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Draht im Hirn, Teil 2

Wie tiefe Elektroden bei psychischen Erkrankungen helfen

Von Kristin Raabe

Depressionen, Angsterkrankungen, Zwangsstörungen oder Drogenabhängigkeit – bei all diesen Erkrankungen kommt es zu fehlgeleiteter Aktivität im Gehirn. Das können bei einem Teil der Patienten auch Medikamente und Psychotherapie nicht ändern. Für sie gibt es seit wenigen Jahren eine neue Behandlungsform: Elektrodendrähte, die an eine Art Hirnschrittmacher angeschlossen sind. Sie sollen die Nervenzellen wieder in den richtigen Takt bringen.

"Ich habe den ganzen Tag 24 Stunden am Tag nur über das Sterben nachgedacht, dass ich sterbe, dass wir alle sterben und musste mir dann halt ständig überlegen, wie das ist, wenn man im Sarg liegt oder verbrannt wird oder verwest, die Würmer einen auffressen und man sich in Nichts auflöst. Und gleichzeitig gingen meine Gedanken auch noch darum, über den Sinn des Lebens, praktisch, wie die Welt entstanden ist, woher alles kommt, wohin alles geht, wie alles funktioniert, die zwei Sachen, darum hat sich alles gedreht, wenn ich morgens aufgewacht bin beim ersten Augenaufschlag, sofort die ersten Gedanken und wenn ich eingeschlafen bin, davon geträumt, also es war keine Minute Ruhe in meinem Kopf. Ich konnte mich nicht mehr ablenken, keinen Sport mehr gemacht, nicht mehr mit Freunden getroffen, es ging dann einfach gar nichts mehr."

Martina Wehner leidet seit sie fünf Jahre alt ist unter einer Zwangserkrankung. Das Karussell in ihrem Kopf kann sie nicht anhalten. Als Kind quält sie ständig der Gedanke, dass alle Menschen, die sie gern haben, ihr auch etwas schenken müssten. In der dritten Klasse hat sie bereits ihren ersten Kinderpsychiater. Später zwingen die Gedanken sie auch zu Handlungen, die sie eigentlich gar nicht ausführen will. Wehner:

"Da hatte ich dann Angst vor Einbrechern und da habe ich dann stundenlang abends die Türen kontrolliert, ob die alle zu sind. Von ganz oben, dem Dachgeschoss bis ins hinterste Kellerloch und das nicht nur einmal, sondern fünfmal so eine Tour gemacht."

Menschen mit einer Zwangsstörung sind in ihren Gedanken und Handlungen gefangen. Sie können nicht einfach damit aufhören, ihre Kontrollgänge zu machen, sich ständig die Hände zu waschen oder die Bleistifte auf ihrem Schreibtisch sorgfältig auszurichten. Denn hinter den Zwängen steckt immer eine starke Angst: Wolfgang Huff betreut an der psychiatrischen Universitätsklinik Köln schon seit Jahren Patienten mit Zwangsstörungen. Huff:

"Ich gebe mal ein Beispiel: Wenn ein Mensch, ein Zwangspatient, den Gedanken hat, dass er verschmutzt ist, und ihn diese Angst immer wieder begleitet, dann führt er Waschrituale aus und kann dann über diese Waschrituale sich kurzfristig versichern, dass er eben nicht schmutzig ist, weil er etwas dagegen getan hat. Andererseits kommen der Gedanke und die Angst davor, schmutzig zu sein, sofort nach dem Waschen wieder, was ein erneutes Waschen zur Folge hat. Es gibt also einen Kreislauf, aber diese Zwangshandlungen sind dann eben aus Gedanken entstehende Handlungen, die diese Gedanken wieder etwas neutralisieren können. Im Hintergrund steht immer eine Angst, das ist das Wesen der Zwangsstörung und sowohl Zwangsgedanken als auch Zwangshandlung sind die Folgen der Angst."

