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StartseiteSport am WochenendeDer schwierige Alltag der Whistleblower03.05.2015

DopingDer schwierige Alltag der Whistleblower

Julia und Witali Stepanow - sie Sportlerin, er Mitarbeiter der russischen Anti-Dopingagentur - haben im deutschen Fernsehen Beweise für flächendeckendes Doping in der russischen Leichtathletik geliefert. Russland mussten sie gen Berlin verlassen, weil sie zu Hause als Lügner bezeichnet werden. Sie hoffen nun auf die Ermittlungen der WADA.

Von Philipp May

Yuliya und Vitaly Stepanov mit Sohn Robert (Yuliya und Vitaly Stepanov)
Yuliya und Vitaly Stepanov mit Sohn Robert. (Yuliya und Vitaly Stepanov)
Weiterführende Information

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Eine kleine Dreizimmerwohnung in einer Plattenbausiedlung im Raum Berlin, hier leben seit rund vier Monaten zwei der mutigsten Menschen im Weltsport. Julia und Witali Stepanow. Sie haben im ARD-Fernsehen ausgepackt und Beweise geliefert, über ein riesiges Doping- und Korruptionssystem in der russischen Leichtathletik. Nun sind sie in Ihrem Heimatland Aussätzige.

"Unsere Familien in Russland glauben, dass es für uns zurzeit wahrscheinlich besser ist, nicht in Russland zu sein. Weil das Sportministerium nicht gut findet, was wir getan haben. Wir haben Beweise gegen Leute, die sehr mächtig sind. Vielleicht würden sie aufsuchen, um uns zu drohen."

WADA reagierte nicht

Sagt Witali Stepanow. Sie waren Teil des System, das sie hassten. Er der Kontrolleur bei der russischen Antidopingbehörde RUSADA, sie die 800-Meter-Läuferin, selbst Doperin. Weil ihr die Trainer sagten, es gehe nicht anders. Schon 2010 wandten sich die Stepanows an die Weltantidopingagentur WADA mit ihrem Insiderwissen, doch als nichts passierte und als Julia dann auch noch wegen Dopings gesperrt wurde, entschieden Sie sich, an die Öffentlichkeit zu gehen.

"Julia und ich glauben wirklich, dass wenn man die Chance hat, etwas zum Guten zu ändern, dann muss man es versuchen. Und wenn man nicht erfolgreich ist, dann kann man zumindest sagen, dass man es versucht hat."

Und dafür gingen sie ein hohes persönliches Risiko. Vor allem Julia, die mit versteckter Kamera loszog und ihren Trainer und andere Athleten dabei filmte, wie sie offen über Doping plauderten.

In der Heimat als Lügner in Verruf

Ich wusste, dass die Leute sagen würden, dass wir Lügner sind, wenn wir keine Beweise liefern. In Russland sagen sie ja sogar immer noch, dass wir Lügner sind. Natürlich hatte ich ziemliche Angst, das zu tun. Aber wir haben uns nun mal entschieden, das System zu bekämpfen.

Nun versuchen die beiden, im deutschen System Fuß zu fassen. Allein mit ihrem anderthalbjährigen Sohn, der immer dabei ist. Unterstützung erhalten die beiden aus der Berliner Leichtathletik-Szene: ein Dach über dem Kopf, ein bisschen Geld zum Überleben und Trainingspläne für Julia beim Start in die zweite, saubere Karriere.

Seit Februar darf Julia wieder starten, ihre Bestzeit seitdem: 2:02,68 Minuten. Im Vergleich zu ihrer alten Dopingbestzeit fehlen ihr mehr als vier Sekunden, oder anders ausgedrückt: über 30 Meter.

"Das Ziel ist, diesen Sommer wieder unter zwei Minuten zu laufen und langfristig, wenn ich gesund bleibe, möchte ich genauso schnell laufen wie als ich gedopt habe."

Noch kein Kontakt zu Offiziellen im deutschen Sport

Ein fast unerreichbares Ziel. Doch den Traum möchte sie nicht aufgeben, genauso wenig wie den Traum von olympischen Spielen. Dazu müsste die 28-Jährige wohl die Nation wechseln. Doch bisher hat es noch nicht einmal einen Versuch der Kontaktaufnahme durch den deutschen Leichtathletikverband gegeben.

"Ich glaube, solange die Weltantidopingagentur WADA nicht offiziell feststellt,  dass wir wirklich die Wahrheit gesagt haben, - in Russland sagen die Leute zum Beispiel, dass wir bezahlt worden sind für die Doku, was natürlich nicht stimmt - werden sich die Organisationen von uns fernhalten."

Derzeit prüft eine unabhängige Kommission der WADA die Beweise aus der TV-Dokumentation. Sollte sie zu zum gleichen Ergebnis kommen, dann gäbe es auch für den Deutschen Leichtathletikverband keinen Grund mehr, sich von den Stepanows fernzuhalten.

"Ich möchte der Kommission nicht zu viel aufbürden. Aber sie ist meine und Julias große Hoffnung."

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