• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 08:50 Uhr Presseschau
StartseiteCorso"Sind wir im Begriff, alles zu verderben?"31.05.2017

Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase"Sind wir im Begriff, alles zu verderben?"

Vom Ende der DDR handelt der Film "In Zeiten des abnehmenden Lichts" nach dem gleichnamigen Roman von Eugen Ruge. Wolfgang Kohlhaase hat das Drehbuch geschrieben, auch er hat 40 Jahre DDR erlebt. Es sei ein Film über Leute, die eine Idee von der Welt hatten, sagte Kohlhaase im DLF. Und jetzt habe sich die Welt von der Idee verabschiedet.

Wolfgang Kohlhaase im Corsogespräch mit Sigrid Fischer

Der deutsche Drehbuchautor, Regisseur und Schriftsteller Wolfgang Kohlhaase bei einer Pressekonferenz zu seinem Film "In Zeiten abnehmenden Lichts" auf den 67. Internationalen Filmfestspielen in Berlin am 16.02.2017. (picture alliance / Jörg Carstensen / dpa)
Der deutsche Drehbuchautor, Regisseur und Schriftsteller Wolfgang Kohlhaase bei einer Pressekonferenz zu seinem Film "In Zeiten abnehmenden Lichts". (picture alliance / Jörg Carstensen / dpa)
Mehr zum Thema

Wolfgang Kohlhaase "Ohne Clemens Meyer hätte ich mich nicht nach Leipzig getraut"

Matti Geschonneck Melancholischer Blick auf die DDR

ZDF-Dreiteiler "Der gleiche Himmel" "Romeo-Agenten" in der DDR

Tim Mohr über DDR-Punks "Schaff dir die Welt, in der du leben willst"

DDR-Geschichte Brauchen wir die Stasi-Unterlagenbehörde noch?

Sigrid Fischer: Auf die Frage, ob er an eine Verfilmung seiner DDR-Familienchronik "In Zeiten des abnehmenden Lichts" denke, hat Eugen Ruge 2011  der FAZ gegenüber geantwortet: "Das, was ein Buch im Innersten ausmache, sei eben gerade nicht verfilmbar. Und bloß, um hunderttausend Euro zu verdienen, würde er niemals die Filmrechte abgeben, "Sag niemals nie, morgen läuft der Film im Kino an. Das scheinbar Unmögliche möglich gemacht haben Regisseur Matti Geschonneck und zu allererst natürlich Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, der die Vorlage , den Roman, für den Film adaptiert. Und ihn begrüße ich jetzt am Telefon. Guten Tag, Herr Kohlhaase.

Wolfgang Kohlhaase: Guten Tag.

Fischer: Ja. Wir müssen das noch mal kurz vorwegschicken, was den Roman ausmacht. Der spielt über fünf Jahrzehnte, vier Generationen, Schauplätze von Mexiko, über die Sowjetunion, bis in die DDR, großes Figurenensemble. Sie sind mit all dem ein ganz kühnen und klugen Weg gegangen: Sie brechen das auf fast einen Tag und fast einen Schauplatz runter. War Ihnen sofort klar, dass das nur so gehen könnte?

Wir haben noch länger mit Wolfgang Kohlhaase gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Kohlhaase: Also für mich ja. Also ich meine, wenn man es hinkriegt, geht ja immer alles. Aber bei diesem Buch hatte ich so einen Impuls und zwar, dass man das vielleicht so erzählen könnte. Weil ich habe erst gelesen, das hat mich betroffen, mich hat auch der Stoff berührt, weil ich ohne meine Familie, - die hat anders gelebt, viel durchschnittlicher -, aber die Geschichte bezieht sich ja auf Eugen Ruges Familie, aber es hat mich berührt, weil ich solche Geschichten und solche Lebenslinien kannte. Und da dachte ich, man müsste es vielleicht auf eine besondere Weise versuchen, damit man die Untertexte des Romans... Also jede Geschichte, sagt man ja, handelt von etwas anderem, also sie hat immer nicht nur eine Fläche, sondern sie hat einen Hintergrund, einen Vordergrund. Aber ich war mir nicht so sicher, also ich habe es einfach mal probiert, ob ich skizziert so eine Handlung hinkriege und dann wurde es so langsam.

"Ein Film, der Abschied nimmt"

Fischer: Auf ein DIN-A4 Blatt habe ich gelesen. Dann kam da Kohlhaase mit so einem DIN-A4 Blatt, da war das dann mal drauf skizziert.

Kohlhaase: Aber ich wollte aus verschiedenen Gründen, ich hätte nicht machen wollen und höchstwahrscheinlich auch nicht machen können einen Mehrteiler im Fernsehen, das ist nicht meine Strecke. Und ich dachte auch, die Konzentration der Geschichte hat einen realistischen Aspekt: Ein Film, der Abschied nimmt und der auch sieht, wie vieles in ein komisches Licht gerät, wenn sozusagen die Muster nicht mehr funktionieren, nachdem eine Gesellschaft gebaut worden ist. Aber es ist auch ein Film, in dem Leute vorkommen, die eine Idee hatten von der Welt, eine große, und nun hat sich die Welt von der Idee verabschiedet.

Fischer: Und das ist dann auch - vermute ich - wenn Sie sagen, ja, die Ruges haben ja eigentlich anders gelebt, als jetzt Ihre Familie, aber das ist irgendwo auch die Essenz, die Sie alle betrifft, Sie und den Geschoneck, ja, und wo sich alle drin wiederfinden. Die Essenz, auf die Sie das jetzt auch runtergebrochen haben.

Kohlhaase: Wissen Sie, und auch überhaupt, wenn man über das Ende der DDR nachdenkt. Die hatte außer ihrem Ende ja auch einen Anfang. Und diese Jahre nach dem Krieg waren für Leute, die dort gelebt haben, fast immer Jahre, die den Gang des Lebens geändert haben. Und Leute, die die Geschichte dieses Abschieds von Innen erzählen, kommen zu anderen Geschichten, als die, die über den Zaun gucken und das von Außen erzählen.

Fischer: Aber das haben wir leider ja oft gehabt. Nach der Wende sind ja viele westdeutsche Regisseure hingegangen und meinten, sie müssten die DDR erzählen. Wahrscheinlich hat Ihnen das nicht gut gefallen, oder?

Kohlhaase: Ich habe immer gesagt, am besten haben mir die Leute aus dem Schwarzwald die DDR erklärt, und hatten auch keine Zweifel, dass sie es nicht ganz genau wissen.

"40 Jahre sind für viele ein großer Teil ihres Lebens"

Fischer: Ja. Kommen wir mal auf diesen einen Tag, um den es ja letztlich geht in dem Film, der 90. Geburtstag eben dieses Familienpatriarchen, überzeugtes SED-Mitglied immer noch, Wilhelm Powileit, Oktober 89, also kurz vor dem Mauerfall wird er da groß gefeiert von Familie und Parteifunktionären. Bruno Ganz spielt den. Und man könnte sich ja vorstellen, dass den auch jemand so ein bisschen zu einer lächerlichen Figur gemacht hätte, jetzt so mit dem Abstand der Geschichte, ach der unbelehrbare Zausel, der hält immer noch rückwärtsgewandt an der DDR fest. Machen Sie aber nicht. Sie haben Respekt für den, der hat seine Würde. Warum?

Kohlhaase: Ich glaube, das ist die Würde, die man überhaupt hat, wenn man unter bestimmten Umständen ein Leben verbringt. Das betrifft, glaube ich, den ostdeutschen Teil des Publikums - um das mal so zu sagen - vielleicht überhaupt, das ihn eigentlich als Leute, die nichts verstehen oder als arme Verwandte untergebracht werden immer mal im Kino oder im Fernsehen oder in irgendwelchen Betrachtungen. 40 Jahre sind eine lange Zeit und sind für viele Leute ein großer Teil des Lebens. Und Leben ist Leben. Und in diesem Fall ist es ein 90 Jahre alter Mann.

