Sonntag, 19.11.2017
StartseiteEssay und Diskurs"Deutschland hat die Ressourcen, die Migration zu bewältigen"05.06.2016

Doug Saunders zur Integration von Flüchtlingen"Deutschland hat die Ressourcen, die Migration zu bewältigen"

Der britisch-kanadische Autor und Journalist Doug Saunders veröffentlichte 2011 sein Buch "Arrival City", für das er Ankunftsstädte rund um die Welt besuchte. Seine Erkenntnisse sind angesichts der Flüchtlingskrise in Deutschland hochaktuell. Sounders sagte im DLF, die Menschen wollten dorthin ziehen, wo bereits Netzwerke von Migranten vorhanden seien. Kluge Projekte ermöglichten eine bessere Integration.

Doug Saunders im Gespräch mit Jochen Rack

Ein Flüchtling in einem Sprachkurs (dpa / picture-alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Doug Saunders hat Erfolgsfaktoren für gelunge Integration in weltweiten Großstädten beoachtetn (dpa / picture-alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Mehr zum Thema

Bundestag Opposition: Integrationsgesetz verhindert Integration

Veranstaltungsreihe "Miteinander leben" Auf dem Weg zum europäischen Islam

Gibt es einen ostdeutschen Rassismus? "Hitler war ein Westler"

Jochen Rack: Herr Saunders, Sie haben sich in zahllosen Reportagen mit der Situation von Migranten in aller Welt beschäftigt, die vom Land in die Städte ziehen und dort sogenannte Ankunftsstädte gründen - Arrival City heißt Ihr Buch. Sie zeigen darin, wie Ankunft gelingen kann, aber ebenso, wie sie misslingt, wenn die Bedingungen dafür nicht stimmen. Für Europa, insbesondere Deutschland, ist das zur Zeit ein hochaktuelles Thema, denn wir haben es mit den großen Strömen von Flüchtlingen zu tun, die nach Europa drängen. Wie beurteilen Sie denn die europäische Flüchtlingspolitik im Augenblick?

Doug Saunders: In den letzten Jahren haben wir erlebt, dass eine große Zahl von Flüchtlingen über das Mittelmeer kam. Wir haben es teilweise mit einer Flüchtlingskrise zu tun, denn die 50 Prozent der Menschen, die nach Europa kommen, sind Flüchtlinge im Sinne der UNO-Charta von 1951, die anderen Migranten sind keine solchen rechtlich anerkannten Flüchtlinge, und mit ihnen hat man Schwierigkeiten. Seit 1990 kamen nicht mehr viele Flüchtlinge nach Europa, zwischen 2000 und 2012 fast gar keine, so wenig wie noch nie nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Viele Leute haben auch vergessen, dass in den 1990er-Jahren aus dem ehemaligen Jugoslawien circa drei Millionen Menschen nach Europa kamen und eine politische Krise auslösten, die in mancher Hinsicht größer war, als die heutige. Man hat damals befürchtet, dass die Flüchtlingswelle nicht abebben und der Krieg auf dem Balkan lange andauern könnte. Es gab Versuche in Deutschland, die Verfassung zu ändern und das Asylrecht zu beschneiden. Der Krieg endete dann sehr plötzlich im Jahr 2000 und ungefähr zwei Drittel aller Flüchtlinge kehrten auf den Balkan zurück. Das Drittel von Kroaten, Bosniern und Kosovaren, die hier blieben, wurde zu einem anerkannten Teil der deutschen Bevölkerung in den Städten.

