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StartseiteBüchermarktDoppelte Schizophrenie24.11.2008

Doppelte Schizophrenie

Artur Becker: Wodka und Messer - Lied vom Ertrinken, Verlag Weissbooks

Der Schriftsteller Artur Becker ist ein Grenzgänger zwischen den Kulturen. 1968 als Sohn polnisch-deutscher Eltern in Bartoszyce in den Masuren geboren, folgte er 1985 seiner Familie nach Deutschland. Mittlerweile schreibt er fast ausschließlich auf Deutsch. Thematisch zieht es ihn in seinen Romanen aber immer wieder in seine erste Heimat.

Von Cornelia Stauderer

Zwischen zwei Kulturen. (AP)
Zwischen zwei Kulturen. (AP)

Auch in seinem neuen Roman begibt sich Artur Becker auf die Spuren seiner Kindheit und Jugend in den masurischen Wäldern.
Als Kuba Dernicki, der Protagonist des Romans, der als Informatiker mit seiner Frau und zwei Kindern in Norddeutschland lebt, sich entschließt, in das Land zurückzufahren, das er 1981 unter dramatischen Umständen verlassen hatte - Marta, seine Jugendliebe, war auf der Flucht vor den kommunistischen Häschern im Dadajsee ertrunken, und er hatte ihr nicht helfen können -, da ahnt er nicht, welche Erschütterungen diese Rückkehr und die damit verbundenen Brüche beim Übergang von einem System in ein anderes in seinem Innern auslösen würden.

Becker: "Diese Rückkehr hat etwas Mythologisches, dass der Kuba Dernitzki, der Hauptheld, in den Hades steigt, um seine Geliebte zu finden Das ist ein altes Motiv; ich hab da das Rad überhaupt nicht neu erfunden. Und die Übergänge sind natürlich auch wichtig, weil ich ein Kind des Sozialismus bin und die Wende auf meine Art und Weise bis heute verarbeiten muss."

Das Land, in das er zurückkehrt, ist ein anderes, als das, das er vor Jahren verließ.

"Der Roman spielt zwar mit Konflikten, die in der Vergangenheit stattgefunden haben, aber es musste natürlich, da ich auch die letzten 50 Jahre der polnischen Geschichte auf meine Art und Weise abhandele, indem eben diese Ex-Dissidenten aus der Solidarnocs-Zeit, diese Studenten Kuba und Marta, vorgestellt werden, so dennoch kam ich nicht drumherum, das moderne Polen zu beschreiben. Kuba Dernitzki kennt das Land nicht und ihm wird so vieles erklärt.

Und es gibt einen neuen Menschentypus in der Gesellschaft, eben den neuen Polen, also den 30- bis 45-Jährigen, der ja komplett verwestlicht ist letztendlich. Und das sind Menschen, die vor allen Dingen auch Glück hatten und Karriere machen konnten. Die auf der Strecke geblieben sind, das ist natürlich fatal, weil man sieht, dass eben die Marktwirtschaft dort auch fatale Fehler gemacht hat, denn die gesellschaftliche Entwicklung ist nicht mitgekommen."

Von Modernität oder Verwestlichung ist in dieser Region nicht viel zu spüren. Einige seiner alten Freunde sind eher die, wie er es nennt, "von der Weltgeschichte Ausgespuckten". Mit ihnen geht er angeln und auf die Jagd, und es fließt viel Wodka die Kehlen hinunter. Er trifft seinen Vater wieder, einen senilen, gebrechlichen Mann, der lange im Gefängnis gesessen hat, weil er einst im Alkoholrausch seine Frau und deren Liebhaber umgebracht und deren Schwester, Kubas Tante Ala, bei der er sich jetzt einquartiert, ein Auge ausgestochen hatte.

Aber es gibt auch die Wendegewinnler, wie Janusz, der trotz seiner Stasitätigkeit zum Bürgermeister gewählt wurde; und Justyna, eine im Westen ausgebildete, mit den Regeln des Kapitalismus vertraute Hotelbesitzerin, die eine frappierende Ähnlichkeit mit Marta aufweist, und mit der er eine leidenschaftliche Affäre beginnt.

Taumelnd zwischen Erinnerungen und konkreten Erlebnissen gerät Kuba inmitten der eigenwilligen, bauernschlauen und mit einem derben Humor ausgestatteten Menschen in einen Strudel, der ihm geradezu schizophren erscheint.

Seine metaphorische Entsprechung findet Kubas Seelenlage in seiner Fähigkeit des Bauchredens und seinen zwei Bauchnabeln, einem originären und einem zweiten, der von der Operation herrührt, bei der ihm der Embryo seines toten Zwillingsbruders aus dem Bauch entfernt wurde.

"Mir kam dieses Bild sehr entgegen, weil ich eben auch diese doppelte schizophrene Lebensweise führe, die habe ich schon immer in Polen geführt als Kind von polnisch-deutschstämmigen Eltern, polnisch-litauisch, deutsch-österreichisch, galizisch, wo angeblich auch jüdische Wurzeln sein sollten, aus Lemberg. Und ich dachte mir immer wieder, wer bin ich - und insofern dieser doppelte Boden, der bis heute vorhanden ist. In Deutschland werde ich ja immer nur als Pole angesehen, während ich in Polen nach wie vor letztendlich als Deutscher funktioniere."

