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Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag

Digitales LogbuchLesegockel

Einen Gleitsichtigen erkannte man früher daran, wie er am Zeitungshaus die ausgehängten Zeitungen las, nämlich mit einem zum Himmel gereckten Kopf, aber nach unten schielend: Er musste ja den Nahbereich nutzen, um zu lesen. Und der Nahbereich befindet sich nun mal im unteren Teil seiner Brille.

Von Maximilian Schönherr

Heute liest er die Zeitung nicht mehr im Schaufenster, sondern auf seinem Mobiltelefon oder Tablet. Wenn er seiner Lebensabschnittsgefährtin begeistert ein tolles Foto darin zeigen will, kommt ein neuer zivilisatorischer Effekt ins Spiel, der sogenannte Augenmagnetismus: Er hält der Freundin also, die ihn nie heiraten würde, weil es spießig ist, das Smartphone direkt vor die Nase: Schau mal, toll, oder! Sie fühlt sich angezogen, wendet ihren Blick magnetisch dem kleinen Bildschirm zu, um dann aber mit großem Schwung abzuprallen, zurückzuweichen, denn auf die Nähe sieht sie nur Brei. Und Brei gucken tut den Augen weh.

Jetzt im Café am Samstagnachmittag ist dieser anziehend abstoßende Augenmagnetismus minütlich zu beobachten. Nur die beiden Männer, die allein an ihre Cappuccinos schlürfen, spüren diesen Effekt momentan nicht. Der eine ist mit seiner Zeitung aus Papier allein und zufrieden, er liest sie souverän mit vermutlich dem mittleren Bereich seiner Gleitsichtbrille.

Der andere sieht etwas seltsam aus: absolut gerader Oberkörper, gestreckt wie eine Giraffe, der Kopf aber um 90 Grad nach vorn geknickt, Blick steil nach unten – auf den Tabletcomputer. Der ist in den letzten Jahren immer weiter weggerutscht, wegen der Altersweitsichtigkeit. Und wenn dieser blöde Tisch im Café schon so hoch ist, muss sich der Gockel halt beim Lesen noch weiter hochstrecken. Er fällt dann in sich zusammen, als die Suppe kommt, Pastinakencreme mit Korianderblättern, leicht zitronig, gar nicht übel, für nur 4,50 Euro.

Wenn ich Ihnen nun erzähle, dass der Mann, das Gesicht dicht über dem diffusen Brei, hurtig mit dem Zeigefinger über die Suppenoberfläche wischt, von unten nach oben, mehrfach, nämlich um nach dem Rezept zu scrollen, was Pastinaken überhaupt sind und wie man sie so schön sämig kriegt, dann glauben Sie das natürlich nicht.

Na, dann drehen Sie sich doch mal nach rechts rüber. Hallo, hier bin ich!

 

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