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StartseiteCampus & Karriere"Informatik verändert alle Lebensbereiche"02.12.2014

Digitalisierung"Informatik verändert alle Lebensbereiche"

Informatikunterricht schon in der Grundschule - das fordert der Präsident der Gesellschaft für Informatik, Prof. Peter Liggesmeyer. Denn der gekonnte Umgang mit dem Computer sei eine fast genauso wichtige Kulturtechnik wie das Lesen oder Schreiben.

Peter Liggesmeyer im Gespräch mit Jörg Biesler

Grundschüler aus der Klasse 3 a der Nils-Holgersson-Grundschule in Schwerin tippen am Donnerstag (06.10.2011) englische Vokabeln in die Computertastatur. Surfen, chatten, twittern, skypen - Kinder und Jugendliche sind meist viel fixer mit dem Computer als ihre Lehrer und Eltern. Zum medialen Training sollte der PC normales Arbeitsmittel im Unterricht werden, fordern Schüler- und Elternvertreter. (picture alliance / ZB / Jens Büttner)
Schul-Unterricht mit Computern (picture alliance / ZB / Jens Büttner)

Jörg Biesler: Das Wissenschaftsjahr 2014 - eine Aktion finanziert vom Bundesbildungsministerium -, das endet heute mit einer Abschlussveranstaltung in Berlin, und es war gewidmet der digitalen Gesellschaft. Professor Peter Liggesmeyer ist einer der Väter des Wissenschaftsjahrs Digitale Gesellschaft, Direktor des Fraunhofer-Instituts für experimentelles Software-Engineering, Präsident der Gesellschaft für Informatik und Informatikprofessor an der TU in Kaiserslautern. Guten Tag, Herr Liggesmeyer!

Peter Liggesmeyer: Ja, guten Tag!

Biesler: Aufklärung - das stand über dem Ganzen ja - über Risiken, aber vor allem auch über die Chancen der Digitalisierung. Wissen wir zu wenig über Technik und das, was sie in unserem Leben verändert?

Liggesmeyer: Also generell denke ich, dass natürlich Technik heute immer wichtiger wird und eben insbesondere Digitalisierung. Deswegen ist das Wissenschaftsjahr meines Erachtens auch sehr gut gewählt. Als Präsident der Gesellschaft für Informatik liegt mir natürlich besonders daran, zu zeigen, dass Informatik querschnittlich heute alle Lebensbereiche beeinflusst. Informatiksystemen kann sich niemand entziehen. Viele Funktionen, die uns selbstverständlich zur Verfügung stehen, werden über Informatik realisiert, und deswegen glaube ich, dass wir über Technik, aber insbesondere auch über Informatik mehr wissen sollten, auch, um mit diesen Systemen gut umgehen zu können.

Biesler: Das ist ja verhältnismäßig schwer für Laien, überhaupt einzutauchen in so eine Welt. Es wird viel geredet von den sogenannten Digital Natives, die aber ja irgendwie nicht von Geburt an tatsächlich wissen, wie so was funktioniert und wie man einen Rechner programmiert, so groß oder so klein er auch sein mag. Was wollten Sie da vermitteln im Laufe des Jahres? Wie können Sie Einblick geben?

Liggesmeyer: Also zunächst mal geht es uns darum, überhaupt Bewusstsein zu schaffen, Themen ins Rampenlicht zu stellen. Ich glaube, dass Informatik heute eine querschnittliche Disziplin ist, die vielleicht vergleichbar ist mit Technologien wie der Dampfmaschine in der ersten industriellen Revolution. Informatik verändert alle Lebensbereiche. Und es ist extrem wichtig, dass der Mann aus dem Volke das versteht und auch versteht, wie er sich zu dieser Technologie positionieren muss. Ich bin nicht so naiv, zu glauben, dass man mit einem Wissenschaftsjahr nun grundsätzlich dieses Bewusstsein auf breiter Basis in der Bevölkerung verankern kann, aber ich glaube, man kann dezidiert eben diese Querschnittlichkeit darstellen. Das fängt mit der Wirtschaft an, also moderne Produktionssysteme sind im Kern Informatiksysteme, aber auch ganz andere Bereiche wie Kunst und Kultur oder nehmen Sie das Thema moderne Energieversorgungssysteme, Erzeugung, Verteilung regenerativer Energien, das alles geht nicht ohne Informatik, auch moderne Medizinsysteme bis hin zur Politik, also letztlich das Thema E-Government, also Elektronik im Verwaltungsbereich. Das ist nur eine wilde Auswahl an Themenbereichen.

