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StartseiteCampus & KarriereDoch nicht arm und ausgebeutet07.08.2012

Doch nicht arm und ausgebeutet

Neue Studie sagt: Den meisten Doktoranden geht es gut

Sind Promovenden doch nicht die bemitleidenswerten Forschungsknechte, als die sie in den Medien oft erscheinen? Laut einer neuen Studie geht es ihnen wirtschaftlich besser als vermutet – vorausgesetzt sie promovieren nicht in den Geisteswissenschaften.

Stefan Hornbostel im Gespräch mit Sandra Pfister

In den Ingenieurswissenschaften kommen Doktoranden oft in den Genuss ganzer Stellen. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
In den Ingenieurswissenschaften kommen Doktoranden oft in den Genuss ganzer Stellen. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Sandra Pfister: Kettenjobber, Leiharbeiter, Forschungsknechte nennt der "Spiegel" sie, und das mediale Bild des Doktoranden ist das eines Armen und Ausgebeuteten, der viel arbeitet, sich selbst ausbeutet und trotzdem finanziell noch lange nicht auf einen grünen Zweig kommt. Nicht ohne Grund: Vier von fünf Wissenschaftlern an den Hochschulen sind befristet angestellt, viele wehren sich jetzt – wir haben gestern darüber berichtet, über einen Boykottaufruf gegen Lehraufträge. Und so mancher Nachwuchsforscher hat auch gerade hier bei uns schon seine finanziellen Nöte artikuliert – zuletzt Andreas Hartmann, Doktorand in Freiburg, der hier vor zwei Monaten gesagt hat:

Andreas Hartmann: Derzeit ist es aber so, dass man durch den sozialrechtlichen Status als Stipendiat bei der Krankenversicherung zum Beispiel als freiwillig versichert gilt, das ist ein ähnlicher Status, wie alleinstehende Unternehmer haben. Das heißt, von den 1050 Euro, die ein Stipendiat bekommt, davon gehen knapp wieder 180 Euro weg und wir sinken unter die Armutsgrenze.

Pfister: Ja, unzufriedene oder zufriedene Doktoranden, darum geht’s, darüber sprechen wir jetzt mit Stefan Hornbostel. Guten Tag!

Stefan Hornbostel: Schönen guten Tag!

Pfister: Sie leiten das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung, das nun sagt, das Horrorbild von Doktoranden, die arm und ausgebeutet ihrer Promotion nachgehen, das hat mit der Realität wenig zu tun. Wie kommen Sie darauf?

Hornbostel: Wir haben eine Befragung gemacht, und auf dieser Grundlage – oder diese Befragung läuft regelmäßig, das ist ein Panel, in dem Promovierende zu ganz verschiedenen Aspekten ihrer Promotion, unter anderem eben auch zur Finanzierung befragt werden. Um eines gleich vorwegzunehmen: Protzen kann man als Doktorand nicht mit dem, was man bekommt, und das, was Sie in Ihrer Anmoderation genannt haben, ist ein ganz typischer Stipendienbetrag, je nachdem, von wo man finanziert wird, bewegen sich die Einkünfte in einer Größenordnung von 1000 bis 1500 Euro, die man als Stipendiat bekommt.

Pfister: Da kann man sagen, die haben Planungssicherheit, aber wenn die dann letztlich bei 900 Euro ungefähr landen, kann man ja schon verstehen, dass sie jammern.

Hornbostel: Ja, das kann man natürlich verstehen. Also der Medianwert der Einkünfte in unserem Panel liegt bei 1130 Euro. Median heißt also, das ist sozusagen genau die Mitte. Das liegt aber daran, dass die Einkünfte aus sehr unterschiedlichen Quellen kommen. Zwischen den Fächern gibt es jetzt deutliche Unterschiede, je nachdem, ob Doktoranden eher auf halben Stellen, wenn sie in Drittmittelprojekten oder in Haushaltsstellen beschäftigt sind, Dreiviertelstellen oder ganzen Stellen beschäftigt sind. Und die Elektrotechnik ist ein Fall, wie das Ingenieurwesen insgesamt, wo sie tendenziell auf Dreiviertel- oder ganzen Stellen promovieren, und entsprechend groß ist natürlich das monatliche Einkommen, was man dann hat. Das unterscheidet sich massiv von dem, was Sie im Normalfall etwa in den Geisteswissenschaften als Doktorand als Einkommen realisieren können.

Pfister: Also gibt es eine Kluft zwischen den Geistes- und Sozialwissenschaftlern und den gefragten Fächern, wie im wahren Leben auch.

