe stiftende und so weiter und so fort, während die öffentliche Kommunikation und Öffentlichkeit selber eher durch Vernunft, durch Distanz und so weiter ausgezeichnet war. Das kehrt sich um, dieses Verhältnis. Wenn Sie sich die allgegenwärtigen Shitstorms angucken, Empörungswellen nach Empörungswellen, ist das ein regelrechtes Aufheizen des öffentlichen Raums und des Diskurses, während in der privaten Kommunikation durchaus zu beobachten ist, dass man distanzierter miteinander umgeht.

Was wir beobachten können in unserer Arbeit, wenn man sich anschaut, wie sich Mentalitäten verändern im Zuge der digitalen Revolution, ist, dass offensichtlich der Wunsch nach sozialer Kontrolle durchaus zunimmt. Das ist zum Teil offen und zum Teil verdeckt. Die Weise, wie man sich selbst preisgibt zugunsten von Sicherheit, zugunsten von Komfort, zugunsten von Vorsorge, zugunsten von Risikoabwehr, das ist sehr, sehr stark ausgeprägt und als Wert und als Werte scheint das wichtiger geworden zu sein als die Freiheit, hat man manchmal den Eindruck.

Lückert: Ulrike Ackermann über die Folgen der digitalen Revolution.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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