Wehner:

"Ich konnte nicht mehr, es war einfach absolute Todesangst, ständig. Und ich hatte dann echt Angst, was mit mir passiert, und konnte dann für mich auch nicht mehr geradestehen, dass ich nicht irgendeinen Unfug mache, und habe mir dann gesagt, ich brauche jetzt Schutz, ich muss irgendwohin, wo die Leute besser auf mich aufpassen als ich das im Moment kann. Natürlich habe ich mir erhofft, dass es irgendwo Medikamente gibt, die das so ein bisschen drosseln, die mich dann für zwei drei Tage entlasten oder von mir aus für zwei drei Tage schlafen lassen, dass ich mal zur Ruhe komme."

Martina Wehner ist 30 Jahre alt. Sie hat einen guten Studienabschluss in Sozialpädagogik und eine Arbeit, die ihr Spaß macht - trotz ihrer Erkrankung: Einen Kontrollzwang, einen Waschzwang und eine Essstörung übersteht sie. Aber immer wenn für wenige Monate Ruhe in ihrem Kopf einkehrt, taucht wieder ein neuer Zwang auf. Sie probiert etliche Therapien im Laufe der Jahre. Nichts hilft. Als die Zwangsgedanken über den Tod und den Sinn des Lebens immer schlimmer werden, geht sie in eine psychosomatische Klinik. Medikamente bekommt sie dort nicht. Die Psychologen wollen, dass sie ihre schwere Kindheit aufarbeitet. Dabei ist schon lange bekannt, dass so eine Therapie bei Zwangserkrankungen nicht hilft. Schließlich weist Martina Wehner sich selbst in die Psychiatrie ein. Wehner:

"Die haben einen Haufen ausprobiert. Ich weiß nicht, wie viele Antidepressiva ich genommen habe, mindestens zwölf verschiedene, das ist ja das Standardmittel bei Zwangserkrankungen, zusätzlich habe ich noch Neuroleptika gekriegt, da habe ich auch einiges ausprobiert, da dazu noch Tavor, teilweise noch Haldol. Ich war vollgepumpt bis oben hin, hat aber überhaupt nichts gebracht, das Medikament hat kein bisschen angeschlagen, ich hatte nur übelste Nebenwirkungen, aber keinen positiven Effekt, bin dann auch auf der Geschlossenen gelandet, dreimal, weil irgendwann gar nichts mehr angeschlagen hat. Ja, die Ärzte waren dann auch ziemlich ratlos."

Die Ärzte in der Klinik diagnostizieren bei der jungen Frau etliche psychische Störungen: Psychose, Borderline, schwere Depression, Angsterkrankung steht am Ende in ihrer Krankenakte. Die Zwangsstörung taucht nur unter ferner liefen auf. Wehner:

"Ja, dann bin ich da raus und habe mir gedacht, was mache ich jetzt? Also ich wollte jetzt auch irgendwie nicht aufgeben, obwohl es so schwer war. Nein, habe ich gedacht, das kann es nicht gewesen sein, habe ich mir gedacht, ich kann jetzt hier nicht sterben und mich hier umbringen, weil ich bin doch gerne auf dieser Welt und ich genieße das auch alles und dann hatte ich auch meinen Freund noch und meine Freunde. Ich konnte das auch irgendwie nicht durchziehen, weil ich mir gedacht habe, na ja, dann ist das Leben von meinem Freund auch noch hinüber. Dann habe ich mir gedacht, OK weiterkämpfen, die anderen Sachen gingen dann auch wieder weg, und bin dann wieder arbeiten gegangen, das war dann auch sehr schwierig. Und dann kamen die Sommerferien. OK, jetzt mal Ruhe und einfach mal nichts. Dann bin ich mit einer Freundin zehn Tage nach Kroatien, da ging es mir auch wieder ganz ganz schlecht und dann hat die zufälligerweise die ‚Zeit‘ gekauft und hat die dann auch gelesen und hat mir dann diesen Artikel in die Hand gedrückt, wo es um diesen stereotaktischen Eingriff ging."

