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StartseiteNachrichten vertieft"Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod"06.03.2014

Dresdner Rede"Von der Machbarkeit. Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod"

Der Deutschlandfunk dokumentiert im Folgenden Sibylle Lewitscharoffs "Dresdner Rede" vom 2. März 2014 in voller Länge. Bei den Dresdner Reden handelt es sich um Veranstaltungsreihe des Staatsschauspiels Dresden und der "Sächsischen Zeitung".

Von Sibylle Lewitscharoff

Am Sonntag, 09.03.2014 um 17.05 Uhr können Sie die Rede in der Sendung "Kulturfragen" im Deutschlandfunk in Auszügen hören.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Gemeinhin bin ich bestrebt, meinen Vorträgen durch Scherze und ein kleines Fluten der Ironie eine gewisse Leichtigkeit zu verschaffen, damit der Ernst, der sich darin auch zu Wort meldet, besser verdaut werden kann. Bei dem heute gewählten Thema fällt mir das schwer. Ohne Frage, es ist existenziell. Von Geburt und Tod sind wird alle betroffen, wenn nicht bestürzend getroffen. Über die grandiose Frechheit eines Laurence Sterne, der mit seinem Roman Tristram Shandy eine wunderbare Spiegelfechterei gegenüber der eigenen Geburt vollführte, verfüge ich leider nicht.

Was den Tod anlangt, den wir mehr oder weniger bänglich, mehr oder weniger verleugnend erwarten – über dieses Thema können wir alle sprechen, sei es religiös, sei es ängstlich oder scheinrational abgebrüht. Klingt jedoch das Thema der Geburt nicht im Sinne einer literarischen Fantasterei, sondern als höchst reales Vorkommnis an, da rät mir die Vernunft, besser den Mund zu halten. Aus zwei Gründen. Zwar bin ich geboren wie Sie im Saale auch (wiewohl ich als Kind fest daran geglaubt habe, urplötzlich in einer Felsenhöhle einfach da gewesen und ganz bestimmt nicht aus dem Leib meiner Mutter gekrochen zu sein) –, aber bei mir ist das Thema mit etlichen Schrecknissen behaftet, die meine Familie über ihre Kinder verhängt hat. Mein Vater war Gynäkologe. Er hat sich aufgehängt, als ich elf Jahre alt war. Diese Tragödie und auch das hochgradig gespannte, niemals ganz gut werdende Verhältnis zur Mutter hat dazu geführt, dass ich keine Kinder wollte und auch keine bekam, gottlob auch keine Abtreibung vornehmen musste. Auf eine schwäbische Zwangsneurotikerin ist in puncto Vorbedachtsamkeit in Bezug auf entsprechende Maßnahmen, die da getroffen werden müssen, Verlass.

Es ist darum auch nicht verwunderlich, dass ich meinen Lieblingshelden Pong, der mir das Eintrittsbillet in die literarische Welt verschafft hat, als einen Ratschbürtigen portraitiert habe, fern von allem mütterlichen Körperhokuspokus. Ein kindgebliebener Teil meiner selbst denkt gewiss von sich selbst immer noch so, wiewohl mein Verstand leider mit der Zeit gezwungen war, einzuräumen, dass die Sache mit der Plötzlichkeitsexistenz in einer Felsenhöhle vielleicht doch nicht ganz der Wahrheit entspricht. Kurzum: Kindhafte Fantasien her oder hin, in meinem Erwachsenenleben habe ich einen großen Bogen um Kinder gemacht, ich kann jedenfalls nicht behaupten, dass ich sie von Herzen liebe und mir selbst je Vorwürfe gemacht hätte, kinderlos geblieben zu sein.

Nun, ich wage es dennoch, den eigenen Vorbehalten zum Trotz, über beide Themen zu Ihnen zu sprechen. Der Tod ist mir nach den eigenen Lebensjahren gerechnet erheblich näher als die Geburt, deshalb fange ich mit ihm an. Und wieder erlaube ich mir, von einer persönlichen Erfahrung auszugehen. Der einzige Mensch, den ich sehr nah kannte, den ich herzinnig liebte und der einen guten Tod gestorben ist, war meine schwäbische Großmutter, eine liebenswürdige, zutiefst religiöse Frau. Es hatte sie durchaus hart erwischt. Sie starb mit dreiundsiebzig Jahren an einem Krebsleiden, eine echte Krankheitsprüfung war ihr ganz gewiss auferlegt.

Eine Frau mit nur notdürftiger Bildung, die aber im Gegensatz zu vielen Personen aus den gebildeten Ständen rasch begriff, dass Adolf Hitler ein gottloser Teufel war, der Deutschland in den Abgrund riss. Ihr Credo war einfach, es lautete: Hilf den Schwachen, wenn du ein gottgefälliges Leben führen willst. Sie war trotz karger Rente extrem großzügig, eine wunderbare Köchin obendrein. Wenn jemand aus der Gemeinde krank darniederlag, hat sie für ihn fürstlich gekocht. Ich kann mich noch gut an unsere gemeinsamen Ausflüge an diverse Krankenlager erinnern: meine Großmutter, der Henkelmann und ich. Sie war extrem beliebt, hatte es nicht nötig, die Leute mit religiösen Spruchweisheiten zu traktieren, eben weil der Glaube in ihr fest gegründet war. Sie erzählte treuherzig aus der Bibel, konnte auch einige von Schillers Balladen auswendig. Ich hatte es besonders gern, wenn sie abends an mein Bett kam, wenn sie prüfte, ob ich die Kleider ordentlich über den Stuhl gehängt hatte, denn Jesus besuchte mich nachts und schaute nach, ob alles seine Ordnung hatte.

Vor einem solchen Jesus, wie ihn meine Großmutter mir übermittelt hat, habe ich mich nie gefürchtet. Jesus war mein Beschützer. Ich war ein braves Kind und betete gern, was meine Eltern eher komisch fanden, weil sie sich von religiösen Angelegenheiten fernhielten. Aber die Großmutter war der anerkannt gute Geist in unserem Haus, und die Eltern ließen sie gewähren.

