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StartseiteBüchermarktDresden als Metapher für Entfremdung16.12.2010

Dresden als Metapher für Entfremdung

Anne Dorn "Spiegelungen", Dittrich Verlag, Berlin

Anne Dorn ist eine Autorin, die wie kaum eine andere in den beiden deutschen Staaten beheimatet war. In ihrem neuen Roman "Spiegelungen" schaut die 1925 in Wachau bei Dresden geborene Dorn auf einige Stationen ihres bewegten Lebens zurück.

Von Tanya Lieske

Anne Dorns Heimatstadt Dresden ist ein gemeinsamer Fluchtpunkt der sechs Biografien im Roman "Spiegelungen". (Deutschlandradio - Ulf Dammann)
Anne Dorns Heimatstadt Dresden ist ein gemeinsamer Fluchtpunkt der sechs Biografien im Roman "Spiegelungen". (Deutschlandradio - Ulf Dammann)
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Suche nach dem toten Bruder

"Spiegelungen", der neue Roman der Kölner Autorin Anne Dorn, ist in sechs Abschnitten erzählt. Jeder Abschnitt wird von einer weiblichen Figur getragen. Die erste ist ein kleines Kind, die letzte eine alte Frau. So entsteht ein biografischer Zyklus, ein Bilderbogen des Lebens. Fünf Figuren hat Anne Dorn hierfür erfunden, die sich zunächst nur ergänzen, nicht addieren. Im letzten Kapitel dann verschmelzen diese fünf Figuren zu einer einzigen Person. Ihr verbindendes Thema ist die Suche, erklärt Dorn:

"Wonach sucht der Mensch? Er sucht nach dem, was er verloren hat, aber noch viel mehr sucht er nach dem, was er sich wünscht. Und das hat mich dann in eine wunderbare großräumige Zeitspanne gebracht, und so konnte ich eben Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen, und die Gegenwart hat da einen wunderbaren Platz bekommen."

Eine Schiffsreise steht am Ausgangspunkt dieses Romans. Ein kleines Mädchen namens Minza ist mit seiner Mutter auf der Elbe unterwegs. Sie kennt weder den Zweck noch das Ziel der Reise - ihre Wahrnehmung besteht aus einer Reihe von Sinneseindrücken. Die Situation wirkt sowohl gleichförmig als auch beunruhigend. Die Mutter entzieht sich dem Mädchen.

"Die Mutter wehrte Minza mit einer Armbewegung ab, drückte sie weg. Minza stand auf und ging zur Mitte des Schiffes. Das Schaufelrad warf regelmäßig einen Regen von Wassertropfen in den Fluss. Es war immer wieder derselbe Ablauf von Wirbeln und Gegenwirbeln in der grünlich-braunen Flüssigkeit und scheinbar dieselbe Stelle, auf die der Tropfenregen niederschlug."

"Ich hatte eine sehr kranke Mutter, und dann ist ein Kind sehr früh alarmiert, ob alles gut geht und zwar im Augenblick, an diesem Tag, an diesem Morgen. Schon als Kleinkind kriegt man eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Was habe ich als kleines Kind ganz besonders wahrgenommen? Das waren die Geräusche, zum Beispiel in der Nacht, und auch die Gerüche. Und ich habe ein ganz intensives Empfinden entwickelt für die Natur, die mich umgeben hat."

Biografisches Schreiben bedeutet hier für Anne Dorn, ihre eigenen geschärften Sinne auf ihre Figuren zu übertragen. Diese Figuren, ob sie nun Minza heißen oder Lene oder Hanna oder Judith oder Clara, haben eine vergleichbare, intensive Wahrnehmung ihrer Umwelt. In dieser Wahrnehmung verdichtet sich die Erzählung. Detailgesättigt, ohne sich im Detail zu verlieren.

"Morgens sehen alle Häuser allüberall auf der Welt grau aus. Das Hechtviertel erschien Hanna an diesem Morgen besonders grau. Sie fürchtete sich davor, etwas Neues zu sehen, hatte einfach zu wenig Gelegenheit gehabt, sich daran zu gewöhnen, dass die Stadt Dresden existierte, eigentlich jedoch ausgelöscht war ... Auf der Brücke gab es für sie einen kleinen, sticheligen Augenblick lang den Eindruck der berühmten Silhouette: Elbflorenz! Aber das waren nur Krusten von dem, was sie noch in Erinnerung hatte."

Dresden, die Heimatstadt der Anne Dorn, ist ein gemeinsamer Fluchtpunkt der sechs Biografien. Dresden erscheint dabei als ein Ort und als eine Metapher. Als Ort steht die Stadt für die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und für den Wiederaufbau, der im letzten Jahrhundert stattgefunden hat. Als Metapher steht Dresden für Heimatlosigkeit und Entfremdung, also für das Grundgefühl des Menschen im genannten 20. Jahrhundert.

"Ich war einen Monat vor der Zerstörung noch in Dresden. Und man hat da immer einen grausigen Schrecken, wie hinfällig das alles ist, was die Menschen machen."

Anne Dorn, die Kölnerin aus Dresden, ist eine Frau mit wenigstens zwei Heimatstädten. Viele Jahrzehnte war sie als Wanderin zwischen den Welten und den politischen Systemen unterwegs. Das hat ihr Denken und ihr Schreiben geprägt.

"Ich war ja kein Republikflüchtling. Ich bin schon vor der Gründung der DDR aus Sachsen weg ins Pflichtjahr nach Österreich und also konnte man mir nicht verbieten nach Hause zu fahren, und man konnte mir auch nicht verbieten, wieder zurück zu fahren in den Westen, wo ich gelebt habe, in Westfalen und dann am Niederrhein und dann in Köln. Jedenfalls, wenn ich die merkwürdigen Besuchsregelungen beachtet habe, wenn ich das Geld aufgebracht habe, dann konnte ich meine Eltern besuchen. Aber ich konnte es nicht nur, ich habe es auch gemacht. Und meine Eltern haben in der Nähe von Dresden gelebt und sind dort geblieben, weil sie auf meinen verschwundenen Bruder gewartet haben, der aber nie kam, und so habe ich von Anfang an die sehr unterschiedliche Entwicklung der beiden deutschen Staaten mit gelebt. Ich hatte hier im Westen meine Kritik zu üben, und ich hatte sie auch im Osten zu üben. Für mich war es sehr anstrengend, weil ich auf beiden Seiten mit meiner Haltung und mit meiner Sicht der Dinge viele Angriffe habe einstecken müssen."

In ihren früheren Romanen hat Anne Dorn all das aufgegriffen. Eine Kindheit im Dritten Reich, das Schicksal ihres verschollenen Bruders, der aus dem sogenannten "Volkssturm" nicht zurück gekehrt ist, ein Leben im geteilten Nachkriegsdeutschland. Es waren politische, biografische oder gesellschaftliche Topografien, die sie beschäftigten.

Das ist nun anders. In ihrem neuen Roman "Spiegelungen" ist Anne Dorn dem Wesen des Lebens an sich auf der Spur, dem Geheimnis des Werdens und des Vergehens. Zwar ist jede der sechs Frauen in einem anderen Lebensabschnitt beheimatet, doch ist der Tod immer schon mitgedacht, er zieht sich als roter Faden durch ihre Geschichten. Das Ende ist im Anfang inbegriffen. Darauf verweisen auch die vielen poetischen Naturschilderungen.

"Sie flieht - nein, fliegt - vor der Sonne her zur nächsten Begrenzung. Diese Mauer zeigt ihre Eingeweide: gelbweiß, fahl, fast krank. Und doch auch wie Brot, Brotgestein. Judith entdeckt unter den Olivenbäumen abgerissene Äste und schwarze Vögel. Sie hacken in etwas Totes. Judiths Schatten ist kurz, er bleibt bei ihr. Die Krähen lassen sich nicht stören."

Die Frauen stehen auch für unterschiedliche Lebensentwürfe. Da gibt es die junge Frau, die auf die große Liebe hofft, und die ältere, die schon nicht mehr zu hoffen wagt, weil sie mit einem alkoholkranken Mann lebt. Eine der Frauen ist Mutter, ihre Ehe ist gescheitert, eine andere war schon immer allein stehend. Das verbindende Element zwischen all diesen Figuren ist das Wissen um die eigene Vergänglichkeit.

"Und dann, wenn man wirklich dem Ziel, dem Ende des Lebens entgegen geht, dann wird man noch mal auf eine andere Art und Weise bescheiden. Was nicht heißt, dass man sich einschränken muss, zumal nicht im Denken. Aber man beginnt wieder wie das Kind zu staunen! Man beginnt zu staunen, was für eine Fülle das Leben eigentlich darstellt. Reden wir mal von diesem etwas kirchlich oder theologisch besetzten Begriff Schöpfung, man könnte es auch anders nennen. Von all den Gegebenheiten, die auf der Welt existieren, haben wir eben einen ganz kleinen Teil gesehen, erlebt und benannt. Wenn man sich das anschaut, was man berührt hat, während seiner Lebenszeit, dann fängt man wirklich noch mal an zu staunen."

Mit dieser Haltung des Staunens hat Anne Dorn ein sehr persönliches, ein melancholisches und ein poetisches Buch geschrieben.

Anne Dorn: "Spiegelungen", Dittrich Verlag, Berlin 2010, 240 Seiten, 19,80 Euro.

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