Freitag, 24.11.2017
StartseiteInterview"Dramatischer Kontrollverlust unserer klassischen Systeme"19.10.2011

"Dramatischer Kontrollverlust unserer klassischen Systeme"

Computerwissenschaftler Hendrik Speck über Cyber-Mobbing unter Jugendlichen

Hendrik Speck, Professor für Computerscience, beklagt, dass sich Jugendliche im Alleingang Medienkompetenz aneignen müssen - zum Teil mit fatalen Folgen. Der ARD-Spielfilm "Homevideo" widmet sich dem Thema Cyber-Mobbing unter Teenagern.

Hendrik Speck im Gespräch mit Christoph Heinemann

Cyber-Mobbing ist ein enormes Problem unter Jugendlichen. (AP)
Cyber-Mobbing ist ein enormes Problem unter Jugendlichen. (AP)
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Ausgrenzung früher und heute
Mobbing digital

Christoph Heinemann: Zur abschreckenden Wirkung des mittelalterlichen Prangers gehörte der Gesichtsverlust, denn wer öffentlich zurecht oder unrecht bloßgestellt wird, der ist gesellschaftlich geächtet - beim Pranger nur zeitweise, heute im Netzzeitalter dauerhaft. Die digitale Technik des ungerechtfertigten Anprangerns nennt sich Cyber-Mobbing. Das ARD-Fernsehen strahlt zu diesem Thema heute Abend um 20:15 Uhr den Spielfilm "Homevideo" aus.
Am Telefon ist Professor Hendrik Speck, er ist Professor für Computerscience an der Fachhochschule Kaiserslautern. Guten Tag.!
Hendrik Speck: Guten Tag.

Heinemann: Herr Professor Speck, ein Jugendlicher filmt sich, während er onaniert, ein Klassenkamerad stellt dieses Video ins Internet. Damit beginnt im Film die Leidensgeschichte des Jakob. Ist der Stab endgültig gebrochen, wenn es so weit gekommen ist heutzutage?

Speck: Was wir natürlich haben im Vergleich zu einer Situation von vor etwa 20 Jahren ist einen dramatischen Kontrollverlust unserer klassischen Systeme über entsprechende Medien. Das heißt, wir haben Neue Medien mit dramatisch reduzierten Einstiegsschwellen und einer veränderten Reichweite, die es erlauben, natürlich auch singuläre Interessen oder entsprechende Extremwerte einem Massenpublikum zugänglich zu machen.

Heinemann: Was folgt aus diesem Kontrollverlust?

Speck: Das bedeutet natürlich, dass also entsprechende Aufzeichnungen, dass entsprechende Momente in einer Welt, wo uns Medien mehr und mehr umgeben, wo an jedem Handy mittlerweile eine Kamera dran ist, auch nie wieder praktisch wieder einzufangen sind. Das heißt, wir müssen davon ausgehen, dass in Zukunft unsere kompletten Leben – das sind durchaus mehrere -, die Höhen, aber natürlich auch die Tiefpunkte, dauerhaft für nahezu alle zugänglich sein werden, ohne dass wir das irgendwann Mal wieder einfangen können.

Heinemann: Wie häufig und wie gefährlich ist Cyber-Mobbing inzwischen?

Speck: Gerade bei Jugendlichen ist das natürlich ein ziemliches Problem, weil nur zwei Dinge zusammenkommen: natürlich zum einen ein Umgehen oder ein Erlernen von dem, was wir als Medienkompetenz bezeichnen, und zum Zweiten natürlich die Suche von Jugendlichen nach einer Position innerhalb von einem Sozialsystem, innerhalb einer wahrgenommenen Rangordnung und dergleichen. Und das führt dann natürlich dazu, dass derartige Aufnahmen, derartige Schnappschüsse durchaus auch genutzt werden, um die entsprechenden Aufmerksamkeitswerte zu erzielen, um diese entsprechende Rangordnung sich zu erarbeiten. Das kann aber dann natürlich auch auf der Schattenseite dazu führen, dass die davon persönlich Betroffenen, die abgebildeten, die beinhalteten, im Grunde damit ihr Leben lang umgehen müssen.

Heinemann: Herr Professor Speck, ist für Jugendliche das digitale Ich, also die Darstellung und das Image im Netz, inzwischen wichtiger als das reale, also das in der Lebenswelt?

Speck: Der wesentliche Unterschied für diese Jugendlichen besteht natürlich darin, dass ein Großteil ihres Lebens in diesen computervermittelten Welten stattfindet. Das heißt, sie lernen darin, sie beziehen mehrheitlich aus diesen Medien ihre Informationen oder ihre Unterhaltung, sie schauen mittlerweile wesentlich weniger fern, hören wesentlich weniger Radio …

Heinemann: Fehler!

Speck: … und verbringen natürlich wesentlich mehr Zeit in diesen sozialen Medien, und das bedeutet natürlich auch, mit dieser Zeit, mit dieser Aufmerksamkeit, die in diese Medien verlagert wird, steigt natürlich auch die Relevanz, die Wichtigkeit einer entsprechenden Präsenz oder eines entsprechenden Profils. Und das bedeutet natürlich auch wieder im Umkehrschluss, wenn dort die Identität, die sich natürlich darstellt als Reflexion auch durch andere, beeinflusst, beeinträchtigt wird, dann hat das für diese Jugendlichen natürlich gravierende Konsequenzen für das persönliche Leben, oder möglicherweise sogar mehr Konsequenzen als ihr eigentliches physisches Leben.

Heinemann: Kann man ein digitales beschmutztes Ansehen wieder los werden? Vergisst das Internet vielleicht doch irgendwas?

Speck: Der Haken beim Netz besteht tatsächlich darin, dass das Netz eigentlich nicht mehr vergisst. Der Grund dafür ist relativ simpel. Es ist im Zweifelsfall immer wesentlich billiger, aus Betreiber-, aus Plattformsicht eine zweite Festplatte zu kaufen, als einen wirklich gescheiten, intelligenten und deshalb hoch komplexen Algorithmus zu entwickeln, der auch richtig entscheiden kann, was wichtig und was unwichtig ist, das heißt also der dann entscheiden kann, was in Zukunft nicht gebraucht wird, was für Betroffene natürlich bedeutet, derartige kommentierende Beiträge werden nie mehr praktisch aus dem Netz verschwinden. Im Gegenteil: je mehr man sich darauf versteift, desto mehr Gegenwehr man darauf verwendet, umso mehr Aufmerksamkeit weist man im Grunde genommen diesen Produkten sozusagen zu. Man kann versuchen, da mit rechtlichen Mitteln dagegen vorzugehen; das ist allerdings in einer Welt, in der der Großteil der entsprechenden Plattformbetreiber oder Betreiber sozialer Netzwerke im Ausland sitzen, relativ zwecklos.

Heinemann: Was raten Sie Jugendlichen, die in der Schule keinen Ansprechpartner finden, die auch mit ihren Eltern nicht reden können oder wollen, die von solchen Dingen betroffen sind?

Speck: Der Haken für diese Jugendlichen besteht zum jetzigen Zeitpunkt darin, dass die eigentlichen Gremien, die diese Medienkompetenz vermitteln müssten, dazu mehrheitlich auch nicht in der Lage sind. Also wir wissen, dass Eltern zum jetzigen Zeitpunkt noch massive Schwierigkeiten haben, diese Medien entsprechend wahrzunehmen. Wir wissen, dass gerade bei dem Lehrkörper selbst dort gravierender Nachholbedarf ist. Zum Teil steht auch die entsprechende Technik nicht zur Verfügung. Und wir wissen auch ganz klar, dass die Entscheidungen, die auf der politischen Ebene getroffen werden, zu einem großen Teil auch ohne jegliche entsprechende Fachkompetenz getroffen werden. Die Konsequenzen sieht man natürlich auch aus einer Parteienlage, Stichwort Hinweis darauf: Piratenpartei und Co.
Für Jugendliche selbst bedeutet das natürlich, sie sind praktisch gezwungen, sich im Alleingang diese Medienkompetenz zu erarbeiten, und das ist wie beim Lernen mit dem Fahrrad: Das geht meist nicht ohne entsprechende Blessuren ab.

Heinemann: Vielleicht sollten sie auch Polizei zurate ziehen oder zur Hilfe rufen?

Speck: Die Polizei ist da natürlich auch relativ hilflos. Es gibt unheimlich engagierte Verfahren oder Programme bei Polizei und Staatsanwaltschaften, aber selbst diese sind natürlich an das juristische System der Bundesrepublik Deutschland gebunden, und das nützt dann natürlich relativ wenig, wenn wir zwar die fünfte oder sechste Novelle des Urheberrechtsgesetzes haben, wo knallharte wirtschaftliche Interessen in direkte Gesetze umgesetzt werden, unser Datenschutzgesetz allerdings immer noch in seinen Kernzügen auf dem Stand der 70er-, 80er-Jahre des letzten Jahrtausends zurückzuführen ist, das heißt komplett veraltet ist, weder das Internet kennt, noch in irgendwelchen Aspekten soziale Netzwerke und dergleichen berücksichtigen kann.
Um das zusammenzufassen. Das heißt, was wir im Grunde genommen versuchen ist: wir versuchen, auf die Fragen der Zukunft mit den Antworten von vorvorgestern, wir versuchen, die Fragen von morgen mit den Antworten von vorvorgestern zu beantworten, und das führt natürlich zu negativen Ergebnissen.

Heinemann: Das kann man sich an fünf Fingern ausrechnen, genau. Professor Hendrik Speck, Professor für Computerscience an der Fachhochschule Kaiserslautern. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Speck: Gern geschehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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