Als es auf den Tod zuging, kam keine Klage über ihre Lippen. Ihre einzige Sorge galt uns, denen, die zurückbleiben würden. Für sich selbst war sie zuversichtlich, dass es ihr irgendwann vergönnt sei, das Himmelreich zu erlangen.

Sie versprach, bei Jesus ein Wort für mich einzulegen, strich mir sanft über den Kopf, starb zuversichtlich und ruhig, ohne ein erschreckendes Sterbetheater aufzuführen. Was bei mir selbst als religiöse Bindung bis heute haften geblieben ist, verdanke ich der Erziehung meiner Großmutter, die – soweit ein Mensch dies zu sein vermag – ein guter Mensch gewesen ist.

Sie ist in vielen Dingen, besonders, was das Sterben anlangt, mein großes Vorbild geblieben. Alle anderen, die ich sonst näher kannte, sind fürchterlich gestorben. Meine Großmutter nicht. Sie bewahrte Würde, Zuversicht und Freundlichkeit und nahm dadurch dem Tod seinen Schrecken, nicht nur für sich selbst, sondern auch für uns, die wir im Leben nun ohne sie irgendwie durchkommen mussten.

Mein Vater erhängte sich in seiner Praxis und ließ bei dieser entsetzlichen Art des Todes auch noch zu, dass meine Mutter ihn so finden musste. Er war ein angesehener Arzt, besaß einen großen Freundeskreis und verdiente in den sechziger Jahren sehr gut. Wahrlich, kein Mauerblümchen. In seinen besseren Tagen ein heiterer, äußerst großzügiger Gesellschaftsmensch, in seinen depressiven Zeiten, immer im Frühjahr, ein Albtraum der Familie, der sich in seinem Zimmer verkroch und für niemanden ansprechbar war. Er sah gut aus, kleidete sich exquisit und fuhr einen großen Citroën, die legendäre Deesse, was im mercedesdominierten Stuttgart der frühen sechziger Jahre eine kleine Sensation war.

Was seinen Selbstmord angeht, so fand ich diesbezüglich später eine passende Stelle in Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, die mir aus der Seele spricht. Kein Wunder, Thomas Mann hatte mit Selbstmördern in seiner Familie, reichlich, ja überreichlich zu tun bekommen: „Das Leben nämlich ist zwar keineswegs das höchste der Güter, an welches wir uns seiner Köstlichkeit wegen jedenfalls zu klammern hätten; sondern es ist als eine uns gestellte, und, wie mir scheinen will, gewissermaßen selbst gewählte schwere und strenge Aufgabe zu betrachten, welche mit Standhaftigkeit und Treue durchzuhalten uns unbedingt obliegt und der vor der Zeit zu entlaufen zweifellos eine liederliche Aufführung bedeutet.“

Natürlich liebte ich den Vater, solange er seine liederliche Aufführung noch nicht bis zum Exitus getrieben hatte, zumal ich mit der Mutter nicht zurechtkam. Bei seinem Tod war ich ebenfalls elf Jahre alt, er starb im selben Jahr wie die Großmutter. Unterschiedlicher in ihrer Wirkung hätten die beiden Todesarten nicht sein können. Die Großmutter starb voller Zuversicht und zärtlicher Sorge um uns, die wir nun ohne sie auskommen mussten. Der Tod des Vaters hatte eine Verheerung der Familie zur Folge. Meine Mutter stand urplötzlich ohne Geld da, weil ihr Mann keinerlei Vorsorge getroffen hatte. Über den schreckenerregenden Tod ihres Mannes, der ihr einen grauenhaften Anblick zugemutet hatte, kam sie nie hinweg. Scheußliche Albträume plagten sie, die sie mit zu vielen Schlafmitteln und in zuviel Alkohol dämpfte und ertränkte. In ihrem Tagesleben war sie allerdings enorm tüchtig, ergriff mit vierundvierzig Jahren einen neuen Beruf und arbeitete sich als Arzneimittelvertreterin zumindest aus der finanziellen Misere.

Das Todestheater meiner Mutter war ungeheuerlich. Sie starb mit vierundachtzig Jahren an einem Krebsleiden, keinesfalls befriedet und versöhnt, keinesfalls mit der Aussicht auf ein anderes, besseres Fortleben unter den Auspizien eines Sinns, der sich ihr einst glanzvoll eröffnen würde. Meine Mutter starb als rebellische Wutperson. Steckelesdünn, kraftlos, auf Minuten schon dem Tode nahe gerückt, bäumte sie sich in ihrem Bett auf, packte alles, was auf ihrem Nachttisch stand und warf es gegen ein Kruzifix an der Wand, röchelte tief und verschied.

Die Schwestern im evangelischen Krankenhaus waren bestürzt, dachten, da hätte der Leibhaftige in einem ihrer Betten gelegen. Aber nein. Die große Wutaktion unserer Mutter richtete sich nicht gegen Jesus Christus, sondern gegen ihren verfluchten Mann, der den Christusnamen im Vornamen trug, denn er hatte Kristo geheißen.

Von einem dritten Todesfall muss ich Ihnen noch berichten, der mir nahe ging, bevor ich endlich dazu komme, über die Nöte und Kalamitäten, die das heutige Thema mit sich bringt, in etwas allgemeinerer Form zu sprechen. Als das Unglück über unsere Familie hereinbrach, fand ich eine vertrauensvolle, hilfreiche Ersatzperson, eine Freundin meiner Mutter. Ihr konnte ich von meinen Nöten erzählen, was mir bei meiner Mutter völlig unmöglich war. Bei ihr durfte ich oft wohnen. Die Großmutter war die Retterin meiner Kindertage gewesen, Eva war das Licht in meiner Pubertätsfinsternis. Eine kinderlose Frau, die sich aber sehr gut auf die Nöte kindlicher Herzen verstand.

