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StartseiteBücher für junge LeserAuf der Suche nach dem eigenen Weg23.01.2016

Drei Mal New YorkAuf der Suche nach dem eigenen Weg

Wie leben Jugendliche in New York? Drei Romane für Jugendliche von Autoren, die alle in der Stadt geboren wurden und dort aufgewachsen sind: Jeder bietet drei völlig verschiedene Sichtweisen. Dabei sind die Fragen, die sich ihre Protagonisten stellen, ziemlich ähnlich. Die Wege zu den Antworten sind spannend, mitreißend, manchmal gar filmreif.

Von Simone Hamm

Blick von der Aussichtsplattform "Top of the Rock" auf dem Rockefeller Center in New York über den Central Park in Manhattan. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Blick vom Rockefeller Center in New York über den Central Park in Manhattan. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
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Drei Jugendromane, die in New York spielen. Von Autoren, die in New York geboren und aufgewachsen sind: Chris Weitz, Jason Reynolds, Jesse Browner. Dreimal New York - und jedes Mal ist es eine völlig andere Stadt.

"Angeblich hausten Obdachlose irgendwo in den U-Bahn-Tunneln. Durchaus denkbar, fand ich, weil in New York alle möglichen grässlichen Dinge passiert sind, und normalerweise kümmerte sich niemand groß darum."

New York in der nahen Zukunft: eine zerstörte Stadt. Ein Wettlauf mit der Zeit, um Leben zu retten. Ein Zeltlager auf dem Washington Square im West Village. Hier leben Donna und Jefferson.

"Eigenartig, wenn du in Brooklyn lebst, bleibst du normalerweise in deiner Gegend, es sei denn, du gehst nach Manhattan. Aber ich kenne eine Menge Brooklyn-Typen in meinem Alter, die nie drüben über der Brücke waren. Das ist nun mal so eine Sache.

Ein Appartement in einem schlichten Haus in einer Seitenstraße in Bedfort Stuyvesant, dem dunklen Herzen Brooklyns. Alles andere als eine gute Gegend. Hier lebt Ali mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester.

"Der Sommer verwandelte alle New Yorker in Disneyland-Urlauber."

Ein gutbürgerliches Stadthaus im Herzen Manhattans, in Greenwich Village. Hier lebt Wes mit seiner Familie. Doch hinter der Fassade des schmucken Hauses sieht es gar nicht so schön aus.

Eine Stadt ohne Erwachsene

Das New York von Chris Weitz ist eine Stadt wie nach einem zerstörerischen Bombenangriff. Die Häuser sind heruntergekommen, es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser, kaum etwas zu Essen.

Chris Weitz Roman: "Die Clans von New York" spielt in der nahen Zukunft. Aus dem heimlichen Traum etlicher Heranwachsender, frei und unabhängig und ohne Eltern zu sein, ist ein Albtraum geworden: Ein Virus hat weltweit alle Menschen, die älter als 18 und jünger als 12 sind, hinweggerafft. Überlebt haben nur die Teenager. Und die haben keine Zukunft mehr. Nicht in New York und nicht anderswo.

Das ist gar nicht so weit hergeholt. Denn, so Chris Weitz, auch die jungen Menschen von heute müssen in ihrer sehr realen Welt mit sehr realen Albträumen zurechtkommen:

"Nie hat es eine Generation von jungen Menschen gegeben, die so guten Zugang zu Wissen hat. Und dennoch haben wir sie wirklich betrogen. Wir zerstören ihre Umwelt, das  Klima. Wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der sie sich vor allem danach beurteilen, wie sexy sie sind. Gleichzeitig halten wir sie davon ab, sich wirklich eigene Urteile zu bilden. Denn urteilen dürfen sie nur auf kanalisierten Wegen, zum finanziellen Vorteil von großen Organisationen. Es ist nicht leicht, heute Jugendlicher sein."

Es ist schon gar nicht leicht, ein Jugendlicher in der rauen schwarzen Nachbarschaft von Bedfort Stuyvesant zu sein, einem der dunkleren Viertel von Brooklyn. Selbst auf der Website von air b&b heißt es, es sei ein "zwielichtiges" Viertel. 

