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Druck von ganz oben

Felicitas Römer: "Arme Superkinder. Wie unsere Kinder der Wirtschaft geopfert werden".

Felicitas Römers kritische Analyse der Unterwerfung von Bildung unter das Diktat der Ökonomie ist nicht neu. Aber sie ist deutlich lesbarer als manche akademisch-politische Abhandlung, weil sie an den Alltagserfahrungen von Eltern anknüpft.

Von Karl-Heinz Heinemann

Kinder malen auf einer Straße in Frankfurt am Main mit Kreide Figuren. (AP)
Kinder malen auf einer Straße in Frankfurt am Main mit Kreide Figuren. (AP)

Sie sind hochbegabt oder hyperaktiv, sie haben keine richtige Kindheit mehr, weil sie mit vollem Terminkalender vom Tennis zum Chinesischkurs gefahren werden. Auch die klassischen Kinderkrankheiten wie Masern oder Mumps hat man ihnen weggeimpft, statt dessen leiden sie unter Allergien und Stress.

Unsere Superkinder habe es schwer, stellt Felicitas Römer fest: Auf ihnen lasten große Erwartungen der Eltern. Schon im Sandkasten und in der Kita wird gemessen und verglichen, und wenn der Nachwuchs sich nicht entsprechend den Normen entwickelt, sind Eltern und Erzieher erleichtert, wenn dafür ein klinischer Befund gefunden werden kann.

Ein Viertel aller Vorschulkinder landet in Ergo-, Logo-, Lern- oder Sprachtherapien, referiert die Autorin einschlägige Befunde. Besonders beliebt ist die Diagnose ADHS, die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung, und ihre Behandlung mit der Wunderdroge Ritalin. Während 1993 noch 34 Kilogramm ihres Wirkstoffs für ganz Deutschland reichten, waren es 2006 weit mehr als eine Tonne, eine Steigerung um 3500 Prozent, schrieb der Spiegel 2007.

Die Hamburger Journalistin Felicitas Römer hat in ihrem Buch über die Superkinder ihre Erfahrungen mit Eltern verarbeitet, die sie in ihrer Arbeit im Kinderschutzbund gesammelt hat:

"Ich hab ja in meinen Recherchen angefangen bei den Eltern. Das war hier der Anlass, dieses Buch zu schreiben. Sind es nur die Eltern, die Druck auf das Kind ausüben? Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es eben so nicht ist. Es ist eben schon so, dass durch diese Entwicklung, dass es immer weniger Kinder gibt, die gesellschaftliche Veränderung einfach vorangetrieben wird, und dass dadurch Politik und Wirtschaft sich auch bemüßigt fühlen, natürlich den Druck weiter zu reichen und zu sagen, die Kinder, die wir jetzt aber haben, wie müssen auch gut sein, weil sie später unser Wirtschaftssystem tragen müssen und gute Arbeitskräfte sein müssen."

Felicitas Römer geht davon aus, dass Eltern das Beste für ihr Kind wollen, dass sie aber zunehmend verunsichert sind. Sie überlassen ihren Kindern immer mehr Entscheidungen: So bestimmen schon die Kleinsten, welche Markenklamotten eingekauft werden, welcher Fernseher angeschafft wird und alleinerziehende Mütter "erbitten den kindlichen Segen, sollte sich ein neues männliches Wesen an ihrer Seite blicken lassen."

Eltern scheinen auf die Anerkennung und Liebe ihres Kindes angewiesen zu sein – für die Kinder ist es eine zusätzliche Last, oft eine Überforderung, konstatiert Felicitas Römer und belässt es nicht dabei, die ehrgeizigen und liebebedürftigen Eltern für die Belastung der Kinder verantwortlich zu machen:

"Sondern das ist das, was ich versuche, in meinem Buch zu beschreiben, dass der Druck hier von sehr viel weiter oben kommt, nämlich durch Politik geschürt wird und durch Ängste, die geschürt werden in Bezug auf demografische Entwicklung, Mangel an Fachkräften und so weiter. Also, es sind nicht nur ehrgeizige Eltern, wieder irgendwie unter Druck stehen, sondern die Sorge um das Kind ist sehr groß geworden. Und die kommt ja nicht von ungefähr."

Mit pränataler Beschallung, Baby-Einstein-DVDs, mit den Kursen für Fast-Track-Kids, werden Kinder möglichst früh ins Rennen um die besten Startplätze ins Leben geschickt. Doch es geht um mehr, stellt Felicitas Römer fest: Damit Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht ins Hintertreffen gerät, so zitiert sie ein Gutachten des Instituts der Deutschen Wirtschaft, müssen die noch nicht erschlossenen Bildungspotenziale ausgeschöpft werden.

Im Kindergarten dann reicht es nicht mehr, dass die Erzieherinnen sich mit den Eltern über die Entwicklung ihres Kindes austauschen, es wird getestet und vermessen – auch das erhöht wieder den Druck auf die Eltern. Nach der Definition der Vereinten Nationen soll Bildung

" … die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und die Stärkung der Menschenrechte und Grundfreiheiten zum Ziel haben."

Stattdessen gehe es – so Römer - nur noch um die Produktion von Humankapital – das sei das Ziel von PISA, von Frühförderkursen und Kindergartencurricula. Ihre Kritik richtet sich gegen diesen auf Verwertbarkeit verkürzten Bildungsbegriff, aber nicht dagegen, dass auch Kinder etwas leisten wollen und können, stellt die Autorin klar:

"Ich bin überhaupt nicht gegen Leistung im Gegenteil Ich bin aber der Ansicht, dass Kinder in erster Linie lernen wollen. Sie sind unheimlich neugierig und haben einen unheimlichen Forscherdrang. Meine Befürchtung ist eher, dass dadurch, dass häufig getestet wird und abgefragt wird diese Neugier im Keim erstickt wird. Da wir aber lebenslang lernen sollen in der nächsten Zeit, ist es natürlich schade, wenn Kinder schon so früh die Lust am Lernen verlieren."

Felicitas Römer spannt in ihrem Buch einen weiten Bogen von den individuellen Erziehungsproblemen der verunsicherten Eltern über die Ökonomisierung der Bildung bis hin zur zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung, unter der auch Kinder und Jugendliche leiden. Ihr Buch ist kein Erziehungsratgeber, sondern eher eine politisch-pädagogische Analyse, und dennoch hat sie konkrete Schlussfolgerungen für die Leser anzubieten:

"Erstmal würde ich so ein bisschen darum kämpfen wollen, dass dieser Druck, der produziert wird, dass man den einfach mal ein bisschen relativiert. Wir haben eine tolle Jugend, wir haben tolle Kinder, wir haben tolle Eltern und gute Erziehungsarbeit wird geleistet, da muss man den Druck nicht unnötig erhöhen."

Felicitas Römers kritische Analyse der Unterwerfung von Bildung unter das Diktat der Ökonomie ist nicht neu. Aber sie ist deutlich lesbarer als manche akademisch-politische Abhandlung, weil sie an den Alltagserfahrungen von Eltern anknüpft. Nicht nur Eltern, sondern alle, die ihre Zweifel daran haben, ob das Leben der Kinder schon von Geburt an dem permanenten Wettbewerbszwang unterworfen werden muss, finden in diesem Buch eine Fülle von Material und Argumenten.

Felicitas Römer: "Arme Superkinder. Wie unsere Kinder der Wirtschaft geopfert werden".
Beltz Verlag, 230 Seiten, 17,95 Euro, ISBN: 978-3-407-85921-1.

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