Montag, 11.12.2017
StartseiteBüchermarktDreiecksgeschichte anders herum15.08.2013

Dreiecksgeschichte anders herum

Bethan Roberts: "Der Liebhaber meines Mannes". Kunstmann Verlag

In den meisten Dreiecksgeschichten der Literatur steht ein Mann zwischen zwei Frauen. Der Roman der 1973 geborenen britischen Autorin Bethan Roberts widmet sich der weitaus selteneren Konstellation, in der ein Mann eine Ehefrau und einen Liebhaber hat: Eifersucht, Verwirrung, Rache und Schmerz sind garantiert.

Von Tanya Lieske

Bethan Roberts Roman fügt den zahlreichen Dreiecksgeschichten der Literatur die weitaus seltenere Variante hinzu. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)
Bethan Roberts Roman fügt den zahlreichen Dreiecksgeschichten der Literatur die weitaus seltenere Variante hinzu. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

Schon der Titel, "Der Liebhaber meines Mannes" verkündet, dass diese Dreiecksgeschichte anders verläuft als gewohnt. Im Zentrum der sich kreuzenden Gefühle dreier Menschen steht: Tom Taylor, ein attraktiver, blonder Polizist, der gerne ein beschauliches, durch seinen Dienst und die damit verbundene Routine geprägtes Dasein geführt hätte. Tom liebt und wird wieder geliebt von Patrick Hazlewood, dem älteren, feinsinnigen Kurator eines Kunstmuseums in Brighton. Eine unmögliche Liebe, spielt sie doch in den späten fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Homosexualität war bis 1967 in Großbritannien strafbar. Die Konstellation, ein Künstler, ein Vertreter des Gesetzes, bietet genug Sprengkraft, um gleich zwei Leben zu zerstören. Die Dritte in diesem Bunde ist die Lehrerin Marion. Sie ist jung, ehrgeizig auch selbstbewusst. Auch Marion liebt Tom. Sie wirbt um ihn, seit sie sechzehn Jahre alt ist. Sie übersieht seine Kühle, die Zeichen seiner Zurückhaltung, hängt an dieser Jugendliebe mit einer Sehnsucht, die gut ins Frauenbild der Zeit passt. Als Marion 21 ist, gibt Tom ihrem Werben nach. Die beiden heiraten. "Kannst du mich teilen?" hat der Polizist zuvor seinen Liebhaber Patrick Hazlewood gefragt. Eine Art Ehe zu dritt beginnt, eine Verbindung, die ein ganzes Leben lang andauern wird. Gestützt ist sie auf Schweigen, Schuld und auf sorgfältig abgestimmte charakterliche und gesellschaftliche Nuancen, die zwischen den Figuren zum Tragen kommen. Spätestens hier zeigt sich die Genauigkeit, mit der Bethan Roberts ihren Stoff in die jüngere Gegenwart transportiert hat:

"Ich habe mich von der Lebensgeschichte des britischen Schriftstellers E.M. Forster inspirieren lassen, den ich sehr verehre. Forster hatte 40 Jahre lang eine Beziehung mit einem Polizisten namens Bob Buckingham. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass Bob die ganzen Jahre über verheiratet blieb mit einer Frau namens May. Ich wollte mehr über May erfahren, die in diesem Dreieck die Schweigende war. Ich war dann wie gebannt, als ich erfahren habe, dass May E.M. Forster gepflegt hat, nachdem er eine Reihe von Schlaganfällen erlitten hatte. Sie war es auch, die seine Hand gehalten hat, als er starb."

