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Don Quijote im Internet

US-Rechtsexperte Lawrence Lessig kämpft gegen die Medienindustrie

Von Mariann Unterluggauer

Lawrence Lessig stellt sich gegen die Allmacht der Medienkonzerne.
Lawrence Lessig stellt sich gegen die Allmacht der Medienkonzerne. (lessig.org)

<strong>Lawrence Lessig, Rechtsprofessor in Stanford, geht es um Freiheit im digitalen Raum. Deswegen tritt er gegen die Unterhaltungsindustrie an. Lessig zog vor Gericht, um nachzuweisen, dass die Ausdehnung von Autorenrechten auf 70 Jahre nach dem Tod eines Autors nur den Konzernen, aber nicht der Menschheit einen Vorteil bringe.</strong>

Lawrence Lessig, Rechtsprofessor in Stanford, geht es um Freiheit im digitalen Raum. Deswegen tritt er gegen die Unterhaltungsindustrie an. Vor allem das Unternehmen Disney Studios ist ihm ein Dorn im Auge. Wegen dieser Firma zog er vor Gericht, um nachzuweisen, dass die Ausdehnung von Autorenrechten auf 70 Jahre nach dem Tod eines Autors nur den Konzernen, aber nicht der Menschheit einen Vorteil bringe. Den Prozess hat er verloren, aber nicht seine Überzeugung. Vielmehr schuf er 2003 eine eigene Plattform unter dem Namen Creative Commons ,um mit neuen Lizenzen von und für Künstler geistiges Eigentum auf eine faire Art zu schützen.

Das schwedische Filmteam "Atmo" fragte offiziell bei einer TV Station um die Erlaubnis an, sein Liebesduett, das Bildmaterial aus öffentlichen TV-Auftritten von George Bush und Tony Blair zeigte, zu verwenden. Die amerikanischen Anwälte erklärten dieses Vorhaben als rechtswidrig. Ihre Begründung: Das Video sei nicht witzig. Nicht witzig für den US Präsidenten George Bush. Dieser Einschätzung kann man zustimmen, aber für Lawrence Lessig ist das Urteil ein Indiz dafür, dass es der Unterhaltungsindustrie nur darum geht, das Entstehen von neuer Kreativität von Anfang an zu unterbinden. Kunst und Kultur verkomme so zu einem Konsumgut, sagt Lawrence Lessig.

Als der Autor von Darknet JD Lascia bei diversen Filmfirmen anfragte, ob er für ein Heimvideo, das er gemeinsam mit seinen Sohn produzieren wollte, die eine oder andere Sequenz aus Filmen wie Batman, Schneewittchen oder Mary Poppins verwenden dürfe, lautete zum Beispiel die Antwort von Universal Studios: Ja, wenn er für jede 15 Sekunden 900 US-Dollar an Lizenzgebühren zahle. 2340 US-Dollar für 39 Sekunden und ein Heimvideo, das nur für die Familie gedacht war.

"Ich bin selbst über die Vielzahl der Beispiele überrascht. Wenn Sie diese Geschichten erzählen, werden Ihnen 90 Prozent der Menschen zustimmen, dass das verrückt ist – ausgenommen natürlich derjenigen, die im Sold der Industrie stehen. Meine Botschaft lautet daher, wenn ich zu Freunden komme: wir müssen versuchen, die Welt davon zu überzeugen, woran sie bereits glaubt: dass nämlich viele dieser Restriktionen keinen Sinn machen und nichts mehr mit dem Schutz von Autorenrechte zu tun hat."

Musiktauschbörsen sind der Plattenindustrie ein Dorn im Auge. Im Fall Musiktauschenbörse Grokster gegen 28 Film- und Musikfirmen entschied der Oberste Gerichtshof von Amerika, dass der Einsatz der File-Sharing-Software illegal ist, weil die Betreiber von Grokster in ihrem Werbejingle zu illegalen Handlungen angestiftet hätten. Während nicht unbedingt viele aus der Peer-to-Peer-Welt diese Firma unterstützen wollen, sondern ihr vorwerfen, die Open Source Community bloß auszunutzen, interpretiert Lawrence Lessig den Fall pragmatischer. Er weist darauf hin, dass große Konzerne wie Sony oder Apple dasselbe tun, aber vom Gericht deswegen nicht belangt werden. Vor fünf Jahren versuchte Lawrence Lessig die Open Source Community noch davon zu überzeugen, sich mit den Regierungen zusammenzusetzen, um gemeinsam die neuen Gesetze zu schreiben. In der Zwischenzeit vertraut er selbst nicht mehr darauf, dass vor Gericht Recht gesprochen wird. Wenn Autoren mit Hilfe von Creative Commons selbst über die Verwertung ihrer Werke und den fairen Gebrauch sorgen, bewirke das viel mehr, sagt Lessig heute.

"Wenn Sie sich erinnern, vor fünf Jahren gab es noch den Optimismus, dass ein Gericht die richtige Entscheidung treffen würde. Ich war damals ein naiver Rechtsprofessor, der dachte, wenn wir vor das Oberste Gericht ziehen, wird es für Ausgewogenheit sorgen und die Auswüchse aus dem Autorenrecht verbannen. Ich hatte unrecht. Die werden nie so handeln."

Fraglich ist auch, wer sich in den USA überhaupt noch leisten kann, vor Gericht zu ziehen. Ein Student, der für sein College ein Intranet mit Datenbank und Suchmaschine aufgebaut hat, wurde von der "Recording Industrie Association of America" auf 15 Millionen Dollar verklagt, weil er angeblich Lizenzrechte verletzt habe. Die Aussichten, dass er den Prozess gewinnen würde, waren gut, aber selbst dann hätte er für die Prozesskosten mehr als 20.000 US-Dollar hinblättern müssen. Geld, dass der Student nicht hatte. Es kam zum Ausgleich, der dem Studenten seine ganzen Ersparnisse abverlangte: 12.000 Dollar.

"Wir glauben immer noch, wenn wir vor Gericht ziehen, wird die Wahrheit siegen. Das stimmt nicht. Nur die Demokratie kann die Wahrheit in Recht verwandeln. Wenn die Menschen nicht erkennen, welche verrückten Dinge gerade passieren, dann werden wir keinen richtigen Fortschritt erzielen. Wir gewinnen vielleicht den einen oder anderen Prozess, aber wir können noch immer sehr leicht von den Lobbyisten ausgetrickst werden."

Der Sieg der europäischen Linux-Bewegung in dem Streit um die Einführung von Softwarepatenten in Europa markiert für Lessig einen wichtigen Meilenstein. Denn da standen die Betroffenen selbst auf und sagten der Öffentlichkeit: Wir sind es nicht, die das brauchen.

"Die allgemeine Botschaft lautet: Es geht nicht nur um das Recht, dass Menschen Zugang zu Informationen erhalten, ohne die Inhaber der Autorenrechten um Erlaubnis fragen zu müssen. Es geht vielmehr darum, dass das Entstehen von neuer Kreativität nicht unterbunden wird und die Möglichkeit bestehen bleibt, dass so viele Menschen wie möglich diese neue Kreativität, die die neuen Techniken bieten, weiterentwickeln und nutzen können."

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