Ihr gegenüber habe ich ein Leben lang eine intensive Anhänglichkeit bewahrt, sie liebte ich viel unkomplizierter als meine schwierige Mutter. Diese Retterin war allerdings so wenig religiös wie meine Mutter. Keine zuversichtliche Jenseitsstimmung kam in ihren letzten Lebensjahren bei ihr auf, nur die nackte Angst, die nackte Verstörung angesichts einer zunehmend quälenden Hinfälligkeit. In ihrem Haus am Killesberg in Stuttgart stürzte sie zu Boden, gelangte nach einigen qualvollen Stunden ins Krankenhaus, wo sie sofort ins Koma fiel und ganz gewiss gestorben wäre, hätte man sie denn auch sterben lassen. Stattdessen wurde ein aufwendiges Reanimationstheater aufgeführt – bei einer Achtundachtzigjährigen wohlgemerkt –, welches wir, ihre Freunde, leider nicht unterbinden konnten, weil wir keine nahen Angehörigen waren und deshalb gar nicht erst gehört wurden. Der Effekt? Sie kam wieder zu sich, verfluchte wortreich, dass man sie nicht hatte sterben lassen und hatte ein weiteres, absolut grauenhaftes Jahr in einem scheußlichen Heim zu bestehen, bis ihr der Krebs endlich den Garaus machte. Ich habe sie in dem Heim einige Male besucht. Da herrschte die nackte Verzweiflung. Kein Trost in Sicht, nur der Wunsch, endlich, endlich in Ruhe gelassen zu werden und sterben zu dürfen.

Ich fürchte mich sehr davor, auf eine verzweiflungsvolle Art sterben zu müssen, ohne himmlischen Trost, ohne auf vertrauensvolle Weise die Hände falten zu dürfen. Die Garantin dafür, dass es mir auf dem Totenbett vielleicht anders ergehen möge als denen, die ungetröstet ins Grab sinken, und dass es mir hoffentlich vergönnt sein wird, vorbereitet zu sterben, ist natürlich meine geliebte Großmutter, wer sonst. In ihrem Weltbild hatte die damals durchaus schon moderne Astronomie noch nicht so richtig Fuß gefasst.

Will ich ihrem Weltbild, oder genauer: Ihrem Himmelsbild folgen, sind komplizierte Operationen nötig. Kurz gesagt: Ich rette mich in zwei Weltbilder, die kaum etwas miteinander zu tun haben. Zum einen bin ich neugierig auf die inzwischen ungeheuerlichen Aufnahmen aus den Tiefen des Weltalls mitsamt den Theorien der tonangebenden Astrophysiker, wie sie mir in Zeitungsartikeln nahegebracht werden. Ich lese diese zwar gern, verstehe allerdings nur einen Teil davon, weil sich das meiste meinem Vorstellungsvermögen entzieht. Der andere, christlich verankerte Vorstellungskreis existiert unbehelligt davon. Er nährt sich von Dantes Commedia, allerdings in veränderter Gestalt. Die Strafen der Hölle sind bei mir anders verfasst, auch ist der Fluchort mit anderen Bewohnern bestückt. Die florentinischen Übeltäter, mit denen Dante zu kämpfen hatte, sind inzwischen in Vergessenheit gesunken, sie sind jedenfalls nicht meine Feinde. In meinem Paradies wird auch nicht unentwegt hymnisch gesungen, dafür tummelt sich allerhand Getier in dem schönen Gefild, mit dem die himmlischen Bewohner herrliche Gespräche führen. Rechnen Sie es mir bitte nicht als Eitelkeit an, wenn ich Ihnen diesbezüglich eine kleine Stelle aus meinem Roman Consummatus zitiere, der die Sache ziemlich genau trifft, eine kleine Konversation des Protagonisten mit einer riesenhaften Eule:

„Eule, warum lernen die Tiere so rasch?

Wir dringen schnörkellos vor. Unschuld dringt am leichtesten durch den Wirrwarr, aus dem das aufgehäufte Wissen der Welt besteht.

Ich verstand mich durch und durch mit diesem Vogel, während ich an seinem Bauch lehnte und sein Flaum mich umhüllte. Idealer Ort der Einkehr, an dem ich behutsam alt wurde und lauter Weisheiten in mich flossen. Eingewühlt in die Güte der Eule empfing ich die Seligpreisungen der Bergpredigt, als hörte ich sie zum ersten Mal.“

Aber nun zurück zu den modernen Todesarten in unserer Gesellschaft. Dem inzwischen staunenswert entwickelten medizinischen Wissen, den äußerst raffinierten Techniken, die dabei zur Anwendung kommen, verdanken wir sehr viel. Nicht nur eine erhebliche Verlängerung unseres Lebens, sondern auch ungleich schonendere Verfahren, wenn Eingriffe an unseren Körpern nötig sind. An einem einfachen Beispiel kann man das zeigen: Würden wir wegen eines Zahnleidens einen Arzt aufsuchen, und würde der uns behandeln wie noch vor hundert Jahren üblich, würden unsere Schmerzensschreie durch die Praxis hallen. Wir leben schmerzgedämpft und werden ärztlicherseits gleichsam mit Glacéhandschuhen angefasst. Sind rüde Maßnahmen zum Erhalt unseres Lebens nötig, geschieht es unter Vollnarkose.

Das sind beileibe keine Kleinigkeiten, das ist ein Fortschritt, von dem wir alle profitieren. Aber er hat wie so manches Neue und Gute auch seinen Pferdefuß. Die ärztliche Kunst wird, wenn es im höheren Alter eigentlich ans Sterben geht, häufig noch immer mit großem Aufwand betrieben, gerade so, als könne sie sich nie und nimmer damit zufriedengeben, dass der Mensch nunmal sterben muss. Und da erzeugt sie gar nicht so selten einen zwar gut gemeinten, aber dennoch nichts anderes als einen qualvoll verlängerten Horror.

Außerdem schwebt über so manchem Arzt die vielleicht eher eingebildete, aber niemals ganz auszuschließende Gefahr, wenn er nicht alles täte, um das Leben seines Patienten zu retten, könne er in Regress genommen werden. Das ist alles kompliziert, äußerst kompliziert sogar. Ganz zu schweigen von den unheimlichen Wirrnissen, die entstehen, wenn einem hirntoten Patienten, dessen Leib aber trotzdem noch lebt, Organe entnommen werden. Da sind Frankensteins Machinationen nicht allzu fern. Mir bereiten solche Vorstellungen Beklemmungen.