"Kinder ganz früh an die Themen heranführen"

Biesler: Geht nichts ohne Computer, so viel ist völlig klar. Aber wenn wir jetzt uns Ihr Beispiel in Erinnerung rufen, die Dampfmaschine nämlich, da gibt es einen berühmten Film, "Die Feuerzangenbowle", da erklärt der Lehrer die Dampfmaschine, indem er sagt: "Die Dampfmaschine, dat is ein Loch, und alles andere kriegen wir später", weil das so schwer ist, das zu erklären, wie das funktioniert. Das ist mit der Informatik noch schwerer. Wie kann man das denn überhaupt breitenwirksam erklären und auch ein Verständnis dafür schaffen, wie das funktioniert und wie man damit auch richtig umgeht?

Liggesmeyer: Also ich bin sicher, dass wir versuchen müssen, Kinder ganz früh an diese Themen heranzuführen. Wir verlassen jetzt eigentlich ein bisschen das Wissenschaftsjahr im engeren Sinne und reden über informationstechnische Bildung. Ich fordere seit Längerem eine breit angelegte, möglichst bundeseinheitliche Informatikbildung, und zwar nicht erst seit Sekundarstufe I, sondern wenn es geht schon ab der Primarstufe, ab der Grundschule. Die Briten haben das aktuell beschlossen. Dort wird es ein Fach "Computing" geben. Und ich denke, es würde uns nicht schaden, diese grundlegende Kulturtechnik, die meines Erachtens fast so wichtig ist wie schreiben und rechnen und lesen, eben ganz, ganz früh schon zu vermitteln. Kein Mensch käme auf die Idee, mit Schreiben- und Lesenlernen in der Sekundarstufe I anzufangen. In der Informatik leisten wir uns das.

Biesler: Da ist tatsächlich wenig an Wissen vorhanden, es sei denn, man beschafft sich das privat, wie es dann hinter den Kulissen und hinter den Fenstern auf dem Computerbildschirm aussieht. Sie sind ja auch in Schulen gegangen und es gab Mitmachstände zum Beispiel auf Bahnhöfen, da wurden Filme gezeigt, ein Schiff ist durch Deutschland gefahren, und das Ziel war erklärtermaßen, Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hat zur Eröffnung gesagt, dass sich auch die Laien einbringen können. Wie konnten sie sich denn einbringen oder haben Sie da Anregungen bekommen von Laien? Das ist ja schwer auf so einem Gebiet.

Liggesmeyer: Ja. Also es gibt sicherlich vielfältige Veranstaltungen über das Wissenschaftsjahr hinweg, wo Laien angesprochen werden. Ein gutes Beispiel haben Sie gerade selbst zitiert, die MS Wissenschaft, die durch die Bundesrepublik fährt und eben recht sperrige Themen auf eine sehr amüsante und auch unterhaltsame Weise für Laien darstellt. Ich glaube, das ist zum Beispiel ein zentrales Thema. Wir als Gesellschaft für Informatik haben ein Projekt betrieben, das sich nicht so stark direkt an Laien richtet, nämlich "Deutschlands digitale Köpfe". Wir haben 39 Frauen und Männer identifiziert, ja, Innovatoren, Querdenker, Wissenschaftler und sonst wie Leute, die sich in unterschiedlichen Bereichen der Informatik engagiert haben und dort eben Erfolge erreicht haben, und wir werden eben Handlungsempfehlungen für die Politik, die wir mit diesen 39 Personen erarbeitet haben, heute Abend an Bundesministerin Wanka übergeben. Das zielt in eine etwas andere Richtung, es ist aber klar, dass die Gesellschaft für Informatik natürlich versuchen muss, Informatikthemen in korrekter Weise zu platzieren, also letztlich die richtigen Themen aufs Papier zu bringen und sicherzustellen, dass an den richtigen Fragestellungen gearbeitet wird. Das war eins unserer zentralen Ziele.

Biesler: Nach dem Wissenschaftsjahr ist offenbar vor dem Wissenschaftsjahr. Sie müssen dranbleiben am Thema, so verstehe ich das jetzt mal. Peter Liggesmeyer war das, der Direktor des Fraunhofer-Instituts und Präsident der Gesellschaft für Informatik, einer der Väter des Wissenschaftsjahres Digitale Gesellschaft, das heute endet. Danke schön!
Liggesmeyer: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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