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Drittmittelforschung kannibalisiert Hochschulausstattung

Deutscher Historikertag mit dem Thema "Ressourcenkonflikte"

Von Ludger Fittkau

Die Grundausstattung, so der Historikerverband, leidet unter der Jagd nach Drittmitteln.
Die Grundausstattung, so der Historikerverband, leidet unter der Jagd nach Drittmitteln. (AP)

"Ressourcenkonflikte" ist das Thema des 49. Deutschen Historikertages in Mainz: Dabei geht es nicht nur um die weltweiten Ressourcen wie Rohstoffe, geistiges Eigentum oder Wasser, sondern auch die Ressourcenkonflikte im Wissenschaftssystem selbst.

Ein Historikertag, der sich mit "Ressourcenkonflikten" beschäftigt, kann den Kampf um Geld an den Hochschulen nicht außer Acht lassen. Angesichts der wachsenden Zahl der Studierenden fehlen auch den Lehrenden in seinem Fach die Mittel an allen Ecken und Enden, so Werner Plumpe, der Vorsitzende des Historikerverbandes:

"Das wird politisch keineswegs bestritten, nur ist man dort der Auffassung, dass eine Vermehrung der Geldzuweisung im Gegensatz zu früher an abrechenbare ökonomische Erfolge geknüpft werden sollte. Sei es in Form von Exzellenzinitiativen, Zielvereinbarungen, Forschungsratings, Drittmittelquoten, Impactfaktoren, Zitierhäufigkeiten etc. Der Fantasie im Erfinden vermeintlich guter Effizienzmarkern ist keine Grenze gesetzt, zumal sich ja auch die Privatwirtschaft mit ihrer grenzenlosen Fantasie daran beteiligen darf."

Dabei werde die Arbeitskraft der Wissenschaftler immer mehr für das Antragsschreiben gebraucht. Wenn am Ende dann ein Antrag bewilligt ist, wüssten diejenigen, die aus dem Hamsterrad der Antragsproduktion kämen, manchmal gar nicht mehr, was sie jetzt mit dem Geld anfangen sollen, formuliert Werner Plumpe ironisch:

"Die neue Form der Finanzierung der Universitäten sieht insofern zwar wie Zuwachs aus und ist doch oft nur die Kannibalisierung der vorhandenen Forschungs- und Lehrressourcen. Das ist zugespitzt formuliert, doch werden sie mir das nachsehen, der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands ist an guter akademischer Lehre und Forschung interessiert."

Der Vorwurf der "Kannibalisierung der Grundfinanzierung" der Hochschulen durch Drittmittel kann den größten Drittmittelgeber hierzulande nicht unberührt lassen – die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Bonn. Manfred Nießen, Gruppenleiter für Geistes– und Sozialwissenschaften bei der DFG:

"In meiner Rolle darf ich leider so starke Worte nicht wählen, insofern will ich zu der Begrifflichkeit nicht Stellung nehmen. Nur das damit angesprochene zugrunde liegende Problem ist in der Tat sehr sichtbar. Und auch im Vordergrund und auch der öffentlichen Äußerungen der DFG. Der Präsident der DFG hat Anfang des Jahres bei prominentester Gelegenheit darauf verwiesen, wie wichtig es ist, die Grundfinanzzierung in den Blick zu nehmen. Wichtiger als eine weitere Steigerung der Drittmittelfinanzierung."

Auch in den Geisteswissenschaften steige die Zahl und der finanzielle Umfang der Drittmittelanträge drastisch, so Nießen. Es werde ein enormer Antragsaufwand betrieben, der aufgrund der starken Konkurrenz dann doch oft nicht zum Erfolg führe. Manfred Nießen sieht die Verantwortung für diesen fatalen Mechanismus vor allem bei den Universitätsleitungen:

"Ich will das schon so provozierend formulieren. Man darf auch die Universitätsleitungen nicht aus der Verantwortung entlassen. Die Professoren reagieren auch darauf, dass ihr Gehalt in Teilen davon abhängig ist, dass sie Drittmittel einwerben. Dass Unterstützung durch die Universität davon anhängig ist, dass sie Drittmittel einwerben. Das heißt, es gibt eine gezielte Steuerung durch die Universitäten, die Zahl der Anträge und den finanziellen Umfang der Anträge zu steigern. Relativ unabhängig davon, ob das jetzt aus der Forschungssituation der einzelnen Person heraus notwendig und angemessen ist."

Doch die Universitätsleitungen reagieren ihrerseits wiederum häufig auf die Politiker, die Erfolge des von ihnen finanzierten Wissenschaftssystems gerne mit Zahlen verkaufen - ein Teufelskreis der Ressourcenknappheit im deutschen Hochschulsystem. Kann man dem vielleicht entkommen, in dem man ins Ausland geht? Auch diese Frage wurde auf dem Historikertag diskutiert.

Andreas Fickers gehört zu der 70.000 Menschen zählenden deutschsprachigen Minderheit in Ostbelgien und arbeitet als Professor für Mediengeschichte an der niederländischen Universität Maastricht. In den Niederlanden haben deutsche Historiker durchaus gute Laufbahnchancen, beobachtet er. Etwa Spezialisten für deutsche oder französische Geschichte:

"Ein Problem, das ich besonders für deutsche Historiker sehe, ist, das vom Publikationsprofil verlangt wird, dass man auf Englisch publiziert hat, dass man in hochrangigen internationalen Zeitschriften publiziert hat. Und da sieht es in Deutschland doch so aus, dass Deutsch als Publikationssprache doch noch Vorrang hat. Und das kann ein gewisses Hindernis sein für deutsche Nachwuchswissenschaftler, die im Ausland eine Stelle suchen."

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