Das Archaische, Geheimisvolle der masurischen Landschaft mit ihren düsteren Wäldern und unheimlichen Seen, den unvermittelt einsetzenden Regengüssen und der "weißen Bö", einem im Nebel aufkommenden Sturm, der schon etliche Segler das Leben gekostet hat, aber auch alte Spukgeschichten von wieder auferstandenen Toten und geheimnisvollen Fahrten ins Niemandsland – solche Erinnerungen, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis des Autors eingebrannt haben, bilden wesentliche Ingredienzien des Romans.

"Ich bin glücklich, dass ich in dieser Natur aufgewachsen bin, also wo die Natur den Lebensrhythmus bestimmt hat. Und zum anderen bin ich glücklich, dass ich in einer Provinz, einem Provinzstädtchen aufgewachsen bin, in einem Provinzstädtchen, wo es viele Sprachen und Religionen gab, wo es viele Nationen gab, ob das Ukrainer, Deutsche, Juden, Polen oder polnische Vertriebene aus den heutigen litauischen Gebieten oder aus Lew/Lemberg waren oder sind, das spielt keine Rolle. Auf jeden Fall lebte ich in einem Reichtum, was die Natur angeht und was die Sprachen angeht und was das Osteuropäische angeht. Und das hat sicherlich dazu beigetragen, dass die Augen so empfindlich geworden sind, und dass ich vieles sehen konnte.

Zur Natur hab ich dennoch ein sehr gespaltenes Verhältnis, ähnlich wie einige andere polnische Dichter, die eben aus Litauen kommen wie Cseslaw Milosz, oder aus Lemberg, da die Natur ja nicht nur eine heilende Kraft war, sondern auch eine gefahrvolle Kraft, denn wir haben immer wieder Ertrunkene gesehen, junge Menschen, Kinder, die immer wieder von Seen geholt wurden. Und das hat mich natürlich sehr früh beeindruckt. Das meine ich mit dieser dunklen Seite der Natur."

Becker ist ein phantasievoller, stellenweise ausufernder Fabulierer. Die Wiederbegegnung mit der alten Heimat und die Intensität der Erinnerungen an die verlorenen Kindheitsparadiese haben seine Fantasie zusätzlich beflügelt. Sein Fokus ist die Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Erinnerung und unmittelbarem Erleben, aber auch zwischen Erlebtem und Imaginiertem.

Mit schwebender Leichtigkeit und stilistischer Souveränität markiert er die fließenden Übergänge zwischen beiden Sphären. In einer Spreche, die er erst im Alter von 17 Jahren gelernt hat, zu der er jedoch schnell eine so enge Beziehung entwickelte, dass er sich entschloss, Prosa nur noch in Deutsch zu schreiben, seiner "Zweitmuttersprache".

"Nach 23 Jahren des Lebens in Deutschland und gleichzeitig des permanenten Sprechens und Lesens auf Polnisch habe ich das Gefühl, dass ich da zwischen beiden Sprachen nicht mehr unterscheiden kann. Also sie sind gleichwertig. Und dadurch, dass ich auch nach wie vor mich mit meinen Freunden auf Polnisch unterhalte über die Themen, die ich eigentlich auch in meinen Essays oder Büchern behandele, habe ich den Eindruck, dass diese beiden Sprachen sich gar nicht mehr im Wege stehen.

Der kleine Unterschied ist glaube ich der, dass ich dennoch von Buch zu Buch die deutsche Sprache erweitere, neue Horizonte entdecke, und die Sprache wächst. Und da muss ich sehr aufpassen, dass ich mein Polnisch dabei nicht unterdrücke und dem Polnischen auch nach wie vor freie Räume gebe."

Dass seine Romane, die seit einiger Zeit auch in seiner ersten Heimat auf wachsendes Interesse stoßen, ins Polnische übersetzt werden müssen, mag man als eine weitere Schizophrenie dieses Grenzgängers zwischen Ost und West ansehen.

Für die deutsche zeitgenössische Literatur stellt Artur Becker eine wohltuende Bereicherung dar. Auch, wenn er in seiner Vorliebe für das Geheimnisvolle und in seiner Verbundenheit zu der alten Heimat einer wehmütigen Irrationalität bisweilen gefährlich nahe kommt in diesem zwischen Heimat-, Liebes- und Schelmenroman changierenden Werk.

Denn in der Art, wie Becker die Übergänge zwischen dem oft in aller Drastik beschriebenen Diesseits und einem immer mitschwingenden Jenseits mit augenzwinkernder Kunstfertigkeit beschreibt, weist der Roman durchaus auch pikareske Elemente auf, zum Beispiel das sprechende Messer, das sich in Kubas Gepäck befindet, dessen kriminellen Einflüsterungen dieser aber glücklicherweise widersteht.

Artur Becker: Wodka und Messer - Lied vom Ertrinken
Verlag Weissbooks, Frankfurt am Main 2008
480 Seiten, 22 Euro

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