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StartseiteSportgespräch"Das Sportsystem braucht Sündenböcke"23.07.2017

DLF-Sportgespräch"Das Sportsystem braucht Sündenböcke"

Als sich vor 25 Jahren Experten zum ersten Anti-Doping-Symposium trafen, wurde öffentlich kaum über das Thema gesprochen. Auch wenn sich das geändert hat, sei in Deutschland zu wenig passiert, kritisieren drei Teilnehmer von damals im Dlf-Sportgespräch.

Gerhard Treutlein, Ralf Meutgens und Rudi Böhm im Gespräch mit Philipp May

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Schwimmer bei den Olympischen Sommerspielen in Rio 2016 (EPA/Patrick B. Kraemer)
Schwimmer bei den Olympischen Sommerspielen in Rio 2016 (EPA/Patrick B. Kraemer)

Als sich vor 25 Jahren einige Experten in Düsseldorf zum ersten Anti-Doping-Symposium trafen, erahnten sie nur, welche Bedeutung das Thema im Spitzensport spielt. Kurz zuvor war das Ausmaß des staatlichen Dopings in der DDR sichtbar geworden. "Gespräche zwischen Zeitzeugen, die nicht öffentlich gemacht wurden, ließen schon damals vermuten, dass Doping auch im Westen zum Sport gehörte", berichtet Ralf Meutgens, ehemaliger Amateur-Radsportler und Autor mit dem Spezialgebiet Doping.

"Personen, die sich des Themas annahmen, wurden untergebuttert, im Prinzip wollte das niemand hören, was in Sachen Doping in Westdeutschland abgelaufen ist", sagt Gerhard Treutlein, Leiter des Zentrums für Dopingprävention an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

Treutlein berichtet von Selbstzensur in den 70er Jahren, weil Entscheidungsträgern Ergebnisse von Studien nicht gefallen hätten. "Wir wussten, das wir Recht haben, das wir das, was wir wussten, aber nicht sagen durften." Auch wenn die Diskussion heute offener sei, findet der Journalist Ralf Meutgens: "Die Struktur, die wir vor 25 Jahren hatten, die haben wir heute immer noch und die sind nicht unbedingt darauf ausgelegt, dass Dopingprävention und humaner Spitzensport führend sind."

Deutsche Feigenblattpolitik

Treutlein kritisiert, dass die deutschen Verbandsspitzen bisher keinen nationalen Kongress zum Thema Doping iniitiiert hätten. "In Frankreich ist ein entsprechender Kongress in diesem Jahr glaube ich zum 16. Mal durch den französischen Sportbund durchgeführt worden. Bei uns gibt's das nicht. Das heißt, auf der einen Seite wird gesagt: Ja, wir müssen was gegen Doping tun, aber noch nicht mal die entsprechende Diskussion wird richtig in Gang gebracht."

In Frankreich verweist er auf Damien Ressiot, früherer investigativer Journalist bei der Zeitung L'Équipe, der für die Organisation der Dopingkontrolle zuständig sei. "Der hat als erster 1999 das Armstrong-Doping offengelegt. Er weiß, um was es geht und wie er seine Aufgabe anpacken muss. Auf regionaler Ebene ist Christophe Bassons tätig, ebenfalls ehemaliger Profi, der von Armstrong gemobbt worden ist. Entsprechende Kompetenzen sehe ich bei der deutschen Nationalen Agentur nicht."

Ralf Meutgens fordert zwei dringende Maßnahmen für Deutschland: "Die Kritiker, die auch Fachwissen haben, die muss man einbinden in Funktionen. Das passiert, soweit ich das beurteilen kann, in Deutschland nicht. Die wurden immer ausgegrenzt. Und der zweite Punkt ist, dass Insider, die sich öffnen wollen, mit denen muss ganz anders umgegangen werden. Wir müssen ein Wistleblower-Konzept haben. Die müssen geschützt werden. Die müssen einen Anreiz haben, auszupacken und damit dann aufgefangen werden." 

(Ralf Meutgens)Der Journalist Ralf Meutgens (Ralf Meutgens)

Stattdessen könne man bei der Nationalen Anti Doping Agentur Deutschland (NADA) anonym Athleten denunzieren, kritisiert Rudi Böhm, Sportwissenschaftler und langjähriger Schwimm-Landestrainer in NRW.

Unerfüllbare Kriterien im Schwimmsport

Böhm reihte sich in die Kritik an Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz und dessen schwere Normen für die Teilnahme an der Schwimm-WM 2017 in Budapest ein. "Es wird ein Druckszenario aufgebaut, das im deutschen Schwimmsport seines Gleichen sucht. Athleten werden massiv unter Druck gesetzt, es werden Kriterien auf den Markt gebracht, die nicht erfüllbar sind."

Warum gebe es unterschiedliche Normen für Schwimmer unter 23 Jahren? "Ich kann das, was dort stattfindet überhaupt nicht nachvollziehen. Mark Warnecke ist mit 35 Jahren Weltmeister geworden, wenn's auch nur 50 Meter Brust war. Und heute ist man mit U23 und schwächeren Zeiten bei den Weltmeisterschaften und als 25-Jährige mit einer guten Perspektive unter die ersten 16 zu kommen, ist man in Deutschland nicht gut genug."

Andere Länder wie Schweden mit guten Schwimmern hätten niedrigere Normen. "Das heißt, als deutscher Schwimmer muss man ins Ausland gehen, um bei Weltmeisterschaften teilzunehmen zu dürfen." 

Dabei deutete er an, dass innerhalb der Delegationen andere Nationen des Dopings verdächtigt würden. Viele wüssten, dass in anderen Ländern geschwiegen würde und Kontrollen nicht stattfänden.

Wert von Medaillen fraglich

Und wenn doch ein Doping-Fall bekannt würde, sei die Reaktion immer die Gleiche, so Wissenschaftler Treutlein: "Die typische Reaktion ist, man deutet auf einen Athleten oder ein Land. Das sind die Sündenböcke und wenn man die losgeworden ist, sei alles wieder okay. Wenn man aber so argumentiert, braucht man an den Strukturen nichts zu ändern. Das Sportsystem braucht Sündenböcke, um sich selbst zu entschuldigen und einen Grund zu haben, nichts zu tun."

Gerhard Treutlein, Leiter des Zentrums für Dopingprävention an der PH Heidelberg. (imago - Zink)Gerhard Treutlein, Leiter des Zentrums für Dopingprävention an der PH Heidelberg. (imago - Zink)

Deshalb verwundert ihn, dass in Deutschland heute die Ausrichtung auf den Gewinn von Medaillen sei noch einmal wesentlich stärker geworden sei. Es gebe die Meinung, über Medaillen sei der Wert einer Gesellschaft messbar. 

Trotz der Erkenntnisse der letzten 25 Jahre nach dem ersten Anti-Doping-Symposium, sei das ganze Ausmaß der Doping-Problematik bei einigen noch nicht angekommen: "Wenn bei der Sportausschusssitzung Ole Schröder [CDU, parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium, Anm.d.R.] behaupte, praktisch alle Medaillen seien sauber erreichbar, dann frage ich mich, ob wer weiß, wovon er redet", so Treutlein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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