Natürlich gibt es die Möglichkeit, einem Schwerkranken, der auf den Tod zugeht, sein Leiden durch die Vergabe von Morphium zu lindern, was dessen Leben um einige Tage verkürzen mag. Ich kenne Fälle, bei denen seitens der behandelnden Ärzte so verfahren wurde. Ich bin mir sicher, jeder von uns, müsste er ein solches Stadium schwerer Leiden durchmachen, wäre dankbar, von einem Arzt Morphium verabreicht zu bekommen, auch wenn dadurch der Tod um eine kleine Spanne schneller einträte als ohne dieses Mittel. Dabei ist keine Hauruckmethode im Spiel, sondern eher etwas Sanftes, Freundliches.

Aus der nur allzu berechtigten Angst, die Ärzte könnten das eigene Leben sozusagen auf Biegen und Brechen, zum großen Leidwesen für einen selbst, durch eine höchst aufwendige Apparatemedizin künstlich verlängern, greifen inzwischen mehr und mehr Menschen dazu, einem unwürdig hinausgezögerten Verenden durch eine Patientenverfügung im Voraus einen Riegel vorzuschieben. Gleichzeitig werden sie von den Krankenkassen dazu aufgerufen, einer möglichen Organspende zuzustimmen.

Beide vorauseilende Entscheidungen wecken bei mir äußerst mulmige Gefühle. Nicht, dass ich die Tatsache, sterben zu müssen, verdränge oder gar verleugne, beileibe nicht. Mir kommt eher die Vorstellung, dass ich Herrin über mein Schicksal wäre, reichlich absurd vor. Ganz einfach, mein Schicksal liegt in Gottes Hand und nicht in meinen Händen. Ein Testament zu machen, um möglicherweise übrig bleibende Güter zu verteilen, leuchtet mir eher ein, zumal dies eine schon seit Generationen eingeübte Praxis ist. Aber über das eigene Leben weitreichend verfügen zu wollen, kommt mir wie ein Frevel vor.

Mir ist, sowohl was das Leben anlangt als auch den eigenen Tod, die um sich greifende Blähvorstellung der Egomanen, sie seien die Schmiede ihres Schicksals, sie hätten das Schicksal in der Hand, seien gar die Herren über es, zutiefst zuwider. Das ist ein lächerlicher moderner Köhlerglaube, der einfach nicht wahrhaben will, dass wir alle eine fragile Mixtur aus unterschiedlichen Einflüssen sind, in der Familie, Biologie, Gesellschaft und Generationserfahrung eine gewaltige Rolle spielen, und es sehr schwer sein dürfte, das, was unserem ureigenen Inneren entspringt, trennscharf davon zu unterscheiden. Die Egomanen rechnen alles Glück, das ihnen winkt, dem eigenen Verdienste zu; wo hingegen alles Pech, das ihnen widerfährt, dann einzig und allein aufs Konto böser Widersacher geht.

Die Tatsache, dass auch sie sterblich sind und alsbald durch andere Menschen ersetzt werden, ist für solche Leute schwer hinnehmbar. Und um darüber vermeintlich selbst zu triumphieren, wollen sie die verstörende Angelegenheit im Voraus regeln, um wenigstens einigermaßen Herr über den leidigen Vorgang zu bleiben.

Herr über seine Leiden zu sein, bedeutet aber auch, schuld an seinen Leiden zu sein, und sei es nur infolge eines lässlichen Vergehens an der eigenen Gesundheit, indem man zu viel geraucht, zu viel getrunken, sich zu wenig bewegt und zu viel Fleisch gegessen hat. Schuld ist man dann auch letztlich an der zum eigenen Tode führenden Krankheit.

Kurioserweise wird hier auf vertrackte Art, und zwar unter völlig religionsfernen Verhältnissen, ein uraltes menschliches Verhängnis neu aufgelegt. Für seine Sünden bestraft zu werden und sterben zu müssen, ist im Gedächtnis der westlichen Welt stark verankert und trotz aller Reden, die dagegen geführt werden, nicht auszurotten.

Allerdings mahnt die Hiobsgeschichte der jüdischen Bibel da zur Vorsicht. Sie hält sogar scharfe Einrede dagegen. Der auf einem unermesslichen Leidhaufen, der in der Asche hockende Hiob, dessen Kinder getötet wurden, der kein Hab und Gut mehr besitzt, wird von wohlmeinenden Freunden beraten. Sie alle suchen nach einer Sünde des Hiob, die dieses schaurige Leid verursacht haben könnte. Bis die aus höchsten Höhen niederfahrende göttliche Stimme klarstellt, dass Hiob solche ihm unterstellten Sünden nicht begangen hat.

In einer rauschenden Parade macht Gott klar, dass ER der Erzeuger der Weltalls und der Erde ist, samt aller auf der Erde wimmelnden Wesen. Ihm allein ist es verstattet, wenn ER denn will, den Leviathan und den Behemot, die beiden großen Ungeheuer, zu zügeln und sie in die Schranken zu weisen. Die Beschlüsse, die ER verhängt, sind von den Menschen nicht zu erfassen, da hilft alles Klügeln nichts. Hiob hat aber sehr wohl das Recht, sein Leid zu beklagen, ja, es geradezu drohend gen Himmel zu schleudern. In dieser Hinsicht wird Hiob von Gott gegen seine Freunde glanzvoll bestätigt.

Weil er mit der Erbsünde behaftet ist, muss der Mensch sterben. Davon spricht die Bibel allerdings auch. Selbst winzige Kinder, die noch gar nicht fähig sind, Schuld auf sich zu laden, sind von der Erbsünde betroffen. Der jüngste Fall eines solchen Winzlings, von dem mir unlängst erzählt wurde, kann einem an die Nieren gehen, selbst wenn man nur davon hört und dem Anblick des Kindes nicht ausgesetzt ist. Das Wort Erbsünde will einem da nicht so recht über die Lippen kommen. Das Kind wurde mit schweren körperlichen Gebrechen geboren, ohne moderne medizinische Maßnahmen hätte es wohl keine zehn Minuten gelebt. Sein baldiger Tod ist gewiss, das Kind kann nur im Brutkasten für eine kurze Spanne überleben. Man gibt ihm Morphium, weil es wahrscheinlich Schmerzen erleidet. Nun stellen Sie sich bitte vor, welche Bürde die Eltern tragen, die an dem gläsernen Kasten ausharren, die jede Regung des winzigen Körpers wahrnehmen, die, wenn das Kind die Augen öffnet, sich in es hineinversetzen und es natürlich ganz und gar als ihr Kind wahrnehmen und in diese geöffneten Augen alles hineinfantasieren, was ihr Schmerz und ihre Liebe ihnen befiehlt. Ich glaube nicht, dass man in so einem Fall unbeschwert von den Segnungen der modernen Medizin sprechen kann. Hier wird dem menschlichen Herzen zu viel aufgebürdet. Es muss nicht nur mit dem Tod des Kindes rechnen oder den Tod eines sofort nach der Geburt gestorbenen Säuglings verkraften, sondern sich auch noch damit abquälen, ob sie veranlassen sollen, dass die lebenserhaltende Maschine abgestellt wird. Wahrlich, vor so ein Dilemma, vor so eine Zumutung wird sicherlich niemand gesetzt sein wollen.

Ein Kind derart leiden zu sehen ist fürchterlich. Einem Erwachsenen kann man mehr zumuten. Bei ihm zählt die radikale Unschuldsvermutung nicht. Ein Erwachsener hat für gewöhnlich schon einiges auf dem Kerbholz. Einem Erwachsenen unterstellen wir eine andere Leidensfähigkeit als einem Kind. Auch wenn – und das sei noch einmal mit Nachdruck betont – auch seine Leiden ganz im Sinne der Hiobsgeschichte nicht als antwortende Strafe für seine Verfehlungen gelten dürfen.

Sich auf den Tod hinzubewegen, bedeutet, die Verfügungsgewalt über das eigene Leben abzugeben. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, sterben zu müssen ohne die trostreiche Vorstellung, an einem höheren Ort, von einer höheren Gewalt erkannt zu werden. Selbst den Moment des Todes stelle ich mir glanzvoll vor, wenn darin die Summe des Lebens gezogen werden kann und so etwas aufleuchtet wie das große Warum, Wozu, Weshalb. Das geht aber nur, wenn wir in der Vorstellung gelebt haben, dereinst vielleicht huldreich empfangen, aber auch zur Verantwortung gezogen zu werden für die Sünden, die wir begangen haben. Wenn es nichts Höheres als uns gibt, bleibt auch das innere Wissen um uns klein, weil wir uns selbst nicht erkennen können. Es ist ein großer Trugschluss zu glauben, dass wir zur Selbsterkenntnis wirklich durchgreifend fähig wären. Wir sind es allenfalls in Teilaspekten. Modeln nur allzugern das, was wir glauben, über uns zu wissen, in eine lügenhafte Heldensaga um, die uns glauben machen will, dass wir wichtiger, klüger, potenter oder umgekehrt, wenn diese Heldensaga ins Negative kippt, zerstoßener, gehudelter, verletzter seien als alle Geschöpfe, die je den Erdboden betreten haben.

Das oben beschriebene vielleicht Glanzvolle des Todes, kann natürlich nur dann eintreten, wenn wir die Hoffnung auf eine höhere Gewalt nicht aufgegeben haben und es uns vergönnt sein sollte, einen Tod zu sterben, in dessen Prozess das Bewusstsein nicht schon vorher erloschen ist.

Ich gebe zu, bei meinen Todesahnungen kommen altertümliche, leicht kitschige Vorstellungen mit ins Spiel. Ein dem Tod Geweihter liegt bei mir auf einem hoch aufragenden Sterbebett, er flüstert seinen Angehörigen wichtige letzte Worte ins Ohr, erhält die letzten Sakramente, auf welche hin er befriedet und ruhig stirbt. Natürlich ist das Testament längst gemacht. In einer Prozession schwarz gekleideter Menschen wird er im Sarg zum Friedhof getragen, wo eine würdige Beerdigung stattfindet.

Man braucht bloß an die vielen Millionen Toten zu denken, die seit dem Beginn der christlichen Zeitrechnung auf europäischem Boden auf den Schlachtfeldern verreckt sind oder von der Pest hingerafft wurden, die auf den Scheiterhaufen verkohlt oder in den Gaskammern erstickt sind, um zu wissen: Die Vorstellung vom würdigen Sterbebett ist eine schöne, edle Mär vom Tode, die mit der Realität wenig zu tun hat.

Neben den Patientenverfügungen, die langsam um sich greifen, weil sich die Menschen begreiflicherweise gegen unwürdige Maßnahmen, die sie vielleicht am Ende ihres Lebens erwarten, wappnen wollen, greifen allerdings auch die Suizidhilfeangebote von einigermaßen seriösen wie unseriösen Anbietern um sich. Das eingewurzelte Misstrauen, das die jüdisch-christliche Tradition gegen den Selbstmord hegt, scheint sich allmählich zu verflüchtigen.

In anderen Ländern, insbesondere in Japan, gab es Vorbehalte gegen den Selbstmord ohnehin nicht – im Gegenteil, wenn sich ein Samurai mit dem Schwert selbst entleibte, galt dies als höchst ehrenvoller Tod. Nur der Schriftsteller Yukio Mishima machte sich damit lächerlich, weil er seinen Tod ankündigte und halböffentlich zelebrierte und damit dafür sorgte, dass eine johlende Menschenmenge ihn schmähte und foppte und zu den Fenstern hinaufrief, wann er denn endlich damit fertig sei; wobei die Sache furchtbar schiefging, weil schier nichts richtig funktionieren wollte, und so endete der Mann durch ein stümperhaftes Gemetzel und Gestochere mit lautem Geschrei, nicht wirklich zurückgenommen als Held, nicht samuraihaft mit sauberem Schnitt.

