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StartseiteBüchermarktDrei Meilen tief26.01.1999

Drei Meilen tief

Aus dem Englischen von Wolfgang Krege

"Ich hatte an der Uni begonnen, deutsche und französische Literatur zu studieren, dann hatte ich zu Englisch gewechselt, was ein doppelter Fehler war", erzählt James Hamilton-Paterson. "Das erste was ich eigentlich lernen wollte, war Musik, theoretisch und praktisch. Musik ist das wichtigste für mich. Ohne Musik kann ich nicht sein. Jeden Morgen spiele ich Klavier und beinahe hätte ich es auch zu einer professionellen Karriere gebracht. Ich habe auch Musik studiert, allerdings ohne Abschluß. Was ich wirklich bedauere ist, daß ich kein Meeresbiologe geworden bin. Das wollte ich werden, seit ich ein Kind war. Aber es ist mir nicht gelungen. Mein Interesse an der See ist das eines verhinderten Wissenschaftlers. Nun bin ich Romancier, Literat geworden. Wissenschaftliche Tatsachen über die See zu kennen und darüber zu schreiben, ist eine Form von Selbstdisziplinierung und Konzentration auf ein Thema. So werde ich nicht abgelenkt durch einen Haufen psychologischen Unsinn über mich selbst."

Tobias Gohlis

In den "Seestücken" und auch in dem Roman "Wasserspiele" über das Leben auf einer kleinen philippinischen Insel gibt sich Hamilton-Paterson als Beobachter, als ein Autor, der es mit dem Bonmot von Picasso hält: "Ich erfinde nicht, ich finde."Wie sein alter ego John Prideaux in dem Roman "Die Geister von Manila" ist er ein Zweifler, ein Skeptiker und ein Mann, der möglichst weit entfernt von seinen Ursprüngen leben will. Das erklärt seine Liebe zur See. "Ich hatte eine Erziehung, die die meisten Leute als privilegiert bezeichnen würden", so Hamilton-Paterson. "Meine Eltern waren Ärzte und gehörten zum Bürgertum. Mit acht Jahren kam ich auf die Public School. Von dort führte der Weg direkt auf die Universität Oxford, wo ich mit einundzwanzig, zweiundzwanzig landete. Nachdem ich auch das hinter mich gebracht hatte, schlug ich den entgegengesetzten Kurs ein. Ich war ein Gefangener der Privatschulen gewesen für zehn, zwölf Jahre. Danach hatte ich die Nase voll von der britischen Kultur, ich fühlte, genug ist genug. Meinen ersten Job hatte ich im Ausland, in Libyien, in Tripolis. Ich war für ein Jahr Lehrer in einer Sekundarschule, kurz bevor Ghaddafi kam. Ich war vollkommen verzaubert von dem Ort. Ich war wirklich vernarrt - nicht von dem Gefühl des Reisens, sondern von dem Leben im Ausland, von der unendlichen Zahl von Chancen, die sich mir boten, ohne daß ich britisch sein mußte. Das war eine große Befreiung für mich, und seitdem habe ich dieses Gefühl nie wieder verloren, um es prätentiös zu sagen, dieses Gefühl, ein Weltbürger zu sein. Seitdem habe ich keine Notwendigkeit gesehen, zu meinen alten Wurzeln zurückzukehren."

Die Leidenschaft für die Welt und das Meer verbot es Hamilton-Paterson geradezu, Nein zu sagen, als er im Oktober 1994 gefragt wurde, ob er als beobachtender Gast an einer Tauchexpedition in die atlantische Tiefsee teilnehmen wollte. Noch der Titel seines Berichts darüber atmet die Faszination, einen Punkt der Welt erreicht zu haben, den kaum jemand vor oder nach ihm anpeilen wird: "Drei Meilen tief". Durchgeführt wurde die Expedition unter äußerst merkwürdigen Bedingungen. Das Mutterschiff, die "Akademik Keldysch", von dem aus die Tiefseetauchboote MIR I und MIR II starteten, ist eines der besten Forschungsschiffe der ehemaligen Sowjetunion. Die Besatzung hatte bereits die Unterwasserdreharbeiten zu James Camerons Titanic-Film begleitet, doch was im Frühjahr 1995 auf sie zukam, erwies sich als noch größere Zumutung. Hamilton-Paterson dazu: "Der Vorwand für diese Reise war: Eine kleine britische Firma war gegründet worden, um Gold von zwei Schiffen zu bergen, die während des Zweiten Weltkriegs vor der Küste Afrikas gesunken waren. Das eine war ein U-Boot, das andere ein Truppentransporter. Diese kleine Firma hatte das russische Forschungsschiff Keldysch mit seinen Spezialtauchbooten gemietet. Nach 1990 mußten diese Wissenschaftler sich nun an kommerzielle Schatzsucher verdingen. Für mich war es unglaublich spannend diese 94 erstklassigen Wissenschaftler zu beobachten, die seit Jahren zusammen gefahren und geforscht hatten, wie sie sich nun plötzlich der Gnade ganz ordinärer Kapitalisten ausgeliefert sahen. Früher standen sie an den Piers von Kaliningrad, wo sie stationiert sind, und befahlen: füllt die Tanks. Jetzt mußten sie mit der lokalen Mafia verhandeln, um auch nur den Kraftstoff zu bekommen, mit dem sie nach England fahren konnten. Und so waren diese hochrangigen Wissenschaftler, die lieber unterseeische Vulkane untersucht hätten, ziemlich verzweifelt über diese dämlichen britischen Schatzsucher, mit denen sie ihre Zeit verschwenden mußten."

Nicht nur im Gespräch, auch in seinem Buch hält Hamilton- Paterson sich respektvoll zurück, und man kann die satirereifen Momente nur erahnen, die sich aus dem Zusammenprall dieser zwei Welten ergeben haben. Grandios wird Hamilton-Patersons Schilderung, als sich sein Kindertraum erfüllt: Obwohl weder Schatzsucher noch Wissenschaftler, darf er mit dem Tauchboot auf den Meeresgrund hinabsteigen, drei Meilen tief. Wie fühlt man sich beim Einstieg in eine winzige Kugel, die fünf Kilometer durch die Dunkelheit sinken wird? "Das war eine sehr seltsame Empfindung. Wissen Sie, vor dem Tauchen bekamen wir sehr genaue Instruktionen. Es war ein russisches Schiff, von dem aus eines von diesen Unterseebooten eingesetzt wurde, mit denen die Titanic gefilmt wurde. Jeder weiß, daß es in der Tat extrem gefährlich ist, in diese Tiefe zu tauchen. Man ist nicht mit dem Schiff verbunden. Diese Unterseeboote sind gänzlich unabhängig. Sie ähneln Helikoptern und schweben wie Helikopter über dem Boden der See. Jeder ist aufgeregt, versucht die Gefahren vorauszusehen. Es gibt so viele Möglichkeiten zu scheitern. Der Druck ist so stark, daß kleinste Materialschwächen schon die Katastrophe bedeuten. Die Fahrt dauerte drei Stunden abwärts und drei Stunden aufwärts, wir blieben etwa zwölf Stunden unten, insgesamt dauerte es also 17- 18 Stunden. Die Druckkammer selbst ist kugelförmig und mißt zwei Meter im Durchmesser. Seit dem Tauchrekord, den der Amerikaner Beebee in den 30er Jahren aufgestellt hat - eine halbe Meile tief - benutzt man immer die gleichen Kugeln aus Titanstahl. Wir waren zu dritt eingequetscht in diesem kleinen Stahlball. Die beiden anderen waren Russen, beide Wissenschaftler und erfahrene Tiefseepiloten. Nach der ersten Minute war ich völlig verzaubert, als ich durch die Ladeluke blickte. Ich hatte als Kind Beebees Bericht über seine Tauchfahrten gelesen und geliebt. Es bewegte mich sehr, zu sehen, was er gesehen hatte. Das war es, was ich seit meiner Kindheit wollte. Und über diesen Punkt hinauszugehen, tiefer und tiefer, sechs mal so tief wie die halbe Meile, die Beebee erreicht hatte, war tief bewegend. Als wir auf den Grund kamen und die Außenlichter angingen, und ich zum ersten Mal sah, was außer mir kein menschliches Auge erblickt hat, erst recht nicht an diesem Ort und in dieser Tiefe -so tief im Ozean sind weniger Menschen gewesen als im Weltraum - da fühlte ich mich sehr privilegiert auf diesem Planeten."

Dieses Privileg ist nun vorbei. Die Tauchboote der Akademik Keldysh dienen inzwischen im kommerziellen Kreuzfahrtgeschäft zum Wrack der Titanic - und auch aus den gesunkenen Schiffen, die die Abenteurer 1995 vergeblich suchten, wurde inzwischen das erste Gold geborgen. Doch das macht Hamilton-Patersons Bericht erst recht einzigartig.

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