"When I was the Greatest" heißt Jason Reynolds Roman im Original, frei nach Muhammed Ali: "Als ich der Größte war". Der deutsche Titel ist: "Coole Nummer. Als ich der Größte war."

Nach Bedford Stuyvesant kommt man mit der U-Bahn Linie A

"Mit dem ganzen Scheiß, wegen dem unsere Gegend einen schlechten Ruf hat, will ich überhaupt nichts zu tun haben. Drogen und Knarren und all das, ist eigentlich nicht mein Ding. Wenn Du eins von Doris Kindern bist, lernst Du früh im Leben, dass es vor allem die Schule ist, um die Du Dich zu kümmern hast. Und im Sommer musst Du zusehen, dass Du Deinen Arsch hochkriegst, und Dir einen Job besorgst und Dich von Ärger fern hältst, damit Du im September wieder zur Schule zurück darfst."

Ali ist sechzehn Jahre alt und ein guter Boxer. Ein alter Nachbar trainiert ihn. 

Alis Mutter Doris hat zwei Jobs als Krankenschwester, um die ständig steigende Miete zahlen zu können. Sie muss Ali und seine kleine Schwester allein durchbekommen. Ihren kriminellen Mann hat sie vor die Tür gesetzt. Aber sie liebt ihn noch immer.

"Doris ist eine wirkliche Heldin. Meine Mutter hat uns Kinder allein aufgezogen, hat extra Schichten eingelegt, auf Pausen verzichtet, um uns das College finanzieren zu können. Doris ist wie meine Mutter. Sie opfert sich auf, damit ihre Kinder nicht von der Stadt der Stadt aufgefressen, von der Straße verschluckt werden. Das sagt alles über Doris." 

Nach Bedford Stuyvesant, wo Ali mit Mutter und Schwester wohnt, kommt man mit der U-Bahn Linie A. Eine solche Fahrt zwischen breitbeinig dasitzenden, verrückten, bedröhnten und laute Musik hörenden Mitfahrern ist nicht eben ein Genuss. 

Im Haus neben Alis Familie lebt ein altes Ehepaar. Ganz plötzlich ziehen die beiden aus. Sie hinterlassen nur eine kurze Notiz:

Auch wir hatten einen Traum - dass wir eines Tages nicht mehr den A-Train nehmen müssen.

Das Haus verfällt, Drogendealer gehen dort ihren Geschäften nach.

Noodles und Needles

Eines Tages hockt ein Junge in Alis Alter vor der Tür. Bald sitzt er jeden Tag in Alis Küche. Er verschlingt die Nudeln so schnell, das Ali ihn Noodles tauft. Noodles Mutter steigt zu immer anderen Männern ins Auto. Sein Bruder leidet am Tourette Syndrom. Als er einmal besonders schlimm ausrastet, schenkt ihm Alis Mutter Strickzeug. Und wirklich, er wird ruhig, wenn er strickt. Ali tauft ihn daraufhin Needles.

"Der Großteil unserer Nachbarschaft respektierte Needles so, wie er war. Die Leute ihr Ding machen lassen. Ich meine, wir sind in New York. Ein Mann, angezogen wie Cinderella, geht die Straße lang? Was soll’s. Eine Frau mit einem Pistolen-Tattoo im Gesicht? Wen interessiert’s. Also, was ist schon so aufregend an einem Syndrom? Egal. Es liegt uns im Blut, dass wir das akzeptieren, besonders wenn du einer von uns bist, und damit meine ich, wenn du in unserem Block lebst."

Einer von uns: Jason Reynolds beschreibt, wie in den vaterlosen Kleinfamilien die Freunde, die Gang die Rolle der Familie übernehmen. Sie stehen zusammen, komme, was will.

Alis Mutter ist weniger besorgt um Needles. Sie warnt ihren Sohn aber vor Noodles, der ständig Streit sucht.

Noodles ist eine von Jason Reynolds großartig gezeichnete Figur. Ein Problemkind, fast auf sich allein gestellt. Ein Kind aus Bedfort Stuyvesant eben. Noodles ist nicht nett zu seinem Bruder. Seine Sprache ist derb, sein Gang breitbeinig.  Und doch kann dieser coole Junge sanft und charmant sein. Wenn er nur nicht immer den Helden spielen müsste! Hinter der derben Sprache, den Machoallüren und der Ruppigkeit steckt etwas Zartes, beinahe Verletzliches. Gerade weil Reynolds seine jugendlichen Protagonisten in all ihrer Widersprüchlichkeit zeigt, wirken so real und so authentisch. Sie wissen nicht wohin mit ihrer Angst, ihrer Furcht, Ihrer Frustration.

