Freitag, 24.11.2017
StartseiteInterview"Das ist keine Frage der Eigendefinition"08.11.2017

Drittes Geschlecht "Das ist keine Frage der Eigendefinition"

In Geburtenregistern soll es künftig ein drittes Geschlecht geben - so der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts. Die Publizistin Birgit Kelle hält die Entscheidung für fair. Allerdings bedauere sie, dass "die Frage des Geschlechtes neuerdings von manchen auf das Niveau der persönlichen Befindlichkeit reduziert wird".

Birgit Kelle im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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Die Publizistin Birgit Kelle (imago stock&people)
"Ich glaube, dass wir, wie man so schön sagt, die Kirche auch mal im Dorf lassen sollten", sagte die Publizistin Birgit Kelle (imago stock&people)
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Tobias Armbrüster: Zunächst aber zu einer Nachricht, die für einige Überraschung gesorgt haben dürfte heute Morgen, Überraschung auch in deutschen Standesämtern. Die müssen nämlich ihre Geburtenregister neu planen. Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Da muss es künftig eine weitere Geschlechtsbeschreibung geben, neben männlich und weiblich auch eine Option für intersexuelle Menschen, also für all jene, die sich weder als Mann, noch als Frau beschreiben lassen. In Deutschland trifft das auf etwa 80.000 Menschen zu.

Das ist eine Entscheidung, die sicher viele Debatten nach sich ziehen wird, vor allem aus kirchlichen und konservativen Kreisen. Wir können darüber jetzt sprechen mit der Publizistin und Buchautorin Birgit Kelle. Sie hat sich immer wieder aus konservativer Sicht mit Geschlechterfragen beschäftigt. Schönen guten Tag, Frau Kelle!

Birgit Kelle: Ja, guten Tag!

Armbrüster: Frau Kelle, ein drittes Geschlecht im Geburtenregister, was halten Sie von dieser Entscheidung?

Kelle: Ich finde sie fair für tatsächlich intersexuelle Menschen, und ich denke, wir müssen diese Debatte sehr, sehr differenziert führen, damit sie nicht ausufert, weil das wäre meine Gefahr nach dieser Entscheidung. Ich finde es grundsätzlich richtig, dass man sagt, Menschen, die biologisch (und ich betone: biologisch) nicht eindeutig als Mann und Frau identifiziert werden können – und diese Menschen existieren ja tatsächlich -, dass die eine Möglichkeit haben müssen, dass man das nicht schon bei der Geburt festlegen muss oder auf eine Seite sich schlagen muss, wenn es biologisch gar nicht möglich ist.

Das sollte allerdings im weiteren Verlauf nicht zu verwechseln sein mit all denjenigen, die neuerdings durchs Land rennen und glauben, ihr Geschlecht unabhängig von ihrer Biologie selber definieren zu können, und das ist genau das Thema, das, fürchte ich, als Debatte auf uns zukommen wird.

"Schlicht und ergreifend eine Frage der Gene"

Armbrüster: Woher nehmen Sie diese Befürchtung?

Kelle: Weil die Debatte über die Frage, wie viele Geschlechter es gibt und was überhaupt alles ein Geschlecht ist, wie sich das definiert und wer das definiert, ob das natürlich definiert wird, biologisch, oder ob das quasi eine Frage der Eigendefinition sein sollte, diese Debatte, die führen wir nun in diesem Land schon seit vielen Jahren. Und das absolut Bezeichnende an dieser Debatte ist, dass die Frage des Geschlechtes neuerdings von manchen auf das Niveau der persönlichen Befindlichkeit reduziert wird, und das öffnet natürlich auch Tor und Tür für Missbrauch solcher Definitionen.

Armbrüster: Frau Kelle, jetzt steht ja die Forschung in diesem Bereich noch ziemlich am Anfang. Da forschen die Mediziner erst seit wenigen Jahrzehnten dran und es gibt immer wieder neue Erkenntnisse. Was ist denn dagegen zu sagen, wenn eine Person jetzt sagt, ich sehe mich ganz klar weder als Mann, noch als Frau, aber ein Arzt kann das möglicherweise nicht feststellen, aber die eigene Person, die Persönlichkeit sagt es demjenigen? Ist dann wirklich etwas dagegen zu sagen, das ist kein Fall für ein drittes Geschlecht?

Kelle: Das ist dann zum Beispiel nicht Intersexualität. Das, was Sie gerade beschrieben haben, ist, glaube ich, Transsexualität, und da haben wir dann schon genau diese Unterscheidung, auf der ich doch beharre, auch was dieses Gesetz angeht, dass ich sage, die Frage, wie sich jemand fühlt, unabhängig von seinem biologischen Geschlecht, das als Fakt biologisch festgelegt werden kann, ist eine andere Diskussion als dieses Urteil jetzt hier zu intersexuellen Menschen.