In dem Maße, wie die Weltgesellschaft sich zusammenhängend formiert, gibt es natürlich auch die Aufweichung eigener Traditionen und die Übernahme anderer kultureller Vorstellungen. So sehr mich fremde kulturelle und gesellschaftliche Traditionen interessieren – nachahmen werde ich sie ganz bestimmt nicht, selbst wenn ich sie respektiere. Im Gegenteil: In Lauf der Jahre hat sich die Rückbindung an den christlichen Vorstellungskreis, was Leben und Tod, was Sünde und mögliche Vergebung angeht, enorm gekräftigt.

Was tun? Ich weiß es nicht. Samuraihaft wie Mishima oder durch Erhängen wie mein Vater werde ich ganz gewiss nicht enden. Es ist auch nicht sonderlich wahrscheinlich, dass ich in tumultuarischer Aufwallung Gegenstände nach einem Kruzifix werfe. Ich schicke kindliche Bitten nach oben, es sei mir ein Tod vergönnt, bei dem kein schreckenerregendes Theater aufgeführt werden muss.

Bisher jedenfalls kann ich mich aber weder dazu entschließen, vorauseilend eine Patientenverfügung zu verfassen, noch dem zuzustimmen, dass mir im Falle des Hirntodes Organe entnommen werden dürfen. In den seltenen Momenten der Glückseligkeit, die mir vergönnt sind, wenn mich angesichts des blauen Himmels ein kleiner Rausch befällt, dass Gottes Gnade vielleicht auch über meinem Scheitel waltet, ja, sogar die Gewissheit in mich fährt, dass dem so sei, denke ich: Lass die Ängste, lass die Sorgen fahren, es wird gut gehen, du wirst Einsichten erlangen, die du dir niemals hast ausmalen können.

Gottfroh bin ich allerdings, 1954, also zu einem Zeitpunkt auf die Welt gekommen zu sein, in der die pränatale Diagnostik in den Kinderschuhen steckte und es die modernen Methoden der künstlich induzierten Fortpflanzung noch nicht gab. Kurzum, ich kann relativ sicher sein, wer meine biologische Mutter und wer mein biologischer Vater war, wiewohl man in puncto Vater in Zeiten, bevor es den entsprechenden DNA-Test gab, niemals ganz sicher sein konnte. Ich bin im Übrigen auch froh, nicht der Onanie und darauf folgenden komplexen medizinischen Machinationen meine Existenz zu verdanken, sondern auf herkömmlichen Vereinigungswegen gezeugt worden zu sein, mögen diese nun glückhaft oder unglücklich gewesen sein.

Ganz, ganz kompliziert wird die pränatale Diagnostik, wenn es deutliche Hinweise darauf gibt, dass ein Kind mit schwerem körperlichen Schaden geboren werden wird. Einer schwangeren Frau wird in so einem Fall eine wahrhaft fürchterliche Entscheidung aufgebürdet. Entscheidet sie sich trotz der ärztlichen Warnungen für ein missgebildetes Kind, hat sie nicht nur ein kompliziertes, anstrengendes Leben vor sich, weil ein solches Kind eine viel umfassendere Fürsorge benötigt als ein gesundes, sie bekommt es obendrein mit einer scheeläugigen Gesellschaft zu tun, in der die Leute hinter vorgehaltener Hand einander zuraunen: so etwas ist heute aber wirklich nicht mehr nötig!

Nicht zu vergessen bei diesem Drama: Die Mediziner können sich irren. Gar nicht so selten, wie man gemeinhin annimmt, kommt es vor, dass Schwangere durch Warnungen verunsichert werden, die sich bei der Geburt eines gesunden Kindes dann als fehlerhaft herausstellen. Wer weiß, wie viele Embryonen aufgrund von solch falschen Diagnosen abgetrieben wurden. Wenn dem so ist, wird die Frau, die sich, obwohl sie sich ein Kind wünschte, auf ärztlichen Rat hin sich eines gesunden Embryos entledigt hat, gewiss nie davon erfahren.

Entscheidet sich eine Schwangere für die Abtreibung eines voraussichtlich missgebildeten Kindes – und solche Abtreibungen sind bis zu einem sehr späten Zeitpunkt gestattet, wo ein Embryo regelrecht geschlachtet werden muss, um ihn aus dem Leib der Mutter zu entfernen –, wird sie mit einer solchen Entscheidung gewiss lange zu kämpfen haben.

Selbst Frauen, denen in jungen Jahren überhaupt keine derart komplizierte Entscheidung auferlegt wurde, sondern die einfach nur abgetrieben haben, weil sie zu diesem Zeitpunkt noch kein Kind wollten, erzählen häufig, dass diese damals recht unbeschwert getroffene Entscheidung sie in späteren Jahren verfolgt hat, insbesondere, wenn sie im weiteren Verlauf ihres Lebens kinderlos geblieben sind.

Verstehen Sie mich jetzt aber bitte nicht falsch. Ich zähle mich nicht zu den Abtreibungsgegnern, niemals würde ich ein Begehren unterschreiben, das den Paragrafen 218 wieder einführen möchte. Ganz gewiss nicht. Den jüngsten Fall eines Mädchens in Köln, das von einer Klinik in katholischer Hand abgewiesen wurde, weil es nach einer Vergewaltigung auf Nummer sicher gehen wollte, dass aus diesem Frevel kein Kind entstehen kann, finde ich skandalös.

Als ich 1973 an der FU Berlin zu studieren begann, kam die Frauenbewegung voll in Fahrt und mit ihr die unsägliche Parole mein Bauch gehört mir! Eine Parole, die die eigensüchtige, humor- und kompromisslose Dynamik dieser Bewegung treffend widerspiegelt. Obwohl ich in den ersten beiden Jahren meines Studiums der Frauenbewegung durchaus geneigt war, wurde diese Bewegung für mich mehr und mehr zu einem Schreckbild der verblendeten, zutiefst deutschen Frauentümelei mit unsauberen Ahnenfiguren wie der Reichsfrauenführerin Gertrud Scholz-Klink und der in frauenbewegten Kreisen immer noch hoch verehrten Leni Riefenstahl. An der FU Berlin wurde die Frauenbewegung alsbald sehr mächtig, und sie zeichnete sich vor allem durch eines aus: ihre eingewurzelte Abneigung gegen jede Form differenzierter Geistigkeit, sprich: Intellektualität, gepaart mit Selbstironie und Humor. Die einzige Publikation von Frauen, die damals gewitzt und herausfordernd ungewöhnlich war, hieß Die schwarze Botin. Das war wirklich ein vergnüglich zu lesendes Blättchen, aber auch so ziemlich das einzige weithin.