Bei einem "stereotaktischen Eingriff" führt ein Neurochirurg Elektroden in die Tiefen des Gehirns ein. Die Elektroden sind an eine Art Hirnschrittmacher angeschlossen, der unter der Schulter oder im Bauchraum implantiert ist. Dieser Hirnschrittmacher sendet über die Elektrodendrähte Impulse, die die krankhafte Aktivität im Gehirn der Patienten blockieren sollen. Diese Methode wurde bislang vor allem bei Parkinsonpatienten angewandt. Erst seit wenigen Jahren erproben Mediziner das Therapieverfahren auch bei psychisch Kranken. Denn auch bei Depression, Zwangsstörungen und Angsterkrankungen sind Fehlfunktionen im Gehirn die Ursache. Bei Zwangsstörungen spielt ein kleines Hirnareal in der Nähe des Stammhirns eine wichtige Rolle: Der so genannte Nucleus accumbens. Er gehört zum Gefühlszentrum des Gehirns. Er bewertet ein- und ausgehende Informationen und leitet sie dann an die Großhirnrinde weiter. Bei dieser Gewichtung von Informationen scheint bei Zwangspatienten etwas schief zu laufen. Sonst würde ihnen die Berührung einer Türklinke keine übertriebene Angst vor Schmutz machen und ein schief abgelegter Bleistift für sie nicht nach Unordnung aussehen. Wie solche Fehleinschätzungen im Nucleus accumbens entstehen, hat Peter Tass vom Forschungszentrum Jülich untersucht.

"Wir haben schon bei zwei Zwangspatienten mit Elektroden im accumbens abgeleitet und die hatten massive synchrone Aktivität im Bereich ein bis drei Hertz. Also ganz langsame, schon mit bloßem Auge erkennbare rhythmische Aktivität, das kann nicht gesund sein."

Normalerweise sind Nervenzellen nur einzeln aktiv. Doch im Gehirn von Zwangspatienten senden sie alle im gleichen Takt. Vielleicht wirken die synchron feuernden Zellen im Nucleus accumbens wie eine Art Störsender, der immer wieder starke Signale an die Großhirnrinde schickt und damit einer an sich unwichtigen Informationen eine übertriebene emotionale Bedeutung gibt. Wenn die Hirnelektroden diesen Störsender stoppen könnten, dann würden sie den Zwangskranken vielleicht auch die Kontrolle über ihre Gedanken und Handlungen zurückgeben. Volker Sturm leitet die Neurochirurgische Klinik der Universität Köln. Er hatte schon Hunderten von Parkinsonpatienten Elektroden implantiert, als er sich vor wenigen Jahren entschloss, die Methode auch bei psychisch Kranken einzusetzen. Sturm:

"Da kommt es auf die absolut korrekte Elektrodenplatzierung an, die auch von Patient zu Patient unterschiedlich sein kann. Es macht da einen Riesenunterschied ob sie jetzt einen Millimeter medial also zur Mitte des Gehirns oder weiter nach außen die Elektrode platzieren, weil sie da wiederum andere Substrukturen haben, die mit anderen Hirnstrukturen verbunden sind. Das ist die Schwierigkeit beim Nucleus accumbens."

Die Hauptgefahr beim Einführen der Elektroden besteht darin, ein Blutgefäß zu verletzen. Eine Hirnblutung kann zu bleibenden Schäden führen und dem Patienten seine geistige Leistungsfähigkeit nehmen oder eine Lähmung hervorrufen. Wenn die Operation aber gut geplant ist, liegt das Risiko bei unter einem Prozent. Sturm:

"Möglich wurde die Anwendung der Hirnstimulation bei psychiatrischen Erkrankungen nur dadurch, dass es ein absolut reversibles Verfahren ist. Das größte Risiko ist, dass man nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Im schlimmsten Falle nützt es halt nichts. Dann muss man das Gerät abschalten, man kann jederzeit die Elektroden wieder rausnehmen, aber passieren, das ist ganz entscheidend, tut den Zellen, die man stimuliert, das sind nur wenige Kubikmillimeter von Hirngewebe, nichts."

Nachdem Martina Wehner den Artikel über die tiefe Hirnstimulation gelesen hat, schöpft sie wieder Hoffnung.

"Dann kam ich nach Köln, dann hat es geheißen, ja wir müssen mit der OP warten, weil wir müssen erst mal gucken, ob Sie nicht psychotisch sind oder Borderline haben. Und ich dann ‚Oh, nein, wie viele Hürden‘, das war einfach unglaublich. Dann hat man die ganzen Neuroleptika abgesetzt, die ich in Überdosis bekommen habe, man wollte halt schauen, wie ich reagiere. Ich bin dann natürlich nicht psychotisch geworden, das heißt die Medikamente waren einfach mal zwei Jahre für die Katz und hatte dann auch die ganzen Nebenwirkungen, die waren nicht mal harmlos, und dann habe ich auch noch 35 Kilo zugenommen auf Grund der Medikamente, das waren halt alles so Sachen. Die Medikamente werden auch ganz schön unterschätzt, aber wenn man in der Not ist, dann nimmt man das."

Auch die Borderline Tests fallen negativ aus. Theoretisch spricht jetzt nichts mehr gegen das Einsetzen der Elektroden in Martina Wehners Gehirn.

"Das war zum ersten Mal, dass ich gehört habe, OK, ich habe eine klare Zwangserkrankung und dann macht das ganze auch Sinn. Dann habe ich mir gedacht, ich bin wohl nicht total daneben oder mit mir ist was nicht komplett in Ordnung, sondern ich habe eine Zwangserkrankung, und dann habe ich gelesen, wie das funktioniert in meinem Kopf, soweit ich das verstehen konnte, und dann war ich beruhigt, dass ich nicht komplett durchgeknallt bin oder irre oder so was. Ich habe mich dann über die Risiken informiert und im Vergleich zu wie ich leide, war das OP-Risiko jetzt nicht so hoch, meines Erachtens."

Weltweit sind nur etwa 50 Zwangskranke mit der tiefen Hirnstimulation behandelt worden. Noch weniger Patienten mit einer Angststörung oder einer Sucht haben bislang solche Elektroden erhalten. Vereinzelt wurde die tiefe Hirnstimulation auch bei Komapatienten oder seltenen Erbkrankheiten eingesetzt. Die erste psychische Erkrankung überhaupt, bei der Ärzte einen solchen Eingriff wagten, war die Depression. Die amerikanische Psychiaterin Helen Mayberg von der Emory University in Atlanta veröffentlichte 2005 eine Studie mit sechs depressiven Patienten, bei denen bislang keine andere Therapie angeschlagen hatte. Bei vier von diesen sechs konnte der Hirnschrittmacher die Depression beenden. Dieses Ergebnis ließ auch den Schweizer Psychiater Thomas Schläpfer aufhorchen. Er erforscht die Depression an der Universitätsklinik Bonn. Schläpfer:

"Depression ist die schlimmste Krankheit überhaupt, die Sie sich vorstellen können. Und das sage ich nicht nur so aus dem Blauen heraus, sondern das wurde sehr gut untersucht. Es gibt keine Krankheit, die mit einer derart gewaltigen Einschränkung der Lebensqualität einhergeht, wie die Depression. Depressive haben gar nichts, auf das sie sich oder an dem sie sich freuen können. Das ist ein Leben, das gekennzeichnet ist von Tagen der Schwermut, ohne einen Lichtblick. Die Krankheit verläuft in den meisten Fällen episodisch, und die Patienten, die wir untersuchen, sind schon sehr lange in dieser Phase und viele Patienten sehen keinen anderen Ausweg, als den Suizid. Die Depression generell, hat eine Mortalitätsrate durch Suizid von 16 Prozent, das ist riesig. Und ich finde es ganz wichtig, Es ist eigentlich ein ethischer Imperativ, dass wir mit allen Mitteln versuchen, diesen Patienten zu helfen. Und für diese Patientengruppe untersuchen wir doch diese ziemlich invasiven Therapieverfahren."


Thomas Schläpfer hat in Zusammenarbeit mit den Kölner Neurochirurgen inzwischen zehn Patienten mit der tiefen Hirnstimulation behandelt. Allerdings hat er ein anderes Zielgebiet für die Elektroden gewählt als seine amerikanischen Kollegin. Sie konzentrierte sich auf das so genannte Cingulum, das ein Teil des Gefühlszentrums ist. An der Entstehung einer Depression sind aber noch andere Hirnbereiche beteiligt. Ganze Netzwerke scheinen nicht richtig zu funktionieren. Und es gibt einige Stellen in diesem Netzwerk, die durch Hirnelektroden beeinflusst werden können. Thomas Schläpfer wählte schließlich den Nucleus accumbens, der auch bei Zwangspatienten das Zielgebiet ist. Schläpfer:

"Der Nucleus accumbens ist eine zentrale Struktur im Belohnungssystem. Das Belohnungssystem ist ein wichtiges Hirnsystems. Es zeigt uns, was gut für uns ist, indem bei gewissen Reizen Dopamin ausgeschüttet wird, ein Überträgerstoff, der angenehme Gefühle vermittelt. Bei der Depression gibt es nun eine Anhedonie. Das ist die Unfähigkeit, schöne Gefühle als schön zu erleben, Vielleicht in einem Beispiel ausgedrückt: Sie sind Fußballfan, das ist das tollste in ihrem Leben, bei einem Fußballspiel zuzuschauen. Ein depressiver Patient kann nach wie vor ein Fußballspiel anschauen, aber er hat keine Freude mehr daran, weil das Belohnungssystem nicht mehr richtig funktioniert. Das ist ein Teil des Symptomkomplexes der Depression, diese Anhedonie. Es gibt Hinweise darauf, dass der Nucleus Accumbens nicht richtig funktioniert und wir versuchen dort das Belohnungssystem bei depressiven Patienten zu modulieren."

Die Hirnelektroden werden so eingestellt, dass sie den Nucleus accumbens erregen und dann können manche Patienten tatsächlich wieder Freude empfinden. Schläpfer:

"Sowohl bei unseren Patienten, als auch bei den anderen Gruppen, die depressive Patienten untersuchen, gibt es eine langsame allmähliche Besserung der depressiven Symptomatik über Monate. Was aber ganz interessant ist, dass wir relativ schnell eine Änderung des Aktivitätsniveaus sehen. Dass diese Patienten, die komplett initiativlos waren, die zum Teil tagelang im Bett verbringen, plötzlich wieder Tätigkeiten unternehmen können, die einkaufen gehen können, das Haus aufräumen können, ihre Sammlung von CDs vervollständigen können, dabei immer noch sagen, dass sie nach wie vor depressiv sind, aber deutlich aktiver sind. Und das ist in der Gesamtschau aller depressiven Symptome doch schon ein großer Fortschritt. "

Von den zehn in Bonn mit tiefen Hirnelektroden behandelten Patienten fühlen sich sieben nach dem Eingriff deutlich besser. Und, so Schläpfer:

"Bei unseren Patienten haben wir absolut keine Nebenwirkungen festgestellt."

Die Ärzte machen Martina Wehner nicht sehr viel Hoffnung. Jemanden wie sie, der schon so lange unter immer neuen Zwängen leidet, haben sie noch nicht behandelt. Sie sagen ihr, dass es höchstwahrscheinlich lange dauern wird, bis der Hirnschrittmacher seine Wirkung zeigt. Außerdem sei es gut möglich, dass sich in ihrem Kopf gar nichts ändert, ihre Gedanken auch nach dem Eingriff weiterhin um den Tod und den Sinn des Lebens kreisen werden. Und schließlich ist die Vorstellung, einen Draht ins Gehirn eingeführt zu bekommen, auch für viele Gesunde beängstigend, für jemanden mit einer Zwangsstörung erst recht. Wehner:

"Das hat genau in meine Angst gepasst. In dieses ‚wie funktioniert alles?‘ Abgedreht, habe ich mir gedacht. Und es hat mir natürlich auch Angst gemacht, OK, ich habe einfach so in Angst gelebt, es hätte nichts mehr drauf setzen können. Es war einfach soviel Angst schon da, dass das mir natürlich auch Angst gemacht hat, aber es hat das nicht mehr überschritten. Ich habe mir dann nur gedacht, wenn das die Lösung ist, wenn das bei mir funktionieren sollte, dann ist es mir wurscht, dann mache ich alles, ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Ich habe mich dann ja täglich vier bis fünf Stunden hingesetzt und mich über dieses Thema informiert. Es war jetzt nicht so, dass ich gedacht habe, ich lasse mir das Gehirn aufschrauben und gut ist."

Martina Wehner überwindet ihre Angst und lässt sich operieren. Wehner:

"Ich bin aufgewacht, weil ich Schüttelfrost hatte, mir war total kalt, meine Zähne haben geschlottert, davon bin ich aufgewacht und der erste Gedanke war. ‚Oh, ich habe es überlebt, krass.‘ Und dann habe ich mich so angeschaut, dann wollte ich wissen, ob jetzt dieses Kastel drin ist, weil da wird ja dieses Kastel implantiert, weil ich mir gedacht, habe: Nicht noch mal eine OP. Dann habe ich da hingefasst und gedacht, OK."


Das "Kastel" enthält den Akku mit dem Stimulator, der bei Martina Wehner im Bauchraum implantiert worden ist, von dort verlaufen Drähte unter der Haut bis zum Kopf, wo sie schließlich durch den Schädel ins Gehirn führen. Zwar hat Martina Wehner unmittelbar nach der Operation kaum Schmerzen, nicht einmal Kopfweh. Ihre Angst ist aber besonders stark und die Gedanken kreisen immer noch um Leben und Tod. Aber noch ist der Stimulator bei ihr nicht eingeschaltet.
Die Psychiater und Neurochirurgen der Universitätsklinik Köln können noch nicht vorhersagen, bei welchen Patienten die Hirnstimulation anschlägt. Bei etwa der Hälfte aller bislang so behandelten Zwangskranken haben sich die Symptome deutlich verbessert. Das ist ein gutes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass viele Patienten vorher erfolglos mit Medikamenten oder einer Verhaltenstherapie behandelt wurden. Wolfgang Huff:

"Da würde ich jetzt sagen, dass die Wirkung der Tiefenhirnstimulation sich nicht im Wesentlichen unterscheidet, wie eine Wirkung nach Psychotherapie oder nach medikamentöser Therapie, wenn diese erfolgreich waren. In allen Fällen ist die Ausbreitung der Symptomatik rückläufig aber verschwindet jetzt nicht spurlos. Sondern es bleibt eine Restsymptomatik vorhanden. Bei den Patienten mit Tiefenhirnstimulation gibt es dann die Möglichkeit, dass, wenn diese eine Besserung durch die Stimulation erleben, dass für diese Patienten erst wiederum die Möglichkeit geschaffen wird, eine Psychotherapie durchzuführen, weil ihnen zum Beispiel vorher das Verlassen ihrer Wohnung gar nicht möglich war und dadurch auch die Möglichkeit, eine Psychotherapie aufzunehmen für sie gar nicht gegeben war."

Etwa 80 Prozent aller Zwangskranken kann mit einer Verhaltenstherapie, die sie mit ihren Ängsten konfrontiert, geholfen werden. Auch Medikamente wie bestimmte Antidepressiva schlagen bei vielen Patienten gut an. Nur bei etwa zwanzig Prozent wirken die herkömmlichen Therapien nicht. Für solche Patienten kann die tiefe Hirnstimulation eine Chance darstellen. Allerdings müssen sie auch mit Nebenwirkungen rechnen. Oft dauert es Monate, bis die richtige Einstellung gefunden ist. Die Mediziner können die Frequenz und die Voltzahl ändern und damit auch die Menge der stimulierten Nervenzellen beeinflussen. Eine Einstellung zu finden, die keine Nebenwirkungen hat, aber trotzdem die Zwangssymptome lindert, ist nicht immer leicht. Manchmal lassen sich bei der tiefen Hirnstimulation unangenehme Effekte nicht verhindern:

"Sie kann auch Unruhe, Ängste, kann auch ein Gefühl von Unbehagen auslösen, kann hin bis zu manischen Symptomen auslösen, diese Symptome sind auch vorhanden. Teilweise berichten die Patienten, die sich gebessert haben, über Nebenwirkungen, die sie aushalten mögen, aber die sie dennoch spüren, so dass es Nebenwirkungen akut neben der Stimulation durchaus gibt, aber nach Entnahme dieses Gerätes, so unsere bisherigen Erkenntnisse, dann wäre nicht mit einer Folge oder mit bleibenden Nebenwirkungen der Stimulation zu rechnen."

Martina Wehner:

"Ich war dann nach der OP noch drei Wochen da zum Einstellen und dann bin ich mit der Einstellung, wo es mir am besten ging, nach Hause gefahren, und da habe ich dann weiter gemerkt: OK, es verbessert sich was und mit dem war ich eigentlich schon voll zufrieden, weil ich mir gedacht habe, es tut sich wirklich was, auch wenn es nur ein kleiner Schritt war, hat es mir doch gezeigt, es schlägt in irgendeiner Hinsicht was an und das hat mich schon mal beruhigt. Und jetzt war ich vor zweieinhalb Monaten da, wo es wieder eingestellt wurde, und die erste Einstellung war dann auch, dass es wieder schlechter wurde. Dann ist nach einer halben Stunde, einer Stunde ist alles wieder auf mich eingefallen. Und am nächsten Tag ging es nicht mehr weg, da hat man es dann wieder umgestellt, weil das ist ja das gute, dass man es wieder zurückstellen kann in die Lage wo es eben ganz gut war. Und dann haben wir noch mal eine Einstellung gemacht und da wurde es dann noch mal einen Klick besser. Und so findet man dann irgendwann raus, in welche Richtung das geht. Das ist wie bei einem Zahlenschloss-Knacken, da gibt es ganz viele Möglichkeiten, wie man das einstellt, man muss sich jetzt so rantasten, wo der Weg langgeht."

Die Zwangsgedanken um Tod und Leben sind noch nicht verschwunden. Aber sie sind leiser geworden. Mittlerweile erproben Ärzte die tiefe Hirnstimulation bei immer mehr psychiatrischen Erkrankungen, bei Angst- und Suchterkrankungen etwa. Thomas Schläpfer, der bei schwer depressiven Patienten so gute Erfahrungen mit der tiefen Hirnstimulation gemacht hat, bleibt aber vorsichtig:

"In der Psychiatrie haben wir es mit Patienten zu tun, die einen besonderen Schutz bedürfen, weil sie sich in ihrer Krankheit nicht mehr selber schützen können. Deswegen müssen wir uns ganz genau überlegen, welche Anwendung macht Sinn. Und es braucht ganz hohe ethische Schwellen, die gelegt werden müssen, bevor solche Patienten untersucht werden können. Ich finde es sehr wichtig, dass jede dieser Studien sehr sorgfältig von einem ethischen Komitee geprüft wird und dass diese Studien nur in einem streng wissenschaftlichen Umfeld stattfinden und nicht, dass man das bei einem Patienten eben mal versucht."

Einige Neurochirurgen werden allerdings immer mutiger und unternehmen bei einzelnen Patienten Behandlungsversuche, die deutsche Ethikkommissionen vermutlich nicht genehmigen würden. In Toronto setzte der Chirurg Andres Lozano einem 50jährigen Hirnelektroden in den Hypothalamus. Dort sollten sie das unkontrollierte Essverhalten des stark fettleibigen Mannes unterbinden. Er hatte zuvor etliche Diäten und Verhaltenstherapien ausprobiert. Eine bleibende Veränderung seines Essverhaltens war jedoch ausgeblieben. Eine Magenverkleinerung wäre eine zwar ebenfalls riskante aber erfolgversprechende Behandlungsoption gewesen, doch man entschied sich für die Hirnelektroden. Wie schlecht sich die Wirkung kontrollieren ließ, zeigte sich dann schon beim Einstellen der Elektroden. Der unbändige Hunger blieb. Stattdessen flossen mit dem Strom plötzlich längst vergessen geglaubte Erinnerungsbilder in das Bewusstsein des Patienten. Er sah sich selbst bei einem dreißig Jahre zurückliegenden Parkspaziergang mit Freunden. Später zeigte sich, dass er in Lern- und Gedächtnistests deutlich besser abschnitt als ohne die Stimulation. Dieses Experiment machte zum ersten Mal klar, welches Potential in der Anwendung der tiefen Hirnstimulation steckt: Die Elektroden können auch bei gesunden Menschen die geistige Leistungsfähigkeit steigern und womöglich sogar ihr Verhalten ändern. Schläpfer:

"Ich kann mir das sehr gut vorstellen, weil jede Methode, die in der Medizin angewandt wurde, auch missbraucht wurde. Mit meinem ethischen Verständnis kann ich nur vereinbaren, kranken Patienten zu versuchen zu helfen. Aber es ist ganz klar, dass dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet sind. Und wir müssen unbedingt jetzt uns Gedanken machen, was will die Gesellschaft und wie verhindern wir Missbrauch. Und es ist ganz wichtig, dass die Initiative für solche Überlegungen aus den Kreisen der Forscher kommt, die diese Methoden anwenden und die Erfahrung damit haben."

Eine scharfe Grenze zwischen Krankheit und Gesundheit zu ziehen ist nicht immer möglich. Ist beispielsweise eine altersbedingte Vergesslichkeit bereits behandlungsbedürftig? Neue Wirkstoffe und Methoden wie die tiefe Hirnstimulation bieten die Möglichkeit, den Menschen zu optimieren. Das wirft ethische Fragen auf: Werden sich in Zukunft reiche Menschen den Chip zum Tuning ihres Gehirns leisten? Bedeutet reich dann auch schlauer zu sein? Solche Fragen klingen zwar noch nach Science Fiction. Sie beschäftigen Thomas Schläpfer und den Neurochirurgen Volker Sturm allerdings schon jetzt. Gemeinsam mit Experten aus den Bereichen Ethik und Rechtswissenschaften haben sie eine Arbeitsgruppe gegründet, die Richtlinien für den Umgang mit der Hirnstimulation entwickeln soll. Denn die Drähte im Kopf sollen nicht Gesunde in ihrem Denken verändern, sondern schwerkranken Patienten helfen. Martina Wehner:

"Mei, ehrlich gesagt, machen wir uns da manchmal auch drüber lustig, dass ich jetzt Strom im Kopf habe und dass man mich von außen steuern kann. Natürlich ist es nicht so, meine Persönlichkeit hat sich ja nicht verändert. Ich habe die gleichen Eigenschaften und meine gleichen Vorlieben und die gleichen Sachen, die ich nicht habe. Was sich halt geändert hat, ist, dass diese Angst mich nicht mehr angreift. Ich gehe jetzt wieder in die Arbeit. Die haben sie mir freigehalten ganz ganz lang. Ich war jetzt wieder da und war auch keinen Tag krank oder habe irgendwie gefehlt. Ich arbeite da seit 1. April wieder, es läuft gut, ich bin engagiert, ich kann mich auf die Arbeit konzentrieren, ich kann mich auch wieder über Sachen aufregen, über ganz natürliche Sachen, wo sich andere dann auch aufregen, wo ich mich früher nicht aufregen konnte, weil ich so in meiner Angst gefangen war, dass mir alles Banale und Alltägliche keine Angst mehr gemacht hat, und jetzt kriege ich wieder ein Gefühl für das eigentliche Leben."

Den ersten Teil des Doppelfeatures über den Einsatz der tiefen Hirnstimulation bei Parkinson-Patienten können Sie hier nachlesen.

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