Heimlich gehen die drei Freunde auf eine Party in der Nachbarschaft. Needles benimmt sich daneben. Ali beschützt ihn. Messer werden gezückt. Zwar gelingt es den Jungen von der Party zu fliehen, aber die, mit denen sie sich angelegt haben, wollen Rache, tödliche Rache. 

Und Ali beginnt sich ganz entscheidenden Fragen stellen. Was bedeutet Freundschaft? Wie weit geht Loyalität? Was ist richtig und was ist falsch? Ist das immer so leicht zu unterscheiden? Und was, wenn es einfacher ist, das Falsche zu tun? 

"Er ist ein Junge, der lernt zu kämpfen, der aber nicht kämpfen will. Der kämpfen muss und sich alles andere als gut dabei fühlt. Sein Leben ist ein einziger Balanceakt. Er möchte seinem Vater helfen, aber er kann es nicht. Er möchte scharfe Klamotten, aber er kann sie sich nicht leisten. Und wenn sein Vater ihm welche schenkt, weiß er, dass der sie geklaut hat. Er schwankt zwischen Lachen und Weinen, Glück und Trauer. Im ganzen Buch geht es um diese Widersprüche, diese Grauzone. Darum, herauszufinden, was richtig, was falsch ist." 

Große philosophischen Fragen leicht gestellt

Eine andere Umgebung. Kein Abbruchhaus in Brooklyn, keine Mutter, die zwei Jobs hat. Ein schmuckes Haus im schönes West Village, das einst den Beinamen "Little Bohemien" trug und das das Viertel vieler Künstler war und ist. Der Washington Square mit dem großen Triumphbogen ist der europäische Park in New York. Auf der Highline, einer zum Garten geworden ehemaligen Hochbahntrasse, herrscht reges Gedränge. Um die Christopherstreet herum gibt es Dutzende von Schwulenkneipen. Das West Village ist sicher eines der buntesten Viertel von New York.

Und doch sind die Fragen, die Wes sich stellt, dieselben, die sich Ali stellt. 

"Die Frage ist doch: Lebe ich das Leben, das ich leben möchte? Das ist mehr oder weniger das Thema aller meiner Bücher. Wenn man nicht an Gott glaubt, fragt man sich, woher denn der Sinn für Ethik und Moral kommt. Woran hält man sich fest? Woran orientiert man sich?"

Jesse Browner hat ein kluges Buch geschrieben, in dem er seinen Protagonisten Wes die großen philosophischen Fragen ganz leichthin stellen lässt. Wie will ich leben? Wer will ich sein?  Wer soll ich sein? 

Jesse Browner Roman "Alles passiert heute"  schildert einen einzigen Tag aus Wes Leben.

Es ist ein Tag, an dem Wes den Hund ausführt, mit seiner Schwester ins Kino geht, stundenlang im West Village herumspaziert, seiner Familie ein Abendessen zubereitet. Und doch ist es alles andere als ein ganz normaler Tag. Es ist der Tag der verlorenen Illusionen, der, an dem Wes zum erst mal mit einem Mädchen geschlafen hat. Und es ist nicht das Mädchen, in das er verliebt ist. Und deswegen fühlt er sich schuldig.

Was dürfen Jugendliche denn noch selbst bestimmen?

Chris Weitz hat sich gefragt, wie weit die Jugendlichen des 21. Jahrhunderts mit den Sinnfragen überhaupt noch kommen. Was dürfen sie denn noch selbst bestimmen? Wie viel Macht, wie viel Kraft haben sie wirklich? Und die Idee zu den "Clans von New York" war geboren.

"Sie sind physisch reif. Aber ihre legale, soziale und finanzielle Kraft hängt vom Geldbeutel Ihrer Eltern ab. Was aber würde passieren, wenn diese Kraft durch einen Kollaps der Gesellschaft entfesselt würde?"