Jetzt wiederholt sich dieses Geschehen, aber mit sehr viel mehr Menschen, unter denen auch solche sind, die keine legal anerkannten Kriegsflüchtlinge sind. Man steht vor der Herausforderung, eine Million Menschen anzusiedeln, die als Flüchtlinge anerkannt werden und die anderen abzuschieben, die nicht als Flüchtlinge anerkannt werden. Das ist die Herausforderung des Jahres 2016. Wie schiebt man eine so große Zahl von Menschen ab? Die nicht als Flüchtlinge anerkannten Migranten stellen nämlich ein großes soziales Problem dar, oft sind es alleinstehende Männer, die Teil einer seit Jahrzehnten andauernden Migration sind, bei der sich Saisonarbeiter zwischen dem Mittelmeer und Europa hin und her bewegen.

Rack: Ist Deutschland auch gewissermaßen naiv gewesen in seiner Politik gegenüber den Flüchtlingen? Ist hier eine Art von moralischer Arroganz oder moralischer Überheblichkeit im Spiel gewesen, während andere Nationen - vielleicht auch vor allem die Nationen, die selber eine Kolonialgeschichte haben und also mit Immigration schon länger zu tun haben - an dem Punkt skeptischer waren?

Saunders: Ich denke, Deutschland hat die Ressourcen und die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Immigration zu bewältigen. Man hat aber Fehler gemacht hinsichtlich der Art und Weise, wie man mit den Flüchtlingen umgeht. Ein Problem ist zum Beispiel die Vorstellung, dass man Migranten einfach überall im Land in den verschiedenen Städten verteilen kann, statt sie in die bestehenden Migrantenviertel ziehen zu lassen. Ich hoffe, dass das nur eine kurzfristige Lösung ist. Migranten in aufgegebene US-Kasernen zu stecken ist keine gute Idee, weil diese Orte nicht mit den bestehenden Stadtvierteln und der Wirtschaft vor Ort verbunden sind. Es ist genauso eine schlechte Idee, tausende von Flüchtlingen in Städten mit Leerstand anzusiedeln wie in manchen Städten Brandenburgs, denn dort gibt es keine bestehenden Gemeinschaften von Migranten und keine ökonomischen Möglichkeiten.

Wenn die Flüchtlinge schlau sind und erfolgreich sein wollen, werden sie da vielleicht ein paar Wochen bleiben und dann schauen, dass sie nach Kreuzberg, Neukölln oder Offenbach weiterziehen, wo es bestehende Netzwerke von Migranten gibt. Kluge Projekte, die es schon gibt, ermöglichen es Migranten, sich zu integrieren, und schieben sie nicht einfach irgendwohin ab. Es wird auch schon richtig viel Geld ausgegeben, um Wohnraum zu schaffen. Ein Thema des deutschen Pavillons auf der Architektur-Biennale in Venedig in diesem Jahr ist die Frage, wie man dieses Geld sinnvoll ausgibt. Deshalb habe ich mich auf der Architektur-Biennale engagiert. Normalerweise ist das eine Veranstaltung, wo sich alles um ziemlich abstrakte und wolkige Ideen von Architekten dreht. Der deutsche Pavillon aber ist das Gegenteil von abstrakt: Er nimmt meine Überlegungen über die Ankunftsstädte auf und fragt, wie man sinnvoll Geld für die Gestaltung von Ankunft investieren kann. Deutschland gibt jetzt viele Milliarden Euro für die Errichtung von Zehntausenden, von hunderttausenden von Wohnungen für Flüchtlinge aus und für zukünftige Immigranten. Das ist eine gute Gelegenheit, um die Lektion von sechs Jahrzehnten staatlicher Wohnbaupolitik zu lernen und zu verstehen, wie man Integrationshindernisse beseitigt, die durch falschen Wohnbau geschaffen wurden.

"Urbane Bezirke sind Ankunftsstädte"

Rack: Darüber will ich ganz gern mit Ihnen sprechen, denn in Ihrem Buch Arrival City bringen Sie Reportagen aus verschiedensten Bereichen der Welt und schildern eben auch Arrival Cities, die misslungen sind. Also etwa die Siedlung Les Pyramides in Évry bei Paris. Wenn Sie ausgehen von dem, was Sie jetzt gesagt haben, dass es also wichtig ist, hier auch architektonisch richtig zu reagieren auf die Herausforderung durch Migranten oder Flüchtlinge, wenn Sie mal dieses Negativbeispiel von Les Pyramides vorführen, damit wir überhaupt verstehen, was wir nicht tun sollten in der Vorbereitung auf diese Aufgabe.

Saunders: Man muss verstehen, dass Integration eine schwierige Angelegenheit ist, die nicht von oben als Regierungsprogramm durchgesetzt werden kann. Man kann den Migranten nicht einfach ein Flugblatt in die Hand drücken, das ihnen erklärt, wie man Deutscher wird oder die Sprache lernt. Die Leute integrieren sich selbst, sie wollen natürlicherweise Teil der Gemeinschaft um sie herum werden. Und wenn das nicht gelingt, dann weil man ihnen die Integration erschwert hat. Manchmal sind das ganz handfeste physische Hindernisse in den Nachbarschaften, wo sie sich niederlassen. Man muss das richtig begreifen, was ich Arrival City nenne - die Ankunftsstadt, die sich Migranten innerhalb der bestehenden Städte schaffen, um sich gegenseitig zu unterstützen und die Basis für ihren sozialen Aufstieg zu ermöglichen.

Warum ist ein urbaner Bezirk eine Ankunftsstadt? Zwei Gründe gibt es immer: Erstens gibt es dort Unterkünfte, die aus was für Gründen auch immer billiger zu mieten oder zu kaufen sind als im Rest der Stadt. Zweitens gibt es dort bereits eine Gemeinschaft von Leuten, die dieselbe Sprache sprechen, dieselbe ethnische Herkunft teilen, aus denselben Dörfern kommen, die sich gegenseitig unterstützen und helfen können. Man muss aber fragen: Warum ist dort Wohnen so viel billiger? Vielleicht ist das Wohnen billig, weil das Viertel einen schlechten Ruf hinsichtlich Kriminalität und Gewalt hat, vielleicht weil, das Viertel zu weit vom Zentrum entfernt ist und man eine zweistündige Busfahrt auf sich nehmen muss, um zu seiner Arbeitsstelle zu kommen oder Kunden in sein Geschäft zu bringen. Vielleicht ist es billig, weil es keinen Raum gibt, um ein Geschäft, ein Restaurant, irgendein Gewerbe zu eröffnen. Oder es gibt dort keine ausreichend hohe Bevölkerungsdichte, weil es furchteinflößende große Grünflächen zwischen den Gebäuden gibt. Oder das Viertel ist billig, weil die Schulen dort schlecht sind und keiner hinziehen will.

Das sind alles Gründe dafür, warum eine Gegend zur Ankunftsstadt werden kann, und man müsste dort intervenieren, um die Probleme zu lösen. Ich habe zum Beispiel einige Zeit in den sogenannten schwierigen Banlieues außerhalb von Paris verbracht, im Les Pyramides-Viertel in Évry, das nach einem architektonischen Masterplan der 1960er-Jahre erbaut wurde, perfekt entworfen als Wohnanlage für die Arbeiterklassen, für Leute mit Autos. Aber es wurde zu einem Viertel, in das viele Menschen aus Afrika zogen, um sich niederzulassen. In kultureller und sprachlicher Hinsicht waren sie gut integriert. Das war keine misslungene Parallelgesellschaft.

Die Kinder der Migranten waren in Frankreich geboren, sprachen fließend Französisch und wollten Teil der Community werden, aber sie waren gefangen an einem Ort, an dem es keine Gewerbemöglichkeiten gab und es sehr schwer war, sich mit dem bestehenden Paris zu verbinden. Die Verkehrsanbindung war extrem kompliziert, man konnte nicht leicht zu seinem Arbeitsplatz kommen. Und sie hatten dort dieselben Probleme, die viele Wohnanlagen des 20. Jahrhunderts auszeichnen: Die Bevölkerungsdichte war zu gering. Man meint immer, Hochhäuser sorgten für eine hohe Wohndichte, aber viele Hochhäuser, Plattenbauten und so weiter führten nur zu einer geringen Bevölkerungsdichte, weil es große Abstandsflächen und Parks gibt und Aufzugsbauten Platz wegnehmen. Man bekommt keine enge Nachbarschaft hin, findet keinen Platz in den Erdgeschossen, um ein Geschäft zu eröffnen, und selbst wo es ginge, bekommt man oft keine Erlaubnis dafür. Und wenn man eine Erlaubnis bekommt, hat man einfach nicht genug Leute auf der Straße, die dort einkaufen würden. Es gibt keinen Aufstiegsweg in die Mittelschicht. Man hat keine Möglichkeiten, seine Sozialwohnung zu erwerben. Wenn man innerhalb seiner Community erfolgreich sein will, muss man wahrscheinlich anderswohin ziehen, weil es dort keinen Platz für die Mittelschicht der Migranten gibt und keinen für Angehörige der Mittelschicht aus der bestehenden Stadt, die dort hinziehen könnten, wie Yuppies oder die Hipster. Ein Migrationsviertel, das helfen soll, der intergenerationellen Armut zu entkommen, muss ein attraktiver Ort für die Mittelschicht sein.

Der britisch-kanadische Autor und Journalist Douglas Saunders veröffentlichte 2011 sein Buch Arrival City. The Final Migration and Our Next World, das unter dem Titel Die neue Völkerwanderung - Arrival City  2013  in Deutschland herauskam.

"Man muss einen flexiblen Gebrauch des Raums zulassen"

Rack: Sie zitieren in Ihrem Buch eine sehr interessante Aussage von Manuel Valls, der - wie ich aus Ihrem Buch entnehmen konnte - Bürgermeister von Évry war, bevor er jetzt heute ja Premierminister von Frankreich ist, und er spach von einer sogenannten kartesianischen Bauweise. Haben wir es hier zu tun also mit einem grundsätzlich misslungenem Modernismus in der Architektur, der ja dann nicht nur das Schicksal von Migranten betrifft, sondern auch also etwa von Einheimischen, die unter den gleichen Problemen dort leiden würden wie eben Einwanderer?

Saunders: Es war schon erstaunlich: Während der Zeit, in der ich in Frankreich über Arrival Cities recherchiert habe - das war zwischen 2005, als die Unruhen in den Banlieues waren, und 2008 - da habe ich einen jungen idealistischen Bürgermeister in Évry kennengelernt, der Ideen hatte, wie Integration funktionieren könnte und wie man die Migranten zu einem Teil der französischen Gesellschaft machen könnte. Sein Name war Manuel Valls und er wurde Premierminister, aber nicht weil er die Ideen weiter verfolgte, die er damals als Bürgermeister hatte. Er versteht was von der Sache, und das kann schon ein Grund sein, dass Frankreich viel mehr in die Verbesserung der Verkehrssysteme zu den Banlieues außerhalb von Paris investiert und die Schulen verbessert hat. Valls hatte sicher ein Verständnis dafür, dass das die größten Hindernisse für eine erfolgreiche Integration sind.

Man kann die Häuser ausbauen und bestimmte Investitionen anstoßen, um sie zu verbessern. In Amsterdam habe ich das studiert. Und ich sollte ergänzen: In Toronto, wo ich lebe, hatten wir ein Programm, das sich "Dichte dazwischen" nannte. Man verstand, dass die Abstandsflächen zwischen den Häusern, die auf den Architekturmodellen gut aussehen oder, wenn man im Zug dran vorbeifährt, wie gemacht dafür sind, dass Einwanderersiedlungen nicht funktionieren. Sie halten die Einwanderer davon ab, das zu tun, was sie machen, wenn sie sich in Innenstädten niederlassen: Sie suchen sich billigen Wohnraum, verbessern ihn, bauen aus, eröffnen vielleicht ein Geschäft oder Restaurant im Erdgeschoss und ziehen einen Vorteil daraus, dass eine Menge Leute auf der Straße sind, die daran vorbeilaufen. Oder sie eröffnen eine kleine Werkstatt, schaffen kleine Märkte um die Häuser herum. Man muss einen flexiblen Gebrauch des Raums zulassen, wo man wohnt, dann kann man ökonomische Aktivitäten anstoßen. Solch eine flexible Nutzung von innerstädtischem Raum verwandelte Viertel wie die Lower East Side in New York oder Bricklane in London oder Belleville in Paris in interessante Stadtteile.

Sie wurden geradezu Maschinen zur Integration von armen Immigranten. Diese Dinge fehlen in der neuen vorstädtischen Immigration. Man sollte verstehen, dass das heute ein internationales Problem ist, dass das alte Muster der Immigration im 20. Jahrhundert für die westliche Welt nicht mehr gilt, als sich Immigranten in den dicht besiedelten Innenstädten niederließen. Diese Immigranten waren so erfolgreich, dass jetzt Leute aus der Mittelschicht wie ich in den alten innerstädtischen Migrantenvierteln wohnen wollen.

Fast die gesamte Immigration in die westliche Welt, nach Nordamerika und Westeuropa geht in die Vorstädte. Und fast die ganze Armut ist in den Suburbs. Wir müssen begreifen, dass diese neue Form der Einwanderung die Immigration erschwert.  Diese 1950er und 1960er Arbeiterviertel, die sehr nett ausschauen und für das Auto gebaut wurden, haben einige Merkmale, die sie zum Misserfolg verdammen: Geringe Bevölkerungsdichte, große Freiflächen, Straßen und Parkgürtel, die diese Viertel von den bestehenden Städten trennen, strenge Gesetze, die Wohnviertel von Gewerbe- und Industrievierteln trennen, sodass das nicht in demselben Gebäude stattfinden kann. Generell sind das Viertel, die eher für Autos gemacht sind, nicht für Leute auf der Straße. Das sind dann auch Viertel, die die Benachteiligung von Frauen fördern, die sich oft nicht auf die Straße trauen, weil es da zu gefährlich ist. Damit verstärkt man dann auch überkommene problembehaftete Familienstrukturen. Die Familien, die dort wohnen, tun sich oft leichter, mit ihren Verwandten in den Herkunftsländern in Kontakt zu bleiben, indem sie Satellitenfernsehen aus diesen Ländern schauen, als mit den Städten in Kontakt zu kommen, wo sie offiziell leben.

"Wir planen zu viel von oben herab"

Rack: Das heißt für uns die Frage, welche Lehre kann man aus dieser Erfahrung ziehen, um in Zukunft eben Wohnverhältnisse für Immigranten zu schaffen, die diese Probleme, von denen Sie jetzt sprechen, vermeiden? Sie beschreiben in Ihrem Buch auch gelungene Arrival Cities wie Parla bei Madrid oder auch etwa Istanbul. Dieses sind beides Fälle, wo so etwas stattgefunden hat wie eine wilde Immigration. Kann man denn, wenn man diese beiden Beispiele sich etwa anschaut, daraus schließen, dass in Zukunft, also wenn wir diese Migranten bei uns sinnvoll unterbringen wollen, dass wir etwas brauchen, wie mehr Partizipation, mehr Autonomie für die Migranten, sich ihre eigenen Wohnverhältnisse zu schaffen?

Saunders: Ja, ein großes Problem ist es, dass wir zuviel von oben herab planen, wir erlauben zu wenig den flexiblen Umgang mit Raum. Meine Recherche über Arrival Cities hat mich gelehrt, dass die räumliche Umwelt sehr großen Einfluss auf die Lebensweise der Menschen hat. Architektur und Stadtplanung bestimmen in hohem Maße die Integrationsmöglichkeiten von Migranten. Ursprünglich hatte ich gedacht, dass ökonomische und kulturelle Faktoren dafür wichtiger sind. In vielen Projekten versucht man städtebauliche Hindernisse zu beseitigen und sieht dann, wie das Viertel sich ändert, indem man für eine höhere Bevölkerungsdichte und eine gute verkehrstechnische Anbindung an die bestehenden Städte sorgt. Man macht dann Viertel, die man bis dahin als Krebsgeschwüre betrachtet hat, zu integralen Bestandteilen der existierenden Stadt. Die Bewohner der bestehenden Stadt merken dann, dass es sich lohnt, in diese armen Einwandererviertel am Stadtrand zu kommen, um dort zu essen, die andere Kultur zu genießen und vielleicht sogar ein Unternehmen dort zu gründen. Und dass man nicht mehr vor diesen Vierteln warnen muss. Diese Räume einzubeziehen ist entscheidend, und dass man die einmaligen Investitionen tätigt, damit das funktioniert. Man wird damit auch in Zukunft viel Geld sparen, das man nicht mehr in Sozialhilfe oder in die Polizei stecken muss. Man muss dafür sorgen, dass die Kinder, die in diesen Migrantenvierteln aufwachsen, in die Schulen gehen und dann ins Arbeitsleben integriert werden und sich ein eigenes Gewerbe schaffen - darin sind die Immigranten stark. Außerdem ist es wichtig, dass sie dort anständige Wohnungen finden und zum Teil der Mittelschicht werden. Alle diese Ziele kann man durch kluge Investitionen in den Baubestand dieser Quartiere erreichen.

Man muss dafür sorgen, dass die Kinder von Immigranten die Schule beenden und die Chance haben, es auf die Universität zu schaffen, vor allem die männlichen Jugendlichen. Denn es gibt ein Muster in den Ankunftsstädten, dass Schulen zum Misslingen der Integration beitragen, weil die erfolgreichen Migranten und die eingesessenen Bewohner der Viertel ihre Kinder nicht in die Schulen vor Ort schicken, sondern in bessere, mittelschichtsdominierte Schulen in anderen Stadtvierteln. Und übrig bleiben in den Schulen vor Ort dann die am wenigsten motivierten Kinder mit den größten Problemen und die schlechtesten Lehrer. Man muss deshalb die besten Schulen in den armen Immigrationsvierteln schaffen, damit zieht man dann auch Mittelschichtskinder aus anderen Stadtvierteln an. Man muss alle Anstrengungen unternehmen, dass solche inklusiven Schulen entstehen, in denen die Schüler nicht mit 16 Jahren ausscheiden, sondern bis zum Ende der Ausbildung bleiben.

"Flüchtlinge brauchen schnell einen Status"

Rack: Ich darf vielleicht noch eine Sache ergänzen, die in Ihrem Buch auch eine große Rolle spielt, die Möglichkeit, die Staatsbürgerschaft zu erwerben. Sie sagen, in Deutschland etwa am Beispiel Kreuzberg hat dies lange nicht besonders gut funktioniert, weil die Möglichkeit, die Staatsbürgerschaft für die Türken vor allem in Kreuzberg zu erwerben nicht gegeben war und dies verhindert Integration.

