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StartseiteInterview"Diplomaten müssen ihre Arbeit jetzt anders gestalten"29.11.2010

"Diplomaten müssen ihre Arbeit jetzt anders gestalten"

Ehemaliger US-Botschafter sieht Gefahr in WikiLeaks

Für den einstigen Botschafter John Kornblum sind die Enthüllungen bei WikLleaks über deutsche Politiker nicht das Problem. Er sieht die künftige Diplomatie in Gefahr. Informationen seien unter diesen technologischen Bedingungen nicht mehr zu schützen.

John Kornblum im Gespräch mit Silvia Engels

John Christian Kornblum, ehemaliger Botschafter der USA  (Deutschlandradio - Bettina Straub)
John Christian Kornblum, ehemaliger Botschafter der USA (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Silvia Engels: Am Telefon begrüße ich John Kornblum, er hat Deutsch und Politikwissenschaften in Michigan studiert und schon als 21-Jähriger trat er in den diplomatischen Dienst der USA ein. In den darauffolgenden Jahrzehnten hat er an wichtigen Stellen des State Departements gearbeitet und von 1997 bis 2001 war er US-Botschafter in Deutschland. Guten Morgen, Herr Kornblum!

John Kornblum: Guten Morgen!

Engels: Wie groß ist der Schaden für die US-Diplomatie weltweit?

Kornblum: Ich glaube, der Schaden ist ziemlich groß, wenn man die Schwierigkeiten betrachtet, die man jetzt hat, haben wird, Kontakte zu knüpfen und auch offen mit Partnern zu reden. Über den Sachschaden, das heißt, ob die Informationen, die herausgekommen sind, schädlich sind oder nicht, da kann ich natürlich nichts sagen. Aber einfach als Disziplin wird die Diplomatie für Amerika jetzt viel schwieriger sein.

Engels: Es gibt ja auch nicht sehr schmeichelhafte Äußerungen gegenüber Außenminister Guido Westerwelle. In den US-Unterlagen wird er als aggressiv eingeschätzt. CSU-Chef Seehofer bekommt das Attribut "Unberechenbar", Kanzlerin Merkel "Wenig kreativ". Nehmen wir an, Sie wären noch US-Botschafter, was würden Sie den Dreien im direkten Gespräch sagen?

Kornblum: Ich würde sagen, das sind Mitarbeiter, die durch das Land gezogen sind und Meinungen gehört haben und versuchten, das beste Bild, was sie machen konnten, über die Stimmung und auch über den Ruf sozusagen der führenden Politiker zu zeichnen. Dass solche Adjektive gefallen sind, ist nicht nur eine Frage der diplomatischen Berichterstattung, sondern jeder Politiker muss eine ziemlich rücksichtslose Beschreibung akzeptieren, und ich glaube, die sind alle Profis genug zu wissen, dass das im Endeffekt gar keine Bedeutung für die Beziehungen hat.

Engels: War denn das, was wir nun über die internen diplomatischen Einschätzungen hören, auch zu Ihrer Zeit, als Sie Botschafter waren, ein üblicher Umgangston?

Kornblum: Das ist ein Umgangston, seitdem es Diplomaten gegeben hat, und das schon ein paar Tausend Jahre. Dass das alles jetzt öffentlich geworden ist, sollte jetzt nicht dazu führen, dass man auf einmal entdeckt, dass es Diplomaten gibt, dass es auch nebenbei gesagt Journalisten gibt, die mehr oder weniger dieselben Methoden benutzen, um an Meinungen, Einschätzungen und Informationen zu kommen.

Engels: Nun kritisiert die US-Regierung WikiLeaks. Auf der anderen Seite muss man sich ja auch fragen, wie es sein kann, dass das eigene, selbst aufgebaute, geschützte Internet-System offenbar dann doch so leicht auszuspähen ist. War man hier einfach zu sorglos?

Kornblum: Ja. Ich glaube, das hier ist die wichtigste Implikation von dieser Sache. Wir werden uns über die pikanten Details entweder freuen, oder nicht freuen, aber im Grunde gibt es hier zwei wichtige Fragen. Erstens: Warum hat man so ein System aufgebaut, wo an sich ein Obergefreiter anscheinend an alle diese Daten herankommen kann und sie auch weiterleiten kann. Da war das Konzept schlecht und ich würde sagen die Überwachung war schlecht. Aber zweitens und noch viel wichtiger ist: Das ist sozusagen das erste diplomatische Ereignis des 21. Jahrhunderts. Das heißt, so wird es in der Zukunft auch nicht nur für Amerika, sondern für andere Länder sein. Die Informationen sind nicht mehr unter diesen technologischen Bedingungen, die wir jetzt haben, zu schützen.