Zunächst einmal: nichts Gutes. In den "Clans von New York" ziehen marodierende Banden durch ein apokalyptisches Manhattan, stehlen und rauben, was sie zum Überleben brauchen. Besonders entsetzlich ist die Uptown Gang. Die verwöhnten Kids der Superreichen sind durch die Katastrophe nicht anders geworden, als sie zuvor waren. Auch in einem Manhattan aus Ruinen wollen sie herrschen. 

"Solange sie leben, fokussieren sich Menschen auf Rasse, Klasse, Gender und -  ich sag mal - auf Ökonomisches. Letzteres ist nicht ein typisches Thema der New York Literatur, aber für mich ist es wichtig." 

Doch ganz oben in Manhattan in Harlem, glimmt ein Fünkchen Hoffnung. Die schwarzen Kids sind lange unterdrückt worden, haben niemals teilgehabt am sagenhaften Reichtum der Stadt. Sie wissen, was es bedeutet, arm zu sein, Hunger zu haben. Sie glauben, besser mit der neuen Situation fertig werden zu können.

Im Westvillage lebt die Washington Square Gang. Es ist nicht mehr das Viertel, in dem Wes den Hund ausführte. Alle Häuser sind verlassen, ohne Wasser, ohne Strom. Die meisten Kids leben in Zelten. Sie versuchen, Gemüse zu züchten. Ihr vergötterter Anführer Washington ist kurz nach seinem 18. Geburtstag gestorben und sein Bruder Jefferson ist an seine Stelle getreten. Der Tüftler Brainbox glaubt, auf einer Insel hinter Long Island in einem Labor liege der Schlüssel zur Seuche und der Schlüssel dazu, sie zu bekämpfen.

In diesem Labor hatte man biologische Waffen entwickelt und die sind unkontrolliert in die Umwelt gelangt und töten und zerstören.

Eine filmreife Geschichte

Erzählt wird die Geschichte dieser Gang abwechselnd aus der Perspektive der toughen Donna und des Nerdgenies Jefferson, die sich, und das ist wie so vieles andere auch sehr vorhersehbar, in einander verlieben. Sie gestehen sich diese Verliebtheit nicht ein, obwohl sie sich nacheinander sehnen, auch körperlich. Dabei haben sie nicht mehr viel Zeit. Älter als 18 werden sie kaum werden. Sie warten auf ihr erstes Mal. Sie irren durch ein New York, das man aus unzähligen Filmen, Büchern, Werbeclips kennt - und doch ist es ein anderes:

"Das arme New York ist in etlichen Filmen und Büchern geradezu verwüstet worden, eben weil es so reich an Kultur und Architektur ist. Orte wie die New York Public Library oder der Bahnhof Grand Central habe ich eher wie eine Landschaft, ja eine Wildnis gestaltet denn als eine urbane Umgebung."

Auch an den berühmtesten Stätten der Stadt geht es nur um das nackte Überleben. Die Teenager entkommen den Menschenfressern in der New York Public Library an der Fifth Avenue. Sie kämpfen mit den Uptowners im Grand Central, der Eisenbahnkathedrale im Herzen New Yorks. Dort treiben diese einen schwunghaften Handel mit allem, was sie so auffinden können - und dazu gehören auch Mädchen. Die Kids vom Washington Square werden im Metropolitan Museum am Central Park von einem entlaufenen Eisbären angegriffen. Sie verstecken sich bei den Maulwürfen, den zerlumpten Gestalten, die in den ehemaligen U-Bahnschächten hausen. 

Dabei wird viel Blut vergossen, viel geschossen und viel getötet und auch Mitglieder der Washington Square Gang und die, die ihnen helfen wollen, sterben.

Das alles schreit nach einer Verfilmung. Chris Weitz ist Regisseur von der Vampirtrilogie "Twilight Drama" und "About a Boy", Drehbuchautor von Disneys Aschenputtel und er wird die Verfilmung schon im Kopf gehabt haben, als er "Die Clans von Manhattan" schrieb. Er legt ein schnelles Tempo vor. Die Personen sind nur grob gezeichnet und bisweilen klischeehaft. Weitz schreibt umgangssprachlich, rau. Die Sätze sind kurz.

War New York schon immer unerbittlich mit denen, die es "nicht geschafft haben". Bei Chris Weitz ist es zu einer Horrorstadt verkommen, in der nur die Stärksten überleben.

