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StartseiteCorsoDJs demonstrieren gegen neuen GEMA-Tarif02.04.2013

DJs demonstrieren gegen neuen GEMA-Tarif

Discjockeys müssen digitale Musikkopien lizenzieren lassen

Am 30. März demonstrierten DJs vor dem GEMA-Gebäude in Dortmund. Denn seit dem 1. April müssen viele DJs digitale Kopien von Liedern, die sie auflegen wollen, lizenzieren lassen. Das kostet pro Song 13 Cent. Auch ein gestohlener Laptop samt Musikarchiv kann DJs teuer zu stehen kommen.

Von Nico Rau

DJs müssen künftig 13 Cent pro Song für digitale Kopien bei der GEMA lizenzieren lassen. (picture alliance / dpa - Maximilian Schönherr)
DJs müssen künftig 13 Cent pro Song für digitale Kopien bei der GEMA lizenzieren lassen. (picture alliance / dpa - Maximilian Schönherr)

Anonyme DJane:
"Wenn jemand von der GEMA im Klub vorbeikommt, kann er das gerne machen und sein Bier an der Bar trinken. Was er sicherlich nicht tun wird, ist in meine CD-Sammlung kucken."

Anonymer DJ:
"Es ist so, dass die GEMA da etwas weltfremd agiert und versucht in Bereiche hineinzugreifen, die sie selbst nicht versteht."

Hans Nieswandt:
"Eine Folge von dieser Maßnahme ist, dass alle DJs von einem Tag auf den anderen tierisch verunsichert werden."

Drei DJs üben Kritik am GEMA-Tarif "VR-Ö". Aber der Reihe nach - was ist überhaupt passiert? Bisher haben Veranstalter, Disko- und Klubbetreiber einen sogenannten Laptop-Zuschlag an die GEMA entrichtet, um pauschal digitale Kopien der DJs zu lizenzieren. Die Veranstalter aber wollen nicht länger dafür aufkommen. Sie seien schließlich nicht diejenigen, die die Songs vervielfältigten. Jürgen Baier von der GEMA hat den Tarif mit entworfen.

"Im Prinzip verstehe ich die Kritik nicht. Es ist was Neues für den Bereich der DJs, die bisher im Windschatten der Diskothekenbetreiber gesegelt sind. Das Gesetz, beziehungsweise auch die Tarife, sehen vor, dass derjenige der die Vervielfältigung vornimmt auch die Rechte erwerben muss, weil die DJs ja auch gewerblich dieses Recht, was dem Urheber ausschließlich zusteht, nutzten."

Medienanwalt und DJ Stephan Benn hält den Ansatz für grundsätzlich richtig. DENN: Die alte Pauschale stamme aus einer Zeit, in der DJs noch massenhaft CDs gebrannt hätten und sei nicht mehr zeitgemäß:

"Ich verstehe das hier auch im Switch zum DJ, dass man die Möglichkeit hat, das hier auf eine vernünftige Grundlage zu stellen, weil wenn ich dann tatsächlich für 13 Cent einen Track lizenziere, dann steht das in einem ganz anderen Verhältnis, als wenn ich als Klub pauschal ein paar Tausend Euro im Jahr für die Vervielfältigungspauschale zahle."

Aus der Perspektive der Klubbetreiber scheint die neue Regelung konsequent. Die Klubs zahlen dafür, dass sie Musik im öffentlichen Raum abspielen. Die DJs zahlen dafür, wenn sie die Musik, die sie auflegen wollen, vervielfältigen. Die Bundesvereinigung der Musikveranstalter, die GEMA und der Berufsverband Discjockey haben sich deshalb auf den neuen Tarif geeinigt.

Liedtext:
Ja, in der Tat
Ja, sie wollten es so
Im verrauchten Klub und die zu volle Disco
Sie machen bei 80 Grad locker die Nacht zum Tag
Hey DJ, bitte bitte, rette mir den Tag
Hey DJ, spiel die Musik die mich irre mach
Hey DJ, gib mir den Sound der hier drin kracht Und so zerfeiern wir den Tag


Und damit fangen die Probleme an. Viele DJs fühlen sich übergangen. Der Berufsverband Discjockey repräsentiere keinesfalls die Mehrheit deutscher DJs, erklärt DJ Hans Nieswandt.