Saunders: Es gibt eine wesentliche Lektion mit Flüchtlingen, und Deutschland sollte das aus seiner Erfahrung mit den Gastarbeitern wissen: Es ist wichtig, Flüchtlingen so schnell wie möglich einen Status zu geben, in dem sie keine Flüchtlinge mehr sind. Denn Flüchtlinge haben immer eine Vorstellung, dass sie sehr bald wieder in ihre Heimat zurückkehren werden. Und das Gesetz behandelt sie oft auch wie Menschen mit nur zeitweisem Aufenthaltsstatus. Man sollte sie aber so schnell wie möglich wirtschaftlich erfolgreich machen, indem sie eine Arbeit bekommen, ein Gewerbe beginnen und das tun können, weil sie Staatsbürger sind. In Kanada und vielen anderen Ländern hat man gelernt, dass es wichtig ist, Immigranten einen schnellen Weg zum Erwerb der Staatsbürgerschaft zu ebnen. Man muss ihnen erlauben, sofort zu arbeiten. Und dabei ist es nicht so wichtig, ob sie schon die Landessprache beherrschen. Ihre Kinder, wenn sie in ihre neue Heimat im Alter unter 14 Jahren kommen, werden die Landesprache perfekt lernen. Immigranten können ökonomisch erfolgreich sein, auch wenn sie die Sprache nicht beherrschen. Sie machen Geschäfte untereinander, aber wenn man darauf wartet, bis sie die Sprache gelernt haben, verpasst man die größte Chance auf Integration. Ein gewisser Teil von ihnen wird in ihre Herkunftsländer zurückkehren, aber die andern sollen das Gefühl haben, dauerhaft hier bleiben zu können. Im anderen Fall schafft man Lager, in denen sie herumsitzen und nichts zu tun haben und nichts zur Ökonomie beitragen und keine Geschäfte gründen und keine Wohnungen beziehen.

Rack: Herr Saunders, ich will mit Ihnen noch etwas konkreter sprechen über die Frage, welche Architektur für Flüchtlinge ist im Augenblick möglich und nötig? Sie haben schon erzählt, dass Sie an dem deutschen Pavillon der Architektur-Biennale beteiligt sind, der Titel heißt hier "Making Heimat - Deutschland Arrival Country", spielt also unmittelbar auf Ihr Buch Arrival City an. In dieser Biennale ist von dem Leiter Alejandro Aravena ein interessanter Beitrag auch in der letzten Zeit bekannt geworden. Er hat Häuser entworfen, die halb fertig gebaut werden, und die andere Hälfte kann von den Bewohnern dann im Laufe der Zeit dazugebaut werden. Was halten Sie von diesem Beispiel und was für andere Beispiele für eine offene Architektur für Flüchtlinge oder Migranten fällt Ihnen ein?

