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StartseiteKommentare und Themen der WocheWasser auf die Mühlen der Kritiker12.02.2017

Dortmunder Fan-RandaleWasser auf die Mühlen der Kritiker

Bislang hat nur das Bundesland Bremen der Deutschen Fußball-Liga bei Risiko-Spielen die Polizeikosten in Rechnung gestellt. Doch das könnte sich nach der Randale Dortmunder Fans gegen Anhänger von RB Leipzig ändern, meint Moritz Küpper. Zunehmend kritische Töne dürften den Fußball-Funktionären Sorge bereiten.

Von Moritz Küpper

Fußball: Bundesliga, Borussia Dortmund - RB Leipzig, 19. Spieltag am 04.02.2017 in Dortmund (Nordrhein-Westfalen). Dortmunder Fans entrollen vor Spielbeginn auf der Südtribüne Spruchbänder gegen den RB Leipzig mit Parolen wie „Bullen schlachten“ oder „Pflastersteine auf die Bullen“ - Hauptsponsor des RBL ist der Getränkehersteller Red Bull.  (picture alliance / dpa / Ina Fassbender)
Spruchbänder mit RBL-Hassparolen auf der Tribüne, gewalttätige Ausschreitungen gegen Fans und Ordnungskräfte vor und in den Stadien: Wie lassen sich diejenigen stoppen, die den Fußball für ihre Gewalt- und Hass-Exzesse missbrauchen? (picture alliance / dpa / Ina Fassbender)
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Im Fußball, so heißt es oft, zählt nur das Ergebnis. Es sind Tore und nicht geschossene Tore, nach denen das Spiel seit Jahrzehnten bewertet wird – und wenn es nach dem Willen der Deutschen Fußball-Liga, dem Deutschen Fußball-Bund, aber auch den Vereinen und ihren Verantwortlichen geht, dann muss das auch so bleiben. Die Wahrheit liegt immer noch auf dem Platz.

Doch in dieser Woche war das einmal anders: Mit 1 zu 0 gewann Borussia Dortmund am letzten Wochenende gegen Rasenballsport Leipzig – doch dieses Ergebnis interessierte nur peripher. Vielmehr ging es danach um die brutalen Übergriffe am Rande des Spiels. Sie waren Thema in allen Medien, die Polizei setzte eine Ermittlungskommission ein, der Landtag in Nordrhein-Westfalen beschäftige sich damit.

Bemerkenswerte, mitunter irrationale Auswirkungen

Und gerade an diesem Ereignis zeigt sich einmal mehr, dass das Spiel außerhalb des Rasens ein komplett anderes geworden ist. Der Fußball ist mittlerweile ein gesellschaftlicher Faktor, der seinesgleichen sucht und dessen Einfluss sich in fast allen Bereichen finden lässt: Während den Parteien – trotz des sogenannten Trump- oder auch Schulz-Effekts – den Gewerkschaften oder auch den Kirchen die Mitglieder weglaufen, boomen Vereine und der Verband. Wenn ein Nationalspieler etwas in seinen sozialen Netzwerken postet, erreicht er knapp fünfzehn Mal so viele Menschen wie beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem gleichen Weg. Die Liste solcher bemerkenswerter, mitunter irrationaler Auswüchse ließe sich beliebig fortsetzen – und gerade auch um die Ereignisse vom vergangenen Wochenende ergänzen.

Denn die Übergriffe vor dem Bundesligaspiel zwischen Dortmund und Leipzig, bei denen Straftäter in BVB-Fan-Montur mit Steinen- und Flaschenwürfen Leipziger Anhänger angriffen, sollten ein Thema sein. Nicht nur wegen ihrer erschreckenden Brutalität und Hemmungslosigkeit, sie sollten auch deshalb genauer betrachtet werden, weil sich an ihnen, aber auch den Motiven dahinter, geradezu exemplarisch die zuweilen bedenkenswerten Entwicklungen rund um das Fußball-Geschäft und dessen Auswüchse aufzeigen lassen.

Mehr als bedenkliche Züge

Da wäre – zuerst einmal – der Bedeutungszuwachs des Fußballs. Natürlich, auch der legendäre Reporter Herbert Zimmermann nannte einst, im WM-Endspiel von Bern 1954, den deutschen Torhüter Turek einen Fußball-Gott. Doch die mitunter religiöse Verehrung des Spiels, der Bedeutungszuwachs eines Vereins, hat gesellschaftlich mitunter mehr als bedenkliche Züge erreicht. Erst recht, wenn Menschen der Meinung sind, ihren Traditionsverein mittels krimineller Attacken auf friedliche, unbeteiligte Anhänger eines vermeintlich neureichen Emporkömmlings verteidigen zu müssen.

Zumal, das wäre Punkt zwei: Die Kommerzialisierung des Fußballs, diese Argumentation könnte nicht heuchlerischer daherkommen: Denn eben jener Kommerz zeigte sich vor allem durch beide Mannschaftskonstrukte: auf der einen Seite Rasenballsport Leipzig, als von einem Getränkehersteller gepäppelte Retorten-Klub aus dem Osten geschmäht, auf der anderen Seite aber Borussia Dortmund GmbH & Co., eine Kommanditgesellschaft auf Aktien und das einzige börsennotierte Team der Bundesliga.

Es war vor allem BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, der das Geschäftsmodell Leipzig immer wieder kritisiert hat - und der damit symbolisch für eine Doppelmoral steht.

Aber all dies ist möglich, weil dem Milliardengeschäft Fußball zum einen eine gesellschaftliche Gleichgültigkeit entgegengebracht wird, zum anderen er seine Machtstellung aktiv nutzt, um beispielsweise eine Debatte über die Kosten der Polizei-Einsätze klein zu halten. Bisher hat das funktioniert.

Wasser auf die Mühlen der Kritiker

Doch das hoch-kommerzielle und zugleich hoch-kriminelle Ereignis vom vergangenen Wochenende, eben das Spiel zwischen dem BVB und RB Leipzig, scheint nun Wasser auf die Mühlen der Kritiker zu sein. Warum soll eine von Überstunden gebeutelte, durch terroristische Gefahren herausgeforderte Polizei, ein solch milliardenschweres Geschäft schützen?

Bislang stand das Bundesland Bremen mit seinem Verstoß, bei Risiko-Spielen der DFL eine Rechnung für die Polizeikosten zu schreiben, alleine da. Doch NRW-Innenminister Ralf Jäger von der SPD, selbst nicht nur Fußball-Fan, sondern bislang auch ein treuer Verbündeter, sagte nun, dass der Fußball am Scheideweg stehe. Und auch CDU-Politiker in NRW wollen sich nicht damit abfinden, weiterhin massenhaft Polizei für Spiele abzustellen.

Es sind diese kritischen hinterfragenden Töne, die nun sichtbarer werden, den Fußball-Funktionären Sorge bereiten dürften und die das Besondere an der Diskussion in dieser Woche waren. Und damit letztendlich das Ergebnis des letzten Bundesliga-Wochenendes. Alle sportlichen Spielstände hin oder her.

Moritz Küpper (Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper (Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper, Jahrgang 1980, studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in München und Washington, D.C. und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Er promovierte an der Universität Bonn und arbeitete als Redakteur bei Capital, in der Online-Redaktion des Deutschlandradios sowie der Deutschlandfunk-Sportredaktion. Seit 2015 ist er als Deutschlandradio-Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen tätig.

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