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StartseiteCampus & Karriere"Als Instrument ist es in jeder Hinsicht sinnvoll, es zu befördern"10.05.2017

Digitalisierung von Schulen"Als Instrument ist es in jeder Hinsicht sinnvoll, es zu befördern"

Es sei wichtig, dass zwischen Digitalität als Gegenstand von Unterricht und als Instrument des Unterrichts unterschieden werde, sagte Dieter Lenzen, Vorsitzender des Aktionsrats Bildung und Präsident der Universität Hamburg, im DLF. Das Digitale könne als Instrument Lernprozesse erleichtern. Und als Gegenstand werde vermittelt, damit umzugehen.

Dieter Lenzen im Gespräch mit Michael Böddeker

Der Präsident der Universität Hamburg, Dieter Lenzen, im Porträt. Er stützt eine Hand im Gesicht auf, im Hintergrund ist ein rotes Plakat zu sehen. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
Der Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz und Präsident der Universität Hamburg Dieter Lenzen (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
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Michael Böddeker: Und es gibt noch mehr Kritik am Stand der Dinge in den Schulen und zwar vom "Aktionsrat Bildung", der heute in einem neuen Gutachten fordert: Die Schulen in Deutschland müssen digitaler werden! Der Aktionsrat ist ein Gremium von Bildungsexperten. Gegründet wurde er auf Initiative der bayerischen Wirtschaft, die auch das jährliche Bildungsgutachten finanziert. Laut dem Gutachten hätte eine bessere Umsetzung der Digitalisierung viele Vorteile, zum Beispiel auch bessere Leistungen der Schüler im Bereich Mathe und Naturwissenschaften. Vorsitzender des "Aktionsrats Bildung" ist Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg. Ihn habe ich gefragt: Was müsste sich denn in Sachen Digitalisierung an den Schulen ändern?

Dieter Lenzen: Ich glaube, dass wir in Deutschland einen Nachholbedarf schon im Vergleich zu einigen Nationen haben und zwar weniger im Bereich der Ausstattung der Schulen, obgleich da hier oder da sicher auch noch etwas korrigiert werden kann – wir haben ja im Gegenteil seit den 70er-Jahren immer wieder Wellen von Ausstattungen von Schulen mit verschiedenen Arten von Hardware gehabt –, sondern im Wesentlichen im Bereich der Personalentwicklung. Lehrerinnen und Lehrer müssen lernen, wie sie digitale Elemente in ihren Unterricht einbauen können. Es gibt inzwischen zum Teil hinreißend qualitätsvolle Software für alle möglichen Fächer, die aber in den normalen Unterricht zu integrieren gar nicht so einfach ist. Das muss man gelernt haben, und die möglicherweise vorhandene Aversion gegen diese Technik muss ein Stück weit abgebaut werden.

"Ein ganz natürlicher Abwehrmechanismus gegenüber so viel Neuem"

Böddeker: Woran machen Sie fest, dass es da Defizite gibt oder vielleicht auch eine Aversion von Lehrern gegen neue Techniken?

Lenzen: Das ist ein ganz natürlicher Abwehrmechanismus gegenüber so viel Neuem. Das erleben wir selbst in den Hochschulen so, dass Ängste bestehen, dass man dort nicht mehr mithalten kann oder dass der eigene Unterricht, der ja inzwischen auch dann Routinen erworben hat, möglicherweise ganz neu gestaltet werden muss, aber es gibt auch eine ernstzunehmende Sorge, nämlich die, dass der Erziehungsauftrag der Schule dann nicht mehr erbracht würde, und das ist deswegen ernst zu nehmen, weil, wenn irgendjemand der Meinung wäre, das Digitale könnte die Lehre ersetzen, dann ist er sicher auf dem Holzweg, sondern das Digitalisierungsmoment schafft leichtere Lernwege, aber es ersetzt natürlich nicht den Unterricht, ersetzt nicht den Lehrer und ersetzt auch nicht die persönliche Kommunikation zwischen den Lernenden und den Lehrenden.

Böddeker: Wenn Sie den Bildungsauftrag ins Gespräch bringen, meinen Sie damit, dass die Kinder oder die Schüler dann nicht ausreichend vorbereitet werden auf die Digitalisierung, die es nun mal gibt in der Gesellschaft?

Lenzen: Nein, mit dem Erziehungs- und Bildungsauftrag meine ich die Persönlichkeitsentwicklung. Das heißt, die Schule hat ja nicht nur den Auftrag, Fächer zu vermitteln und Wissen und Kompetenzen in Fremdsprachen, Mathematik und allem möglichen, sondern eben auch Menschen zu erziehen. Junge Leute, die heute und kleine Kinder, die heute den ganzen Tag in der Schule sind, sind schon rein quantitativ erzieherisch mehr mit dieser öffentlichen Einrichtung konfrontiert als mit ihrem eigenen Elternhaus, und die öffentliche Einrichtung muss diese Funktion wahrnehmen, und das kann man natürlich nicht digitalisieren. Also, die persönliche Begegnung ist durch nichts zu ersetzen.

"Das Internet ist nicht die Wahrheit, sondern das ist der Ort von Wahrheiten"

Böddeker: Und der Vorteil wäre dann, dass die Schüler sich auch im digitalen Umfeld besser auskennen und zum Beispiel besser Informationen filtern können, oder was wäre das Ziel dann davon?

Lenzen: Ja, ich denke, das sind mehrere Elemente. Das eine ist die Frage der Wahrheitssuche sozusagen. Das Internet ist nicht die Wahrheit, sondern das ist der Ort von Wahrheiten. Das bedeutet, dass man selegieren lernen muss, dass man wissen muss, wie entstehen eigentlich die Dinge, die man im Internet liest, meinetwegen in Wikipedia oder in anderen weniger seriösen Quellen, aber das Wichtige ist, dass man unterscheidet zwischen Digitalität als Gegenstand von Unterricht und als Instrument des Unterrichts. Als Instrument ist es in jeder Hinsicht sinnvoll, es zu befördern, weil es Lernprozesse erleichtert. Die andere Seite, das Digitale zum Gegenstand zu machen, heißt ja auch, eine entsprechende kritische Einstellung zum Beispiel zum Internet zu entwickeln, aber schlicht auch die Fertigkeiten bei den kleineren Kindern zu vermitteln, mit diesen Instrumenten umzugehen.

Böddeker: Jetzt planen Bund und Länder gerade den sogenannten Digitalpakt. Wenn der kommt, dann würden die Schulen für die Digitalisierung über die nächsten fünf Jahre fünf Milliarden Euro bekommen. Reicht das schon, oder Sie haben ja auch schon anklingen lassen, dass man vielleicht auch das Geld anderswo einsetzen müsste statt für Hardware, für neue PCs und Tablets, zum Beispiel auch für die Lehrerfortbildung. Also was würden Sie sich wünschen, was mit dem Geld gemacht werden sollte, wenn es kommt?

Lenzen: Also ohne Hardware kann man nicht digitalisieren – das liegt ja auf der Hand –, aber ohne Personalentwicklung auch nicht. Inwieweit diese fünf Milliarden dann reichen werden, wird man sehen müssen. Fakt ist, dass die technische Entwicklung so rasant ist, dass wir innerhalb weniger Jahrzehnte eine Verhundertfachung der Möglichkeiten, der rein kapazitären Möglichkeiten von Rechnern haben. Es ist also davon auszugehen, dass in fünf oder sieben Jahren eine völlig neue Generation, etwa Stichwort Quantencomputern, existiert von Hardware, die dann eine erneute Investition notwendig macht. Das ist unvermeidlich, und das muss auch sein, aber man muss das nur wissen, dass mit diesem Schlag, der jetzt sozusagen auf die Schulen gegeben wird, dass das nicht reichen wird. Damit ist das Thema nicht erledigt.

"Wir brauchen ein vernünftiges Programm"

Böddeker: Alfred Gaffal von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hat zum neuen Gutachten gesagt, dass sich zeigt, dass wirklich akuter Handlungsbedarf besteht. Was wäre dann für Sie das Wichtigste, das jetzt Politik und Schulen akut angehen müssten?

Lenzen: Ich denke, wir brauchen ein vernünftiges Programm, die genannten fünf Milliarden zu investieren, ein Konzept dafür. Wir brauchen sehr schnell Personalentwicklungsmaßnahmen, die zum Teil durch die Hochschulen angeboten werden können, zum Teil aber auch durch die jeweiligen Landesinstitute, und was wir brauchen, ist eine zügige Entwicklung von weiterer Software für alle Unterrichtsfächer, die Lehr-Lern-Prozesse zu erleichtern in der Lage sind.

Böddeker: Sagt Dieter Lenzen, der Vorsitzende des "Aktionsrat Bildung". Der Aktionsrat spricht sich in einem neuen Gutachten dafür aus, die Digitalisierung an den Schulen voranzutreiben. Vielen Dank für das Gespräch!

Lenzen: Gerne! Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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