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Drittmittelalarm

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft kritisiert ihre eigene Förderpraxis

Von Philip Banse

Zwei von drei Professoren haben sich schon einmal um öffentliche Drittmittel beworben.
Zwei von drei Professoren haben sich schon einmal um öffentliche Drittmittel beworben. (AP)

Die staatliche Drittmittelquote der Hochschulen ist in den letzten zehn Jahren von 16 auf 26 Prozent gestiegen, so der Förderatlas der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Der Zuwachs stößt bei Wissenschaftlern auf Kritik: Von Wettbewerbsdruck und Drittmittelzwang ist die Rede. Sie fordern eine bessere Ausstattung durch die Länder.

Öffentliche Fördergelder sind von einem Zubrot für Hochschulen zu einer tragenden Säule ihrer Finanzierung geworden. Das ist das wohl wichtigste Ergebnis des Förderatlas der Deutschen Forschungsgemeinschaft, DFG. Der Förderatlas analysiert, wie deutsche Hochschulen zwischen 2008 und 2010 durch staatliche Drittmittel – vor allem von der DFG, dem Forschungsministerium und der EU - gefördert wurden. Dabei kam heraus: Die Drittmittelquote ist in den letzten zehn Jahren drastisch angestiegen: von 16 auf 26 Prozent. Über ein Viertel des Gesamtbudgets der deutschen Hochschulen stammt also aus staatlichen Drittmitteln.

Das liegt daran, dass die steuerfinanzierten Grundmittel der Hochschulen im vergangenen Jahrzehnt nur um 20 Prozent gestiegen sind, die ausgezahlten Drittmittel dagegen haben sich in dieser Zeit verdoppelt - auf heute 5,3 Milliarden Euro. Weitere Zahlen illustrieren die Bedeutung staatlicher Drittmittel: Zwei von drei Professoren haben sich schon mal um öffentliche Drittmittel beworben - bei Biologie, Chemie und Physik sind es sogar 90 Prozent. Auch die Anzahl der Hochschulen, die sich um staatliche Drittelmittel bewirbt, hat sich in den letzen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Mehr Geld, mehr Hochschulen, mehr Forscher - dieses enorme Wachstum der Drittmittel deutet der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, so:

"Der Wettbewerb ist eben nicht mehr nur auf einen kleinen Teil des Wissenschaftssystems beschränkt. Er ist kein Privileg einiger weniger Berufener und er ist auch keine Ausnahme. Der Wettbewerb um Drittmittel ist vielmehr für weite Teile im Wissenschaftssystem zum ganz selbstverständlichen Alltag geworden – man kann auch sagen: zur puren Notwendigkeit."

Und genau das beklagen viele Wissenschaftler: Von Wettbewerbsdruck und Drittmittelzwang ist die Rede. Der DFG-Präsident selbst beobachtete einst eine "unproduktive Rastlosigkeit" vieler Wissenschaftler auf der Jagd nach Drittmitteln. Jetzt bekannt sich der DFG-Präsident zum wissenschaftlichen Wettbewerb, sagte aber man müsse "das Unbehagen in der Wissenschaft gegen einen ausufernden Wettbewerb" um Drittmittel "Ernst nehmen" und der Politik auch klar machen.

"Dies heißt vor allem eins, nämlich, dass die Grundausstattung der Hochschulen, die so deutlich hinter den Erfordernissen zurück bleibt, dringend erhöht werden muss, um diese Balance zwischen Grundausstattung und Drittmittelförderung wieder in ein besseres Lot zu bringen."

Ins gleiche Horn blies Dieter Lenzen, Präsident der Uni Hamburg und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz:

"Es ist eine Verpflichtung der Länder, die Grundausstattung für die Forschung so zu gestalten, dass es auch möglich ist, etwas in Gang zu bringen, ohne dass man in einen Wettbewerb treten muss."

Diesen Wettbewerb dominieren seit 20 Jahren – mit kleinen Verschiebungen - die gleichen Hochschulen. Am meisten staatlichen Fördermittel warb die RWTH Aachen ein, gefolgt von der LMU in München und der FU in Berlin. Es folgen die TU München sowie die Unis in Heidelberg und Freiburg. Signifikant aufgestiegen im Förder-Ranking ist eigentlich nur Dresden. Angesichts dieser Dominanz der großen Hochschulen fordere die Hochschulrektoren-Konferenz mehr Chancengleichheit:

"Einen großen Schwerpunkt zu bilden, ist in einer Universität mit 80 Professoren völlig ausgeschlossen – geschweige denn, mehrere zu bilden. So was wie das Desy in Hamburg, das wird nicht passieren. Deswegen ist auch hier die Grundausstattung von besonderer Bedeutung, damit auch hier qualitätvolle Forschung möglich ist."

Die Hoffnungen der Wissenschafts-Lobbyisten liegen auf dem Gesetzentwurf des Forschungsministeriums. Anette Schavan schlägt vor, das Kooperationsverbot von Bund und Ländern etwas zu lockern, damit mehr Gelder des Bundes in die Wissenschaft fließen können Der Gesetzentwurf sieht vor, dass der Bund wissenschaftliche Einrichtungen auch langfristig fördern darf.

"Die Richtung ist richtig dann, wenn damit nicht beabsichtigt ist, lediglich einen weiteren Weg zur Förderung von außeruniversitären Einrichtungen zu favorisieren. Die vorgesehen Grundgesetzänderung gibt durchaus die Möglichkeit, das zu tun, was erforderlich ist, nämlich Institutionen-Förderung zu machen."

Doch auch wenn wissenschaftliche Einrichtungen an staatlichen Hochschulen mehr Geld vom Bund bekommen sollten – die Macht der Drittmittel dürfte erstmal weiter zunehmen.

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