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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDritte Industrielle Revolution vonnöten14.09.2009

Dritte Industrielle Revolution vonnöten

Claus Leggewie, Harald Welzer: "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten", S. Fischer Verlag

Claus Leggewie und Harald Welzer sind der Meinung, dass der Klimawandel noch viel tiefgreifender ausfallen wird als bislang vermutet: Sie blicken nicht nur auf Phänomene wie Temperaturanstieg, Dürren und Überflutungen. Sie sehen die Menschheit vor die Schwelle zu neuen Gesellschafts- und Lebensformen gestellt.

Von Rainer Kühn

Ein Eisberg schmilzt in Kulusuk in Grönland. (AP)
Ein Eisberg schmilzt in Kulusuk in Grönland. (AP)

"Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kannten, und ich fühl´ mich gut." Diese Liedzeile der Rockgruppe R.E.M. bildet, als erster und letzter Satz, die Klammer, die die umfangreichen Überlegungen des gerade erschienenen Buches von Claus Leggewie und Harald Welzer zusammenhält. Das `Ende der Welt´ soll allerdings nicht bedeuten, dass uns der `Weltuntergang´ bevorsteht. Vielmehr gehen die beiden Sozial- und Kulturwissenschaftler davon aus, dass sich infolge des Klimawandels die vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse in einem weltgeschichtlich geradezu epochalen Ausmaß verändern werden.

Die Welt durchlebt nicht nur eine historische Wirtschaftskrise, ihr steht auch die dramatischste Erwärmung seit drei Millionen Jahren bevor. Es mag sich bombastisch oder alarmistisch anhören: Aber die Große Transformation, die ansteht, gleicht in ihrer Tiefe und Breite historischen Achsenzeiten wie den Übergängen in die Agrargesellschaft und in die Industriegesellschaft.

Leggewie und Welzer sind keine Klimaforscher `im herkömmlichen Sinne´. Dennoch argumentieren sie auf Höhe der derzeitigen Forschungsergebnisse zu Erderwärmung und Umweltökonomie; schließlich ist Leggewie Mitglied des neunköpfigen "Wissenschaftlichen Beirats globale Umweltveränderungen", der die Bundesregierung anhand des neuesten Datenmaterials in puncto Klimaschutz berät. Und insofern wird auch im ersten Teil für den weniger informierten Leser facettenreich, präzise und trotzdem sehr verständlich der Stand der Klimadebatte rekapituliert. Aber die Beschreibung von Fakten und Positionen dient lediglich als Basis für ihr eigentliche Anliegen: Leggewie und Welzer wollen vor allem darlegen, welche Auswirkungen der Klimawandel auf zukünftige Sozial- und Kulturverhältnisse haben könnte. Denn, so ihre Überzeugung, unser jetziger `komfortabler Lebensstil´ beruhe zu 80 Prozent auf der Verbrennung fossiler Energieträger; und das ließe sich in keiner Hinsicht länger aufrecht erhalten. Zwangsläufig müsse sich ein anderer Lebensstil entwickeln, mit radikal veränderten sozialen, politischen und kulturellen Strukturen.

Eine dritte Industrielle Revolution, die noch zeitig genug käme, um die schlimmsten Klimaerwärmungsfolgen abzuwenden, kann nur eine Bündelung verschiedenster Maßnahmen sein, die gleichzeitig getroffen werden – erst dann sind die Einspareffekte zu erzielen, die notwendig sind. Vor allem aber könnte erst dann ein sich selbst verstärkender Umbauprozess der Gesellschaft ausgelöst und die Erfahrung gemacht werden, dass Veränderung möglich ist und keineswegs Verzicht bedeutet, sondern die Lebensqualität erhöht.

Der angesprochene Umbauprozess der Gesellschaft, der den beiden Autoren vorschwebt, um die Klimawende allen negativen Anzeichen zum Trotz doch noch zu schaffen, soll letztlich von einer politisch hoch motivierten, aktiven Zivilgesellschaft getragen werden. Daher ist für Leggewie und Welzer mit Blick auf die Krisenbewältigung eine verstärkte demokratische Teilhabe kein Luxus, sondern eine notwendige Bedingung. Unabdingbar sei es, die Zukunft unter Beteiligung und Engagement der Bürgerinnen und Bürger zu gestalten, nicht zuletzt, um von vornherein der Passivität fördernden Illusion gegenzusteuern, der Staat werde es schon richten.

Die anfangs durchaus thematisierte Frage, ob denn autoritäre Regime nicht Effizienzvorteile gegenüber demokratisch verfassten Gemeinwesen haben könnten, stellt sich unter derartigen Vorzeichen nicht mehr: Eine nachhaltig erfolgreiche Klimapolitik kann nur auf einem weitreichenden demokratischen Fundament gelingen. Dabei argumentieren die Autoren keineswegs so ideologisch blauäugig, wie man es von vielen Vertretern der Demokratietheorie gewohnt ist. Vielmehr werden akribisch und sachlich nüchtern die Probleme aufgelistet, die den `Chancen einer Demokratisierung der Demokratie´ entgegenstehen. Aber letztlich sehen sie auch genug positive Anzeichen dafür, dass sich die erforderliche `Kulturrevolution´ demokratisch vollziehen kann. Erster Ansatzpunkt dafür sei der von den Vereinten Nationen definierte `Nachhaltige Konsum´, bei dem jeder Bürger seinen Geldschein als Wahlschein ansehen sollte, also als Ausdruck seiner Präferenz für ökologisch sinnvolle Produkte. Und Antreiber dieser Konsumrevolution wären die LOHAS, die Vertreter des Lifestyle-of-Health-and-Sustainability, also die Lebensstilgruppe, die sich an Gesundheit und Nachhaltigkeit orientiert. Den erstaunten Protest der Leser nehmen Leggewie und Welzer präventiv vorweg:

Latte-Macchiato-Schlürfer als Avantgarde des Protests? Nachdem das bisher schon mit dem Proletariat, den Hippies, den Tschernobyl-Müttern und allen Beschreitern Dritter Wege nicht geklappt hat, kann das revolutionäre Subjekt doch nun nicht ausgerechnet die Konsumentin sein, die gerade die letzte Hoffnung kapitalistischer Ankurbelungsprogramme darstellt.

Die LOHAS eignen sich denkbar schlecht als soziale Vorreiter, da sie als zu elitär, arrogant und abgehoben wahrgenommen werden. Als Beispiel für nachhaltigen Konsum passen sie allerdings ins Konzept. Denn die weiteren Überlegungen von Leggewie und Welzer machen besonders Sinn, wenn sie unter der Perspektive gelesen werden, die Oskar Negt vor Jahrzehnten als `Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen´ beschrieben hat: Dann gilt es nämlich, in breiten Kreisen die Phantasie anzuregen, um den eingefahrenen Status-quo hinaus zu denken. Und es muss an einzelnen kleinen Beispielen - eben: exemplarisch – gelernt werden, dass man durchaus etwas verändern kann. Ohne diesen theoretischen Ansatz zu erwähnen, folgen Leggewie und Welzer weitgehend dieser Sichtweise und skizzieren damit endlich einmal eine demokratische Perspektive, die nicht sogleich dem Fatalismus verfällt, dass man ja doch nichts tun könne. Das Buch ist insofern, und auch mit seinen vielen vorsichtigen Abwägungen, interessant und anregend. Und es ist auch für die lesenswert, die nicht den demokratischen Optimismus der Autoren teilen. Auch Harald Welzer hat ja in seiner letzten Publikation: "Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird." eine andere, nichtdemokratische Option in Betracht gezogen. Gleichwohl ist der Band ein hervorragender Ausgangspunkt, um sich illusionslos damit auseinanderzusetzen, dass es das Ende der Welt ist, wie wir sie kannten. So oder so!

Claus Leggewie und Haral Welzer: "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie". Erschienen ist das Buch bei S. Fischer, es hat 278 Seiten und kostet 19 Euro 95. Unser Rezensent war Rainer Kühn.

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