Kurzum: Hätte sich in meinem Bauch je ein heranwachsendes Kind befunden, hätte dieser Bauch ganz gewiss nicht allein mir gehört, sondern mir, dem Kind und dem dazugehörenden Vater, ganz zu schweigen von der langen Reihe vorausgegangener Generationen, die ihren verschwiegenen Anteil ebenfalls daran gehabt hätten.

Nun aber wieder etwas näher an das gewählte Thema heran! Der eigentliche Horror resultiert für mich dabei nicht nur aus den vorher kurz umrissenen Fällen der ärztlichen Warnung vor einer möglichen Missbildung des Kindes, sondern aus den Methoden, auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen. Frau Doktor und Herr Doktor Frankenstein, die weithin geschätzten Reproduktionsmediziner, haben ein sauberes Arztkittelchen an und werkeln nicht mit brodelnden Glaskolben und einer mit giftigen Dämpfen erfüllten mittelalterlichen Bogenhalle. Es geht dabei sehr rein und fein und überaus vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.

Früher habe ich mich über das drastische biblische Onanieverbot gern lustig gemacht, inzwischen erscheint es mir geradezu als weise. Die Vorstellung, dass ein Mann in eine Kabine geschickt wird, wo er, je nach Belieben, mit oder ohne Hilfe von pornografischen Abbildungen stimuliert wird, seine Spermien medizingerecht abzuliefern, die später in den Körper einer Frau praktiziert werden, ist mir nicht nur suspekt, ich finde sie absolut widerwärtig.

Gut, man mag denken, der Vorgang selbst ist nicht gerade besonders schön, aber wenn eine Frau, die unbedingt schwanger werden wollte und der dies bisher leider verwehrt war, wenn diese Frau nun ein Kind bekommen darf, also ein Wunschkind hernach das Licht der Welt erblickt, ist doch alles in Ordnung.

So simpel können nur Menschen denken, die auf die psychische Bedeutung von Ursprungskonstruktionen noch nie einen Gedanken verschwendet haben. Wie verstörend muss es für ein Kind sein, wenn es herausbekommt, welchen Machinationen es seine Existenz verdankt. Das Gemachtwordensein auf künstlichen Wegen ist etwas anderes für die zu Verrücktheiten neigende Vorstellungskraft als das Gezeugt- und Geborensein auf die übliche Weise, wie sie seit Jahrtausenden vorkommt und in den Schöpfungsmythen bearbeitet und verhandelt wird.

Auch die herkömmliche Weise, auf die Welt zu kommen, ist zweifellos unheimlich für ein Kind. Davon erzählen die gesammelten Bildnisse und Texte der Geisteskranken aus den Psychiatrien, für die das Rätsel der eigenen Geburt geheimnisvoll umzirkt ist mit Privatmythologien, wie etwa bei Adolf Wölfli, der ein Geburtshöhlenkünstler ersten Ranges war und dem schreckenerregenden Vorgang durch wundersame ornamentale Einhegungen, geziert mit großäugigen, antennenbewehrten Beobachtungs- und Künderfigürchen, seine verstörende Gewalt nahm.

Ungleich komplizierter wird die Sache, wenn Reagenzgläser und Pipetten und allerlei sonstiges medizinisches Gerät mit im Spiele ist, nicht nur, um der Geburt selbst auf den Weg zu verhelfen, sondern um die Zeugung und die darauf folgende Einpflanzung des befruchteten Eis erst ins Werk zu setzen. Leben eine Frau und ein Mann zusammen und haben, obwohl beide es sich wünschen, kein Kind zuwege gebracht, und versuchen sie es nun mit medizinischer Unterstützung, mag der Vorgang selbst zwar fragwürdig sein – ich möchte auch an dieser Stelle noch einmal mit aller Schärfe wiederholen, wie froh ich bin, meine Existenz nicht solchen Maßnahmen zu verdanken –, aber man mag das vielleicht noch halbwegs verstehen können.

Grotesk wird es aber spätestens in anderen, inzwischen durchaus zahlreichen Fällen, in denen sich Frauen Spermien aus einem Katalog verschaffen, worin die Rasse und gewisse körperliche Merkmale und soziale Eigenschaften des anonymen Samenspenders verzeichnet sind, oder in denen sich lesbische Paare ein Kind besorgen, indem entweder ebenfalls ein anonymer Spender oder ein naher Verwandter der Freundin der künftigen Mutter herangezogen wird, um sein Sperma abzuliefern.

Dabei ist eine Selbstermächtigung der Frauen im Spiel, die mir zutiefst suspekt ist. Im Grunde liegt solchen Machinationen die Vorstellung zugrunde, Männer seien verzichtbar, oder ihr Einfluss sei auf das Notwendigste zu reduzieren, eben auf ihren Samen. Als Väter kommen sie jedenfalls nicht in Frage. Am Schönsten wäre es für diese Frauen gewiss, man könnte den Samen selbst auch noch künstlich erzeugen und mit einem im Voraus definierbaren Bündel an erwünschten Merkmalen ausstatten, was bisher noch nicht möglich ist.

Absolut grauenerregend ist auch die Praxis, ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Sie kommt zwar selten vor, treibt die Widerwärtigkeit aber auf die Spitze. Nicht nur, dass dafür meistens Frauen aus armen Ländern als Gebärmaschinen herhalten müssen. Diese wahrhaft vom Teufel ersonnene Art, an ein Kind zu gelangen, verkennt völlig, welche Bedeutung das Erleben eines Embryos im Mutterleib hat. Man weiß inzwischen viel mehr, wie sensibel diese kleinen, noch im Bauch geborgenen Geschöpfe auf alles reagieren, was der Mutter widerfährt. Man weiß, wie der innere Resonanzraum beschaffen ist, in welchem der Embryo heranwächst und was davon in sein sich entwickelndes Gehör dringt, was ihn erschreckt, was ihn beruhigt, was ihn erfreut. Peter Sloterdijk, der sich als einziger Philosoph solchen Phänomen ausgiebig widmet, hat darüber klug und anschaulich geschrieben.

Von Bedeutung ist dabei nicht nur, was die Mutter an Nahrung und Flüssigkeit zu sich nimmt, ob sie raucht oder nicht, von Bedeutung sind auch die Geräusche, ist die Musik, die in der Leibhöhle vernommen werden, und – wie könnte es anders sein – maßgeblich ist die mütterliche Stimme. Natürlich wird der Embryo auch davon beeinflusst, wie die Gefühle geartet sind, welche die Mutter ihm gegenüber hegt, ob sie das heranwachsende Kind behütet, ob sie sich darauf freut, es bald in die Arme zu nehmen oder eben nicht. Eine Leihmutter, die sich aus ökonomischen Verzweiflungsgründen zu so etwas hergibt, wird sich ganz gewiss nicht erlauben können, mütterliche Gefühle zu hegen, zumal sie ja weiß, dass ihr das Kind sofort nach der Geburt genommen werden wird.

Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor. Ich übertreibe, das ist klar, übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas. Das ist gewiss ungerecht, weil es den Kindern etwas anlastet, wofür sie rein gar nichts können. Aber meine Abscheu ist in solchen Fällen stärker als die Vernunft.

Die Hypothek, die auf Mutter und Kind bei solchen Manövern lastet, ist enorm. Besonders in den Fällen, in denen der Samenspender nicht der Mann ist, mit dem die Mutter zusammen das Kind aufzieht. Wer sich sein Wunschkind anhand gewisser Merkmale aussucht, hat präzise Vorstellungen, wie so ein Kind werden soll. Überspitzt gesagt, eine Mutter, die sich einen gut aussehenden Nobelpreisträger mit hohem IQ-Wert als Samenspender aussucht, geht zwanghaft davon aus, ihr Kind müsse ebenfalls zu einem gut aussehenden Nobelpreisträger heranwachsen. Ich weiß, ich weiß, man wird gleich einwenden, ich hätte keine Ahnung von der realen Praxis, in denen nur gewisse Merkmale der Samenspender aufgelistet seien, diese selbst jedoch anonym blieben. Aber in den Vereinigten Staaten wurden durchaus Fälle bekannt, in denen das oben beschriebene Katalogverfahren zum Austrag kam, welches dann natürlich auch – wie könnte es anders sein – in Filmen mit flackerndem Mordhintergrund genüsslich verarbeitet wurde.

Was mich hauptsächlich an all diesen Verfahren stört, sind allerdings nicht nur die Extreme, in denen eine ungebremste Vorausberechnungs- und Definitionsgier gegenüber dem eigenen Kind zum Ausdruck kommt, womit dubiose Firmen ihr Geschäft betreiben, es ist die Macht und zugleich die kaum zu tragende Bürde, die damit in die Hand der Frauen gegeben wird.

Hat das Schicksal seine Hand im Spiel, ob und in welcher Form ein Kind zur Welt kommt, sind die Eltern, ist die Mutter wenigstens ein klein wenig entlastet, wenn das Kind nicht gar so hübsch aussieht, wie gewünscht, wenn es nicht gar so intelligent seine Schulaufgaben löst, wie erhofft. Die Verantwortung, die Eltern heute in unserer modernen Gesellschaft tragen müssen, die fortlaufend bestrebt ist, keine höhere Macht mehr anzuerkennen als nur die Macht des Menschen, ist sowieso enorm. Bleibt nur ein Mensch für diese Verantwortung übrig, nämlich die Mutter, ist der krankmachende Schaden für ein Kind fast programmiert.

Nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, als sehr viele Männer starben, mussten viele Frauen ihre Kinder allein großziehen und die Restfamilie ernähren. Das war oftmals ein sehr hartes Leben mit hoher Eigenverantwortung der Frauen, aber dieses Leben war einer Notsituation von extremen Ausmaßen geschuldet, es entstand nicht als eine selbst gewählte Lebensform.

Hat das Schicksal, hat der Zufall, hat Gott oder haben die Götter es nunmal so gewollt, wie es gekommen ist, ist von den Schultern eines einzelnen Menschen etwas von seiner Last genommen. Wurde Höhererseits entschieden, dass ein Kind krank geboren wird, hat eine Frau das Pech, von einem Mann ein Kind zu bekommen, der sich der Verantwortung entzieht, so mag das eine schwere Bürde sein. Aber die Annahme, es geschehe durch höhere Gewalt und nicht vermittels eigener Entscheidung, ist ungleich bekömmlicher für das Leben, das wir alle führen müssen, in dem sich Glück und Unglück, Gelingen und Misslingen als undurchschaubare Wechselbälger zeigen. Heiteres Gewährenlassen und nicht über alles, wirklich alles bestimmen zu wollen, ist geradezu der Garant für ein in Maßen gelingendes Leben.

Das Glück ist eh ein flüchtiges Bürschle im Flatterhemd, welches schneller flieht, als dass man es festhalten könnte. An einem vorfrühlingsflackernden Sonntagmorgen ziemt es sich eigentlich, über etwas Schönes zu sprechen. Deshalb, meine sehr verehrten Damen und Herren, muss ich Sie um Verzeihung bitten, Sie mit eher düsteren Gedanken behelligt zu haben. Aber seien Sie versichert, ich denke für gewöhnlich keineswegs schwarz. Wir alle zusammen führen ein ungleich besseres Leben als es den Menschen im Herzen Europas je vergönnt war. Dank dem Frieden, der hier herrscht, und dank der vorzüglichen medizinischen Versorgung, die uns zur Verfügung steht, sollten wir uns glücklich schätzen und das Leben genießen.

 

Die Äußerungen von Frau Lewitscharoff geben ihre eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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