Fischer: Der hat seine Biografie.

Kohlhaase: Das Vorrecht, die Welt nicht mehr wirklich zu verstehen, haben ja nicht nur die ganz Alten. Man kann auch wesentlich jünger zu völlig fragwürdigen Ansichten kommen, meine ich. Es ist doch nicht die Frage von falsch oder richtig, sondern jeder Mensch hat in seinem Leben irgendwann einen großen Augenblick oder einmal ein Motiv gehabt, das ihn angetrieben hat. Und er hat, glaube ich, wenn man sich an ihn erinnert, einen Anspruch darauf, dass man das nicht weglässt.

Große Fragen der Verderblichkeit

Fischer: Ja. Der Film "In Zeiten des abnehmenden Lichts" spielt ja auch in einem historischen Moment, kurz vor Ende der DDR an einer Zeitenwende. Und die sind ja auch ein bisschen unsicher da die Genossen, uh, kommt das da wirklich auf uns zu. Wir jetzt haben ja auch so ein bisschen das Gefühl, da ändert sich was in der Welt, diese Nachkriegszeit ist vielleicht, die geht jetzt auch zu Ende. Was wir immer so Nachkriegszeit nennen, die Friedenszeit, Demokratieverständnis ändert sich. Waren Sie davon auch so ein bisschen beeindruckt, als Sie dieses Drehbuch geschrieben haben? Also so auch von dem aktuellen Gefühl, oh, wir sind an so einer Wende vielleicht.

Kohlhaase: Ja, damit lebt man ja. Und auch, wenn man sich das jetzt nicht wie eine Formel ins Bewusstsein ruft, natürlich. Und ich meine, eine gespenstige Beobachtung ist, dass wir - ich bin aus einer Nachkriegsgeneration, das ist so gekommen, und Nachkrieg war die Hauptüberschrift über der Welt, die wir dann entdeckt haben - es ist einigermaßen gespenstig, dass vor unser aller Augen so ein Wort wie Vorkrieg wieder auftaucht. Und, wie kommt denn das? Wer macht denn das? Wem geht denn das so leicht über die Lippen? Ist das Verlust an Gedächtnis und Mangel an Fantasie? Also das ist schon ein merkwürdiger Augenblick, wie ein Lichtwechsel, wie ein Temperaturwechsel. Und einmal am Ende wird ein Satz gesagt in unserem Film, nämlich die Frage: Haben wir alles verdorben? Aber diese Frage kann man auch nach vorne stellen. Nicht, haben wir irgendwann, und speziell im östlichen Teil Europas alles verdorben, sondern, sind wir im Begriff, alles zu verderben? Es geht ja immer weiter. Und wie groß sind die Risiken? Wachsen die Konflikte schneller als die Ideen, wie man ihnen beikommen könnte. Also es sind große Fragen. Und ein Film verhält sich dazu, er nimmt sich ja nicht vor - kann er nicht - Fragen zu beantworten. Aber...

Fischer: ...er findet statt in diesem Moment. Das ist es?

Kohlhaase: Ja, aber wenn er im Film was taugt, dann ist er nach seinem letzten Bild nicht aus, sondern er beendet seine Geschichte und er eröffnet eine große Frage. So sollte es sein, wenn man es hinkriegt.

Fischer: Ja, das ist in dem Fall "In Zeiten des abnehmenden Lichts". Die Romanverfilmung von Eugen Ruge, adaptiert von Wolfgang Kohlhaase, inszeniert von Matti Geschonneck, läuft ab morgen im Kino. Herr Kohlhase, recht herzlichen Dank für das Gespräch.

Kohlhaase: Gerne habe ich alles gesagt, was mir eingefallen ist in diesem flüchtigen Moment, ja.

Fischer: Wunderbar.

Kohlhaase: Schönen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk