• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 12:30 Uhr Nachrichten
StartseiteDie neue PlatteDrei mal Zeitgenössisches21.02.2010

Drei mal Zeitgenössisches

Aufnahmen der Pianisten Kai Schumacher, Markus Bellheim und Ivo Janssen

Schlüsselwerke der Neuen Musik, verfasst von drei Komponisten von Rang, neu eingespielt von aufregenden, jungen Pianisten: Frederic Rzewskis "The People United will never be defeated", Simeon ten Holts Werk "Canto Ostinato" und "Vingt regards sur l'enfant-Jésus" von Olivier Messiaen.

Moderation: Frank Kämpfer

Drei mal zeitgenössische Klaviermusik - bei "Der neuen Platte". (Stock.XCHNG)
Drei mal zeitgenössische Klaviermusik - bei "Der neuen Platte". (Stock.XCHNG)

Am Mikrofon Frank Kämpfer. Ich habe für Sie heute drei neue CDs mit Klaviermusik ausgesucht. Es handelt sich um Klaviermusik des 20. Jahrhunderts, um regelrechte Schlüsselwerke der Neuen Musik: verfasst von drei Komponisten von Rang, neu eingespielt von aufregenden, jungen Pianisten:

Frederic Rzewski, The People United will never be defeated
Kai Schumacher, Klavier
CD WERGO WER6730 2, LC 00846


Vereinzelung hat hier anfangs das Wort. Bis dato Verbundenes scheint auseinander gesprengt, atomisiert. Die markante, jedoch vergessene Melodie ist kunstvoll unkenntlich gemacht, Ton für Ton in verschiedene, auch extreme Register gelegt. Verschiedenes Bindegewebe wird alsbald dazwischengefügt - rhythmisch, motivisch, harmonisch, stilistisch gar beginnt ein Fantasieren, darin das Ausgangsmaterial in immer neuer Lesart, in immer neuem Kontext erscheint und sich dabei Stück um Stück zu einem eigentümlichen, höchst bemerkenswerten neuen Artefakt zusammenbaut.

Frederic Rzewskis Klavier-Zyklus erinnert in seiner formalen Strenge an Bach - allerdings: Es finden sich darin Elemente von Jazz, Minimal Music, Folk und Atonalität, und sie verschmelzen darin auf dem technischen Standard Neuer Musik seiner Zeit.

Der US-amerikanische Avantgardist komponierte die 36 Variationen im Herbst 1975: Das musikalische Thema stammt vom chilenischen Komponisten Sergio Ortega. Es basiert auf der Melodie "El pueblo unido jamás será vencido", der Hymne der - zwei Jahre zuvor vom Pinochet-Regime gestürzten - Unidad Popular. Hier heißt das Werk "The People united will never be defeated". Rzewski, Jahrgang 1938, verfasste damit nicht allein ein ethisch-humanistisches Bekenntnis; ihm gelang zugleich eine neuartige, hoch artifizielle Verknüpfung diverser musikalischer Stile in einer pianistischen Großform. Am Instrument wird ein Virtuose verlangt, dessen Spiel zugleich politische Haltung zu transportieren vermag.

Nachwuchspianist Kai Schumacher, der mit diesem Opus sein CD-Debüt gibt, leistet Beides auf ganz eigene Art: Der frisch gebackene Absolvent der Essener Folkwang-Hochschule nähert sich der formalen Vielfalt der Miniaturen mit großer Genauigkeit. Er gestaltet die sechs Variationsblöcke mit enormer innerer Differenzierung. Und er präsentiert und fügt das Gesamtwerk ebenso leidenschaftlich wie souverän.

In der abschließenden, frei zu gestaltenden Kadenza ist dann - anders als im klassischen Klavierkonzert - das persönliche Statement gefragt: Schumacher umschifft hier klug alle Klischees und politischen Klippen: Er improvisiert eben nicht über Eislers ideologisch verschlissenes "Solidaritätslied", sondern wählt Brecht/Weills "Seeräuber-Jenny" als Sinnbild eines auch heute unabgegoltenen Engagements für Menschenwürde und Humanität - bis nach emphatischer Verschränkung von Weill, Eisler und Rzewski sinnträchtig der Klavierdeckel fällt.

Frederic Rzewski: The People United will never be defeated
Kai Schumacher, Klavier
CD WERGO WER6730 2, LC 00846


Ein Ausschnitt aus Frederic Rzewskis gut einstündigem Variationswerk "The People United will never be defeated" - Anfang 2009 neu eingespielt von Kai Schumacher für das Mainzer Label WERGO.

Die nächste Produktion, die ich Ihnen anspielen will, ist von gänzlich anderer Art. Indes, auch hier liegt es am Interpreten, oder an den Interpreten, wie das Werk klingt. Simeon ten Holts 1979 uraufgeführter "Canto ostinato" trägt seine Mitteilung in der Struktur. Die minimalistische Komposition besteht aus einer schier unendlichen Folge von Sechzehntel-Quintolen. Etwas also, das quer steht zum Gewohnten - fünf Töne im Zeitraum von vier - wird auf geradezu unaufdringliche Weise unendlich lang wiederholt, bis es Normalität und zur Norm wird.

Ten Holt, geboren 1923 im niederländischen Bergen, ein Schüler von Honegger und Milhaud, vergleicht den "Canto ostinato", den unendlichen Gesang mit einem Kreisverkehr. Zeit scheint beinahe zum Stillstand zu kommen; lediglich Rückungen in andere Lagen und Wechsel von Konsonanz und Dissonanz bereichern den Ereignishorizont. Nicht zuletzt ob seiner eindringlichen Tonalität scheint das Opus in einem Bereich situiert, wo Kunst-Musik, E-Musik mit anderen musikalischen Sphären korrespondiert.

Ten Holt, der sein Komponieren als Gegenposition zur Darmstädter Schule der 50er/60er-Jahre versteht, sieht gerade im Meditativen, Ritualhaften die enorme Provokation und Anarchie des "Canto", und ein Humanitätspotenzial: Wo Entwicklung nicht fortschreitet zu immer Neuem, können schwerlich neue Schrecken entstehen.

Mit Ivo Janssen hat sich ein Pianist dieses Zyklus angenommen, der sowohl als Bach- als auch als Ten-Holt-Spezialist auf dem CD-Markt bereits ausgewiesen ist. Janssen, Jahrgang 1963, erweist sich als Meister großer Bögen und kleinster Nuancen: unmerklich gewinnen und verlieren Akkorde an Schärfe, poetisch formuliert sich manch naive Melodik. Eigenschöpferisch nutzt der Interpret die freie Kombinierbarkeit von Motiven des "Canto", um Mehrstimmigkeit zu erzeugen - in dezenter Dramaturgie.

Simeon ten Holt, Canto Ostinato
Ivo Jansen, Klavier
CD VOID 9910, kein LC


Simeon ten Holt, "Canto Ostinato" - hier daraus die Sektionen 93 bis 95, im Frühjahr 2009 von Ivo Janssen für das New Yorker Label VOID auf CD eingespielt.

Die dritte und letzte neue CD, die ich Ihnen heute vorstellen will, birgt ein Werk von immenser Komplexität. Musikalische Form und ideelle Thematik überlagern einander. Der 20-teilige, extrem heterogene Zyklus ist "Vingt regards sur l'enfant-Jésus" betitelt. Sein Gegenstand: das Mysterium der Inkarnation.

Die hier zusammengefassten "20 Blicke auf das Jesus-Kind" entspringen Gottvater, der Jungfrau, dem Kreuz, der Zeit, Engeln wie Sternen und sie stellen kaleidoskophaft Varianten christlicher Anbetung dar, in denen wiederum des Menschen Visionen der Liebe und zugleich seine Befähigung zu Furcht und Gewalt aufscheinen.

Olivier Messiaen, der Komponist, vollendet die fast zweieinhalbstündige Arbeit 1944 - im Krieg, nur wenige Jahre nach seiner Internierung im deutschen Lager. Es ist zugleich auch das Jahr, in dem er in Paris ein Lehrbuch über seine musikalische Sprache verfasst.

"Vingt regards sur l'enfant-Jésus" als Illustration desselben zu lesen, mag vermessen, wenn nicht pietätlos erscheinen. Nichtsdestotrotz versammelt der Zyklus, was Messiaens musikhistorisch bis heute singuläre Klangwelt charakterisiert: modale Harmonik, eigenwillige Zeitgestaltung, religiöse Thematik, kosmische Dimension. Glocken, Vogelgesänge, Ausflüge in exotische, orientalische Klangwelten finden sich ebenso darin wie aufgetürmte Klangschichtungen, strenge Fugen, rauschhafte Expositionen.

Markus Bellheim hat mit seiner Einspielung des Werks im Sommer 2008 im Sendesaal des Hessischen Rundfunk in Frankfurt, zweifellos einen Maßstab gesetzt. Seit dem Gewinn des internationalen Messiaen-Wettbewerbs in Paris im Jahre 2000 gilt der noch junge Pianist als Spezialist der Moderne. Seine Ende vergangenen Jahres beim Münchener Label NEOS erschienene Doppel-CD mit den "Vingt Regards" hält höchsten Ansprüchen stand. Bellheim spielt voller Energie und Prägnanz - noch Komplexestes gerät höchst spannungsvoll, klangfarbenreich, opulent.

Hier ein Ausschnitt aus Satz 6 "Par Lui tout a été fait" (durch IHN ist alles entstanden): göttliche Schöpfung von Raum und von Zeit, Quanten und Galaxien findet ihre Entsprechung in einer rasenden Fuge im Fortissimo, deren Thema permanent die Gestalt verändert, Rhythmus- und Registerwechseln unterliegt.

Olivier Messiaen, Vingt regards sur l'enfant-Jésus
Markus Bellheim, Klavier
CD NEOS 10907/08, LC15673


Soweit ein Ausschnitt aus "Vingt regards sur l'enfant-Jésus" von Olivier Messiaen. Am Klavier Markus Bellheim. Erschienen als Doppel-CD Ende 2009 bei NEOS.

Zuvor habe ich Ihnen Ivo Janssens Einspielung von Simeon ten Holts beim New Yorker Label VOID erschienenen "Canto Ostinato" angespielt. Sowie Kai Schumachers Interpretation von Frederic Rzewskis 36 Klavier-Variationen "The People United will never be defeated", die kürzlich bei WERGO erschienen. Soweit für heute "Die Neue Platte", ausgewählt von Frank Kämpfer.

Vorgestellte Musik:

Frederic Rzewski, The People United will never be defeated
Kai Schumacher, Klavier
CD WERGO WER6730 2, LC 00846

Frederic Rzewski, The People United will never be defeated
Kai Schumacher, Klavier
CD WERGO WER6730 2, LC 00846

Simeon ten Holt, Canto Ostinato
Ivo Jansen, Klavier
CD VOID 9910, kein LC

Olivier Messiaen, Vingt regards sur l'enfant-Jésus
Markus Bellheim, Klavier
CD NEOS 10907/08, LC15673

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk