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StartseiteEuropa heuteDrei Monate nach den Gezi-Park-Protesten30.09.2013

Drei Monate nach den Gezi-Park-Protesten

Was aus der Hoffnung auf einen Umbruch in der Türkei geworden ist

Rund 8000 Verletzte und fünf Tote: Im Juni schlugen Truppen der türkischen Bereitschaftspolizei die friedlichen Proteste gegen die Politik Erdogans nieder. Zwar ist es seitdem ruhiger geworden, doch hat sich durch die Demonstrationen am Gezi-Park bei vielen Türken eine neue Sensibilität entwickelt.

Von Luise Sammann

Demonstranten im Instanbuler Gezi-Park. (picture alliance / dpa / Sedat Suna)
Demonstranten im Instanbuler Gezi-Park. (picture alliance / dpa / Sedat Suna)

'Alles, wie immer', so denkt, wer dieser Tage in der Türkei die Nachrichten einschaltet: In Ankara werden Tausende Bäume auf einem Universitätsgelände gefällt, damit eine Autobahn mitten durch den Wald gebaut werden kann. Ministerpräsident Erdogan donnert und bestimmt, plant Kameras und Identitätskontrollen selbst in Fußballstadien, um regierungskritische Fans zum Schweigen zu bringen.

Wo ist die Hoffnung auf einen Umbruch, die vor drei Monaten die ganze Türkei zu erfüllen schien – ist Gezi gescheitert?

Die Türken, die an einem lauen Septemberabend in einem Istanbuler Park sitzen, schütteln energisch mit dem Kopf:

"Gezi ist immer noch Thema Nummer eins. Wir spüren immer noch die Aufregung von damals. Sie begleitet seitdem unsern Alltag." - "Gezi ist nicht vorbei, im Gegenteil: Es geht jetzt erst richtig los! Das Ganze hat sich auf die lokale Ebene verlagert und entwickelt sich dort weiter." - "Die Menschen zeigen jetzt überall und umgehend Widerstand – und damit geht Gezi weiter."

Es ist die neue Sensibilität, die vielen Türken Hoffnung macht. Nicht immer schafft es das veränderte Klima bis in die Abendnachrichten, aber es ist doch überall, steckt zum Beispiel in einer knallroten Treppenstufe: Im vergangenen Monat hatte ein Istanbuler Rentner in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine lange Treppe regenbogenfarben angepinselt, weil ihn das ewige Grau störte. Seit am nächsten Tag das Ordnungsamt anrückte, um das Kunstwerk in wenigen Stunden wieder grau zu überstreichen, ist das nächtliche Treppenpinseln im ganzen Land zum Volkssport geworden.

Ein schönes Spiel. Aber reicht es in einer Zeit, in der erste Umfragen der Erdogan-Regierung erneut einen phänomenalen Sieg für die Kommunalwahlen in sechs Monaten voraussagen? Von einer neuen Partei – dem einstigen Traum vieler Gezi-Demonstranten – ist bisher nichts zu sehen.

"Es war naiv zu glauben, dass die Menschen sich von einem Tag auf den anderen komplett verändern würden, aber immerhin haben sie ihr Potenzial entdeckt","

beruhigt Politikwissenschaftlerin Irem Inceoglu, die sich an der Istanbuler Kadir-Has-Universität mit sozialen Bewegungen beschäftigt. An eine Gezi-Partei habe sie nie geglaubt – zu unterschiedlich seien die Gruppen, die sich durch den gemeinsamen Feind Erdogan plötzlich verbrüderten. Und dennoch:

""Um langfristig etwas zu verändern, braucht es zunächst diese kleinen Schritte. Das Wichtigste ist, dass die unterschiedlichsten Gesellschaftsgruppen sich plötzlich gegenseitig wahrnehmen und teilweise zusammenstehen. In der Politikwissenschaft sehen wir das als einen Weg, um wirkliche Demokratie zu erreichen."

Nur ein Beispiel unter vielen: Rekordverdächtige 80.000 Menschen kamen zur diesjährigen Prideparade der Homo- und Transsexuellen in Istanbul. Die meisten nicht etwa, weil selbst von Diskriminierung betroffen, sondern einfach nur, um Solidarität zu zeigen. Ein Novum am Bosporus!
Und auch die Proteste, die ausbrachen, weil ein Demonstrant im kurdischen Lice starb, hätten sich früher höchstens auf Kurdengebiete beschränkt – jetzt waren sie überall.

Gezi ist nicht vorbei. Das zeigen nicht zuletzt die nach wie vor stattfindenden Foren, zu denen seit Juni Regierungsgegner in Parks zusammenkommen um darüber zu diskutieren, wie es weitergehen soll. Drei Junge Frauen mit pinken Fingernägeln sitzen vergangene Woche bei einem solchen Forum unter einem Baum. Sie gehören zu Hunderten von Turkish-Airlines-Stewardessen, die seit Monaten gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen bei der halbstaatlichen Airline streiken – und dafür kurzerhand entlassen wurden. Ein älterer Herr steht kopfschüttelnd am Rand.

"Das ist unglaublich, die arbeiten hart wie Bergleute, aber sie sind dabei in der Luft! Selbst die Piloten kriegen nicht genug Schlaf. Da kann man doch nicht ordentlich arbeiten. Und wir begeben uns in ihre Hände, wenn wir ins Flugzeug steigen."

Der Mann ist schockiert. Wie alle anderen Parkbesucher auch, will er am Wochenende mit den Frauen demonstrieren gehen. Noch nie zuvor, gibt er zu, hat er sich Gedanken über die Arbeitsbedingungen von Stewardessen gemacht.

"Genau das ist der Gezi-Spirit, einander wahrnehmen und sich gegenseitig unterstützen","

triumphiert Politikwissenschaftlerin Irem Inceoglu.

""Der Gedanke, dass völlig unterschiedliche Gruppen sagen: Dein Problem ist auch mein Problem, deine Bewegung ist auch meine Bewegung und deine Demo ist auch meine Demo. Vielleicht führt das nicht direkt zu einer neuen Partei, aber langfristig treibt es die Demokratisierung deutlich voran."

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