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StartseiteKultur heuteDiverse Opern miteinander verknüpft18.08.2012

Diverse Opern miteinander verknüpft

John Cages "Europeras 1 & 2" bei der Ruhrtriennale in Bochum

In "Europeras 1 &2" lässt John Cage Opernarien simultan erklingen. Der neue Intendant der Ruhrtriennale Heiner Goebbels hat damit das Festival in der Jahrhunderthalle in Bochum eröffnet. Und lässt damit für die Zukunft viel Luft nach oben.

Von Jörn Florian Fuchs

John Cage, amerikanischer Komponist, Schrifsteller und Philosoph, 1979 (AP)
John Cage, amerikanischer Komponist, Schrifsteller und Philosoph, 1979 (AP)

Bevor man sich in Bochum einer unfassbar teuren und aufwändigen Cage-Orgie widmet, begrüßen die Veranstalter des Spektakels erstmal eine Kinderjury. Selbige marschiert unter dem Jubel des Publikums ein und setzt sich in die erste Reihe. Am Ende der Ruhrtriennale werden die Kids dann das Siegerstück dieser Saison bestimmen. Man darf bereits jetzt vermuten, dass Heiner Goebbels mit seiner Inszenierung der Cage'schen Europeras 1&2 nicht auf dem Siegertreppchen stehen wird. Dazu tönte der Schlussapplaus aus der ersten und auch aus allen weiteren Reihen einfach zu matt.

Die geniale Grundidee von John Cage war es, per Zufallsprinzip unterschiedlichste Fragmente aus diversen Opern zeitlich, aber nicht inhaltlich miteinander zu verknüpfen. Einzelne Orchesterstimmen, Arien, Licht, Bühnenbilder, Gesten – alles wird mithilfe des Orakelbuchs I Ging bestimmt und korreliert. Heiner Goebbels macht daraus ein opulentes Opernmuseum, in dem nicht all zu viel dem Zufall überlassen ist. In der riesigen Jahrhunderthalle treten die Sänger in recht überdrehten Kostümen auf und ab, Statisten und Tänzer bevölkern die Szenerie, ständig wechselt das Bühnenbild. Man sieht einen brennenden Palast, eine glühende Pappsonne, ein großes Schiff auf blau glitzerndem Meer, eine Kathedrale im Nebel. Plötzlich rollen Steine herum, dann schneit es heftig. Ein gemalter Drache erscheint, dazu hört man einige Takte Wagner.

Verdis Lady Macbeth stöhnt auf, russische Onegin-Melancholie wabert durch den Raum, ein besonders expressiver Sänger verkleidet sich als Mischung aus Queen Victoria und Vivienne Westwood, es grünt ein Märchenwald, dann züngeln wieder Flammen, Brünnhilde erwacht, Schattenfiguren baumeln vom Himmel ...

So geht das exakt 90 Minuten lang. Klaus Grünberg zeichnet für die Bühne, Florence von Gerkan für die Kostüme verantwortlich. Geboten wird eine assoziative Reise durch die Operngeschichte, Grünberg holte sich bei seinen Theaterprospekten reichlich Inspiration aus den Archiven. Sinn macht das alles natürlich nicht, Sinnlichkeit stellt sich dafür über die Maßen ein. Man schwelgt im Bilderpomp, wartet auf den nächsten Szenenwechsel, blickt aber mehr und mehr auf die großen Digitaluhren an den Seiten.

Am prägnantesten sind die Momente, wo nicht überkandidelt gekleidetes Personal in den edlen Kulissen herumwandert, sondern ein oder zwei oder drei Menschen – Individuen – sich auf der großen Bühne zu behaupten versuchen. Der einzelne, einsam singende Mensch tritt da hervor und berührt. Der Rest bleibt leider ein mit Edelkitsch ausgestatteter Cage-Käfig.

Allerdings wird die Materialschlacht der Europeras 1 im zweiten Teil deutlich reduziert und plötzlich kann man dem Abend doch noch etwas abgewinnen. Bei Europeras 2 konzentrieren sich nämlich die Überlagerungen der Arienbruchstücke und Instrumentalfragmente stärker. Auf der Bühne agieren dazu dunkel gewandete Figuren mit sparsamen Gesten und Bewegungen. Ein Videowandbild zeigt eine alte Stadtansicht, einmal streift ein virtueller Hund durch die Projektion oder der wolkige Himmel verdüstert sich. Erneut gibt es natürlich keine Handlung, aber dieses Kammerspiel aus Sinn- und Musiksplittern an einem nun gleich bleibenden Ort hat eine starke Aura.

In den Europeras 2 wird auch besser gesungen und musiziert als zuvor. Harry Curtis übernahm die musikalische Einstudierung, im Sängerensemble fanden sich renommierte Namen wie Frode Olsen, Karolina Gumos oder Nikolay Borchev. Dennoch hörte man in Europeras 1 immer wieder Schauerliches, merkwürdig verschattet klang das seitlich positionierte Festivalorchester der Ruhrtriennale, zeitweise wirkte es wie zugespielt. Tatsächlich vom Band kamen einige von Cage höchst persönlich kreierte Klangbomben mit übereinandergelegten Auszügen mehrerer Opern.

Alles in allem ein eher mäßiger Auftakt der Intendanz von Heiner Goebbels. Es gibt noch viel Luft nach oben.

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