Sonntag, 17.12.2017
StartseiteDokumente der Woche"Das war der Tag" am 9.11.198909.11.2014

Dokument der Woche"Das war der Tag" am 9.11.1989

Fast jeder erwachsene Mensch auf der Erde weiß noch ungefähr, was er am 11.9.2001 gemacht hat, dem Tag der Terroranschläge in den USA. In Deutschland wissen viele Menschen noch ähnlich genau, was sie am 9.11.1989 gemacht haben, dem Tag, als die Mauer fiel. Unser Dokument der Woche ist ein Auschnitt aus "Das war der Tag", damals wie heute der Name der DLF-Informationssendung vor Mitternacht.

Moderation der Sendung: Peter Tartler

SED-Politbüromitglied Günter Schabowski während seiner Pressekonferenz in Ostberlin am 9. November 1989. Alle DDR-Bürger könnten über alle Grenzübergänge ausreisen, sagte er. (AP)
SED-Politbüromitglied Günter Schabowski während seiner Pressekonferenz in Ostberlin am 9. November 1989. Alle DDR-Bürger könnten über alle Grenzübergänge ausreisen, sagte er. (AP)
Weiterführende Information

Vor 20 Jahren: Der Durchbruch
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 09.11.2009)

Der Druck auf die Mauer
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 05.11.2010)

Historiker: SED-Führung verfiel in Hektik
(Deutschlandfunk, Interview, 09.11.2009)

Katalysatoren der Maueröffnung
(Deutschlandfunk, Markt und Medien, 07.11.2009)

9. November 1989, 18.53 Uhr, im "Internationalen Pressezentrum der Deutschen Demokratischen Republik". Die einstündige Pressekonferenz von Günter Schabowski, Sprecher des ZK der SED, live übertragen im Radio und im Fernsehen der DDR, ist beinahe zuende. Riccardo Ehrmann, Journalist einer italienischen Nachrichtenagentur, fragt nach den neuen Reiseregelungen.

Schabowski: "Es ist eine Empfehlung des Politbüros aufgegriffen worden, dass man aus dem Entwurf des Reisegesetzes den Passus herausnimmt und in Kraft treten lässt, der - wie man so schön sagt - die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik. Weil wir es für einen unmöglichen Zustand halten, dass sich diese Bewegung vollzieht über einen befreundeten Staat, was ja auch für diesen Staat nicht ganz einfach ist. Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen."

Rückfrage: "Ab sofort?"

Schabowski: "Also Genossen, mir ist dies mitgeteilt worden, dass eine solche Mitteilung heute schon verbreitet worden ist, sie müsste eigentlich in Ihrem Besitz sein. Also Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt."

Rückfrage: "Wann tritt das in Kraft?"

Schabowski: "Das tritt nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich."

Die Frage "Wann trifft das in Kraft?", kam von Peter Brinkmann, damals BILD-Reporter in Hamburg, der wegen der sich abzeichnenden Turbulenzen nach Berlin geeilt war. Über die legendäre Maueröffnungs-Pressekonferenz ist viel spekuliert worden. Dazu mehr in den weiterführenden Informationen unter diesem Text. Wie dem auch immer sein: kurz darauf war die Mauer gefallen.

Zu diesem „Dokument der Woche" haben wir 25 Jahre danach

folgendes Interview mit Walter Momper geführt.

 

9. November - ein Tag vielfältigen Gedenkens

Der 9. November war in der deutschen Geschichte eigentlich schon vor 1989 ausreichend besetzt gewesen: eine Republik ausgerufen (1918), die wankte, als Hitler und Ludendorff putschten (1923) und längst zerstört war, als Nationalsozialisten im ganzen Land Synagogen brandschatzen (1938). Vergleichsweise zufällig entwickelt sich der Abend des 9. November 1989 zu einem Revolutionsabend.

DDR unter Druck

Die DDR steht im Innern seit Wochen unter Druck. Die ökonomische Lage ist desaströs, die politische nicht minder. Die SED hat ihre Partei- und Staatsführung ausgewechselt – der Neue an der Spitze, Egon Krenz, Zögling Erich Honeckers, hatte Reformen versprochen. Aber Tausende wählen weiter die Ausreise über die damalige Tschechoslowakei,  über Ungarn und dann über Österreich. Gleichzeitig erlebt die DDR wöchentlich Massenproteste, die über alles hinausgehen, was seit 1953 möglich gewesen ist. Die Kontrolle des öffentlichen Lebens, die so lange Kennzeichen des sozialistischen Staates gewesen war, entgleitet den Kadern.

Ein Staat, der seine Bürger an den direkten Grenzen zu Westdeutschland an einer Ausreise hindert, sie über Drittstaaten aber nicht verhindern kann, gerät in die Zwangslage, diese Situation zu entschärfen. Irgendwie. Die Reaktion der SED kommt in Gestalt einer bürokratisch formulierten Erklärung: Günter Schabowski, erst seit wenigen Tagen in der Funktion eines Regierungssprechers, liest umständlich von einem Zettel ab, wird von Journalisten nach genaueren Erklärungen gefragt, sucht nach passenden Formulierungen, macht keine Miene. Hängen bleibt, dass „Privatreisen nach dem Ausland", wie die Ostberliner Politbürokratie es formuliert hatte, ohne besondere Voraussetzungen beantragt werden können. Genehmigungen würden „kurzfristig erteilt". „Unverzüglich" trete diese neue Regelung in Kraft, jedenfalls nach Schabowskis Kenntnis. Sie gelte auch für die Grenze zwischen Ost- und Westberlin.

Es fällt kein Schuss

Der Rest ist Geschichte in ikonographisch gewordenen Bildern. Westmedien, auch die Nachrichten des Deutschlandfunks, verbreiten die Meldung noch am Abend zunächst zögerlich, dann entschlossener. Der RIAS sendet Reportagen über tausende DDR-Bürger, die an die Grenzübergänge strömen. Deren diensthabende Soldaten sind überrascht, öffnen aber letztlich die Schlagbäume. Es fällt kein Schuss. Der Strom von Ost nach West reißt lange nicht ab. Er überspült noch in der Nacht auch die Berliner Mauer.

 

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk