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StartseiteKultur heuteDisput ums Kreuz14.05.2009

Disput ums Kreuz

Kermani bekommt nicht den Hessischen Kulturpreis

Trotz des Eklats um den Hessischen Kulturpreis bewertet Jurymitglied Peter Eschberg das Konzept, Repräsentanten der verschiedenen Religionsgemeinschaften auszuzeichnen, als "nicht vollkommen gescheitert". Zwar habe es keine harmonische Preisverleihung gegeben, aber auch ein kritischer Austausch der einzelnen Positionen sei nicht wertlos. Nachdem der muslimische Publizist Navid Kermani die Kreuztheologie als Gotteslästerung bezeichnet hat, wurde ihm die Auszeichnung aberkannt.

Peter Eschberg im Gespräch mit Dina Netz

Diskussionen über das Kreuz sorgen für Ärger bei der Vergabe des Hessischen Kultur- preises. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Diskussionen über das Kreuz sorgen für Ärger bei der Vergabe des Hessischen Kultur- preises. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Dina Netz: Das klingt jetzt ein bisschen so, als habe es überhaupt keine inhaltlichen Diskussionen gegeben, deshalb habe ich noch mal nachgefragt bei Peter Eschberg, früherer Intendant des Schauspiels Frankfurt, der in der Jury des Hessischen Kulturpreises sitzt und der überhaupt erst die Anregung einbrachte, Repräsentanten der verschiedenen Religionsgemeinschaften auszuzeichnen. Frage an ihn: Herr Eschberg, was genau war Ihre Idee?

Peter Eschberg: Wir leben in einer Gesellschaft, die über die Werte in zunehmendem Maße diskutiert, wir müssen also darüber nachdenken, woher kommen die Werte. Und das führte uns schnell auf die religiösen Zusammenhänge, die in ihren Traditionen die Werte darstellen: Christen, Juden, das war für uns einfach zu finden. Und dann kam als Überlegung für uns die dritte Säule ins Gespräch, nämlich der Islam.

Der Islam, der ja in unserer Gesellschaft zunehmend eine Rolle spielt. Es gibt viele Muslime, die in diesem Land leben, die sich zum Teil gegen die Integration verhalten. Und es ist sehr wichtig, diese integrative Kraft, die ja in unserer Gesellschaft letzten Endes zunehmend steckt, auf diesen Bereich zu erweitern. Und daher war es für uns wichtig, auch einen islamischen Vertreter in diese Kulturpreisverleihung einzubeziehen.

Netz: Herr Eschberg, nun hat Herr Metz es gerade ein bisschen so dargestellt im Gespräch, als habe es schon gereicht, dass Lehmann und Steinacker mit Absage des Preises gedroht haben, damit man Kermani den Preis nun nicht zuerkennt, also sozusagen ohne eine Abwägung der inhaltlichen Diskussion. Ist das nur ein bisschen unglücklich dargestellt oder stimmt das?

Eschberg: Ich denke, das ist sehr vereinfacht. Wir haben sehr wohl und sehr ausführlich diskutiert. Der Anlass zu dieser Absage des Kardinals und auch dann des Herrn Steinacker ist ja dieser wirklich sehr extreme Satz in dem Artikel - das wird zu wenig wiedergegeben -, dass er das Kreuz für Gotteslästerung hält.

Da ist ein Punkt erreicht, der es schon bis zu einem gewissen Grad verständlich macht, dass ein katholischer oder auch ein evangelischer Spitzenmann sagt: Ich vertrete eine Religion, die das Kreuz als Symbol hat, und nun kommt einer und sagt, das ist Gotteslästerung und der steht mit mir auf dem Podest. Das war für uns eine ganz große Schwierigkeit. Wir haben versucht, den Herrn Kermani zu bitten, ob er nicht eine Relativierung dieser Argumentation vorbringen könnte, ohne das Ganze zurückzunehmen.

Das hat er abgelehnt. Und dann war die Situation so, entweder den ganzen Preis in die Luft gehen zu lassen - das wollten wir alle nicht. Ich will ein Wort noch sagen dürfen zu unserem Ministerpräsidenten, der mit großer Intensität sich der ganzen Sache angenommen hat, der seine integrativen Interessen und seine Interessen auch an den Immigrantensituationen, die sich ja damit verbinden, in großem Maße in unseren Gesprächen dargestellt hat. Ihm wird ja immer ganz schnell unterstellt, dass das alles für ihn nicht interessant wäre. Es ist mir persönlich unangenehm, dass ich eine Idee ins Gespräch gebracht habe, nicht, weil die Idee so verlaufen ist, wie sie ist, sondern weil das nun wieder von einigen politisch ausgenützt wird, den Ministerpräsidenten zu beschimpfen.

Netz: Nun ist Navid Kermani sozusagen der Inbegriff der Integration. Das ist wirklich einer, der sich immer sehr differenziert um Verständigung zwischen Christen und Muslimen bemüht. Kann man so jemandem, der so nachweislich ein Vermittler ist, nicht zugestehen, dass er mal ein christliches Symbol kritisiert? Ist das nicht ein bisschen maßlos, die Reaktion?

Eschberg: Also das ist schwer zu beantworten. Das hängt natürlich auch damit zusammen, welche Tradition des Denkens und des Lebens und der Existenz jemand hat. Gerade das ist erstaunlich, dass jemand in der Situation - er wusste ja, dass wir ihn als Kandidaten haben wollten -, dass er genau in dieser Situation sozusagen das grundlegendste Dogma der katholischen Kirche und des Glaubensbekenntnisses der evangelischen Kirche auf diese grobe Weise angeht. Warum macht das der Kermani in diesem Augenblick?

Netz: Ist Ihre Absicht, den Hessischen Kulturpreis dieses Mal so als Integrationspreis, als Toleranzpreis zu stiften, jetzt mit diesem Eklat nicht auf das Allergrandioseste gescheitert?

Eschberg: Gescheitert ist sicher zu viel. Es ist nicht zu dem Ergebnis gekommen, das wir uns gewünscht haben. Und ich finde, der Versuch, dass es zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion kommt, in der die gegenseitigen Positionen ausgetauscht werden, auch kritisch ausgetauscht werden können, das ist nicht dasselbe wie der harmonische Vorgang der Preisverleihung, aber es ist eine Art von Auseinandersetzung, die in der Öffentlichkeit ja nicht wertlos ist.

Also kann man von völligem Scheitern nicht reden. Man versteht vieles über die Schwierigkeit der Integration, und man wird hoffentlich unter den Betroffenen einen Kommentar zu hören bekommen, der dazu beiträgt, dieses Thema am Leben zu erhalten.

Netz: Peter Eschberg, Jurymitglied des Hessischen Kulturpreises. Navid Kermani wollte sich heute leider nicht äußern, seine Reaktion wird morgen im Feuilleton der "FAZ" zu lesen sein. Wer sich vorher ein Bild von Kermanis differenzierten Argumentationen machen will, dem sei die Lektüre des "NZZ"-Artikels empfohlen, natürlich aber auch sein aktuelles Buch "Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime".

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