Hornbostel: Genau.

Pfister: Wie kommt es, dass die Doktoranden trotzdem zufrieden sind, haben die sich schon so an ihren Zustand gewöhnt, dass da vielleicht gar kein Widerspruch und kein Protest mehr hochkommt?

Hornbostel: Na ja, Promovieren ist da so ein Zwischenstadium. Und es ist klar, dass dieser Zwischenstand noch nicht eine volle Berufstätigkeit ist – dann hätte man auch entsprechende Erwartungen an das Einkommen –, und den meisten Doktoranden selbst ist das auch klar, dass das eine transitorische Phase ist, wo man nun nicht wirklich auf der Einkommensseite seine Lebensverhältnisse optimieren kann, sondern da muss man durch, und das tut man in der Regel unter nicht wahnsinnig üppigen finanziellen Bedingungen.

Pfister: Ja, sie hoffen einfach auf mehr, Prinzip Hoffnung, auf mehr danach, dass sie dafür belohnt werden, wenn sie in der Zeit auf vieles verzichten und schön buckeln.

Hornbostel: Genau, und das ist zumindest in einigen Fächern auch nachweisbar der Fall, dass man mit der abgeschlossenen Promotion dann günstiger dasteht als die Kommilitonen, die direkt mit ihrem Studienabschluss in die Berufstätigkeit gegangen sind.

Pfister: Sie befragen in Ihrem Panel 6600 Promovierende, ungefähr. Was mich am meisten frappiert hat, war, wir wissen immer noch nicht genau, wie viele Doktoranden es in Deutschland überhaupt gibt. Das heißt, wir reden über ihre Zufriedenheit, aber wir wissen nicht, ob es 53.000 oder 200.000 sind, auch Sie wissen das nicht. Wie wollen Sie wissen, ob Sie nicht genau die außen vorgelassen bei der Befragung, die nirgends angebunden sind, die frei fluktuieren, die keine Stelle, die gar kein Stipendium haben und vielleicht dann besonders unzufrieden sind?

Hornbostel: Ja, wenn ich hinten anfangen darf, würde ich sagen, das ist nicht der Fall, wir haben solche Kandidaten in unserem Panel, und das sind auch die richtig problematischen Fälle, die sich übrigens in den Geisteswissenschaften häufen. Zu Ihrer ersten Frage, da haben wir in Deutschland wirklich ein Problem, wir wissen tatsächlich nicht, wie viele Leute in Deutschland in der Promotion stecken. Wir haben eine amtliche Statistik, die gibt uns Auskunft darüber, wer es geschafft hat pro Jahr, aber wie viele auf der Strecke bleiben, wie viele im System sind sozusagen, wird nirgendwo erfasst. Und das ist wirklich ein Problem, weil es für die ganze Frage der Qualitätssicherung, aber solche Dinge, über die wir jetzt gerade reden, wie ist eigentlich die materielle Lage der Doktoranden, eben keine richtig verlässlichen Informationen gibt.

Pfister: Wie würden Sie das ändern, müssten Unis verpflichtet werden, ihren Doktoranden doch einen sattelfesten rechtlichen Status zu verpassen?

Hornbostel: Ich glaube, ja. Wir haben traditionell in Deutschland, was die rechtliche Ausformulierung der Promotionsbedingungen angeht, eine ganz starke Fixierung auf die Prüfungssituation. Dort ist in fast allen Prüfungsordnungen die Universität in der Pflicht, da gibt es klare Regelungen, wie das Prozedere aussieht, wie man sich anmeldet und so weiter. Was wir nicht geregelt haben, ist der ganze Prozess der Promotion. Und ich glaube, wir kommen unter veränderten Bedingungen einfach nicht drum herum, an dieser Stelle auch die rechtlichen Bedingungen für Promovenden zu ändern. Das heißt, es muss irgendwo eine Art von Registrierung, Anmeldung geben, die es erlaubt, ein bisschen ein Auge darauf zu haben, ob Doktoranden wirklich betreut sind, denn nur so kann eine Fakultät verantwortlich handeln. Und dass wir da ein Problem haben, hat man, glaube ich, spätestens nach all den Skandalen um Plagiate und ansonsten problematische Promotionsprozesse gesehen.

Pfister: Stefan Hornbostel, Leiter des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung. Er sagt, das Bild vom armen und ausgebeuteten Doktoranden, das ist ein Klischee, aber wir müssen dringend die rechtliche Situation von Promovierenden verbessern.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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