Alle New Yorker als Disneyland-Urlauber

Jesse Brownes West Village ist heil, intakt und sehr beliebt. Sein Protagonist Wes ärgert sich über die vielen Touristen, die Vorstädter, die sein Viertel okkupieren.

"Der Sommer verwandelte alle New Yorker in Disneyland-Urlauber; es war unverzeihlich, wie sehr er die Unterschiede zwischen den Bewohnern der Stadt und den Leuten aus den Vorstädten verwischte – Unterschiede, die Wes Meinung nach stets scharf und unmissverständlich sein sollten.

Das Westvillage, das Viertel der Schriftsteller, Schauspieler, Maler ist immer noch eine sehr bevorzugte Wohngegend.

"Das Village ist genau hier. Hier bin ich zu Hause. Aber natürlich hat es sich sehr verändert. Ich möchte das New York bewahren, in dem ich aufgewachsen bin und das ich manchmal gar nicht wieder erkenne. Aber allein die Vorstellung, New York zu verlassen käme einem Verrat gleich."

Jesse Browner ist waschechter New Yorker. Seine Familie lebt seit fünf Generationen hier. Browner stimmt nicht ein in der Chor derer, die behaupten, dass früher alles so viel besser war in New York. Er ist allenfalls wehmütig. Alle seine Bücher spielen in New York, in einem sich wandelnden, sich ständig verändernden New York. Browner sagt es mit Heraklit:

"Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Gleichermaßen kann man nicht zweimal über dasselbe New York schreiben. Denn kaum hast Du ein Buch über New York beendet und fängst ein anderes an, ist New York schon eine völlig andere Stadt geworden."

"Woher weißt Du, dass Du das Richtige tust?"

Von außen wirkt das Haus, in dem Wes lebt, das alte Backsteinhaus mit der steinernen Treppe und dem kleinen Innenhof idyllisch. Aber das Familienleben ist alles andere als eine Idylle. Wes Mutter ist an Multipler Sklerose erkrankt und liegt hilflos im Bett. Wes füttert sie und bringt sie zur Toilette.

Sein Vater, ein erfolgloser Schriftsteller und Universitätsprofessor hat der Familie längst den Rücken zugekehrt. Er lebt im Basement und ab und an nimmt er eine seiner Studentinnen über Nacht mit dorthin. Nora, die kleine Schwester leidet darunter, dass ihr die Eltern kaum Aufmerksamkeit schenken und wieder ist es Wes, der versucht zu helfen, versucht, die Eltern zu ersetzen. Und doch glaubt er, nie genug zu tun. Jesse Browner hat eigene Erfahrungen in die Figur des Wes einfließen lassen. Auch er hatte eine Mutter, die an MS erkrankt war. Auch die Ehe seiner Eltern war schwierig.

Wes hat das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht integer genug. Aber im Laufe dieses besonderen Tages, an dem "Alles geschieht heute" spielt, wird begreifen, dass er sich zunächst selbst fragen muss, was er wirklich will. Beim Herumlaufen hat er sich nicht im Kreis verirrt. Die langen Spaziergänge durchs West Village haben ihn klarer sehen lassen.

"Woher weißt Du, dass Du das Richtige tust, wenn Du nicht weißt, wer Du bist und was Du willst? Wie Wes, so denken wir alle manchmal in eine Richtung, obwohl das, was wir wirklich wollen, doch etwas wirklich anderes ist. Wir verstehen uns selbst nicht gut genug. Wir quälen uns im Dunklen, weil wir sehr wenig haben, was uns Selbsterkenntnis führt."

Leben im richtigen Viertel

Jesse Browner hat ein ebenso tiefgründiges wie spannendes Buch geschrieben.

Ganz behutsam hat er Wes und seine Familie in Szene gesetzt, Wes’ Gedanken geschildert. Natürlich geschieht nicht wirklich alles an einem Tag. Wes findet nicht über Nacht heraus, was er wirklich will, er wird nicht an einem einzigen Tag erwachsen. Aber an diesem Tag kulminiert, was lange schon in Wes brodelte.

Und so wird Wes am Abend des Tages, an dem alles geschieht, einen anderen Blick haben auf das Mädchen, mit dem er die Nacht verbracht hat, dem Mädchen, das er für die Falsche gehalten hat. Er lädt sie zum Essen ein und gemeinsam mit der kleinen Schwester sitzen sie am Bett der kranken Mutter. Und Wes erkennt, dass seine Schwärmerei für ein unerreichbares Mädchen ihn vom eigentlichen Leben, vom wirklichen Verliebtsein abgehalten hat.

Um das Eigentliche geht es auch den Kids in Jason Reynolds "Coole Nummer". Sie leben nicht im "richtigen" Viertel, sie gehen nicht auf die "richtigen", privaten  Schulen. Umso wichtiger ist es für sie, die richtige Kleidung zu tragen. Geld haben sie dafür nicht. Alis Vater treibt ein paar coole Klamotten auf. Die Junge wissen, dass er sie irgendwo gestohlen hat. Aber der Wunsch, einmal angesagte Jeans, hippe T-Shirts, brandneue Kappen zu tragen, ist größer als das Unrechtsbewusstsein:

"Wir gingen die Fulton lang wie drei coole Typen, von denen einer Strickzeug bei sich hatte. Aus irgendeinem Grund fühlte sich die Fulton Street gerade an diesem Tag an wie der Broadway oder die Fifth Avenue, eine von diesen Straßen eben. Nicht weil irgendwas auf der Fulton anders gewesen wäre, das überhaupt nicht. Dieselben Klitschen mit Nippes und irgendwelche Schieber an der Ecke. Leute an Münztelefonen und der Geruch von angebranntem Halal-Fleisch und Hundekacke. Keine Weißen. Wenigstens nicht viele. Also war es in Wirklichkeit gar nicht wie der Broadway oder die Fifth Avenue, aber in meinem Kopf war es einfach so, als würden wir dort langgehen, wie man dort nun mal langgeht, glaube ich, als könnte uns keiner was und wir wären die Kings."

Die Sterberate junger Schwarzer ist hoch

Denn sie tragen die richtigen Kleider.

Jason Reynolds kennt die Straßen von Bedford Stuyvesant. Er lebt seit zwölf Jahren in diesem Brooklyner Viertel. Hier leben meist Schwarze. Und doch ist nicht eine Straße wie die nächste, gleicht nicht ein Block dem anderen.

"Meist leben Arbeiterfamilien in der Nachbarschaft. Von denen will keiner wirklich Ärger. Aber natürlich kann man sich Ärger einhandeln, wenn man den falschen Block hinunterläuft." 

Und dann gibt es richtig Ärger für Ali, Needles und Noodles. Ali kämpft um sein Leben. Und das ist nicht übertrieben. Da, wo die Gangs herrschen, ist ein Leben nicht viel Wert. Ein schwarzes Leben schon gar nicht. Die Sterberate junger, schwarzer New Yorker ist hoch. Jason Reynolds wird ernst:

"Es ist eine erstaunliche Sache. Ich bin ein schwarzer Mann und 31 Jahre alt geworden."

Jason Reynolds ist es gelungen, so etwas wie Hoffnung aufblitzen zu lassen in Bedfort Stuyvesant. Die drei Jungen, die so viel cooler wirken wollen, als sie sind, beschreibt er nuanciert und facettenreich. In einer wirklich jungen, mitreißenden Sprache. Ali, Noodles und Needles wachsen den Lesern ans Herz. 

In "Coole Nummer" erzählt Jason Reynolds fast lapidar von der sozialen Ungerechtigkeit New Yorks, von den überhohen Mieten, die die Menschen an den Rand des Ruins treiben, von den miesen, kleinen, schlecht bezahlten Jobs, mit denen die meisten sich über Wasser halten.

"Ich liebe New York. Es ist eine großartige Stadt, aber ich weiß wirklich nicht, ob es eine großartige Stadt zum Leben ist."

Jesse Browner/Anne Brauner: "Alles geschieht heute", Verlag Freies Geistesleben, 19,90 Euro


Jason Reynolds/Klaus Fritz: "Coole Nummer. Als ich der Größte war", dtv, 12,99 Euro


Chris Weitz/Katharina Orgaß, Gerald Jung: "Die Clans von New York", dtv, 18,95 Euro

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