Die Pflegesituation ist die Erzählgegenwart dieses neuen Romans von Bethan Roberts. Man schreibt die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Während Marion den sterbenden Patrick füttert, ihn wäscht, seinen von Schlaganfällen gelähmten Körper dreht, geht Tom immer noch als schweigende Präsenz in dem Haus der beiden ein und aus. Die Männer, Tom und Patrick sind schon lange sprachlos. Marion will sie zu einer letzten Begegnung bewegen. Der Roman setzt ein, indem Marion ihre Erinnerungen in Form eines langen Briefes an Patrick aufschreibt. Am Ende wird sie ihrem Mann Tom diesen Brief übergeben, ihn dazu bewegen, Patrick Hazlewood den Brief vorzulesen. In diesem vermittelten Lesen eines persönlichen Briefes, der ein Geständnis beinhaltet, hat die Dreiecksliebe zwischen Tom, Patrick und Marion eine Form gefunden, die ein reflektiertes, zurückschauendes Denken ermöglicht. Erkenntnis ist die Bewegung und das Ziel dieses Textes. Der Roman wirkt dadurch klar strukturiert, allerdings auch etwas distanziert im Ton. Mitunter fällt es schwer, Anteil zu nehmen an den inneren Dramen der Figuren. Dies gelingt höchstens in den Aufzeichnungen der zweiten Erzählstimme, denn auch Patrick Hazlewood führt Tagebuch.

"Meine größte Schwierigkeit war es, mir die Erlaubnis zu geben, auch mit Patricks Stimme zu schreiben. Ich wusste von Anfang an, dass ich mich am meisten für Patrick interessierte. Es war ja E.M. Forster, der das Buch für mich angestoßen hat. Aber ich hatte auch Hemmungen. Ich wollte da niemandem auf die Füße treten, vor allem nicht den schwulen Männern, die sagen könnten, was hat diese Hetero-Frau auf unserem Gelände zu tun, verzieh dich! Trotzdem habe ich Patricks Stimme immer gehört, und als ich angefangen habe, sie aufzuschreiben, hat es großen Spaß gemacht. Auch wenn er ein sehr hartes Leben hatte, es hat Spaß gemacht, Patrick zu sein."

Einzig der Polizist Tom Taylor bleibt ohne eigene Stimme. Er ist das Objekt des sich überkreuzenden Begehrens zweier Menschen.

"Ich habe durchaus mit dem Gedanken gespielt, auch Tom eine eigene Stimme zu geben. Aber es war einfach nicht stimmig. Wenn ich jetzt zurückblicke, verstehe ich, warum das so ist. Marion und Patrick erfinden Tom für sich. Er ist das Objekt ihrer Liebe, eine Art Phantasiegestalt. Mir gefällt es ganz gut, dass Tom ein Rätsel bleibt, der Leser weiß nicht ganz genau, ob er ein Opfer war oder ob er selbst manipuliert hat. Eigentlich trifft beides zu."

Marion und Patrick schreiben über Tom, aber sie schreiben auch übereinander. Missverständnisse, abschätzige Bemerkungen, später auch eine steigende gegenseitige Wertschätzung, sogar Andeutungen einer Seelenverwandtschaft, all das alles bleibt ihren Blicken verborgen, enthüllt sich aber dem Leser. Sehr genau wird auch die Epoche der späten fünfziger Jahre geschildert. Man erlebt eine Zeit, die zwischen Dosenobst, Ostermärschen und Staubsauger stillsteht, die zwischen Tradition und Aufbruch Atem zu holen scheint. Bethan Roberts zeigt hier sehr anschaulich, wie gut Literatur eine Zeit mit ihren Konventionen und Verdrängungen aufbewahren kann, wie gut Literatur einen kollektiven Gedächtnisspeicher füllen kann:

"Ich wollte schon lange über die Fünfziger Jahre schreiben. Es ist die Zeit, in der meine Eltern jung waren. Ich glaube, dass die Geschichten, die in einer Familie leben, einen Resonanzboden für Schriftsteller abgeben. Ich habe meinen Eltern zugehört, wenn sie von der Zeit erzählen, in der sie Teenager waren, ich habe mir alte Fotoalben angeschaut. Ja, ich habe einen besonderen Bezug zu den Fünfzigern."

Das ist dann auch der beste Grund, Bethan Roberts neuen Roman "Der Liebhaber meines Mannes" zu lesen. Die Liebe bleibt kühl, aber ein herausragendes Zeitpanorama ist der jungen Autorin allemal gelungen.

Bethan Roberts: "Der Liebhaber meines Mannes", Kunstmann Verlag, 367 Seiten, 19.95 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk