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StartseiteKultur heuteLibidinöser Absolutismus bei Mozart 03.12.2014

Don Giovanni an der Brüsseler OperLibidinöser Absolutismus bei Mozart

Mozarts "Don Giovanni" ist 227 Jahre alt, aber der Held - wahlweise gefährlicher Lebemann oder leidenschaftlicher Grenzüberschreiter - bleibt wohl ewig jung. In der für ihre Risikofreude bekannten Brüsseler Oper fällt "Don Giovanni" bei Regisseur Krzysztof Warlikowski sich selbst zum Opfer.

Von Christoph Schmitz

Mathevet (Zerlina) und Jean-Sebastian Bou (Don Giovanni) bei der Aufführung in der Brüssler Oper (La Monnaie / Bernd Uhlig)
Julie Mathevet (Zerlina) und Jean-Sebastian Bou (Don Giovanni) bei der Aufführung in der Brüssler Oper (La Monnaie / Bernd Uhlig)
Weiterführende Information

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Das Vorspiel ist schon der Akt. Die Ouvertüre - das Finale. Die Brüsseler Inszenierung geht gleich in die Vollen. In der rechten Proszeniumsloge neben dem Orchestergraben knutscht Donna Anna schon kräftig rum. Für den Opernbesuch hat sie sich in ein ziemlich scharfes Abendkleid gezwängt. Auch Don Giovanni kommt dazu. Gegenüber, in der linken Proszeniumsloge, sitzt Donna Annas Vater, der Komtur. Die Tochter schaut ihn provozierend an, während sie rummacht. In Schwarzweiß werden die Gesichter riesengroß live auf eine Kassetenwand aus Glas in der Mitte der Bühne projiziert. Auch eine Metrofahrt Don Giovannis ist zu sehen, auf der er junge Frauen zum Sex einlädt. Und eine wilde Kopulationsszene zwischen dem ewigen Verführer und zwei frisch abgeschleppten Beutedamen. Die Deutung des Regisseurs Krzysztof Warlikowski beginnt also mit einem Orgasmus, dann folgt einer nach dem anderen. Warlikowkis Inszenierung ist ein Dauerhöhepunkt.

Sexsüchtig, wie wir ihn kennen, ist hier aber nicht nur Don Giovanni, sondern sind es auch alle anderen: die mit Don Ottavio verlobte und von Don Giovanni verführte Donna Anna, die von Don Giovanni verlassene Donna Elvira, die junge Braut Zerlina und so weiter. In dieser Inszenierung sind sie aber nicht nur die armen Opfer des sexsüchtigen Giovanni, sondern selbst auch Täter. Alle sind Täter, egomanische Erotomanen, permanent Getriebene, ewig der Lust und der Triebabfuhr hinterher Hechelnde. Glück und Befriedigung findet niemand. Warlikowski hat das zusammen mit seinem Team perfekt inszeniert in einem bordellartigen Loungedesign mit genoppten blauen Lacklederbänken und -wänden im Bühnenvordergrund und einem casinoartigen Bereich mit Flipperautomat und weißleuchtendem Tabledancepodest im Hintergrund. Eine schwarze Tänzerin führt hier eine orgiastische Dauerekstase auf. Wie erotisch Mozarts Musik ist, wie sie in lendenstoßartigen Rhythmen oftmals pulsiert, macht die genialische Gesamtkünstlerin Barbara Hannigan als Donna Anna immer wieder deutlich, wenn sie zum wütenden Sex ihre Arien singt und jede Höhenkoloratur ein Lustlaut ist.

Donna Anna: "Beschwichtige deine Qualen, wenn du nicht willst, daß ich vor Schmerz sterbe! Vielleicht hat der Himmel dereinst doch noch Mitleid mit mir."

Abgesehen von einem überforderten Don Ottavio sind sämtliche Rollen ausgezeichnet besetzt. Eine dunkelstrahlende Donna Elvira mit Rinat Shaham, ein wuchtiger Komtur mit Sir Willard White, ein markanter Don Giovanni mit Jean-Sébastien Bou und ein wunderbar wohltönender Leporello mit Andreas Wolf.

Leporello: "Mein Fräulein, hier ist das Register der Schönen, die mein Herr geliebt hat; ich habe es selber angefertigt. Seht her, lest es mit mir. In Italien 640, in Deutschland 230."

Und alle Sänger agieren, als wären sie nicht nur mit der Gnade schöner Stimmen ausgestattet, sondern auch mit der schauspielerischen Verwandlungskunst, was sicherlich viel mit Warlikowskis genauer Personenführung zu tun hat. Ludovic Morlot am Pult geht die Ouvertüre sehr symphonisch an, macht es bei der Höllenfahrt am Schluß richtig dramatisch, dehnt aber dazwischen die Zeit und läßt alles unerträglich langsam, unpointiert und farblos dahinplätschern. Die stundenlange Sitzerei wird mitunter zur Qual. Vor allem aber auch, weil die Inszenierung trotz Bilderreichtum und poetischer Phantasie so radikal eindimensional ist. Warlikowskis Gesellschaft hat sich dem Terror eines libidinösen Absolutismus unterworfen. Die von Mozart komponierten Minuten der Zärtlichkeit, der Empfindsamkeit und Sorge gelten in Brüssel nichts mehr. Sie werden vom schwarzen Loch einer durchsexualisierten Gegenwart aufgefressen. Seelenlose Zombis bevölkern unsere Welt. Alles ist reine Mechanik. Immer das Gleiche. Und das langweilt auf Dauer. Die Oper in Brüssel gehört zu den besten der Welt, auch weil sie immer wieder mutig aufs Ganze geht und Grenzen auslotet. Das Risiko lohnt sich. Leider nicht immer kann es sich auszahlen.

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