"Ich kenn nicht diese Leute vom Bundesverband Discjockeys, die jetzt mit der GEMA etwas extrem Zweifelhaftes ausgehandelt haben. Ich weiß nur, dass niemand den ich kenne, der irgendeine Rolle spielt in der Elektronik-Welt, dazu gehört."

Wann genau ein Song nach dem neuen Tarif lizenzierungspflichtig ist, darüber herrscht Verwirrung. Viele DJs haben schließlich gigantische Musikarchive auf ihren Festplatten. Da stellt sich immer die Frage, woher der Song ursprünglich stammt. Ist der Track eine Kopie, also vervielfältigt, muss er lizenziert werden. Die GEMA bietet DJs an, bestehende Musikarchive pauschal für 125 Euro nachzulizenzieren. Hans Nieswandt befürchtet deshalb, dass der Tarif für gewissen Verdachtsmomente sorgen wird. Auch wenn man - wie er - ausschließlich Vinylplatten auflegt. Hans Nieswandt, DJ:

"Das ändert aber alles nichts daran, dass man ja trotzdem immer noch vermuten kann, dass auch ich zum Beispiel Sachen kopiert habe. Es ist eine grauenhafte und total überflüssige, so ein Kontrollmonster, das da anfängt seine Schatten zu werfen. Denn letztendlich ist so eine Regelung nur denkbar, wenn sie auch kontrolliert werden kann."

Neben dem bestehenden Musikarchiv wirkt sich der Tarif auf die Neueinkäufe der DJs aus. Legt der DJ nur mit Originalen auf, egal ob Vinyl, Promo oder gekaufte mp3, muss er nichts lizenzieren. Teuer hingegen wird es beispielsweise, wenn sein Laptop gestohlen wird. Kopiert der DJ sein bereits lizenziertes Musikarchiv als Back-up auf einen neuen Laptop, muss er wieder 125 Euro zahlen. Selbstverständlich, sagt Jürgen Baier von der GEMA:

"Wenn ein DJ eine digitale Kopie macht, dann ist die genauso gut, wie eine mechanische. Es ist ein zweites Werk. 125 Euro ist in unseren Augen ein fairer und angemessener Preis."

Medienanwalt Stephan Benn hingegen kritisiert das. Die Sicherheitskopie sei schließlich genau dafür da:

"Da bin ich der Meinung, dass muss man als Einheit sehen, das realisiert sich geradezu wozu ich die Sicherheitskopie machen soll. Und dann zu sagen, ich muss das alles noch mal lizenzieren. Ich bin mir auch nicht sicher, wenn man so etwas vor die Gerichte bringt, was die dazu sagen."

Für DJ Hans Nieswandt ist das alles eine Scheindebatte, die vom wesentlichen Problem ablenkt. Das Geld der Lizenzierungen komme nicht bei den Künstlern an.

Hans Nieswandt, DJ:
"Worum es wirklich geht ist, die Musik, die in den Klubs gespielt wird, muss wirklich erfasst werden und wirklich titelgenau abgerechnet werden. Genau so wie bei Konzerten. Dieses Kopienthema, das ist so wie das Zölibat. Eine Art Glaubensgrundsatz, der aber total nicht mehr zeitgemäß ist."

Doch Playlisten der vervielfältigten Werke habe der Berufsverband der Discjockeys nicht gewollt, argumentiert die GEMA.

Nico:
"Zum versöhnlichen Abschied legst du jetzt vielleicht noch eine Platte auf?"

Hans:
"Ja, sehr gerne. Selbstverständlich eine Vinylschallplatte. Das Stück heißt 1974 von dem großartigen Projekt Wighnomy Brothers aus Jena. Habe ich komplett rauf und runter gespielt und die müsste ich eigentlich dringend neu haben, werde aber jetzt von einer digitalen Kopie absehen."

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