Armbrüster: Aber was ist denn, wenn die Mediziner dann in einigen Jahren dazu kommen, dass diese Person tatsächlich auch medizinisch als intersexuell zu bezeichnen ist?

Kelle: Wenn Sie laut Chromosomen weiblich oder männlich sind, dann wird die Biologie Ihnen in ein paar Jahren auch nichts anderes sagen, weil das schlicht und ergreifend eine Frage der Gene dann ist. Wenn Sie als Kind eindeutig biologisch mit Chromosomen und Genen als Mann identifiziert worden sind, dann wird sich das nicht im Laufe Ihres Lebens ändern, ganz egal was Sie sich dazu denken. Da ist genau dieser Punkt, wo ich sage, wir können uns, auch wenn manche das gerne möchten, nicht über unsere persönliche Biologie schlicht und ergreifend hinwegsetzen. Das ist keine Frage der Eigendefinition. Das ist nicht Pippi Langstrumpf, ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt, sondern auch wenn es mir nicht gefällt, bin ich eine Frau und Sie ein Mann.

"Wir brauchen nicht einen gesamten Sprachraum verändern"

!!Armbrüster:! Das heißt, Sie würden sagen, das kann man auf jeden Fall von außen beschreiben? Dazu ist der Urteilsspruch des Einzelnen nicht nötig?

Kelle: Nein, nicht nach außen. Bei den Intersexuellen ist das im Übrigen auch nicht nur zwingend nach außen, sondern dort ist es tatsächlich so, wenn Sie mit einem Evolutionsbiologen einfach mal sprechen über das Thema, jeder Biologe kann Ihnen das bestätigen, normalerweise bei, sagen wir mal, fast 99 Prozent der Weltbevölkerung können Sie das sehr eindeutig an den Chromosomen festlegen, ob ein Mensch weiblich oder männlich ist. Die Welt ist nun mal bipolar. Sie haben allerdings diese biologischen Anomalien und dann kommt Intersexualität zustande. Die Ursache wissen wir noch nicht genau, und genau um diesem Punkt geht es heute in dieser Entscheidung, aber auch nicht um mehr. Über diesen Punkt können wir nicht hinwegdiskutieren oder können so tun, als sei unsere persönliche Befindlichkeit plötzlich etwas Neues. Und wenn wir darüber reden, ist das nicht mehr Intersexualität, sondern dann reden wir über den Themenkomplex Transsexualität, und da gibt es wissenschaftlich auch völlig unterschiedliche Positionen dazu, wie Transsexualität medizinisch zu beurteilen ist.

Armbrüster: Frau Kelle, dann habe ich noch eine Frage. Wenn es diesen künftigen Eintrag im Geburtenregister für das dritte Geschlecht nun gibt, müsste der Gesetzgeber dann nicht auch konsequent sein und sagen, es soll beispielsweise auch eigene Toiletten geben, oder zum Beispiel in offiziellen Anschreiben auch eine eigene Anrede für Intersexuelle?

Kelle: Ich glaube, dass wir, wie man so schön sagt, die Kirche auch mal im Dorf lassen sollten. Ich glaube nicht, dass es eine Zumutung ist, dass öffentliche Toiletten benutzt werden müssen. Jeder von uns hat übrigens eine Unisex-Toilette zuhause. Ich halte diese ganze Debatte für völlig überzogen. Da kann man natürlich den Standpunkt einnehmen zu sagen, es gibt doch diese Leute und die müssen auch irgendwo auf die Toilette, oder da braucht es eine eigene Ansprache. Ich denke, das sollten Dinge sein, die wir auf uns zukommen lassen und auch mal schauen, was tatsächlich die Mehrheit dieser Betroffenen sagt. Und da kann ich Ihnen sagen: Wenn Sie mit Intersexuellen den Austausch suchen, da gibt es ja viele, die sich sowieso im Laufe ihres Lebens auf entweder die weibliche, oder auf die männliche Seite schlagen, die das teilweise auch mit Hormonbehandlung und so weiter oder operativ sogar versuchen, eindeutig festzulegen. Das heißt: Jemand, der intersexuell geboren wird, dieser geringe Prozentsatz von Menschen, bleibt nicht zwingend das ganze Leben auf diesem Standpunkt und ordnet sich teilweise selber dem männlichen oder dem weiblichen Lager zu. Und ich denke, bei dem Rest kommen wir mit Toleranz dann und respektvollem Miteinander weiter und wir brauchen nicht einen gesamten Sprachraum verändern und wir brauchen keine Toilettenanlagen umzubauen. Ich glaube, dass wir das alles mit einem menschlichen Miteinander auch so ganz gut hinbekommen.

Armbrüster: Die Debatte wird sicher weitergehen. – Wir sprachen mit der konservativen Publizistin Birgit Kelle live hier im Deutschlandfunk. Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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