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StartseiteCampus & Karriere"Teure Geräte sind gar nicht nötig"04.12.2014

Digitale Schulbildung"Teure Geräte sind gar nicht nötig"

Deutsche Schüler hinken bei den Computerkenntnissen hinterher - den Lernsoftware-Entwickler Thomas Pilz überrascht das nicht. Seiner Ansicht nach liegt es nicht an fehlendem Geld, sondern am fehlenden Entscheidungswillen. Im Deutschlandfunk fordert Pilz daher mehr Engagement und Mut bei Politik und Bildungsträgern.

Thomas Pilz im Gespräch mit Jörg Biesler

Schüler Rüsselsheim Gymnasium 7. Klasse Tablet-PCs Tablet Tablet-PC Internet Internetzugang Unterricht Klasse mobil mobiler Computer (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Ein Tablet-PC für 100 Euro reicht aus. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Weiterführende Information

Bildung - Das Schulbuch als Forschungsobjekt
(Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 27.11.2014)

Jörg Biesler: Der Umgang mit elektronischen Geräten wird für heutige Schüler in ein paar Jahren zum Alltag werden, wenn sie nämlich in den Beruf eintreten oder ein Studium beginnen. In den Schulen aber gibt es kaum elektronische Geräte, außer vielleicht zum Spielen die mitgebrachten, und es gibt auch kaum Unterricht zum Thema. Deutsche Schüler stehen im internationalen Vergleich bei den Computerkenntnissen ziemlich schlecht da, wie gerade eine Studie gezeigt hat. Wir haben darüber letzten Samstag in unserer Sendung "PISAplus" diskutiert.

Gerade läuft in Berlin die Online Educa, eine Messe fürs digitale Lernen. Thomas Pilz entwickelt Konzepte fürs digitale Lernen. Herr Pilz, zunächst mal zu den Ursachen. Beschäftigen sich deutsche Schulen zu wenig mit Digitalem?

Thomas Pilz: Aus unserer Sicht ist das so. Wir haben viele Schulen besucht und wir haben mit vielen Lehrern gesprochen. Es gibt kaum vernünftige technische Ausstattung. Wenn überhaupt, dann gibt es einen Computerraum mit älteren Geräten, aber da muss sich die ganze Schule in irgendeiner Form arrangieren, dass Schüler überhaupt an ein Gerät kommen. Der begleitende Unterricht mit digitalen Geräten ist so im Moment nicht möglich und Software-Lösungen, die vernünftiges, wie man es nennt, Blended Learning, also praktische Präsenzphase in der Schule und online digital Lernen zuhause ermöglichen, ist nicht möglich.

"Die Geräte spielen eigentlich gar keine Rolle"

Biesler: Sie haben gesagt, wie es in den Schulen aussieht. Meistens haben die nur einen Computer oder vielleicht ein paar. Jedenfalls sind die nicht professionell ausgestattet, sodass man damit vernünftig arbeiten könnte. Die Kosten sind ja doch meistens das Argument dafür. Familien sind vielleicht ausgestattet, aber doch sehr unterschiedlich. Da ist dann auch wieder die Frage, wer bringt welches Gerät mit, wenn die das selber mitbringen. Und die Kommunen beziehungsweise die Länder sagen auch, wir haben nicht das Geld, um jedem Schüler ein Notebook oder einen Tablet zur Verfügung zu stellen. Von der ganzen Vernetzung, die notwendig ist, jetzt mal abgesehen. Ist das für Sie ein tragendes Argument, die Kosten?

Pilz: Nein, überhaupt kein tragendes Argument. Die Geräte spielen eigentlich gar keine Rolle. Wenn sich eine Schule oder ein Bundesland - in Deutschland mit 16 Bundesländern gibt es natürlich auch 16 unterschiedliche Lösungen - darauf verständigt zu sagen, wir benutzen system- und ortsunabhängige Systeme, sprich eine Software, die von wo auch immer benutzt werden kann und mit was auch immer für einem Gerät, dann kann jedes Gerät, was internetfähig ist, benutzt werden. Teure Geräte sind gar nicht nötig. Sie können mit jedem Gerät eine ordentliche Schul-Software und Lernumgebung benutzen, und dann ist das Kostenthema, was die Endgeräte angeht, überhaupt kein Thema mehr, weil solche Tablets zum Beispiel bekommen Sie für einen Hunderter.

Biesler: Das zweite Thema, was der ganzen Sache häufig im Wege steht, ist, dass die Schulen mit dem Betrieb dieser wenigen Computer, die sie haben, ohnehin schon überfordert sind. Das macht meist irgendein Physiklehrer nebenbei. Braucht man für so eine Lösung wie die, die Sie vorschlagen - Sie sind ja auch Entwickler, Sie sind ja natürlich auch eigennützig unterwegs, Sie haben ein Interesse daran, Ihre Programme, Ihre Software auch zu verkaufen -, braucht man dafür dann einen eigenen IT-Experten, oder kann das der Physiklehrer nebenher machen?

Pilz: Im Grunde kann das der Physiklehrer nebenher machen. Es ist durchaus die Situation so, dass IT-Lehrer heute, oder die meisten, die wir kennen gelernt haben, die sind IT-Lehrer geworden, weil sie in der Lehrerkonferenz gesagt haben, dass sie einen Computer haben, und nicht, weil sie dafür tatsächlich qualifiziert waren oder sind. Eine ordentliche Software-Lösung und eine umfassende Lernumgebung für Schulen verwaltet sich im Grunde selbst. Was man natürlich muss, ist, dass man sich damit beschäftigt, dass man das auch nutzen möchte. Unsere Erfahrung ist, dass es ein Akzeptanzproblem gibt für digitale Medien überhaupt.

"Die Kinder, die sind ja alle auf Facebook"

Dann kommt dazu, dass die digitalen Medien, so wie Kinder die heute kennen - die sind ja alle auf Facebook, auf Twitter, auf diesen sozialen Netzwerken zum Beispiel. Eine Schulsoftware wie zum Beispiel Boggle funktioniert so nicht und damit haben die Kinder ein Problem. Da fängt das Schüler-Akzeptanzproblem an. Die Lehrer können in der Regel nicht den Unterricht mit diesen Mitteln so gestalten, wie sie ihn gestalten möchten, und dann haben Sie zwei Akzeptanzprobleme. Das heißt, der eine bemüht sich vielleicht und stellt sein Lehrmaterial dort ein, und dann kommen die Kinder und sagen, das ist interessant wie ein Knopf, das mach ich nicht.

Biesler: Es gibt ja mittlerweile für alle möglichen Anwendungen irgendwelche Apps, die schnell geschrieben werden von kleinen, flexiblen Unternehmen, die damit dann ja doch oft auch erstaunlichen Erfolg haben und damit dann auch verhältnismäßig viel Geld verdienen, was man vielleicht nicht erwarten könnte, bei so einer kleinen Lösung für kleine Probleme des Alltags. Ich gehe mal davon aus, dass man eine Software schon entwickeln könnte, die diesen Ansprüchen genügt. Wir haben genug Schüler und Schulen in Deutschland, dass sich das lohnen würde, so was zu entwickeln. Die Frage ist ja doch: Woran hapert es eigentlich? Sie haben jetzt geschildert, dass die technischen Voraussetzungen verhältnismäßig leicht zu erfüllen sind. Wer will denn dann eigentlich nicht, dass Digitalisierung in die Schule kommt?

"Die Schulbuch-Verlage [...] bremsen digitale Bildung aus"

Pilz: Aus unserer Sicht gibt es drei Problemgruppen, was Digitalisierung oder digitale Bildung in Deutschland ausbremst. Da ist zum einen die Politik. Da gibt es wenig Entscheidungswillen und Entscheidungsmut. Im Moment ist aus unserer Sicht das Problem die Politik, falsche Entscheidungen oder kein Mut, überhaupt was zu entscheiden, und die Lehrmittel-Lieferanten. Die haben die Möglichkeit, im Moment über langfristige Verträge und merkwürdig gesteuerte Geschichten den Markt abzuschotten. Das ist einfach so. Die Schulbuch-Verlage aus unserer Sicht - und das ist jetzt nur eine persönliche Sicht, meine persönliche Sicht, aber auch die Erfahrung, die wir im Unternehmen gemacht haben - bremsen digitale Bildung aus.

Biesler: Wenn wir jetzt mal das, was Sie genannt haben, zusammenfassen: Ist das das, was in anderen Ländern passiert, wieso in anderen Ländern die Medienkompetenz offenbar besser ausgebildet ist? Bei den Achtklässlern ist das ja untersucht worden.

Pilz: Das ist definitiv so, weil da ist einfach erkannt worden, dass das der Weg der Zukunft ist. Wenn Schüler aus der Schule kommen, müssen sie mehr als das Einmaleins können heute. Eine Berufsausbildung, eine praktische duale Berufsausbildung oder ein qualifizierter Beruf, zum Teil ja auch schon ein Studium funktioniert nicht ohne Medienkompetenz. Und wenn Schüler, Schulabgänger das erst noch alles wieder aufholen müssen, das kostet Betriebe, das kostet Studienzeiten, das kostet Subventionen für Studienzeiten Unmengen von Geld. Das ist ein Riesenschaden für die Gesellschaft und für die Wirtschaft. Es kostet, es nicht zu tun, mehr Geld, als jetzt einmal Geld in die Hand zu nehmen und vernünftige Lösungen zu schaffen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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