Engels: Wir schauen einmal weg von diesen persönlichen Einschätzungen über Staats- und Regierungschefs, die zum Teil nicht sehr schmeichelhaft sind, und schauen auf das größere Ganze. Es sind auch jetzt strategische Einschätzungen über den Iran bekannt, was dessen Raketensysteme angeht. Es geht auch um China, da gibt es Vorwürfe eben der Spionage. Es gibt sogar Meldungen, wonach die USA versucht hätten, die Vereinten Nationen auszuspähen. Wie groß ist einfach die strategische Gefahr, dass dort die USA jetzt in den nächsten Zeiten einfach beschränkter in ihrem Vorgehen sind?

Kornblum: Wie gesagt, ich habe das alles wie wir alle, nicht gelesen. Was Sie eben erwähnt haben, scheint mir keine Neuigkeiten zu sein. Was hier neu ist, sind nicht die Einschätzungen, sondern die Tatsache, dass das System sozusagen geknackt wurde und dass Diplomaten, wenn sie jetzt mit einem chinesischen Premierminister oder mit einem deutschen Politiker reden, nicht mehr garantieren können, dass das, was ihnen gesagt wird, auch vertraulich behandelt wird.

Engels: WikiLeaks argumentiert ja nun selbst, dass die Enthüllungen der Information des Bürgers dienen. Im Internet gibt es eine große Fangemeinde und es gab ja auch durchaus Fälle, wie beispielsweise der Beschuss von einem US-Hubschrauber gegenüber irakischen Zivilisten, in denen WikiLeaks Dinge nach außen getragen hat, die sonst möglicherweise vertuscht worden wären. Muss sich die Regierung, jede Regierung darauf einstellen, dass die Bürger immer weniger Verständnis für Abgehobenheit und Geheimniskrämerei von Staaten haben?

Kornblum: Ja, das meine ich. Ich glaube, wir kommen jetzt in eine neue Ära. Ich persönlich teile die Meinung und auch die Methoden von WikiLeaks überhaupt nicht. Die Welt muss auf der Basis von einer gewissen Vertraulichkeit funktionieren, nicht nur Regierungen, sondern auch Firmen, auch andere Leute. Nur ich glaube, was wir hier aus dieser Affäre herausnehmen müssen, ist das, was uns Internet-Philosophen seit langer Zeit gesagt haben, sozusagen der Zauberer ist jetzt aus der Flasche heraus. Man kann nicht mehr die alten Methoden anwenden, Diplomaten müssen ihre Arbeit jetzt anders gestalten, und die Rolle und der Schutz von Informationen wird ganz anders sein. Das ist nicht neu. Was hier neu ist, ist diese Affäre, die sozusagen die schwierige Zukunft uns ziemlich direkt und ziemlich rücksichtslos dargestellt hat.

Engels: Herr Kornblum, wie viele Abkommen wären gescheitert, an denen Sie mitgewirkt hatten, wenn vorher Informationen bekannt geworden wären?

Kornblum: Viele! – Viele! – Da habe ich selber überlegt. Das war, wenn Sie wollen, ein Glück meiner Laufbahn. Ich habe an vielen wichtigen Verhandlungen teilgenommen. Wenn ich zum Beispiel an die Dayton-Verhandlungen 1995 denke, da war unsere Strategie bis zuletzt sehr geheim und auch sehr schwierig. Wir mussten die Verhandlungen in der letzten Woche zweimal abbrechen, um die Parteien zu einem Schluss zu bringen. Wenn das alles in der Zeitung gewesen wäre, hätten wir natürlich kein Abkommen gehabt und wir hätten den Krieg nicht beendet.

Engels: John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland. Wir sprachen mit ihm über die Veröffentlichung über geheime Dossiers aus dem US-State Departement und den diplomatischen Diensten. Danke für das Gespräch.

Kornblum: Ja, ich bedanke mich.

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