 Saunders: Das Schöne an dem Architekturpavillon ist es, dass er Beispiele zeigt, die man gerade ausprobiert. Man muss diese Häuser bauen, es gibt ein Budget dafür und die Architekten müssen sich mit den Bedürfnissen von Immigranten auseinandersetzen und sich anschauen, wie sie leben und sich niederlassen und was sie für räumliche Bedürfnisse haben. Und es gibt eine Menge interessanter Ideen, wie man flexibel zu nutzende Wohnungen schafft, abhängig von der Größe der Familien. Anfangs kommen die Migranten mit großen Familien, im Lauf ihrer Integration passen sie sich dann der üblichen Familiengröße in den Ankunftsländern an. Türken in Deutschland hatten einmal fünf Kinder, heute haben sie 1,6 Kinder pro Familie, fast genauso viele wie einheimische deutsche Familien. Man sollte also Wohnungen schaffen mit verschiedenen veränderlichen Größen, Häuser, in denen es die Möglichkeit gibt, Geschäfte, Restaurants und so weiter zu eröffnen und sie da zu bauen, wo sie Teil der örtlichen Ökonomie werden können. Man kann nicht irgendwelche Blöcke auf die grüne Wiese stellen und dann hoffen, dass eine erfolgreiche Integration stattfindet. Viele der klassischen türkischen Viertel wie Kreuzberg oder Neukölln, die lange Zeit einen schlechten Ruf hatten, wurden sehr erfolgreich, weil das Gewerbe, das die Immigranten gründeten, Leute anzog, die dort essen, wohnen einkaufen wollten. Das Gleiche passierte in Offenbach. Ein Programm, das in Toronto verwirklicht wurde, wo ich lebe, hieß Tower Renewal. Man merkte, dass sich Migranten oft in Hochhäusern niederlassen, die in einem zu dünn besiedelten Umfeld standen, wo es dann auch keine U-Bahn-Stationen gab. Die Stadtregierung von Toronto hat dann die Erlaubnis gegeben, dass zwischen den bestehenden Hochhäusern neue Häuser gebaut wurden, in denen Gewerbe und Wohnen möglich war. Diese Idee, dass man die Leerflächen auffüllt und die Bevölkerungsdichte in solchen Vierteln erhöht, ist nun auch in Europa wichtig geworden. Im Amsterdamer Stadtteil Slotervart zum Beispiel, der große soziale Probleme und eine geringe Bevölkerungsdichte hatte, hat man bestehende Wohnblöcke erneuert, die Bevölkerungsdichte vervierfacht, man hat Möglichkeiten für Geschäfte in den Erdgeschosszonen der Häuser geschaffen. Ein Viertel der Wohnungen waren teuer und wurden verkauft, damit hat man nicht nur das Projekt teilweise finanziert, sondern auch eine funktionierende soziale und ökonomische Mischung geschaffen. Viele Leute haben dort ein Gewerbe angefangen und damit einen Weg für Migranten in die Mittelschicht eröffnet, die in ihrem Viertel bleiben wollten. Etablierte Angehörige der Mittelschicht zogen in das Viertel, Künstler und Computerleute, Hipster. Manche nennen das abwertend Gentrifizierung, aber es zeigt auch, dass ein Viertel erfolgreich ist. Üblicherweise profitieren die Migranten in solchen Vierteln von der Gentrifizierung. Vor allem in den nordamerikanischen Städten, wo sie Häuser besitzen, aber auch in Städten, wo sie nur Wohnungen mieten. Das Gewerbe floriert und die Schulen werden besser.

Man sollte Migranten nicht als Leute ansehen, denen man Integration von oben verordnen muss, sondern als Menschen, die sich von sich selbst aus integrieren wollen und dafür die nötigen Ressourcen brauchen. Und dafür jetzt zu investieren, schafft diese Möglichkeiten, dann wird man diese Menschen in zwei, drei Generationen in diesen Vierteln als Menschen ansehen, die ganz normale Deutsche und Europäer sind, Menschen, die in ihrem urbanen Umfeld ihr eigenes Gewerbe, ihr eigenes Leben, ihre Gemeinschaften haben und diese Viertel zu Orten gemacht haben, wo Wohlstand für das Land geschaffen wird und die Möglichkeit für andere Migranten, sich zu integrieren. Sie werden unserer Unterstützung dann nicht mehr bedürfen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Doug Saunders beobachtete Migranten, die sich in Ankunftsstädten eigene Netzwerke schaffen, die sozialen Aufstieg und Integration in der neuen Heimat ermöglichen. Für sein Buch "Arrival City" hat er Ankunftsorte in aller Welt besucht. Seine Erkenntnisse sind im Zeichen der Flüchtlingskrise in Deutschland hochaktuell.
Geboren 1967, wurde er Anfang der 1990er-Jahre bekannt durch die damals neue journalistische Tätigkeit Online-Rechercheure und computergestützte Reportagen. Er schrieb für kanadische und amerikanische Tageszeitungen und ist seit 2004 Korrespondent in London. Auf seinen ausgedehnten Reisen durch Europa, den Nahen Osten, Nordafrika und den Indischen Subkontinent fand er den Stoff für seine Bücher, die weltweiten Wanderungsbewegungen in die Städte und die Aufstandsbewegungen. Neben "Arrival City": 'The Final Migration and Our Next World' (2011) veröffentlichte er "The Myth of the Muslim Tide" (2012).

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk