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StartseiteBüchermarktDramen der Menschheit auf Augenhöhe von Kindern22.04.2006

Dramen der Menschheit auf Augenhöhe von Kindern

Die britische Kinderbuchautorin M.I. McAllister schreibt über Euthanasie und der Zwangsarbeit

Eine Geschichte vom Exil wollte die britische Kinderbuchautorin M.I. McAllister schon lange schreiben. Die rechte Form fand sie erst, als jemand ihr den Tipp gab, es mit Tieren zu versuchen. Ein Eichhörnchen wurde geboren, es heißt Urchin und lebt auf einer mythenumrankten Insel, die den sprichwörtlichen englischen Nebel mit im Titel trägt: Mistmantle. Drei Bände wird die Chronik von Mistmantle umfassen, der erste, "Urchin von den Sternschnuppen", ist in deutscher Übersetzung erschienen.

Von Tanya Lieske

Drei Bände soll die Chronik der Insel  Mistmantle umfassen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Drei Bände soll die Chronik der Insel Mistmantle umfassen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Etwas ist faul im Staate Mistmantle. Neugeborene Tiere verschwinden, die Wintervorräte sollen rationiert werden. Und immer länger werden die Arbeitsstunden, welche die Tiere für ihren König ableisten müssen. Ein tyrannisches Regime wirft seine Schatten voraus.

Mit "Urchin von den Sternschnuppen" hat die britische Autorin Margi McAllister einen Roman geschrieben, in dem es zugeht wie bei den Menschen, doch es menschelt nicht. Die große Kunst bei einem Tierroman, erklärt die Autorin, bestehe darin, die Falle des Niedlichen zu vermeiden. Dann sei es möglich, die großen Dramen der Menschheit so aufzubereiten, dass sie sich auf der Augenhöhe der Kinder abspielen.

"Bei einer Tiergeschichte muss man aufpassen, dass sie nicht zu niedlich wird. Also dachte ich an die großen, alten Stoffe, vor allem an Shakespeare. Wenn die Kinder irgendwann Shakespeare lesen, wenn sie Jago lesen, Othello und King Lear, dann fühlen sie sich hoffentlich an die Ereignisse auf Mistmantle erinnert."

Auf der Insel Mistmantle leben vier Tierarten friedlich miteinander, Otter, Igel, Maulwürfe und Eichhörnchen. Sie alle dienen einem König. Es gibt einfache Arbeiter, Adelsstände und bewaffnete Edelleute. Ehre, Glaube, Treue und Ritterlichkeit sind die Prinzipien, die das Zusammenleben regeln. Margi McAllister führt uns in eine vorindustrielle Zeit zurück, in eine Zeit mit höfischen Verhaltensmustern. Die Autorin, die viel Wert legt auf stimmige Details, hat sich viel Mühe gemacht mit der Auswahl ihrer Tierfamilien. Für ihre Helden stand ein Eichhörnchen Pate, welches sich lange in ihrem Garten aufgehalten hatte. Im Gegensatz zu Deutschland sind Eichhörnchen in England eher selten.

"Ich dachte über die Charakterzüge der Tiere nach. Igel sind loyal und sie arbeiten viel, Maulwürfe bleiben gerne für sich, aber sie sind sehr zuverlässig. Eichhörnchen sind klug und gewitzt und sehr lebhaft, Otter verspielt, tapfer und treu. Die vier haben sich gut ergänzt. Es sind vier ganz verschiedene Arten, die miteinander harmonieren."

Die Tiere gehen einfachen Tätigkeiten nach, sie weben, spinnen und fechten. Mistmantle, die archaische Insel, ist ganz wörtlich die Insel im Nebel. Der Nebel bietet Schutz, stellt aber auch eine natürliche Grenze dar: Wagt sich eines der Tiere hinaus auf das offene Meer, wird es den Weg nicht wieder zurückfinden. Wer auf Mistmantle geboren wird, der bleibt. Es ist eine Welt für sich, ein fast mythischer Ort. Margi McAllister knüpft an frühchristliche und keltische Erzähltraditionen an.

"Vielleicht liegt es daran, dass wir in England den Mythos von König Arthur in unserem Bewusstsein tragen. All diese mächtigen Geschichten, die in uns drin sind, kommen wieder zum Vorschein."

Die Natur prägt das Leben auf Mistmantle. Immer wieder gibt es dort Nächte, in denen sich ganze Kaskaden von Sternschnuppen über das Land ergießen. In einer solchen Sternschnuppennacht wird der Held des Romans geboren. Urchin ist ein Eichhorn. Er kommt von weit her und es begleitet ihn die Prophezeiung, er werde einen mächtigen Herrscher stürzen. Margi McAllister schließt ihren kleinen Kosmos, indem sie ihren Tieren einen Naturglauben mit auf dem Weg gibt, der eine höhere, ordnende Instanz mit einbezieht.

"Es war eine dieser seltenen Nächte, in denen die Sterne ihre Bahn verlassen und so tief am Himmel entlangwirbeln, als brauche man nur die Hand auszustrecken, um sie zu berühren. Nächte wie diese gab es nicht oft, und sie bedeuteten immer, dass ein großes Ereignis bevorstand. Zum Guten oder zum Schlechten – niemand wusste es."

Urchin wächst bei einer Ziehmutter im Wald der Insel auf. Dann bekommt das Paradies seiner frühen Kindheit Risse. Urchin wird in den Palast gerufen. Er darf einem Diener des Königs dienen, und wird bald schon Teil der Intrige um die Macht. Eine Schreckensherrschaft wirft ihre Schatten voraus. Urchin erfährt, dass es ein neues Gesetz gibt, wonach schwächliche Jungtiere "in die Merz" müssen, ein Ort, von dem sie nicht zurückkehren.

Kunstvoll spannt Margi McAllister ihren thematischen Bogen bis in die Gegenwart, sie greift die schwierigen Themen der Euthanasie und der Zwangsarbeit auf.

"Als ich mich einmal entschieden hatte, einen Schurken einzuführen, wie er auch bei Shakespeare vorkommt, jemanden der intrigiert und nach der Macht greift, da stellte ich mir die Frage, was würde so jemand machen? Die Euthanasie und die Zwangsarbeit boten sich an, denn Tyrannen sind immer so vorgegangen. Sie lassen die Leute so viel arbeiten, dass sie keine Zeit haben, nachzudenken oder sich aufzulehnen. Auch die Schwachen hat man immer gerne aus dem Weg geschafft, so dass man sich um sie nicht kümmern muss."

Eine Welt, die auf dem Recht des Stärkeren beruht, ist weder lebenswert noch liebenswert. Dies ist die humane Botschaft des Romans. Es wird Urchins Aufgabe sein, die Insel vor dem Schlimmsten zu bewahren. Bis es so weit ist, hat er mehr als eine Bewährungsprobe zu bestehen. Auf dem Weg findet er sich selbst. "Urchin" heißt wörtlich übersetzt "Seeigel". Es kann aber auch ein frecher Knirps gemeint sein. Ferner klingt in dem Namen das englische Wort für Waise, "Orphan" an. Margi McAllister, die sehr genau arbeitet, hat sich bewusst in die Tradition der englischen Findelkindromane eingeschrieben.

"Die literarische Tradition des Findelkinds ist sehr stark. Im Leben und für Urchin ist das ein schlechter Start, aber für einen Kinderroman ist die Figur des Findelkindes bestens geeignet. Es muss sich durchschlagen, seine Identität finden. Urchin hat eine andere Farbe, er hat das Gefühl, er muss sich ständig beweisen, wenn er dazugehören will. Er bemüht sich sehr, ein gutes Mistmantle -Tier zu werden."

Bei aller äußeren Reduktion gelingt Margi McAllister eine größtmögliche innere, stoffliche und thematische Verdichtung. In ihrem Roman verschränken sich die Anliegen des Abenteuers, des Märchens und des Entwicklungsromans. Über all dem liegt ein großer Zauber. Margi McAllister gelingt es, eine andere Welt zu erschaffen, die der unseren auf geheimnisvolle Art verbunden ist. Diese Welt ist zugleich magisch und real, und sie wird nicht nur junge Leser in ihren Bann schlagen.

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