• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteDie neue PlatteDreiecksgeschichten26.09.2004

Dreiecksgeschichten

"Machandelboom" und "Exakte Vision - Helen Hessels Jules und Jim"

Heute stellen wir zwei Produktionen vor, bei denen die Genrebezeichnung nicht einfach ist. Sie sprengen den klassischen Liedzyklus und tendieren zum Hörstück, zur szenisch gedachten Sprach-Klang-Produktion.

Von Frank Kämpfer

Rolf Rihm: "Machandelboom" (CD-Cover) (Cybele Records)
Rolf Rihm: "Machandelboom" (CD-Cover) (Cybele Records)
<p><li> Musikbeispiel: Rolf Riehm - aus: "Machandelboom"<br /><br />Frau und Mann wünschen sich ein Kind. Sie stirbt nach der Geburt, die zweite Frau beginnt den kleinen Knaben zu quälen, die Halbschwester weint bittere Tränen dabei. Die böse Stiefmutter tötet das Kind, kocht eine Suppe daraus, lässt sie vom leiblichen Vater verspeisen. "Machandelboom" - Ein Grimm'sches Märchen wird hier erzählt. Komponist Rolf Riehm versteht die darin gezeigte Gewalt im Privatraum als Destillat gelebter Historie, als Chiffre für Gewalt in der Welt und in der Weltpolitik. Es ist das Jahr 1983, Ost und West beginnen mit der Stationierung von Mittelstreckenraketen. <br /><br />Um das Märchen aus vergangener Zeit zu vergegenwärtigen, es abzuklopfen auf seine Botschaft für heute, geht er an die Überlieferungsform. Zunächst sprengt der Komponist die Dominanz des traditionellen Erzählers - die gespenstische Mär wird nun auf eine Vielzahl von Stimmen verteilt: männliche und weibliche, chorische und solistische, professionelle und Stimmen von Laien, die ihre Texte vielgestaltig verfremden, z.B. in Dialekten oder mit wechselnden Gestus agieren. Diese Stimmenvielfalt soll desorientieren, dem Hörer die Vorgänge nah auf den Laib rücken lassen.<br /><br />Kernstück des Märchens ist ein Gesang. Ein phantastischer Vogel, Verwandlungsprodukt des getöteten Kindes, erzählt seine Geschichte darin und fordert von den Zuhörenden einen Tribut.<br /><br /><li> Musikbeispiel: Rolf Riehm - aus: "Machandelboom"<br /><br />Kollision von Inhalt und Form: die gesungene Biographie ist äußerst grausam - die sie hören, sind verzückt vom schönen Gesang. Der Komponist lässt diesen Widerspruch stehen, löst ihn nicht auf. Rihm, Jahrgang 1937, versteht sich als politischer Mensch - das Märchen ist für ihn eine Metapher von Wirklichkeit.<br /><br />Zur Musikalisierung des Stoffs dient ihm ein großes Arsenal von Geräuschen und Klängen. Sie wirken im Hintergrund, treten signalhaft hervor, illustrieren und kommentieren. Nur selten sind Instrumente - gespielt von Kollegen aus der Frankfurter Szene wie Alfred Harth und Heiner Goebbels - von den Geräuschen getrennt, die Rihm mit Gegenständen des Alltags einbringt. Das klingende Resultat ist ein 50minütiges Hörstück, das mit den technischen Mitteln der frühen 80er Jahre im Westdeutschen Rundfunk entstand. Das Düsseldorfer Label CYBELE RECORDS hat die Produktion jetzt auf einer Super Audio CD reaktiviert und lotet mit neuester Technologie die klanglichen Feinheiten aus. Am Ende wird das Radio selbst zum Element der Erzählung. Es wird zum Störfaktor für ein Happyend, das sich nicht einstellen soll, wenn der Vogel am Ende Vater und Schwester beschenkt, die Stiefmutter tötet und sich zurück verwandelt in das nun wieder lebendige Kind.<br /><br /><li> Musikbeispiel: Rolf Riehm - aus: "Machandelboom"<br /><br /><li> Musikbeispiel: Haage/Voswinkel - aus: "Exakte Vision"<br /><br />Der wiedererstandene Sohn - Schluss von Rolf Rihms "Machandelboom" - findet sich als Metapher auch in einer anderen Produktion. Wirklichkeit und Fiktion sind hier anders gemischt. Die Spur führt in eine Geschichte, die in der Wirklichkeit anfing, in Tagebüchern ihre Fortsetzung fand, Stoff für Romane lieferte und als Film - "Jules und Jim", Regie Francois Truffaut - um die Welt ging.<br /><br />Die Rede ist von den Schriftstellerfreunden Franz Hessel und Pierre Roché. Vor dem Hintergrund der Münchner Boheme und am Starnberger See knüpfen sie um 1920 neue kulturelle Bande zwischen den Kriegsgegnern Frankreich und Deutschland. Doch die Historie ist nur Staffage. Im Mittelpunkt zwischen den später berühmten Autoren steht die heute vergessene Frau: Helen Grund, geboren 1886 in Berlin. Die Psychoanalytikerin Charlotte Wolff nannte Helen einmal das perfekte Beispiel einer befreiten Avantgardistin, die Männer wie Frauen zu bezaubern verstand, einen Essay eben so gut schreiben wie ein Pferd zureiten konnte. Ein Multi-Talent ohne Plan.<br /><br />Helens Tagebücher sind beredt und außergewöhnlich. Journalistin Ulrike Voswinkel hat sie zu einem Hörtext geformt. Dessen vier Szenen kreisen um die emotionalen Untiefen der Dreiecksbeziehung, in die sich noch andere Partner mischen.<br /><br /><li> Musikbeispiel: Haage/Voswinkel - aus: "Exakte Vision"<br /><br />Helen Grund, von Meret Becker gesprochen - gibt die zentrale Figur oder besser gesagt Stimme in Ulrike Voswinkels 'Exakte Vision', die in diesem Jahr als Produktion des Bayerischen Rundfunks in München entstand. Weitaus mehr als nur als Musik- und Soundlieferantin betätigte sich Co-Autorin Ulrike Haage. Wer die Programme der Berliner Musikerin kennt, weiß um ihre Vorliebe für sich emanzipierende Frauengestalten des 20. Jahrhunderts. Der Fokus zielt hier auf das Konfliktfeld weiblicher Kunstproduktion: Helen Grunds Entwicklung von einer Frau, die egoistische Liebesabenteuer am Fließband erlebt, zur einsamen, unglücklich Liebenden erweist sich nämlich als schmerzvoller Weg, um ein Talent freizusetzen: das eigene Schreiben.<br /><br />Die historische Helen Grund, später eine aktive Modejournalistin, notierte damals zuerst in äußerst heterogener Tagebuch-Form die Geschichte jener liebeswirren Wochen am Starnberger See. Zu diesem bis vor kurzem verschollenen Frauenporträt komponierte Ulrike Haage eine atmosphärische, multifunktionale Klaviermusik mit Berührungspunkten zu Jazz, Salon und Satie.<br /><br /><li> Musikbeispiel: Haage/Voswinkel - aus: "Exakte Vision"<br /><br />Im Grenzbereich von Hörstück und Film-Soundtrack: "Exakte Vision, Helen Hessels Jules und Jim"; Ulrike Haage (Musik), Ulrike Voswinkel ( Textdramaturgie). Erschienen als Hardcoverbuch mit CD beim Bonner Verlag sans soleil. Zuvor habe ich Ihnen mit Rolf Rihms Hörstück "Machandelboom" eine Super-Audio-CD des Düsseldorfer Labels Cybele Records vorgestellt. <br /><br /><em> CD 1:<br />Titel: Rolf Riehm: "Machandelboom"<br />Label: Cybele Records<br />Labelcode: LC 3738<br />Bestellnr.: SACD 960.501<br /><br />CD 2:<br />Titel: "Exakte Vision - Helen Hessels Jules und Jim" (Hardcoverbuch mit CD)<br />Musik: Ulrike Haage<br />Textdramaturgie: Ulrike Voswinkel<br />Erzähler: Meret Becker, Andreas Grothgar<br />Verlag: sans soleil<br />Bestellnr.: ISBN 3-88030-042-9</em></p>

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk